 |
Trost
Leise seufzend ließ sich der müde
Krieger auf den kühlen Steinen des Walles nieder und blickte
hinaus in die dunkle Nacht.
Nicht lange war es nun her, seit er dort unten auf der schwarzen
Ebene sein Leben riskiert hatte, um das anderer zu beschützen.
Und doch – er hatte das Gefühl, als lägen Welten
zwischen dem gnadenlosen Kämpfer und dem verbitterten Mann,
der er nun zu sein schien. All seine Hoffnung, die ihn während
der letzen Jahre begleitet hatte, war dahin. Er konnte die Leere
spüren, die sie hinterlassen hatte, als sie ging.
Als er seine müden Blicke vom Boden löste
und in den klaren Sternenhimmel richtete, tastete seine Hand unwillkürlich
über die Haut zwischen Hals und dem Kragen seines Waffenrocks.
Erleichtert und zugleich tief erschüttert umfasste seine
vom Halten des Schwertes schwielige Hand den zarten Anhänger.
Gedankenverloren strichen seine Finger über die Seiten des
Geschenkes, das er nun schon seit langer Zeit bei sich trug.
Damals, als sie ihm dieses Zeichen ihrer Liebe machte, konnte
er noch daran glauben. Er wusste zu wenig, um zu verstehen, dass
selbst das größte Glück nur eine Frage der Zeit
war. Er vertraute ihr und ihren Worten, ließ sich gefangen
nehmen, von den süßen Versprechungen einer gemeinsamen
Zukunft. Er glaubte ihren Worten, die von einem Schicksal sprachen,
das für ihn so unvorstellbar war. Wie ein Ertrinkender hielt
er sich an ihrem Entschluss fest all das, was sie in ihrem langen
Leben geliebt hatte, zu verlassen, um an seiner Seite zu sterben.
Allein der Gedanke an sie und an eine Zukunft, die für ihn
hieß, das schönste, das er je in Mittelerde gesehen
hatte, an seiner Seite zu wissen, hielten in aufrecht in Tagen
des Verdrusses und der Verzweiflung. Durch viele dunkle Tage und
noch finstere Nächte hatte der Stern seiner Liebe ihm einen
Weg geleuchtet, doch nun stand er nicht mehr am Himmel. Der hellste
Punkt am Firnament hatte ihn verlassen und war dorthin gezogen,
wo er für immer unerreichbar war. Warum sie gegangen war,
würde er nie verstehen. Warum sie ihn gerade in der Zeit,
als er sie am nötigsten brauchte, verlassen hatte –
wer sollte ihm das erklären?
Immer fester schlossen sich die Finger des Mannes um den zarten
Anhänger in seiner Hand, der im sanften Licht des Mondes
heller funkelte als die Sterne. Den Schmerz, den die Kanten des
Metalls in seiner Handfläche hinterließen, bemerkte
die zusammengesunkene Gestalt nicht. Er lauschte auf sein Inneres,
versuchte den Gefühlen und Gedanken Herr zu werden, die ihn
mit ungeheurer Macht umgriffen.
Nichts mehr an dem gebeugten Mann in der Dunkelheit
erinnerte noch an den strahlenden Helden des Tages, der Seite
an Seite mit dem König in die Schlacht geritten war und den
Männern Hoffnung spendete, als alles zu spät schien.
Und auch er selbst erkannte sich kaum wieder.
Er hätte sich geschämt, hätten die Männer,
mit denen er Seite an Seite gekämpft hatte, die Tränen
gesehen, die sich nun langsam ihren Weg über seine Wangen
bahnten und glitzernde Spuren in der Schicht des Schmutzes der
Schlacht, die noch immer auf seinem Gesicht lag, hinterließen.
Immer und immer mehr der kostbaren Tropfen suchten sich wie kleine
Kristalle ihren Weg in die kalte Abendluft, liefen über Wangen
und Kinn um schlussendlich die Wärme seines Körpers
zu verlassen und einsam auf dem kalten Stein weit unter ihm zu
sterben.
So, wie seine Tränen zersprangen, war auch sein Herz gebrochen,
als er erfahren hatte, dass sie sich aufgemacht hatte um in den
Westen zu ziehen. All seine Hoffnung und Kraft war gewichen und
er hatte mit einem Mal die Leere wahrgenommen, die sich immer
mehr in seiner Seele ausgebreitet hatte.
Selbst der kleine, silberne Anhänger, der immer an seiner
Haut gelegen hatte, als wäre er nur gemacht worden, um genau
dort zu sein, fühlte sich nun kalt und schwer an.
Vorsichtig öffnete der Mann den Verschluss,
der die Kette zusammenhielt und nahm sie ab. Zum ersten Mal, seit
sie ihm dieses Geschenk in einer Mondnacht, wie dieser, umgehängt
hatte, entfernte er es. Erschaudernd fühlte er, wie sich
die Kälte und der Schmerz in ihm vergrößerten,
sobald der Anhänger seine Haut nicht mehr berührte.
