Annalen der Könige und Herrscher

[Der Herr Der Ringe, S. 1068 - 1075]

Aragorn

Auch Elessar, Thorongil. Von den Hobbits "Streicher" genannt. Er war Stammesführer der Dúnedain des Nordens, Elendils und Isildurs Nachkomme und rechtmäßiger Erbe.

Geboren am 1. März 2931 DZ als Sohn von Arathorn II. und Gilraen.
Gestorben am 1. März 119 VZ.

Erzählung von Aragorn und Arwen aus den Annalen der Könige und Herrscher
Arador war der Großvater des Königs [Aragorn]. Sein Sohn Arathorn hielt um Gilraen die Schöne an, die Tochter von Aranarth war. Dírhael war gegen diese Heirat; denn Gilraen war jung Dírhael, der selbst ein Nachkommen von und hatte noch nicht das Alter erreicht, in dem die Frauen der Dúnedain gewöhnlich heirateten. "Überdies", sagte er, "ist Arathorn ein ernster Mann und volljährig, und er wird früher Stammesführer werden, als die Menschen erwarten; dennoch sagt mein Herz voraus, dass sein Leben kurz sein wird."

Aber Ivorwen, seine Frau, die auch voraussehend war, antwortete: "Um so mehr ist Eile geboten! Die Tage verdunkeln sich vor dem Sturm, und große Dinge werden kommen. Wenn die beiden jetzt heiraten, mag Hoffnung für unser Volk geboren werden, aber wenn sie es aufschieben, wird die Hoffnung nicht kommen, solange dieses Zeitalter währt."

Und es geschah, als Arathorn und Gilraen erst ein Jahr verheiratet waren, dass Arador in den Kaltfelsen nördlich von Bruchtal von Bergtrollen überwältigt und erschlagen wurde; und Arathorn wurde Stammesführer der Dúnedain. Im nächsten Jahr [1. März 2931 DZ] gebar Gilraen ihm einen Sohn, und er wurde Aragorn genannt. Aber Aragorn war erst zwei Jahre alt, als Arathorn mit Elronds Söhnen gegen die Orks ausritt und durch einen Orkpfeil getötet wurde, der ihm das Auge durchbohrte; und so erwies es sich, dass er für einen seines Geschlechts wirklich kurz gelebt hatte, denn er war erst sechzig, als er [2933 DZ] fiel.

Da wurde Aragorn, der jetzt Isildurs Erbe war, mit seiner Mutter in Elronds Haus gebracht, um dort zu leben; und Elrond vertrat Vaterstelle an ihm und gewann ihn lieb wie einen eigenen Sohn. Doch wurde er Estel genannt, das heißt "Hoffnung", und sein wirklicher Name und Stammbaum wurden auf Elronds Geheiß geheimgehalten; denn die Weisen wussten damals, dass der Feind danach trachtete, Isildurs Erben zu entdecken, wenn es auf Erden einen gab.

Aber als Estel erst zwanzig Jahre alt war [2951 DZ], geschah es, dass er nach großen Taten gemeinsam mit Elronds Söhnen nach Bruchtal zurückkehrte; und Elrond blickte ihn an und war froh, denn er sah, dass er schön und edel und früh zum Manne geworden war, obwohl er an Körper und Geist noch wachsen würde. An diesem Tag nannte ihn Elrond daher bei seinem richtigen Namen und sagte ihm, wer er sei und wessen Sohn; und er übergab ihm das Erbstück seines Hauses.

"Hier ist Barahirs Ring", sagte er, "das Zeichen, dass wir weitläufig verwandt sind; und hier sind auch die Bruchstücke von Narsil. Mit ihnen magst du noch große Taten vollbringen; denn ich sage voraus, dass deine Lebensspanne länger sein wird als das Maß der Menschen, es sei denn, Unheil befällt dich oder du bestehst die Prüfung nicht. Doch wird die Prüfung schwer und lang sein. Das Szepter von Annúminas halte ich zurück, denn du musst es erst verdienen."

