J.R.R. Tolkien - Sein Leben
Ein ganz gewöhnliches Leben
Am 3. Januar 1892 wurde John Ronald
Reuel Tolkien als Sohn deutschstämmiger englischer
Kolonisten In Bloemfontein im südafrikanischen Oranje-Freistaat
geboren. Arthur Reuel Tolkien, sein Vater, war bei der
Bank of Africa angestellt, seine Mutter Mabel, geborene
Suffield, besorgte den Haushalt. Das Schicksal schien
es zunächst gut mit den Tolkiens zu meinen: Arthurs
Stellung erlaubte ihnen einen gehobenen Lebensstil, und
die Geburt von Ronalds zwei Jahre jüngerem Bruder
Hilary Arthur Reuel am 17. Februar 1894 machte das Glück
perfekt. Doch der Schein trog: Über der Zukunft der
jungen Familie lastete ein dunkler Schatten. Als Mabel
im Frühjahr des Jahres 1895 mit ihren beiden Söhnen
nach England aufbrach, um dort zum ersten Mal nach drei
langen Jahren ihre Familie wiederzusehen, musste Arthur
in Südafrika bleiben, um sich dort um einige Eisenbahnprojekte
zu kümmern, in die "seine" Band investiert
hatte. Das fiel anfangs nicht weiter ins Gewicht, da Mabel
und ihre Söhne im Haus der Familie Suffield im Villenviertel
King's Heath in Birmingham einen schönen Sommer verlebten.
Dann jedoch erreichte Mabel die Nachricht, ihr Mann sei
an Rheumafieber erkrankt. Er hätte die Krankheit
zwar bereits halb überwunden, doch in seinem geschwächten
Zustand könne er die lange, anstrengende Reise nach
England unmöglich antreten, was Mabel mit großer
Sorge erfüllte. Als sie im Januar 1896 erfuhr, dass
Arthurs Gesundheitszustand sich noch immer nicht nennenswert
verbessert hatte, beschloss sie, sofort nach Bloemfontein
zurückzukehren. Dazu kam es aber nicht mehr, denn
sie erhielt kurz vor ihrer Abreise ein Telegramm mit der
Nachricht, ihr Mann habe einen Blutsturz erlitten, und
bereits am folgenden Tag, dem 15. Februar 1896, starb
Arthur Reuel Tolkien im Alter von nur 39 Jahren.
Tolkiens Jugend
Nach dem überraschenden Tod ihres
Mannes musste Mabel, gerade 26, die Entscheidung treffen,
wie es mit ihr und ihren beiden Söhnen weitergehen
sollte. Sie wusste, dass sie nicht ewig im Haus ihrer
Eltern bleiben konnte, das Erbe ihres Mannes war jedoch
nur klein und reichte nicht aus, um eine Frau mit zwei
Kindern für längere Zeit über Wasser zu
halten. Zunächst blieben sie in King's Heath, wo
der junge Ronald begeistert den Geschichten seines Großvaters
lauschte und schon bald begann, seinen Vater zu vergessen.
Schließlich fand Mabel im Sommer 1896 ein Haus,
das günstig genug für sie war, und zog mit ihren
Kindern in das Dorf Sarehole, ungefähr eine Meile
außerhalb von Birmingham, wo Mabel sich nicht nur
um das leibliche Wohl ihrer Söhne kümmerte,
sondern sie auch in Latein, Französisch, Deutsch,
Mathematik, Musik und Zeichnen unterrichtete, da sie das
Schulgeld nicht aufbringen konnte. Außerhalb der
Unterrichtsstunden gab sie Ronald viel zu lesen, er vertiefte
sich in "Alice im Wunderland", verspürte
jedoch nicht den Wunsch, ähnliche Abenteuer zu erleben,
und auch R.L. Stevensons "Schatzinsel" oder
die Märchen von Hans Christian Andersen gefielen
ihm nicht. Ihn begeisterten dafür die Bücher
von Andrew Lang, besonders das "Red Fairy Book",
in dem er zum ersten Mal die Geschichte von Sigurd und
dem Drachen Fafnir entdeckte, die vor allem auf sein späteres
literarisches Schaffen großen Einfluss hatte.
Das Leben in Sarehole war einfach, aber zufrieden stellend,
bis Mabel, für die der Glauben nach dem Tod ihres
Mannes viel an Bedeutung gewonnen hatte, 1899 zusammen
mit ihrer Schwester May Incledon beschloss, zum Katholizismus
zu konvertieren, woraufhin sich etliche ihrer anglikanisch-protestantischen
Verwandten von ihr abwandten, darunter auh Mays Mann Walter,
der sie bis dahin regelmäßig mit etwas Geld
unterstützt hatte und die Zahlungen jetzt einstellte.
Da auch die Familie von Arthur, überzeugte Baptisten,
eine Ablehnung gegen den Katholizismus hegte, musste Mabel
nun nicht nur gegen die Armut, sondern auch noch gegen
die Anfeindungen ihrer Verwandten ankämpfen. Und
doch ließ sie sich nicht entmutigen und zog die
Brüder Ronald und Hilary in streng katholischem Glauben
groß.
Ronald absolvierte im Herbst 1899 die Aufnahmeprüfung
der King-Edward's-School, die auch sein Vater besucht
hatte, bestand sie jedoch erst ein Jahr später im
zweiten Anlauf und wurde zur Jahrhundertwende aufgenommen.
Ein Onkel von Seiten der Tolkiens, welcher Mabel im Gegensatz
zur übrigen Familie nach wie vor wohlgesinnt war,
bezahlte das Schulgeld für ihn. Da die Schule im
Zentrum von Birmingham lag, mehr als vier Meilen von Sarehole
entfernt, musste Ronald zunächst jeden Morgen und
jeden Abend ein ganzes Stück laufen, denn die Fahrkarten
für die Eisenbahn konnte seine Mutter sich nicht
leisten. Da das auf Dauer jedoch kein Zustand war, begann
Mabel bald, ein neues Heim näher am Stadtkern von
Birmingham zu suchen, und im November 1900 zog die Familie
in ein Haus im Viertel Moseley.
Dem jungen Ronald erschien das Chaos der Oberschule nach
der Stille und Beschaulichkeit von Sarehole wie die Hölle.
Im ersten Jahr fehlte er aus gesundheitlichen Gründen
häufig, doch nach und nach gewöhnte er sich
an die neue Umgebung und gliederte sich in den Schulalltag
ein. Die Tolkiens mussten allerdings bald wieder aus dem
Haus in Moseley ausziehen, das abgerissen werden sollte,
um Platz für eine Feuerwehrwache zu schaffen. Diesmal
zogen sie in ein kleines Häuschen, das direkt hinter
dem Bahnhof von King's Heath lag. Doch auch dort blieben
sie nicht lange, denn Mabel gefiel es dort nicht, und
auch in der katholischen Kirche St. Dunstan, die gleich
um die Ecke lag, fühlte sie sich nicht wohl. Sie
siedelten in den Vorort Edgbaston um, nahe des St-Philips-Gymnasiums,
wo die zehn- und achtjährigen Tolkien-Brüder
eine katholische Erziehung genießen konnten und
das Schulgeld zudem um einiges günstiger war als
in der King-Edward's-School. Mabels engster Vertrauter
in dieser Zeit war der Gemeindepriester Pater Francis
Xavier Morgan, der im Hause der Tolkiens bald unentbehrlich
wurde.
