Peter Jackson

"Die Arbeit mit Peter Jackson funktioniert sehr gut, weil Peter die Hobbits wirklich versteht. Er ist eigentlich selbst ein Hobbit." - Dominic Monaghan (Merry)

Ein kleiner dicker Mann mit strubbeligen Haaren und einem Vollbart steht seelenruhig vor einem Dutzend Monitore, in der Hand einen Becher Kaffee. Um ihn herum wuseln scheinbar ungeordnet eine Menge Menschen, die alle etwas von dem kleinen Mann wollen. Die Hektik scheint ihn aber nicht aus der Ruhe zu bringen, im Gegenteil, seine ruhige Art scheint sich sogar auf die Crew um ihn herum zu übertragen. Man mag es kaum glauben, doch dieser Mann hat alles im Griff. Regisseur Peter Jackson habe während der 18 Monate Dreharbeiten kein einziges Mal gebrüllt, sei kein einziges Mal laut geworden, schwärmen die Schauspieler. Zwischen den abgelegenen Studios in Wellington pendelte er mit einem kleinen Klapprad hin und her. "Das war manchmal schon ein kurioser Anblick", erinnert sich Boromir-Darsteller Sean Bean lächelnd.
Es mutet geradezu wie ein Omen an, dass Peter Jackson 1961 in einer schaurigen Halloween-Nacht geboren wurde. Er wuchs in dem Küstenort Pukerua Bay, nördlich der neuseeländischen Hauptstadt Wellington, als einziges Kind von Bill und Joan Jackson auf. Von klein auf war er völlig filmverrückt. Mit acht Jahren schnappte er sich die Super-8-Kamera seiner Eltern und filmte Crashs seiner Modelleisenbahn. Mit zehn drehte er einen Kurzfilm mit dem Titel "The Dwarf Patrol", in dem sich seine Freunde in Soldatenuniformen gegenseitig abmetzelten und bei seinem Werk "World War Two" stach er mit einer Nadel Löcher in den Super-8-Streifen um die Illusion von Maschinengewehrfeuer zu erzeugen. Seinen, wie er sagt, ersten richtigen Film drehte er mit 12. Die Monty-Python-Parodie führte er in der Aula seiner Schule auf und verlangte pro Nase zehn Cent Eintritt. Der Kassensturz am nächsten Tag brachte zwölf Dollar: "Genau so viel, wie mich der Film gekostet hatte."
Er verließ die Schule mit 16 Jahren und wollte sein Hobby zum Beruf machen, was jedoch zunächst nicht klappte. Die neuseeländische Filmindustrie lehnte alle Bewerbungen ab und Jackson begann eine Ausbildung zum Fotolaboranten bei der Tageszeitung "The Evening Post" in Wellington. Nebenbei drehte er weitere Kurzfilme, darunter den Vampirfilm "Curse of the Gravewalker" und Stop-Motion-Animationsfilme im Stil von Effekt-Altmeister Ray Harryhausen ("Kampf der Giganten"). Trotz ihres künstlerischen Wertes konnten diese Frühwerke aber nie im Kino gezeigt werden, da sie auf Super-8 produziert waren. Also schob Jackson bei der "Evening Post" so viele Überstunden, bis er sich schließlich seine erste eigene Bolex-16mm-Kamera leisten konnte.
Mit dieser Kamera nahm er 1983 sein langgehegte Lieblingsprojekt über Aliens in Angriff, die den Erdball besuchen, um Menschen zu fressen. Vier Jahre und 17000 eigene Dollar später war der Film fertig. Anstatt der geplanten 15 Minuten dauerte der Film mit dem Titel "Bad Taste" nun 75 Minuten. Es geht um den Bösewicht Lord Crumb, der mit seinen Alien-Kollegen in Neuseeland landet, um zerstückelte Menschen an eine Fast-Food-Kette auf seinem Planeten zu verhökern. Eine Spezialeinheit der Queen, darunter Peter Jackson als Waffenfreak, geht nun mit Kettensägen, Pistolen, Raketenwerfern und Maschinengewehren gegen die Alienbrut vor. Seltsamerweise unterstützte die New Zealand Film Commission den Streifen mit einem hübschen Sümmchen an Fördergeldern, die es Jackson ermöglichten, seinen Film in Cannes zu präsentieren. "Bad Taste" schlug ein wie eine Bombe. Mit einem Mal hatte Jackson in der Szene einen Namen.