Am nächsten Tag ging Aragorn um die Zeit des Sonnenuntergangs allein im Wald spazieren, und er war frohen Muts; und er sang, denn er war voller Hoffnung, und die Welt war schön. Und plötzlich, als er noch sang, sah er eine Maid zwischen den weißen Birkenstämmen über einen grünen Rasen gehen und er blieb erstaunt stehen und dachte, er habe sich in einen Traum verirrt, oder aber er habe die Gabe der Elbensänger, die die Dinge, von denen sie singen, vor den Augen ihrer Zuhörer erscheinen lassen können. Denn Aragorn hatte einen Teil des Lieds von Lúthien gesungen, das von der Begegnung von Lúthien und Beren im Wald von Neldoreth erzählt. Und siehe! Da wandelte Lúthien vor seinen Augen in Bruchtal, angetan mit einem Umhang aus Silber und Blau, schön wie die Dämmerung in Elbenheim; ihre dunkles Haar wehte in einem plötzlichen Wind, und ihre Stirn war mit Edelsteinen wie mit Sternen geschmückt.

Einen Augenblick starrte Aragorn sie schweigend an, aber da er fürchtete, dass sie davongehen könnte und nie wieder zu sehen sein würde, rief er: "Tinúviel! Tinúviel!", wie Beren es in der Altvorderenzeit getan hatte.

Da wandte sich die Maid um und lächelte und sagte: "Wer seid Ihr? Und warum ruft Ihr mich mit diesem Namen?"

Und er antwortete: "Weil ich glaubte, Ihr wäret wirklich Lúthien Tinúviel, von der ich sang. Aber wenn Ihr nicht sie seid, dann seid Ihr ihr Ebenbild."
"Das haben schon viele gesagt", antwortete sie ernst. "Doch ihr Name ist nicht meiner. Obwohl mein Schicksal dem ihren nicht unähnlich sein wird. Aber wer seid Ihr?"
"Estel wurde ich genannt", sagte er. "Aber ich bin Aragorn, Arathorns Sohn, Isildurs Erbe, Herr der Dúnedain." Doch während er das sagte, spürte er, dass diese edle Herkunft. über die sein Herz sich gefreut hatte, jetzt wenig wert war und nichts im Vergleich zu ihrer Würde und Lieblichkeit.
Aber sie lachte fröhlich und sagte: "Dann sind wir weitläufig verwandt. Denn ich bin Arwen, Elronds Tochter, und werde auch Undómiel genannt."

"Oft erlebt man", sagte Aragorn, "dass Männer in gefährlichen Zeiten ihren größten Schatz verstecken. Doch staune ich über Elrond und Eure Brüder; denn obwohl ich in diesem Hause seit meiner Kindheit gelebt habe, habe ich nie ein Wort über Euch gehört. Wie kommt es, dass wir uns niemals begegnet sind? Gewiss hat Euer Vater Euch nicht in seiner Schatzkammer eingeschlossen?"
"Nein", sagte sie und schaute hinauf zum Gebirge, das sich im Osten erhob. "Ich habe eine Zeitlang im Lande der Sippe meiner Mutter gelebt, im fernen Lothlórien. Erst vor kurzem bin ich zurückgekehrt, um meinen Vater wieder zu besuchen. Es sind viele Jahre vergangen, seit ich in Imladris weilte."