Allerdings hatte der Umzug nach Edgbaston auch Nachteile,
denn es zeigte sich bald, dass Ronald seinen Schulkameraden
weit überlegen war, weshalb Mabel ihn von der Schule
nahm und so lange wieder zu Hause unterrichtete, bis Ronald
1904 ein Stipendium an seiner alten Schule erhielt, wo
er nun seine lebenslang andauernde Leidenschaft für
Sprachen entdeckte, insbesondere für Griechisch und
Angelsächsisch.
Nachdem die Dinge eine Zeit lang recht gut gelaufen waren,
verschlechterte sich die Situation Anfang 1904 zusehends.
Erst mussten die Brüder mit Masern und Keuchhusten
wochenlang das Bett hüten, dann wurde Mabel nach
einem Schwächeanfall ins Krankenhaus eingewiesen,
wo die Ärzte ihr Diabetes diagnostizierten. Da es
damals für Zuckerkranke noch keine Insulin-Behandlung
gab, war sie gezwungen, bis auf weiteres im Hospital zu
bleiben. Das Haus in Edgbaston wurde aufgegeben, die Brüder
kamen vorübergehend bei Verwandten unter - Hilary
bei den Großeltern Suffield, Ronald in Hove bei
Edvin Neave, einem Versicherungsangestellten, der mit
Ronalds Tante Jane verheiratet war. Er blieb dort, bis
seine Mutter im Sommer das Krankenhaus endlich wieder
verlassen hatte.
Da klar war, dass Mabel noch lange Pflege und Schonung
bedurfte, brachte Pater Francis die Familie im Juni 1904
in Rednal unter, einem kleinen Dorf in Worcestershire,
und es war beinahe so, als wären sie nach Sarehole
zurückgekehrt, wo sie vier Jahre lang so glücklich
gewesen waren. Aber sobald die Ferien zu Ende waren und
Ronald täglich mit dem Zug nach Birmingham fuhr,
verschlechterte sich Mabels Gesundheitszustand erneut,
ohne dass es irgendjemand mitbekam. Sie erlitt Anfang
November einen Zusammenbruch und fiel ins diabetische
Koma. Am 14. November 1904, sechs Tage später, starb
sie mit 34 Jahren in dem Haus in Rednal; Pater Francis
und ihre Schwester May waren bei ihr. Auf dem katholischen
Friedhof von Bromsgrove wurde Mabel Tolkien beigesetzt.
Edith
Mabel hatte Pater Francis testamentarisch
zum Vormund ihrer Söhne bestimmt, was sich als gute
Wahl erwies, da der Pater den Jungen freigiebig Hilfe
und Freundschaft gewährte und dafür sorgte,
dass ihnen an nichts mangelte. Zunächst brachte er
sie im Haus einer ihrer Tanten, Beatrice Suffield, unter,
die Zimmer vermietete. Tante Beatrice hatte allerdings
nicht viel für die Kinder übrig, sodass Ronald
und Hilary die meiste Zeit mit Pater Francis verbrachten.
Inzwischen hatte auch Hilary die Aufnahmeprüfung
für die King-Edward's-School bestanden, selbst wenn
Ronald klar der bessere Schüler von beiden war. Er
führte stets die Riege der Klassenbesten an, und
es dauerte nicht lange, bis die Lehrer erkannten, dass
er eine enorme Begabung für Sprachen besaß.
Doch Latein, Griechisch, Französisch und Deutsch
sprechen zu können war eine Sache; etwas völlig
anderes war es Entstehung und Aufbau dieser Sprachen zu
verstehen.
Ronald hatte bereits begonnen, nach Elementen zu suchen,
die ihnen allen gemeinsam waren, als er durch George Brewerton,
einem seiner Lehrer, mit dem Angelsächsischen in
Berührung kam. Mit Hilfe eines Lehrbuchs machte sich
Tolkien autodidaktisch mit den Grundlagen des Altenglischen
vertraut, ehe er sich voller Eifer an das Studium des
Gedichts "Beowulf" begab. Er kehrte später
wieder zum Mittelenglischen zurück und entdeckte
das Gedicht "Sir Gawain and the Green Knight"
für sich, bevor er sich dem Studium des Altnordischen
zuwandte und dabei auf die Urgeschichte des Märchens
von Sigurd und Fafnir stieß, das ihn als Kind so
fasziniert hatte, und bald verfügte er über
ein für einen Schüler höchst ungewöhnliches
Maß an Sprachkenntnissen. Da er schon als Kind mit
seinem Bruder und seinen Cousinen Marjorie und Mary Incledon
eine rudimentäre Privatsprache namens Nevbosh (oder
"New Nonsense") erfunden hatte, bei der es sich
allerdings bloß um eine Mischung aus verkleidetem
Englisch, Latein, und Französisch handelte, nahm
er sich nun vor, eine eigene Sprache zu erfinden, ernsthafter
und besser durchdacht als Nevbosh, die er "Naffarin"
nannte.
Unterdessen kam Pater Francis zu dem Schluss, dass die
Brüder bei Tante Beatrice nicht glücklich waren,
und brachte sie in Brimingham in der Pension von Mrs.
Faulkner in der Duchess Road 37 unter. Abgesehen von Mrs.
Faulkner und ihrer Familie wohnte dort auch ein 19-jähriges
Mädchen namens Edith Bratt, zu der sich der drei
Jahre jüngere Ronald von Anfang an hingezogen fühlte
- und Edith schien seine Gefühle zu erwiedern.
Sie gingen zusammen in die Teehäuser von Birmingham,
und im Sommer 1909 stellten sie schließlich fest,
dass sie sich ineinander verliebt hatten. Allerdings erwartete
man von Ronald, dass er auf ein Stipendium für Oxford
hinarbeitete, und als sich herumsprach, dass er den Großteil
seiner Zeit mit Edith verbrachte, statt zu lernen, war
Pater Francis tief empört. Von seinem Schützling
verlangte er, die Liaison sofort zu beenden, und quartierte
die Brüder in einem anderen Haus in Birmingham ein,
weg von Edith. Als Ronald kurz darauf nach Oxford musste,
um die Stipendiatenprüfung abzulegen, fiel er durch,
was angesichts der harten Konkurrenz auf dieser elitären
Schule zwar keine große Überraschung war, Pater
Francis jedoch in seiner Meinung bestärkte, dass
die Beziehung zu Edith für Tolkien schädlich
war. Er verbot Ronald jeglichen Kontakt zu Edith, bis
dieser 21 wäre und der Pater als Vormund nicht länger
für den Jungen verantwortlich sei. Den damaligen
Konventionen folgend, beugte sich Ronald schweren Herzens
dieser Diktatur, auch wenn das bedeutete, dass er drei
lange Jahre Edith nicht sehen würde, die wenig später
eine Einladung nach Cheltenham annahm, um dort bei einem
Rechtsanwalt und seiner Frau zu wohnen, während Ronald
in Birmingham blieb und weiterhin die King-Edward's-School
besuchte. Tolkien versuchte, Edith aus seinen Gedanken
zu verdrängen und verwandte so viel Zeit wie nur
irgend möglich darauf, sich auf die zweite Bewerbung
für das Oxford-Stipendium vorzubereiten. Als er im
Dezember des Jahres 1910 wieder nach Oxford fuhr, schaffte
er es, eine "Open Classical Exhibition" für
das Exeter College zu erlangen. Am Ende der letzten Oktoberwoche
des darauffolgenden Jahres packte er seine Sachen und
brach nach Oxford auf.
