Diese FanFic habe ich anlässlich von the Return of the King geschrieben. Im Film kam Denethor entschieden zu kurz – es wird nicht dargestellt, warum er verrückt wird. Und wenn ich Sprüche wie „Faramir soll lieber den umbringen als irgendwelche Orks“ macht mich das wütend. Auch inspiriert hat mich die Geschichte Herrin des Schweigens (Lady of Silences) von Altariel (www.cuthalionsbogen.de).
Ich hoffe ich kann mein Ziel erreichen – zeigen, dass Denethor seine Gründe hat.

Das Horn von Gondor

In der Halle ist es still. Still, kalt, weiss – das seltsame Lichtgemisch von düster dunkel und blendend hell. Niemand ist darin. Alle hat er fortgejagt. Er will allein sein, allein mit dem Horn. Es liegt in der Mitte der Halle, wo er es hat fallen lassen. Zerbrochen ist es, die Goldlegierungen gesprengt. Nur das Lederband ist noch so schrecklich intakt, als wäre ihm nie etwas passiert. Er starrt es an, das Lederband macht ihn verrückt. Nie mehr wird es erklingen, der Gedanke schiesst ihm durch den Kopf, immer wieder. Nie wieder wird es erklingen, nicht so lange ich lebe, nicht so lange diese Welt dauert, nie wieder. Aber tragen kann man es noch! Welch bitterer Sarkasmus! Dieses Lederband treibt ihn in den Wahnsinn, er ringt mit Gedanken, ein stummer, innerlicher Kampf. Äusserlich ist nur durch ein leichtes Zucken seines rechten Mundwinkels etwas zu sehen. Er starrt – und sieht nur das Lederband.

Finduilas. Er sieht sie vor sich, seine Frau, seine Liebe. Dann ist sie weg. Nur noch Bruchstücke von ihr kann er sich vorstellen – ihr trauriges Lächeln, ihre gerade Nase, eine Haarsträhne, die sie sich aus dem Gesicht streicht. Wie sie ihrem jüngeren Sohn über die Haare streicht. Wie sie unter seinem Griff erzittert – wie sie daliegt, ohne jedes Leben. Seine Bestürzung. Er weiss, dass sie ihn nicht ertrug – oja, er weiss es, und er würde sich umbringen dafür. Er hat sie mehr geliebt als alles andere – aber er kann es nicht zeigen. Konnte es noch nie. Sie litt wegen ihm. Sie hat ihn gehasst, je länger je mehr, und er hat sich gehasst dafür. Dass er ihr kein Wort der Zuneigung sagen konnte. Er ging kaputt – immer mehr.
Er versucht krampfhaft, sie sich vorzustellen, doch es geht nicht. Nur einzelne Partien ihre Körpers, dann nichts mehr. Er gräbt sich die Fingernägel in die Handfläche und zittert.
Das Lederband liegt so verdammt unbescholten da. Als wäre Finduilas nicht gewesen, als wäre Boromir nicht gewesen.

Boromir. Er hat ihn in den Tod geschickt. Sein Alles nach Finduilas. Gross und stark und willenskräftig, bereit zu sterben. Er ist in Würde gestorben, denkt er. Kann er nur. Sein Sohn – sein Abbild. Warum, denkt er. Warum ist er jetzt allein. Allein und ohnmächtig, kein Horn mehr. Der Schatten wird grösser. Minas Tirith wird fallen. Boromir, schreit er plötzlich. Boromir! Warum ist er weg! Er hätte ihn retten können. Faramir. Faramir ist Finduilas. Faramir erinnert ihn so schrecklich an sie. Er hasst ihn dafür. Und er hasst sich für seinen Hass. Faramir ist noch da. Der, der ihm am meisten Schmerz bereitet. Faramir – ist das Lederband.

Das Lederband. Ist es Hoffnung? Ist es nur Spott? Er sieht die Bilder der Kugel. Minas Tirith brennt, der weisse Baum brennt. Alles brennt – Mittelerde ist ein riesiger Kochherd, die Wälder das Feuerholz, die Städte Kochtöpfe, und ihre Bewohner der Inhalt. Futter für die schrecklichen Kreaturen das Bösen! Er schmeckt bitter und versalzen, denkt er sich.
Das Lederband ist Spott.

Er geht hin und zerreisst das Lederband. Er schreit vor Anstrengung, doch dann ist es durchtrennt. Kein Spott mehr!

Er schickt Faramir fort. In die Schlacht. Aussichtslos ist sie, er weiss es. Er ist verzweifelt. Er will es sich nicht ansehen lassen. Seine Befehle sind wirr, ohne Nutz, nicht überlegt. Er kann nicht mehr überlegen. Er denkt, dass es besser wird, wenn er sein Gesicht nicht mehr sieht, sich nicht mehr an Finduilas erinnert – wenn der Schmerz weg ist.
Der Halbling singt ihm ein Lied. Es ist so traurig. Der Halbling hat Recht, der Halbling ist vernünftig. Er weiss es und gibt es sich selbst gegenüber nicht zu. Er hat von dem Waldläufer erfahren. Er wird ihm den Thron wegnehmen. Er ist ein gebrochener Mann, und gibt es nicht zu. Er kämpft in Gedanken, die ganze Zeit schon, es macht ihn verrückt, unüberlegt. Er zieht in die Schlacht gegen sich selbst. Er beisst in die Tomate, der Saft rinnt über sein Kinn. Wie Blut.

Faramir ist zurück. Nein, er ist nicht zurück, er ist fort, so weit fort. Sein Körper ist Finduilas, wie sie ohne Leben daliegt. Er hasst Faramir nicht mehr, er liebt ihn. Seine Liebe zu Finduilas ist in Faramir – und es wird ihm erst in dieser Stunde gewahr. Er umfasst sein Gesicht, und sieht, dass es aus ist. Die Schlacht eskaliert, sein Kopf scheint zu explodieren. Er zerreisst das Lederband in Gedanken, dann ist er nicht mehr sich selbst. Er ist ein Irrer, er weiss nicht, was er tut, er ist ein anderer, er spürt ihn in seinem Körper, will ihn loswerden, die Schlacht geht weiter.

Er sieht Faramir die Augen öffnen, Finduilas´ Augen. Er sieht Feuer um sich herum, er brennt, brennt, im riesigen Kochtopf. Dann läuft er, weiss nicht wohin, sieht nichts, bis er fällt. Er erlebt den Aufprall nicht mehr, spürt nur noch wie das zerborstene Horn in seinem Mantel verbrennt, verglüht zu nichts wird – wie er nichts mehr ist.

von Flora

 

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