Da wunderte sich Aragorn, denn sie schien ihm älter zu sein als er, der er nicht mehr als zwanzig Jahre in Mittelerde gelebt hatte. Doch Arwen schaute ihm in die Augen und sagte: "Wundert Euch nicht! Denn Elronds Kinder haben das Leben der Eldar."
Da war Aragorn verlegen, denn er sah das Elbenlicht in ihren Augen und die Weisheit vieler Tage; doch seit dieser Stunde liebte er Arwen Undómiel, Elronds Tochter.
In den folgenden Tagen war Aragorn schweigsam, und seine Mutter nahm wahr, dass ihm irgend etwas Seltsames widerfahren war; und schließlich gab er ihren Fragen nach und erzählte ihr von der Begegnung in der Dämmerung unter den Bäumen.
"Mein Sohn", sagte Gilraen, "dein Ziel ist hoch, selbst für den Nachkommen vieler Könige. Denn dies ist die edelste und schönste Frau, die jetzt auf Erden wandelt. Und es ziehmt sich nicht, dass Sterbliche in die Elbensippe einheiraten."
"Dennoch haben auch wir einen Anteil an dieser Sippe", sagte Aragorn, "wenn die Geschichte meiner Vorväter wahr ist, die ich erfahren habe."
"Sie ist wahr", sagte Gilraen, "aber das ist lange her und war in einem anderen Zeitalter dieser Welt, ehe unser Geschlecht gemindert wurde. Deshalb bin ich ängstlich; denn ohne das Wohlwollen von Herrn Elrond werden Isildurs Erben bald ihr Ende finden. Und ich glaube nicht, dass du in dieser Frage auf Elronds Wohlwollen rechnen kannst."
"Bitter werden dann meine Tage sein, und einsam werde ich durch die Wildnis wandern", sagte Aragorn.
"Das wird wahrlich dein Schicksal sein", sagte Gilraen; aber obwohl auch sie in einem gewissen Maß die Voraussicht ihres Volkes besaß, sagte sie nichts mehr zu ihm von ihrer Vorahnung, und sie sprach auch mit niemandem über das, was ihr Sohn ihr gesagt hatte.

Aber Elrond sah viele Dinge und las in vielen Herzen. Daher rief er eines Tages, ehe das Jahr sich neigte, Aragorn in sein Gemach und sagte: "Aragorn, Arathorns Sohn, Herr der Dúnedain, höre mich an! Ein großes Schicksal erwartet dich. Entweder wirst du höher aufsteigen als alle deine Vorväter seit Elendils Tagen, oder du wirst mit allen, die von deiner Sippe noch übrig sind, in die Dunkelheit stürzen. Viele Jahre der Prüfung liegen vor dir. Du sollst dich vorläufig mit keines Mannes Kind verloben. Doch was Arwen die Schöne, Herrin von Imladris und Lórien, Abendstern ihres Volkes, betrifft, so ist sie von edlerer Herkunft als du, und sie hat bereits so lange in der Welt gelebt, dass du nur wie ein einjähriger Schößling neben einer jungen Birke von vielen Sommern bist. Sie steht zu hoch über dir. Und so, glaube ich, mag es auch ihr erscheinen. Doch selbst wenn dem nicht so wäre und ihr Herz sich dir zuwendete, würde ich mich dennoch grämen wegen des Schicksals, das uns auferlegt ist."
"Was für ein Schicksal ist das?" fragte Aragorn.
"Dass sie, solange ich hier weile, mit der Jugend der Eldar leben soll", antwortete Elrond. "Und wenn ich scheide, soll sie mit mir gehen, wenn das ihre Wahl ist."
"Ich sehe", sagte Aragorn, "dass ich meine Augen auf einen Schatz gerichtet habe, der nicht weniger teuer ist als Thingols Schatz, den Beren einst begehrte. Das ist mein Schicksal." Dann plötzlich kam ihm die Voraussicht seines Geschlechts, und er sagte: "Doch seht! Herr Elrond, die Jahre Eures Verweilens hier nähern sich dem Ende, und Eure Kinder müssen bald vor die Wahl gestellt werden, sich entweder von Euch oder von Mittelerde zu trennen."

"Fürwahr", sagte Elrond. "Bald nach unserer Ansicht, obgleich noch viele Jahre der Menschen vergehen müssen. Doch für meine geliebte Arwen wird es keine Wahl geben, es sei denn, dass du, Aragorn, Arathorns Sohn, zwischen uns trittst, so dass es für einen von uns, für dich oder für mich, eine bittere Trennung bis über das Ende der Welt hinaus gibt. Du weißt noch nicht, was du von mir begehrst." Er seufzte, und nach einer Weile sah er den jungen Mann ernst an und sagte: "Die Jahre werden bringen, was sie wollen. Wir werden nicht mehr davon sprechen, ehe viele vergangen sind. Die Tage werden dunkel, und viel Unheil wird kommen."