Studienjahre in Oxford
Obwohl sich Tolkien in Oxford von Anfang
an wohl fühlte, war das Leben dort nicht immer einfach,
da die Studentenschaft vornehmlich aus den Sprösslingen
reicher Familien bestand und es für Tolkien mit seinen
begrenzten finanziellen Mitteln nicht immer leicht war,
in einer Umgebung sparsam zu leben, die so auf den Geschmack
der Oberschicht ausgerichtet war. Er fand dennoch rasch
Freunde, schloss sich dem Essay-Club und der Dialektischen
Gesellschaft auf seinem College an und gründete bald
einen eigenen Verein, der sich "The Apolausticks"
("die es sich wohl sein lassen") nannte und
in erster Linie aus Neulingen wie ihm selbst bestand,
die sich gegenseitig ihre Aufsätze vorlasen, angeregte
Debatten führten und hin und wieder extravagante
Abendessen abhielten.
Tolkien studierte klassische Philologie, doch dauerte
es nicht lange, bis ihn lateinische, griechische und germanische
Literatur zu langweilen begannen. Deshalb wählte
er als Spezialfach Vergleichende Philologie, welches von
Joseph Wright abgehalten wurde, einem imposanten "Yorkshireman",
der in seinem Leben viel herumgekommen war und seine Leidenschaft
für die Philologie an Tolkien weitergab. Neben seinem
Studium spielte Ronald Theater und Rugby, bevor er die
Sommerferien des Jahres 1912 im Lager des "King Edward's
Horse" verbrachte, einem regionalen Kavallerie-Regiment,
bei dem er sich nach wenigen Wochen allerdings schon wieder
abmeldete. Etwa zu dieser Zeit entdeckte er das Finnische,
doch obgleich er die Sprache nie wirklich beherrschte,
waren die Folgen seiner Studien für seine eigenen
Spracherfindungen tief greifend, die fortan stark vom
Finnischen geprägt wurden und später als "Quenya"
oder "Hochelbisch" in Tolkiens literarisches
Werk einflossen.
Weihnachten des Jahres 1912 verbrachte Tolkien bei den
Incledons in Birmingham, und wie in der Familie üblich,
vertrieb man sich die Zeit mit Theater spielen. Das Stück,
das in diesem Jahr "gegeben" wurde, stammte
aus Tolkiens Feder; es trug den Titel "Der Detektiv,
der Chef und die Suffragette" und handelte von einem
Privatdetektiv namens Professor Joseph Quilter alias Sexton
Q. Blake-Holmes, der für seinen Auftraggeber die
verschwundene Erbin Gwendoline Goodchild suchen soll,
die in der Pension, in der sie wohnt, einen armen Studenten
kennen gelernt und sich in ihn verliebt hat. Nun muss
sie sich zwei Tage lang vor ihrem Vater verborgen halten,
bis sie 21 wird und ihren Liebsten heiraten kann.
Obwohl das Stück unterhaltsam angelegt ist, war "Der
Detektiv, der Chef und die Suffragette" viel inhaltsschwerer,
als die Incledons ahnten, denn nur wenige Tage nach der
Aufführung feierte Tolkien selbst seinen 21sten Geburtstag,
und er brannte darauf, Edith Bratt wiederzusehen. Als
am 3. Januar 1913 die Uhr Mitternacht schlug, setzte er
sich hin und schrieb einen Brief an Edith, in dem er seine
Liebeserklärung an sie erneuerte und nachfragte,
wann sie wieder vereint sein würden. Als Edith ihm
antwortete, war die Ernüchterung jedoch groß,
denn sie erklärte, dass sie inzwischen mit einem
gewissen George Field verlobt sei, dem Bruder ihrer Schulfreundin
Molly. Damit gab sich Ronald allerdings nicht zufrieden,
da er der Meinung war, dass sie damals in Birmingham Versprechen
ausgetauscht hatten, die nicht leichtfertig gebrochen
werden durften. Also fuhr er kurz entschlossen nach Cheltenham,
wo ihn Edith vom Bahnhof abholte, und als der Tag sich
dem Ende zuneigte, war sie bereit, Field zu verlassen
und Ronald zu heiraten. Ihre Verlobung hielten sie dennoch
vorerst geheim, aus Sorge darüber, wie ihre Familien
reagieren würden; sie wollten warten, bis Ronalds
Zukunftsaussichten klarer waren.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fuhr Tolkien am Ende
des Winters nach Oxford zurück, wo er seine ganze
Aufmerksamkeit den "Honour Moderations" widmete,
der ersten von zwei Prüfungen, mit denen er den Abschluss
in klassischer Philologie erlangen konnte. Er versuchte,
in sechs Wochen aufzuholen, was er in den vergangenen
vier Semestern durch die Sorglosigkeit des Collegelebens
versäumt hatte, und es gelang ihm tatsächlich,
bei den Prüfungen das zweitbeste Ergebnis zu erziehen.
Ihm war dennoch klar, dass er sich damit nicht zufrieden
geben durfte, wenn er vorhatte, eine Universitätslaufbahn
einzuschlagen. Da er in seinem Spezialfach Vergleichende
Philologie eine glatte Eins hingelegt hatte, schlug man
ihm seitens der Universität vor, sich fortan ganz
auf dieses Gebiet zu konzentrieren, und weil man zudem
von seinem Interesse für Alt- und Mittelenglisch
sowie für andere germanische Sprachen wusste, empfahl
Dr. Farnell, der Rektor von Exeter, Tolkien, auf die English
School zu wechseln. So gab Tolkien die Philologie mit
Beginn des Sommersemesters 1913 auf und begann, Anglistik
zu studieren.
Inzwischen hatte die junge Beziehung zwischen Ronald und
Edith einige Probleme zu meistern, denn wenn ihre Ehe
den Segen der Kirche erhalten sollte, musste Edith, bis
dahin aktives Mitglied der Kirche von England, zum Katholizismus
konvertieren. Sie hatte damit zwar keinerlei Probleme,
ihr Umfeld jedoch schon, da ihr "Onkel" Jossop,
bei dem sie lebte, fanatisch antikatholisch eingestellt
war. Als Edith ihm erklärte, dass sie katholisch
zu werden gedenke, befahl er ihr, sofort sein Haus zu
verlassen. So zog sie zusammen mit ihrer Cousine Jenny
Grove nach Warwick in der Nähe von Birmingham, und
am 8. Januar 1914 wurde Edith in die katholische Kirche
aufgenommen, ein Datum, das sie zusammen mit Ronald gewählt
hatte, weil es der erste Jahrestag ihres Wiedersehens
war. Die kirchliche Verlobung fand bald darauf statt.