Versonnen hielt er das funkelnde Metall in seiner Hand und machte
sich mit dem Gefühl bekannt, das die Abwesenheit dieses Versprechens
auslöste. Ja ein Versprechen war es gewesen, als sie ihm
die Kette um den Hals legte, die Konturen seines Gesichts zärtlich
mit ihren Fingern nachzeichnete und ihn schließlich geküsst
hatte, wie noch nie zuvor. Dieser Kuss sprach von Liebe und Hoffnung,
von Glück und Zukunft. Dieser Kuss war Abschied und Begrüßung,
war Verlangen und Geschenk. Dieser Kuss war ein Versprechen für
die Ewigkeit.
Der Gedanke an diesen einen Abend hatte ihn aufrecht gehalten.
Jahrelang hatte er ihn Schritt für Schritt vorangehen und
reifen lassen. In jeder noch so trostlosen Stunde hatte er darin
wieder Mut und Hoffnung gefunden.
Und nun? Nun war er allein. Nicht nur, dass er hier keinem von
seinen Schmerzen erzählen konnte, nein, hier konnte er auch
keine Trost finden. Für jeden seiner Gefährten hätte
er sein Leben gegeben, genauso, wie sie es für ihn getan
hätten. Auf jeden einzelnen konnte er sich ohne Vorbehalte
verlassen, doch zu keinem von ihnen konnte er in diesem Moment
gehen.
Vielleicht hätte einer von ihnen seine Gefühle verstanden,
doch er wollte nicht, dass sie von seiner Schwäche wussten.
Er wollte nicht, dass andere erfuhren, wie wenig königlich
er war. Es war schon schwer genug seine Ängste vor sich selber
einzugestehen, vor seinen Freunden hätte er es niemals geschafft.
Und er hatte Angst. So viel Angst, wie selten zuvor in seinem
Leben. Er wusste weder ein noch aus. Alles, was ihm wichtig war,
hatte ihn verlassen. Alles, wofür er gekämpft hatte,
für das er der Dunkelheit getrotzt hatte, würde bald
nicht mehr als Erinnerung sein.
Wieder blickte er auf den zerbrechlichen Anhänger in seiner
Hand und wieder spürte er die Leere, die er hinterlassen
hatte, als er ihn abgenommen hatte. Zu lange schon trug er dieses
Schmuckstück, um es einfach so abzunehmen, genauso wie er
die Liebe zu der Schenkerin schon zu lange in seinem Herzen trug,
um sie einfach so zu vergessen.
Vielleicht würde es nie Trost für ihn geben, vielleicht
würde er niemals wieder Glück finden, doch dieser Anhänger
in seiner Hand war zumindest etwas Erinnerung an Zeiten, in denen
er erfüllt und glücklich war.
Mit zitternden Händen legte er sich die
Kette wieder um den Hals, lehnte sich zurück und ließ
seine Augen über den nächtlichen Himmel wandern. Ein
weiteres Mal suchte er vergebens nach dem Stern, der ihm jahrelang
treuer Begleiter gewesen war. Verzweifelt schloss der einsame
Mann seine Augen, um zu verhindern, dass noch mehr seiner Tränen
genauso in tausend kleine Scherben zersprangen, wie es sein Herz
getan hatte.
Verzweiflung machte sich in ihm breit. Wie sollte er nur weitergehen,
wenn er nichts mehr hatte, für das es sich lohnte. Lange
Zeit hatte ihn die Hoffnung vorangetrieben, doch nun hatte sie
ihn verlassen. Und mit ihr waren alle seine Träume gegangen.
Auf einmal spürte der müde Krieger,
wie die einzelne Träne, die sich einen Weg durch seine geschlossenen
Lider gekämpft hatte, von einer sanften Berührung, kaum
mehr als ein Hauch, aufgefangen wurde. Er spürte starke Arme,
die ihn umfingen und an eine warme Brust zogen. Zärtliche
Finger strichen ihm über den Kopf und schoben eine vorwitzige
Strähne seines dunklen, gewellten Haares aus der Stirn.
Mühsam öffnete der Mann seine Augen und sein tränenverschleierter
Blick blieb an dem ebenmäßigen Gesicht seines Gefährten
hängen.
Er war gekommen, einer ihres Volkes, um ihm seine Qualen zu erleichtern.
Ein Blick in die dunklen Augen seines Trösters zeigten dem
Mann, dass er verstanden wurde.
Hilflos verbarg der Mann sein Gesicht an der starken Schulter
des Elben, als dieser ihn vorsichtig näher an sich zog. Unter
den schlanken Fingern, die beruhigend über seinen Rücken
strichen, gestattete der Krieger sich endlich zu weinen. All die
Verzweiflung und Angst brach aus ihm heraus und der Elb hielt
ihn fest in seinen Armen und gab ihm die Nähe und Wärme,
nach der sich der Mann so sehnte.
In der starken und doch so sanften Umarmung des Erstgeborenen
fand der gebeugte Kämpfer wieder zu seiner Stärke und
ein wenig Hoffnung flammte in ihm auf.
Vorsichtig richtete er sich auf, löste sich
von dem Elb, dankte ihm schweigend und tastete vorsichtig nach
dem Anhänger, der wieder wärmer an seiner Haut lag.
Ein glückliches Lächeln huschte über das müde
Gesicht des Mannes, als er aufstand und in der Dunkelheit verschwand.
Hätte er sich nur einmal umgedreht, hätte er die Tränen
der Sehnsucht in den Augen seines Trösters gesehen...
by Amrúniel
zurück
|
|