Dann nahm Aragorn liebevoll von Elrond Abschied; und am nächsten Tag sagte er seiner Mutter Lebewohl und dem Haus von Elrond und Arwen, und er ging hinaus in die Wildnis. Fast dreißig Jahre lang mühte er sich in der Sache gegen Sauron; und er wurde ein Freund Gandalfs des Weisen, von dem er viel Weisheit erlangte. Mit ihm unternahm er viele gefährliche Fahrten, aber im Laufe der Jahre ging er öfter allein. Seine Wege waren hart und lang, und mit der Zeit bekam er ein etwas grimmiges Äußeres, es sei denn, er lächelte zufällig; und doch erschien er den Menschen der Ehrerbietung würdig wie ein König in der Verbannung, wenn er seine wahre Gestalt nicht verbarg. Denn er ging in vielen Verkleidungen und errang Ruhm unter vielen Namen. Er ritt im Heer der Rohirrim und focht für den Herrn von Gondor zu Lande und zur See; und in der Stunde des Sieges verschwand er dann, und die Menschen des Westens wussten nichts mehr von ihm, und allein ging er weit in den Osten und tief in den Süden, erforschte die Herzen der Menschen, der bösen und guten, und deckte die Verschwörungen und Pläne von Saurons Dienern auf. So wurde er schließlich der tapferste der lebenden Menschen, bewandert in ihren Künsten und Überlieferungen, und doch war er mehr als sie; denn er war elbenweise, und es war ein Glanz in seinen Augen, den, wenn sie aufleuchteten, wenige ertragen konnten.
Sein Gesicht war traurig und streng wegen des Schicksals, das ihm auferlegt war, und dennoch hegte er Hoffnung in den Tiefen seines Herzens, aus dem zu Zeiten Fröhlichkeit hervorsprudelte wie eine Quelle aus einem Felsen.

Es geschah, als Aragorn neunundvierzig Jahre alt war [2980 DZ], dass er aus Gefahren in den finsteren Gemarkungen von Mordor zurückkehrte, wo Sauron jetzt wieder wohnte und mit Bösem beschäftigt war. Aragorn war erschöpft und wollte nach Bruchtal gehen und dort eine Weile rasten, ehe er sich in ferne Länder aufmachte; und auf seinem Weg kam er zu den Grenzen von Lórien, und Frau Galadriel gewährte ihm Zutritt zu dem verborgenen Land.

Er wusste es nicht, aber Arwen Undómiel war auch dort und lebte wieder eine Zeitlang bei der Sippe ihrer Mutter. Sie war wenig verändert, denn die sterblichen Jahre gingen an ihr vorüber. Doch war ihr Gesicht ernster, und selten hörte man jetzt ihr Lachen. Aber Aragorn war nun körperlich und geistig zu voller Größe herangereift, und Galadriel gebot ihm, seine abgetragene Kleidung abzulegen, und sie kleidete ihn in Silber und Weiß mit einem elbengrauen Mantel und einem leuchtenden Edelstein auf der Stirn. Da schien er mehr zu sein als ein Mensch irgendeiner Art und sah eher aus wie ein Fürst der Elben von den Inseln im Westen. Und so war es, dass Arwen ihn nach ihrer langen Trennung wiedersah; und als er unter den mit goldenen Blüten geladenen Bäumen von Caras Galadon auf sie zuging, war ihre Wahl getroffen und ihr Schicksal besiegelt. Dann wanderten sie eine Zeitlang in den Hainen von Lothlórien, bis es Zeit für ihn war, aufzubrechen. Und am Abend des Mittsommers gingen Aragorn, Arathorns Sohn, und Arwen, Elronds Tochter, zu dem schönen Berg Cerin Amroth in der Mitte des Landes, und barfuß schritten sie über das unsterbliche Gras, in dem Elanor und Niphredil blühten. Und dort auf jenem Berg blickten sie nach Osten auf den Schatten und nach Westen auf die Dämmerung und sie gelobten einander Treue und waren froh.