Trotzdem führte Edith in der nächsten Zeit ein
relativ trübseliges Leben, denn trotz ihres Engagements
in einem Kirchenverein zugunsten arbeitender Mädchen
fand sie kaum Freundinnen, und auch ihre Gesundheit war
nicht die beste.
Der 1. Weltkrieg
Im Spätsommer 1914 brach der 1.
Weltkrieg herein, und viele junge Männer, darunter
auch Hilary Tolkien, folgten dem Ruf zu den Waffen. Ronald
wollte hingegen in Oxford bleiben, bis er sein Examen
in der Tasche hatte, deshalb meldete er sich stattdessen
bei einer Institution an, wo man sich für das Heer
ausbilden lassen und gleichzeitig an der Universität
bleiben konnte. In den Weihnachtsferien fuhr Tolkien nach
London, wo er sich mit einigen alten Schulfreunden traf.
Er schrieb nun regelmäßig Gedichte, was er
vorher nur sporadisch getan hatte. Diese Verse waren,
wenn man mal von "The Man in the Moon Came Down Too
Soon" und "Goblin Feet" absieht, nicht
besonders bemerkenswert, und auch Tolkien selbst fand,
dass das Verfassen von Gedichten ohne ein verbindendes
Thema nicht das war, was er wollte. So nahm er sich ein
Gedicht mit dem Titel "The Voyage of Éarendel
the Evening Star" ("Die Fahrt Éarendels
des Abendsterns") vor, das er im Spätsommer
1914 während eines Ferienaufenthalts in Nottinghamshire
zu Papier gebracht hatte, und ging daran, es zu einer
längeren Erzählung umzuarbeiten. Auch weil er
das Gefühl hatte, dass seine Sprache, an der er nun
schon seit einiger Zeit arbeitete, eine Geschichte und
ein Volk brauchte, das sie sprach. Mit Tolkiens späteres
mythologischen Gedanken hatte das zwar alles noch relativ
wenig zu tun, doch finden sich hier bereits verschiedene
Elemente, die später im "Silmarillion"
wieder auftauchen sollten.
Während in Tolkiens Geist allmählich die ersten
Keime seiner Mythologie aufgingen, bereitete er sich auf
seine Abschlussprüfung in englischer Sprache und
Literatur vor, die in der zweiten Juniwoche 1915 stattfand
- er bestand sie mit Auszeichnung. Damit konnte er einigermaßen
sicher sein, nach dem Krieg eine Anstellung an irgendeiner
Universität zu finden, zunächst jedoch musste
er nun seinen Dienst als Leutnant bei den "Lancashire
Fusiliers" antreten, wo er im 13. Bataillon diente.
Seine Ausbildung begann Ende Juni in Bedford, im August
wurde er nach Steffordshire verlegt, und Anfang des folgenden
Jahres entschied er sich für eine Spezialausbildung
in Nachrichtenübermittlung, denn der Umgang mit Wörtern,
Botschaften und Codes reizte ihn wesentlich mehr, als
Zugführer zu werden. Er lernte das Morsealphabet,
Scheiben- und Flaggensignale, Nachrichtenübermittlung
durch Heliographen und Lampen, den Gebrauch von Signalraketen
und Feldtelefonen, sogar den Umgang mit Brieftauben. Gleichzeitig
rückte seine Einschiffung nach Frankreich immer näher,
und da die Liste der Gefallenen des britischen Heers erschreckend
lang war, beschlossen Edith und er, vorher zu heiraten.
So wurden John Ronald Reuel Tolkien und Edith Bratt am
Mittwoch, dem 22. März 1916, während der Frühmesse
in der katholischen Kirche von Warwick getraut. Anschließend
stiegen sie in den Zug nach Clevedon, um in Somerset ihre
Flitterwochen zu verbringen, bevor Tolkien am 4. Juni
1916 seinen Einberufungsbefehl erhielt und sich auf den
Weg nach London machte, von wo es mit dem Schiff weiter
nach Frankreich ging.
Tolkien traf am 6. Juni in Calais ein und wurde ins Ausgangslager
Étaples gebracht, wo er ins 11. Bataillon überstellt
wurde und drei öde Wochen totschlagen musste, ehe
das Bataillon zur Front aufbrach, wo er an der vordersten
Frontlinie als Nachrichtenoffizier Dienst tat. Obwohl
die Gefechte längst nicht mehr so erbittert waren
wie in den ersten Tagen der Somme-Schlacht, bleiben die
Verluste der Briten hoch, und viele Soldaten von Tolkiens
Bataillon kamen ums Leben. Er blieb selbst zwar stets
unverletzt, doch je länger er in den Schützengräben
lag, desto "besser" wurden seine Chancen, auch
auf der Verlustliste zu landen. Die "Rettung"
nahte schließlich in Form einer "Pyrexie mit
unbekannter Ursache", von den Soldaten schlicht "Grabenfieber"
genannt; von Läusen verbreitet, rief diese Erkrankung
hohe Temperatur und andere Fiebersymptome hervor. Als
Tolkien vom Grabenfieber befallen wurde, erhielt er nach
einem Aufenthalt im Lazarett Genesungsurlaub, sodass er
sich am 8. November 1916 an Bord eines Schiffes nach England
befand, wo er in ein Birminghamer Krankenhaus eingewiesen
wurde. Bis zur dritten Dezemberwoche war er wieder soweit
genesen, dass er aus dem Hospital entlassen werden konnte
und über Weihnachten nach Great Haywood fuhr, wo
seine Frau mit Jenny Grove in einer möblierten Wohnung
lebte. Der Tod eines guten Freundes, G.B. Smith, mit dem
Tolkien auf der King-Edward's-School und später in
Oxford gewesen war, brachte Tolkien in dieser Zeit dazu,
endlich das große Werk zu beginnen, über das
er schon so lange nachgedacht hatte, in der Absicht, seinen
erfundenen Sprachen eine Geschichte zu geben, in der sie
sich entwickeln könnten.
Während seines Genesungsurlaubs nahm er die Arbeit
am "Book of Lost Tales" auf, dem "Buch
der Verschollenen Geschichten", dem Grundstein des
"Silmarillions". Die erste Erzählung, welche
Anfang 1917 in Great Haywood zu Papier gebracht wurde,
war "The Fall of Gondolin", worin vom Angriff
Morgoths auf die letzte Feste der Elben berichtet wird.
Edith wurde in dieser Zeit zum ersten Mal schwanger. Doch
obwohl Tolkien das Leben in Great Haywood zusagte und
er mit seiner Frau glücklich war, konnte dieses Idyll
nicht lange andauern, denn er hatte seine Krankheit längst
überwunden, und man erwartete, dass er sich zum Dienst
in Frankreich zurückmeldete. Doch es kam anders,
denn gerade, als sich sein Urlaub dem Ende näherte,
wurde er von neuem krank. In den folgenden Monaten musste
er mehrmals ins Krankenhaus eingewiesen werden, und da
sie sowieso nichts für ihren Mann tun konnte, kehrte
Edith nach Cheltenham zurück, um dort eine Klinik
für die Entbindung zu suchen. Am 16. November 1917
wurden Ronald und Edith Tolkien Eltern eines Sohnes, dem
sie den Namen John Francis Reuel gaben, Pater Francis
zu Ehren, der eigens aus Birmingham anreiste, um das Kind
zu taufen.