Während der Dreharbeiten zu diesem Erfolg hatte Peter seine zukünftige Frau Frances Walsh und seinen Freund Stephen Sinclair kennen gelernt, die seine Art des schrägen Humors teilten und mit denen er bereits am nächsten Drehbuch arbeitete. Diesmal waren Tierpuppen und nicht Außerirdische die Hauptdarsteller, dennoch war der Film nicht minder ausgefallen, da die Puppen an eine anarchische Version der Muppets auf Drogen erinnern. Es geht um die Künstlergruppe eines Varietee-Theaters und deren seelische Abgründe. Da gibt es das Karnickel Harry, das sich bei Gruppensex-Orgien im Hinterzimmer eine schreckliche Geschlechtskrankheit zuzieht, eine voyeuristische Paparazzi-Schmeißfliege, einen Frosch, der an einem Vietnam-Trauma leidet und an einer Überdosis verreckt und Heidi, den fettleibigen Star des Feebles, die am Ende mit einem Maschinengewehr Amok läuft und das Varietee-Theater samt Ensemble dem Boden gleich macht. "Meet the Feebles" eroberte die Horror-Festivals rund um die Welt im Sturm.
Endlich hatte Peter Jackson das Budget, um einen Film zu inszenieren, dessen Drehbuch schon lange auf seinem Schreibtisch verstaubte. "Braindead" war in Sachen Splatter-Show der absolute Durchbruch und setzte Maßstäbe für alle Horrorfilme, die noch kommen sollten - eine Gedärmorgie (durchschnittlich zehn Liter Kunstblutverbrauch pro Minute), die mit einer guten Prise Selbstironie und einer richtigen Hintergrundgeschichte (!) gewürzt war. Selbst im Blutrausch verstand Peter Jackson es noch, eine gute Story mit außerordentlichen Charakteren zu erzählen. Der finale Höhepunkt dieses Films ist die berüchtigste Rasenmäherszene, in der der Held Lionel mit einem umgeschnallten Rasenmäher gegen eine ganze Armee von Zombies antritt. Die Metzelszenen wirken so übertrieben, dass es schon wieder lustig ist, und spätestens, wenn Lionel von einem lebendig gewordenen Gedärm verfolgt wird, kann der geneigte Zuschauer ein Lächeln nicht mehr unterdrücken.
Es stellte sich zunehmen heraus, dass sich hinter der extremen Horrorfassade von Jackson ein feinfühliger Geschichtenerzähler versteckte. 1994 ging der Neuseeländer in sich und drehte das sensible Melodram "Heavenly Creatures" über die beiden Mädchen Pauline Parker und Juliet Hulme (Cate Winslet in ihrem Debüt) und ihre Traumwelt, in die sie sich immer mehr zurückziehen. Kurz darauf gab es einen Anruf aus Hollywood. Peter Jackson kaufte sich einen Smoking und kämmte sich das Haar, denn es ging zur Oscar-Verleihung. Sein "Heavenly Creatures"-Drehbuch war für die begehrte Trophäe nominiert.
Schon kurz darauf arbeiteten Peter und Fran an der nächsten Geschichte. Geister sollten diesmal die Oberhand gewinnen. Der kauzige Geisterjäger Frank Bannister, unvergleichlich verkörpert von Michael J. Fox, kommt einem bösen Dämon auf die Schliche und eine aberwitzige Achterbahnfahrt beginnt. Unterstützt wird Bannister von ein paar seiner untoten Kumpels aus dem Geisterreich. Irgendwie fiel dieses neue Drehbuch in die Hände von Hollywood-Produzent Robert Zemeckis, der genau zu der Zeit eine Handlung für seine Fernsehserie "Geschichten aus der Gruft" suchte. Doch er war so begeistert von der Geistermär, dass er sie als einzelnen abendfüllenden Kinofilm produzieren wollte. Mit dem vergleichsweise hohen Budget von dreizehn Millionen Dollar schuf Peter Jackson eine für seine Verhältnisse eher harmlose Gruselkomödie. Auf Grund seines schwachen Kinostarts in den USA schaffte es "The Frighteners" bei uns leider nur in die Regale der Videotheken.
Als nächstes wollte Jackson eigentlich ein Remake seines Lieblingsfilms "King Kong" auf die Leinwand bringen, aber nach "Godzilla" und "Jurassic Park" waren Monsterfilme fürs Erste ausgereizt. Also entschied er sich, einen gewaltigen Schritt zu machen und sich an ein Werk zu wagen, das er bereits mit 18 verschlungen hatte - J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe". Für dieses Unterfangen gründete er die Produktionsfirma "Three Foot Six Ltd.", benannt nach der Körpergröße der Hobbits.
Unter Experten gilt der Neuseeländer schon seit längerer Zeit als eines der größten Regietalente der letzten Jahre, aber seine Filme waren bisher einfach immer zu brutal oder künstlerisch, nicht für die breite Masse geeignet.

(Auszug aus Space View Fantasy - Herr der Ringe; erschienen im Heel Verlag)

 

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