[Aragorn gibt Arwen nach der Verlobung Barahirs Ring.]

Und Arwen sagte: "Dunkel ist der Schatten, und doch freut sich mein Herz; denn Ihr, Estel, werdet unter den Großen sein, deren Tapferkeit ihn vernichten wird."
Aber Aragorn antwortete: "Ach, ich kann es nicht voraussehen, und wie es geschehen wird, ist mir verborgen. Doch mit Eurer Hoffnung will ich hoffen. Und den Schatten weise ich entschieden zurück. Aber auch die Dämmerung, Herrin, ist nicht für mich. Denn ich bin sterblich, und wenn Ihr zu mir haltet, Abendstern, dann müsst auch Ihr der Dämmerung entsagen."
Und sie stand still da wie ein weißer Baum und blickte gen Westen, und schließlich sagte sie: "Ich will zu Euch halten, Dúnadan, und mich von der Dämmerung abwenden. Doch dort liegt das Land meines Volkes und auf lange das Heim meiner ganzen Sippe." Sie liebte ihren Vater sehr.

Als Elrond von der Wahl seiner Tochter hörte, schwieg er still, obwohl sein Herz kummervoll war und das lang befürchtete Schicksal keineswegs leichter zu ertragen fand.

Aber als Aragorn wieder nach Bruchtal kam, rief er ihn zu sich und sagte:
"Mein Sohn, es kommen Jahre, da die Hoffnung schwinden wird, und wenig von dem, was nach ihnen kommt, ist mir klar. Und jetzt liegt ein Schatten zwischen uns. Vielleicht ist es so bestimmt worden, daß durch meinen Verlust das Königtum der Menschen wiederhergestellt werden kann. Obwohl ich dich liebe, sage ich dennoch zu dir: Arwen Undómiel soll nicht um einer geringeren Sache willen das Vorrecht ihres Lebens mindern. Sie soll nicht Braut eines geringeren Menschen sein als des Königs von Gondor und Arnor. Selbst unser Sieg kann mir dann nur Kummer und Trennung bringen - aber dir die Hoffnung auf Glück für eine Weile. Wehe, mein Sohn! Ich fürchte, dass Arwen zuletzt das Schicksal der Menschen hart erscheinen mag."

Und dabei blieb es danach zwischen Elrond und Aragorn, und sie sprachen nicht mehr über diese Angelegenheit; aber Aragorn ging wieder hinaus zu Gefahr und Mühsal. Und während die Welt dunkler und Mittelerde von Furcht befallen wurde, da Saurons Macht wuchs und Barad-dûr sich immer höher und stärker erhob, blieb Arwen in Bruchtal, und wenn Aragorn unterwegs war, wachte sie aus der Ferne in Gedanken über ihn; und voll Hoffnung machte sie für ihn ein großes und königliches Banner, wie es nur einer entfalten kann, der Anspruch auf das Herrschaftsgebiet der Númenórer und auf Elendils Erbe erhebt.

Nach ein paar Jahren nahm Gilraen Abschied von Elrond und kehrte zu ihrem eigenen Volk in Eriador zurück und lebte dort allein; und selten sah sie ihren Sohn wieder, denn er verbrachte viele Jahre in fremden Ländern. Doch einmal, als Aragorn in den Norden zurückgekehrt war, kam er zu ihr, und sie sagte zu ihm, ehe er wieder fortging:
"Dies ist der letzte Abschied, Estel, mein Sohn. Ich bin gealtert durch Sorgen wie einer der geringeren Menschen; und nun, da sie sich nähert, kann ich der Dunkelheit unserer Zeit, die sich über Mittelerde zusammenzieht, nicht ins Auge sehen. Ich werde Mittelerde bald verlassen."