Trotzdem war das Leben für das junge Paar nicht einfach,
denn obwohl Tolkien nicht nach Frankreich zurück
musste, war er gezwungen, an vielen verschiedenen Orten
Dienst zu tun, bis der Friedes auf dem Kontinent im Oktober
1918, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den Schützengräben,
endlich näher rückte. So fuhr Tolkien nach Oxford,
um zu sehen, ob es irgendeine Möglichkeit gab, dort
eine Anstellung zu finden. Doch obwohl die Chancen schlecht
standen, da niemand wusste, wie es mit der Universität
weitergehen würde, sobald der Krieg wirklich zu Ende
war, hatte der Trip nach Oxford durchaus sein Gutes, denn
als Tolkien seinen alten Isländisch-Lehrer William
Craigie besuchte, brachte dieser ihn als Mitarbeiter beim
"New English Dictionary" unter. Also suchte
Tolkien sich eine Wohnung in der St. John's Street, und
am Ende des JAhres 1918 ließ er sich zusammen mit
Edith, dem Baby und Jenny Grove in Oxford nieder.
Von Oxford nach Leeds und zurück
Da die Arbeit an dem Wörterbuch
gut lief und er zudem begonnen hatte, Privatunterricht
in Angelsächsisch zu geben, konnte sich Tolkien bald
ein kleines Häuschen in der Alfred Street No.1 (heute
Pusey Street) leisten, wo die kleine Familie im Sommer
1919 einzog. Im Frühjahr 1920 verdiente Tolkien mit
seinem Nachhilfeunterricht bereits genügend Geld,
um seine Mitarbeit am "New English Dictionary"
aufgeben zu können. Ein weiteres wichtiges Ereignis
in jener Zeit war, dass Edith verkündete, sie sei
erneut schwanger. Um den Unterhalt seiner Familie zu sichern,
bewarb sich Tolkien um eine Dozentenstelle für englische
Sprachwissenschaft an der Universität Leeds. Im Grunde
rechnete er nicht damit, dass man ihn nehmen würde,
doch im Sommer 1920 forderte man ihn auf sich vorzustellen
- und er bekam den Job. Unmittelbar vor Beginn seines
ersten Semesters in Leeds schenkte Edith in Oxford einem
zweiten Sohn, Michael Hilary Reuel, das Leben, mit dem
sie Ende des Jahres 1921 in ein Haus in der St. Mark's
Terrace No.11 in Leeds zogen.
George Gordon, Leiter der Englischabteilung der Universität,
übertrug Ronald bald die Verantwortung für den
gesamten sprachwissenschaftlichen Unterricht seiner Fakultät.
Anfang 1922 erhielt der sprachwissenschaftliche Zweig
einen neuen Lektor, einen jungen Kanadier names Eric Valentine
Gordon, den Tolkien 1920 in Oxford unterrichtet hatte.
Nicht lange nach Gordons Ankunft in Leeds begannen die
beiden gemeinsam eine größere philologische
Arbeit, sie hatten vor, eine Neuausgabe des mittelenglischen
Gedichts "Sir Gawain and the Green Knight" zusammenzustellen.
Während Tolkien sich um den Text und das Glossar
kümmerte, war E.V. Gordon für einen Großteil
der Anmerkungen verantwortlich. Das Manuskript wurde Anfang
1925 von der Clarendon Press veröffentlicht und stellt
auch noch heute einen bedeutenden Beitrag zum Studium
der mittelalterlichen englischen Literatur dar.
Auch sonst verstand sich Tolkien ausgezeichnet mit E.V.
Gordon. Sie teilten den gleichen Sinn für Humor und
sorgten dafür, dass unter den Studenten ein Wikinger-Club
gegründet wurde, der zusammenkam, um Bier zu trinken,
alte Sagas zu lesen bund Lieder zu singen, von denen Tolkien
und Gordon viele selbst verfassten. Sie machten rüde
Verse über ihre Schüler, überstetzten Kinderreime
ins Angelsächsische und stimmten auf Altnordisch
Trinklieder an, was ihnen an der Universität große
Popularität verschaffte. Und auch mit seinem häuslichen
Leben war Tolkien im Großen und Ganzen zufrieden.
Das "Book of Lost Tales" war inzwischen nahezu
fertig, aber anstatt es zu vollenden und das Manuskript
einem Verlag anzubieten, fing er noch einmal ganz von
vorne an, fast, als ahnte er bereits, dass es schwierig
sein würde, für das ungewöhnliche Werk
einen Interessenten zu finden.
Dafür kam seine Karriere in Leeds einen wichtigen
Schritt voran, denn George Gordon kehrte 1922 als Professor
für englische Literatur nach Oxford zurück,
und Tolkien wurde als Kandidat für den frei gewordenen
Lehrstuhl gehandelt. Zwar erhielt die Stelle letztlich
ein anderer, doch Michael Sadler, der Vizekanzler der
Uni, versprach Tolkien, demnächst eine neue Professur
für Englisch eigens für ihn zu schaffen, und
er hielt sein Wort: 1924 wurde Tolkien mit gerade mal
32 Jahren Professor. Im gleichen Jahr kauften die Tolkiens
ein Haus in der Darnley Road No.2 am Stadtrand von Leeds,
wo Edith Anfang 1924 feststellte, dass sie von neuem schwanger
war. Sie hoffte, dass es diesmal ein Mädchen sein
würde, als das Kind jedoch im November 1924 zu Welt
kam, war es wieder ein Junge, den sie auf den Namen Christopher
Reuel tauften. Tolkien erhielt Anfang 1925 die Nachricht,
dass die Professur für Angelsächsisch in Oxford
in Kürze frei werden würde, und obwohl dort
heftig gegen ihn intrigiert wurde, setzte Tolkien sich
gegen all seine Mitbewerber durch: Er bekam die Stelle.
So kehrten die Tolkiens im Jahre 1926 nach Oxford zurück,
wo sie in der Northmoor Road zunächst zur Miete wohnten
und später ein Haus kauften, in dem sie 18 Jahre
lang leben sollten. Kurz vor dem Umzug von der Northmoor
Road No.22 nach Nummer 20 kam das vierte und letzte Kind
der Tolkiens zur Welt, die Tochter, auf die Edith so lange
gewartet hatte - sie nannten sie Priscilla Mary Reuel.
"Der kleine Hobbit"
Das Leben in der Northmoor Road verlief
in geordneten Bahnen und ohne tief greifende Veränderungen,
wie sie in den Jahren zuvor das Leben der Familie geprägt
hatten. Tolkien hielt Vorlesungen in Mittelenglisch und
Angelsächsisch und bürdete sich dabei manchmal
mehr auf als sich bewältigen ließ, sodass es
gelegentlich vorkam, dass er Vorlesungsreihen abbrach,
weil er einfach nicht genügend Zeit fand, sie vorzubereiten.