Aragorn versuchte sie zu trösten und sagte: "Dennoch mag es Helligkeit nach der Dunkelheit geben; und wenn, dann hätte ich gern, dass du sie siehst und froh bist."
Aber sie antwortete nur mit diesem Linnod:

"Onen i-Estel Edain, ú-chebin estel anim",

["Ich gab den Dúnedain Hoffnung, ich behielt keine Hoffnung für mich."]

und Aragorn ging schweren Herzens von dannen. Gilraen starb vor dem nächsten Frühling.

So zogen sich die Jahre hin bis zum Ringkrieg, von dem anderswo mehr gesagt wird: wie die Mittel und Wege enthüllt wurden, durch die Sauron überwältigt werden könnte, und wie über die Hoffnung hinaus Hoffnung sich erfüllte. Und es geschah, dass in der Stunde der Niederlage Aragorn vom Meer heraufkam und Arwens Banner in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern entrollte, und an diesem Tag wurde er zuerst als König begrüßt. Und als endlich alles getan war, trat er das Erbe seiner Väter an und erhielt die Krone von Gondor und das Szepter von Arnor; und am Mittsommertag im Jahr des Sturzes von Sauron legte Elrond die Hand von Arwen Undómiel in seine Hand, und in der Stadt der Könige wurden sie einander angetraut [Mittjahrstag 3019 DZ].

So endete das Dritte Zeitalter mit Sieg und Hoffnung; doch schmerzlich war bei allem Leid jenes Zeitalters der Abschied von Elrond und Arwen, denn sie wurden getrennt durch das Meer und einen Tod über das Ende der Welt hinaus. Als der Große Ring vernichtet wurde und die Drei ihrer Macht beraubt waren, da wurde Elrond schließlich müde und verließ Mittelerde, um niemals zurückzukehren. Aber Arwen wurde eine sterbliche Frau, und doch war es nicht ihr Los zu sterben, ehe alles, was sie gewonnen hatte, verloren war.

Als Königin der Elben und Menschen lebte sie mit Aragorn sechsmal zwanzig Jahre in Herrlichkeit und Glück; doch zuletzt spürte er das Herannahen des Alters und wusste, dass die Spanne seines Lebens ihrem Ende zuging, so lang es auch gewesen war.
Da sagte Aragorn zu Arwen: "Nun, Frau Abendstern, Schönste in der Welt und Geliebteste, vergeht meine Welt. Sehet! Wir haben eingenommen und wir haben ausgegeben, und nun nähert sich die Zeit der Bezahlung!"

Arwen wusste genau, was er beabsichtigte, und hatte es lange vorausgesehen: dennoch war sie überwältigt von ihrem Schmerz. "Wollt Ihr denn, Herr, vor Eurer Zeit Euer Volk verlassen, das von Eurem Wort lebt?" fragte sie.
"Nicht vor meiner Zeit", antwortete er. "Denn wenn ich nicht jetzt gehe, dann muss ich bald notgedrungen gehen. Und Eldarion, unser Sohn, ist ein Mann, der durchaus reif ist für die Königswürde."

Dann begab sich Aragorn zum Haus der Könige in der Stillen Straße und legte sich auf das Bett, das für ihn bereitet worden war. Dort sagte er Eldarion Lebewohl und gab ihm die geflügelte Krone von Gondor und das Szepter von Arnor in die Hand, und dann verließen ihn alle außer Arwen, und sie stand allein an seinem Bett. Und trotz all ihrer Weisheit und Herkunft konnte sie es nicht unterlassen, ihn anzuflehen, noch eine Weile zu bleiben. Sie war ihrer Tage noch nicht überdrüssig, und so erfuhr sie die Bitterkeit der Sterblichkeit, die sie auf sich genommen hatte.

"Frau Undómiel", sagte Aragorn, "die Stunde ist wirklich schwer, aber das stand schon fest an dem Tag, als wir uns unter den weißen Birken in Elronds Garten trafen, wo sich jetzt niemand ergeht. Und als wir auf dem Berg Cerin Amroth dem Schatten und der Dämmerung entsagten, fanden wir uns mit diesem Schicksal ab. Geht mit Euch selbst zu Rate, Geliebte, und fragt Euch, ob Ihr wirklich wollt, dass ich warte, bis ich erschlaffe und unmännlich und einfältig von meinem Thron herunterfalle. Nein, Herrin, ich bin der Letzte der Númenórer und der letzte König der Altvorderenzeit; und mir ist nicht nur eine Lebensspanne gewährt worden, die dreimal so lang ist wie die der Menschen von Mittelerde, sondern auch das Vorrecht, nach meinem Belieben zu gehen und die Gabe zurückzugeben. Daher will ich jetzt schlafen.
Ich spreche Euch keinen Trost zu, denn es gibt keinen Trost für solchen Schmerz in den Kreisen der Welt. Die letzte Entscheidung liegt vor Euch: zu bereuen und zu den Anfurten zu gehen und die Erinnerung an unsere gemeinsamen Tage mit in den Westen zu nehmen."
"Nein, lieber Herr", sagte sie, "die Entscheidung ist längst getroffen. Jetzt gibt es kein Schiff, das mich dort hinbringen würde, und ich muss fürwahr das Schicksal der Menschen auf mich nehmen, ob ich will oder nicht: den Verlust und die Stille. Doch das sage ich Euch, König der Númenórer, bisher habe ich die Geschichte Eures Volkes und seinen Sturz nicht verstanden. Als mutwillige Narren verachtete ich sie, doch nun endlich habe ich Mitleid mit ihnen. Denn wenn dies wirklich, wie die Eldar sagen, die Gabe des Einen an die Menschen ist, dann ist es bitter, sie zu empfangen."
"So scheint es", sagte er. "Doch lasst nicht zu, dass wir, die wir einst den Schatten und den Ring zurückwiesen, bei der letzten Prüfung unterliegen. In Kummer müssen wir gehen, aber nicht in Verzweiflung. Schaut! Wir sind nicht für immer an die Kreise der Welt gebunden, und jenseits von ihnen ist mehr als nur Erinnerung. Lebt wohl!"
"Estel, Estel!" rief sie, und als sie eben seine Hand nahm und sie küsste, fiel er in Schlaf. Da wurde eine große Schönheit in ihm offenbar, so dass alle, die nachher kamen, ihn voll Staunen anblickten; denn sie sahen, dass die Anmut der Jugend und die Kraft seiner Mannesjahre und die Weisheit und königliche Würde seines Alters miteinander verschmolzen waren. Und lange lag er dort, ein Abbild der Erhabenheit der Könige der Menschen in nicht verdunkelter Pracht vor dem Bruch der Welt.

Aber Arwen ging hinaus aus dem Haus, und der Glanz ihrer Augen war erloschen, und es erschien ihrem Volk, dass sie kalt und grau geworden war wie eine Winternacht, die ohne Sterne anbricht. Dann sagte sie Eldarion und ihren Töchtern Lebewohl und allen, die sie geliebt hatte; und sie verließ die Stadt Minas Tirith und ging in das Land Lórien und lebte dort allein unter den verblassenden Bäumen, bis der Winter kam. Galadriel war dahingeschieden, und auch Celeborn war fortgegangen, und das Land war still. Dort endlich, als die Mallornblätter fielen, aber der Frühling noch nicht gekommen war, legte sie sich zur Ruhe auf Cerin Amroth; und dort ist ihr grünes Grab, bis die Welt sich wandelt, und alle Tage ihres Lebens sind von den nachkommenden Menschen gänzlich vergessen, und Elanor und Niphredil blühen nicht mehr östlich der See.

Hier endet diese Erzählung, wie sie vom Süden zu uns gekommen ist [...].

[Der Herr der Ringe S. 1068-1075; Anhang A: "Annalen der Könige und Herrscher"]


Vielen Dank an Mariella!

 

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