Seine Stellung verlangte es, dass er graduierte Studenten
in ihren Arbeiten anleitete und Prüfungen in der
Universität vornahm. Zusätzlich übte er
oft die "freiberufliche" Tätigkeit eines
externen Prüfers an anderen Hochschulen aus, denn
da er vier Kinder zu ernähren hatte und sein Gehalt
als Professor nicht gerade großzügig bemessen
war, musste er, wo immer es nur ging, seine Einkünfte
aufbessern. Er setzte seine Sprachforschungen nebenbei
fort. Doch da Tolkien Zeit seines Lebens sein strengster
Kritiker war, gelangten nur wenige dieser Werke in Druck,
sodass alles, was in den 30er Jahren aus Tolkiens Feder
veröffentlicht wurde, ein Aufsatz über die Dialekte
in Chaucers "Reeve's Tale" war, der auch noch
heute als Pflichtlektüre für jeden gilt, der
die regionalen Verschiedenheiten im Englisch des vierzehnten
Jahrhunderts verstehen will, ebenso wie Tolkiens Vortrag
"Beowulf: The Monsters and the Critics".
In Oxford fand sich nach und nach eine Gruppe von Männern
zusammen, die sich die "Inklings" (zu Deutsch:
Tintenklekser) nannten. Obwohl die "Inklings"
inzwischen sogar in die moderne Literaturgeschichte eingegangen
sind und einiges über sie geschrieben wurde, waren
sie im Grunde nichts weiter als ein paar Freunde, die
sich für Literatur interssierten. Die Kernfigur des
Clubs war Clive Staples Lewis, ein Autor und Literaturwissenschaftler,
der sich mit fantastischen Romanen und Kinderbüchern
einen Namen gemacht hatte. Die "Inklings" waren
Ende der 30er Jahre für Tolkien zu einem wichtigen
Teil seines Lebens geworden. Privat hingegen standen die
Dinge keineswegs alle zum Besten, denn die Beziehung zu
Edith war nicht einfach, da sie als Frau mit nur geringer
Schulbildung Schwierigkeiten hatte, sich in das anspruchsvolle
Leben in Oxford einzufügen. Zudem wusste sie nicht
recht, wie sie die Haushaltsführung ausrichten sollte,
da sie in ihrer eigenen Kindheit nur ein sehr eingeschränktes
häusliches Leben ohne viele Möglichkeiten gekannt
hatte, was dazu führte, dass sie hinter autoritärem
Gebaren ihre Unsicherheit versteckte. Sie verlangte strikte
Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten, die Kinder mussten
jeden Bissen vom Teller aufessen und die Dienstmädchen
hatten ohne Fehl und Tadel zu sein.
Tolkien wurde nach einer Weile klar, dass Edith mit dem
Leben in Oxford unzufrieden war. Außerdem machte
er sich Sorgen darüber, dass sie gegen die strengen
Etiketten der Universitätsstadt verstoßen könnte,
was Edith bis zu einem gewissen Grad tatsächlich
tat, indem sie beispielsweise keine Teegesellschaften
besuchte und auch selbst keine gab, sodass man sie schließlich
aus der Gesellschaft "ausschloss". Auch das
Verhältnis zu ihrem Ehemann kühlte ab, was zum
Teil daran lag, dass Edith dem Katholizismus gegenüber
eine zunehmend ablehnendere Haltung gewann und sich von
ihrem Mann nicht beachtet fühlte. Im Grunde lebten
Ronald und Edith in der Northmoor Road jeder für
sich, mit getrennten Schlafzimmern und unterschiedlicher
Tageseinteilung, was jedoch nichts daran änderte,
dass zwischen ihnen eine tiefe Zuneigung bestand. Eine
wichtige Quelle dafür war die gemeinsame Liebe zu
ihrer Familie, die sie miteinander bis ans Ende ihres
Lebens verband und vielleicht die stärkste Kraft
in ihrer gesamten Ehe war.
Tolkien verbrachte viel Zeit damit, seinen Kindern Geschichten
zu erzählen, von denen er später viele zu Papier
brachte und zu Veröffentlichung anbot, wie "Die
Abenteuer von Tom Bombadil" und "Der kleine
Hobbit", an dem er entweder 1930 oder 1931 zu arbeiten
begann. Anfangs hatte er nicht die Absicht, die bürgerlich-behagliche
Welt von Bilbo Beutlin in irgendein Verhältnis mit
dem "Silmarillion" zu bringen, doch nach und
nach begannen sich immer mehr Elemente seiner Mythologie
in das Werk einzuschleichen, auch wenn er nicht zuließ,
dass das Buch allzu ernsthaft wurde. Ein Kinderbuch sollte
"Der kleine Hobbit" werden, selbst wenn Tolkien
es zunächst nicht zu Ende brachte. Erst als Elaine
Griffiths, eine ehemalige Studentin Tolkiens, die eine
Freundin der Familie geworden war, das Typoskript vom
"Kleinen Hobbit" gegenüber einer Lektorin
des Verlags Allen & Unwin erwähnte, die es las
und Tolkien bat, die Geschichte zu beenden, brachte er
den Roman zum Abschluss: Am 21. September 1937 erschien
"The Hobbit or There and Back Again" schließlich
bei Allen & Unwin.
Die englische Presse war voll des Lobs für das Buch,
und bis Weihnachten war die erste Auflage bereits vergriffen.
Als einige Monate später die amerikanische Ausgabe
des "Hobbits" auf den Markt kam, fand der Roman
auch in den USA allgemein breite Zustimmung und wurde
von der "New York Herald Tribune" zum "besten
Jugendbuch des Jahres" gekürt. Spätestens
da wurde einem der beiden Verleger, Stanley Unwin, klar,
dass sich aus dieser Sache noch eine ganze Menge mehr
machen ließ. Bei einem Essen sprachen Tolkien und
er über weitere Projekte. Tolkien bot Unwin seine
früher niedergeschriebenen Kindergeschichten wie
"Mr. Bliss", "Farmer Giles of Ham"
und den unvollendeten Roman "The Lost Road"
an, doch obwohl Unwin die Erzählungen gefielen, handelte
keine davon von Hobbits, und Unwin war sicher, dass es
das war, was die Leser wollten. Also begann Tolkien im
Dezember 1937 mit einer neuen Hobbiterzählung, die
sich vom Stil her allerdings von Anfang an deutlich vom
heiteren Stil des "Kleinen Hobbits" unterschied
und stattdessen zur düsteren Welt des "Silmarillion"
tendierte.
Es entstanden nach und nach die ersten Kapitel des Werkes,
ohne dass es einen Titel besaß oder Tolkien wusste,
wohin er mit dem Text eigentlich wollte. Er begann dann,
sich auf die Frage zu konzentrieren, welche Bewandtnis
es mit dem Ring auf sich hatte, den Bilbo Beutlin im "Kleinen
Hobbit" dem Höhlenwesen Gollum abgenommen hatte.
Seine Gedanken kamen in Fluss, mit der Folge, dass die
Story mehr und mehr aus dem Ruder lief. Etwa zu jener
Zeit, als Chamberlain das Münchner Abkommen mit Hitler
unterzeichnete, beschloss Tolkien schließlich, das
Buch "Der Herr der Ringe" zu nennen.
"Der Herr der Ringe"
Bald wurde deutlich, dass es sich beim
"Herrn der Ringe" nicht so sehr um eine Fortsetzung
des "Kleinen Hobbits", sondern vielmehr um eine
Erweiterung des noch immer unveröffentlichten "Silmarillion"
handelte. Jeder einzelne Aspekt dieses älteren Werkes
reichte in das neue hinüber - die Mythologie, die
Elbensprachen, sogar das feanorische Alphabet, in dem
Tolkien von 1926 bis 1933 sein Tagebuch geführt hatte.
Anfang 1940 war der "Herr der Ringe" bis zur
Mitte des zweiten Buches gediehen. Der Ausbruch des 2.
Weltkriegs im September 1939 hatte für das Leben
der Tolkiens keine größeren Folgen. Trotzdem
änderte sich während dieser Zeit manches für
die Familie, denn die Jungen gingen aus dem Haus. John,
der Älteste, der wie sein Vater am Exeter College
studiert hatte, ließ sich in Rom zum katholischen
Priester ausbilden, während Michael ein Jahr am Trinity
College verbrachte und danach bei der englischen Flugzeugabwehr
Kanonier wurde. Christopher besuchte wie sein Bruder das
Trinity College, nur Priscilla, die Jüngste, lebte
noch zu Hause.
Im Gegensatz zu anderen Professoren wurde Tolkien nicht
zur Arbeit für das Kriegsministerium eingezogen,
so konnte er sich weiter der Arbeit am "Herrn der
Ringe" widmen. Anfangs hatte man beim Verlag Allen
& Unwin gehofft, die neue Geschichte nicht lange nach
dem "Kleinen Hobbit" veröffentlichen zu
können, doch diese Hoffnung hab man bald auf, und
1942 verschwand sogar der "Hobbit" aus dem Buchhandel,
als die Restauflage des Romans bei den Bombenangriffen
auf London im Lager verbrannte. Stanley Unwin war trotz
allem noch immer am "Herrn der Ringe" interessiert,
auch, weil Tolkien meinte, bald mit dem Buch zu Ende zu
kommen. Doch die Arbeit zog sich immer weiter hin, und
irgendwann war der Krieg wieder zu Ende, ohne dass "Der
Herr der Ringe" vollendet worden wäre.
Tolkien wurde im Herbst 1945 zum Merton-Professor für
englische Sprache und Literatur ernannt. Zur gleichen
Zeit zog die Familie wieder einmal um, da das Haus in
der Northmoor Road nach dem Auszug der Jungen für
sie zu groß und auch zu kostspielig war. Tolkien
mietete ein Haus in der Manor Road, nahe des Stadtzentrums,
und trieb mit Eifer die Arbeit am "Herrn der Ringe"
voran, was ihn so viel Zeit kostete, dass seine Kollegen
schon argwöhnten, er wäre für die Philologie
verloren. Gegen Ende des Jahres 1947 kam das Werk endlich
zum Abschluss, Tolkien jedoch überarbeitete, feilte
und korrigierte alles wieder und wieder von Anfang an
durch, und es dauerte bis zum Herbst 1949, bis das Buch
schließlich in einer Fassung vorlag, mit der Tolkien
einigermaßen zufrieden war.
Sein 60. Geburtstag war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
fern. Er hatte 12 lange Jahre darauf verwendet, den "Herrn
der Ringe" zu schreiben, doch nun, da der Roman endlich
fertig war, schien er nicht mehr gewillt, ihn bei Allen
& Unwin zu veröffentlichen. Zum einen lag das
daran, dass er den "Herrn der Ringe" und das
"Silmarillion" zusammen herausbringen wollte
und der Meinung war, Stanley Unwin würde das nicht
tun. Hinzu kam, dass er zwischenzeitlich einen anderen
Verleger, Milton Waldman vom Verlag Collins, kennen gelernt
hatte, der daran interessiert war, die Rechte an beiden
Büchern zu kaufen und auch Tolkiens "Hobbit"
neu aufzulegen, weshalb Tolkien ganz bewusst versuchte,
Unwin abzuschrecken. Er schrieb Unwin, dass "Der
Herr der Ringe" entsetzlich düster und lang
und für Kinder vollkommen ungeeignet sei, und letztendlich
gelang es ihm, de beharrlichen Unwin, der die ganzen Jahre
über so geduldig auf das Buch gewartet hatte, dazu
zu bringen, das Projekt fallen zu lassen.
Zu dieser Zeit stand wieder einmal ein Umzug ab; das Merton-College
hatte Tolkien ein Haus in der Holywell Street No.99 angeboten,
wohin er im Frühjahr 1950 mit Edith und Priscilla
zog, während Christopher, der nun nicht mehr zu Hause
wohnte, eine Stellung als Privattutor an der Englisch-Fakultät
Oxford antrat. Bei Collins schritt man währenddessen
der Veröffentlichung des "Herrn der Ringe"
und des "Silmarillion" entgegen. Alles war reif
für den Druckbeginn, dann jedoch kam Waldman anfang
Mai 1950 nach Oxford, um Tolkien zu erklären, "Der
Herr der Ringe" müsse auf jeden Fall gekürzt
werden. Obgleich Tolkien darüber verärgert war,
erklärte er sich bereit, der Forderung nachzukommen.
Kurz darauf reiste Waldman nach Italien ab, wo er für
gewöhnlich den größten Teil des Jahres
verbrachte, und nur im Frühjahr und Herbst nach London
kam, um hier seine Geschäfte zu regeln. So fiel es
nun William Collins, dem Verleger, zu, sich um Tolkien
und seine Bücher zu kümmern. Collins konnte
allerdings mit Tolkiens eigenwilligen Werken nicht viel
anfangen, und als Waldman dann auch noch erkrankte und
die Veröffentlichung der Bücher sich mehr und
mehr verzögerte, wurde Tolkien - der an dieser Verzögerung
nicht ganz unschuldig war - allmählich ungehalten.
Als es im März 1952 noch immer nicht zu einem Vertragsabschluss
mit Collins gekommen war, stellte er dem Verlag ein Ultimatum:
Entweder müsse Collins den "Herrn der Ringe"
nun sofort herausbringen, oder er würde mit dem Buch
zu Allen & Unwin zurückgehen. Genau wie Stanley
Unwin war William Collins allerdings kein Mann, der sich
auf diese Weise erpressen ließ, und so teilter er
Tolkien mit, er hielte es ebenfalls für das Beste
für die Bücher einen anderen Verlag zu suchen.
So kehrte Tolkien zu Allen & Unwin zurück, wo
der Sohn des Verlegers, Rayner Unwin, beschloss, das Buch
in drei Teilen zu drucken. Da man bei Allen & Unwin
annahm, nicht mehr als ein paar Tausend Exemplare vom
"Herrn der Ringe" unter die Leute bringen zu
können, bot man Tolkien einen Vertrag mit Gewinnteilung
an, um das Risiko zu minimieren. Tolkien würde so
lange kein Geld für das Buch bekommen, bis der Absatz
die Kosten gedeckt hätte - von da an erhielt er allerdings
von allen entstehenden Gewinnen den gleichen Anteil wie
der Verlag. Tolkien war einverstanden, und der erste Band
"The Fellowship of the Ring" ("Die Gefährten")
sollte im Sommer 1954 erscheinen, die beiden anderen Teile
"The Two Towers" ("Die zwei Türme")
und "The Return of the King" ("Die Rückkehr
des Königs") anschließend in kurzen Abständen.
Die Auflagen der Bücher waren bescheiden: Während
vom ersten Band 3500 Exemplare gedruckt wurden, sollten
die Auflagen der beiden anderen Bände etwas darunter
liegen. Beim Verlag ging man davon aus, dass diese begrenzte
Anzahl Bücher voll und ganz ausreichen würde,
um das Interesse am "Herrn der Ringe" zu befriedigen;
mit der Möglichkeit, dass der Roman Erfolg haben
könnte, rechnete niemand.
Vom Bestseller zum Kultroman
Als der erste Teil der Trilogie schließlich
im Sommer 1954 in die Läden kam, war es sechzehn
Jahre her, seit Tolkien mit der Arbeit am "Herrn
der Ringe" begonnen hatte. Er fürchtete, dass
das Publikum den Roman nicht wohlwollend aufnehmen würde,
in dem er, wie er sagte, sein "Herz bloßgelegt"
hatte. Doch er hätte sich keine Sorgen zu machen
brauchen, denn "Die Gefährten" erntete
einhelliges Lob von allen Seiten, mit dem Resultat, dass
sechs Wochen nach der Erscheinung eine zweite Auflage
gedruckt werden musste. Mitte November kam der zweite
Band auf den Markt, und wieder war die englische Kritik
begeistert, während die Rezensenten in Übersee
sich im Allgemeinen eher zurückhaltend äußerten.
Erst nach einer lobenden Kritik von W.H. Auden in der
"New York Times" sorgte dafür, dass sich
auch in Amerika der Absatz der Bücher allmählich
steigerte. Als sich die Veröffentlichung des dritten
Bandes verzögerte, weil Tolkien es nicht schaffte,
den Anhang trotz der intensiven Mitarbeit seines Sohnes
Christopher rechtzeitig fertig zu stellen, gingen immer
mehr wütende Briefe, wo der Roman bliebe, beim Verlag
ein.
Trotzdem kam "The Return of the King" erst am
20. Oktober 1955, beinahe ein Jahr nach der Veröffentlichung
von "The Two Towers", heraus, doch da war längst
klar, dass man sich bei Allen & Unwin wegen der 1000
Pfund, die man in den "Herrn der Ringe" investiert
hatte, keine Sorgen zu machen brauchte, denn die Verkaufszahlen
stiegen beharrlich an. Anfang 1956 erhielt Tolkien einen
ersten Scheck über 3500 Pfund, was mehr als sein
Jahresgehalt von der Universität war. Im Laufe der
Jahres verkauften sich die Bücher immer besser, zumal
der Verlag sie nun auch im Ausland vertrieb, und im Sommer
1957 galt "Der Herr der Ringe" international
als "heiße Ware", was Ende des Jahres
ein erstes Filmangebot von drei amerikanischen Geschäftsleute
nach sich zog, die aus dem Roman einen Trickfilm machen
wollten. Tolkien jedoch lehnte ab, da er der Meinung war,
man würde dort mit seinem Werk nicht respektvoll
genug umgehen.
Die Verkaufszahlen stiegen unterdessen immer weiter an,
doch erst, als der amerikanische Verlag Ace Books eine
unautorisierte Taschenbuchausgabe der drei Bände
auf den Markt brachte und darüber ein heftiger Rechtsstreit
zwischen dem offiziellen Lizenznehmer Houghton Mifflin
und Ace entbrannte, wurde "Der Herr der Ringe"
auch in den USA zu einem Bestseller. Denn dieser Rechtsstreit
verursachte beträchtliches Aufsehen und machte Tolkien
und sein Werk in Amerika so bekannt, dass Ballantine Books
bis Ende 1965 eine Million Exemplare vom "Herrn der
Ringe" absetzen konnte. Das Buch erlangte vor allem
unter der amerikanischen Studentenschaft bald Kultstatus.
Bis 1968 wurden weltweit über drei Millionen Exemplare
des Romans abgesetzt, was Tolkien zu einem echten Star
machte; immer mehr Reporter baten ihn um Interviews, die
Fans begannen, regelrechte Pilgerfahrten nach Oxford zu
unternehmen, um Tolkien zu treffen, und er wurde mit Leserpost
förmlich überhäuft. Tolkien jedoch gefiel
der ganze Wirbel um seine Person überhaupt nicht,
und so begann er, sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit
zurückzuziehen.
Die letzten Jahre
Tolkien war zu diesem Zeitpunkt seit
fast zehn Jahren pensioniert. Auch wenn es ihn unglücklich
machte, sich aus dem Umfeld seiner Freunde zunehmend zurückzuziehen,
hatte er nun endlich die Möglichkeit, die Arbeit
am "Silmarillion" fortzusetzen, das Allen &
Unwin nach dem riesigen Erfolg des "Herrn der Ringe"
unbedingt veröffentlichen wollte. Doch das Haus in
der Sandfield Road, in dem die Tolkiens damals lebten,
war nicht der beste Ort für den Ruhestand, da es
von dort aus zwei Meilen bis zum Zentrum waren, und die
nächste Bushaltestelle war weiter entfernt, als Edith
laufen konnte, mit deren Gesundheit es schon seit Jahren
nicht zum Besten stand. So beschlossen sie nicht lange
nach ihrer Goldenen Hochzeit, Anfang 1968, nach Bournemouth
umzuziehen. Sie hatten bereits einige Jahre zuvor begonnen,
hier ihre Ferien im "Miramar"-Hotel zu verbringen,
einem teuren, komfortablen Etablissement, das Edith gut
gefiel. Deshalb kauften sie sich in der Lakeside Road
19 einen Bungalow, von dem aus das "Miramar"
mit einer kurzen Taxifahrt zu erreichen war.
Das Leben in Bournemouth sagte ihnen zu, und obwohl Tolkien
seine Freunde in Oxford immer stärker fehlten, reichte
es ihm zu sehen, dass Edith glücklicher war als je
zuvor in ihrer Ehe war. Auch hatte er nun Zeit, sich um
das "Silmarillion" zu kümmern, das im Prinzip
längst fertig war. Um eine fortlaufende Erzählung
aus seinen Unterlagen zu machen, musste er nur noch entscheiden,
welche Fassung jedes Kapitels er verwenden wollte. Da
er zumeist jedoch selbst nicht wusste, welche der vielen
Fassungen, die er im Laufe der Jahre geschrieben hatte,
die neueste war, und es in den Texten darüber hinaus
einige Unstimmigkeiten gab, zog sich die Veröffentlichung
des Buches weiter hin. Nach drei Jahren in Bournemouth,
im Sommer 1971, hatte Tolkien endlich Fortschritte gemacht
- doch bevor er dazu kam, das Projekt endlich zum Abschluss
zu bringen, schlug das Schicksal zu: Mitte November 1971
erkrankte Edith an einer Gallenblasenentzündung.
Sie wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert und starb
dort nach einigen Tagen schweren Leidens am 29. November
im Alter von 82 Jahren.
Nachdem Tolkien sich von dem ersten Schock erholt hatte,
dass Edith tot war, die Frau, mit der er sein gesamtes
Leben verbracht hatte, kam er zu dem Schluss, dass es
ihm unmöglich war, in Bournemouth zu bleiben. Unbedingt
wollte er zurück nach Oxford. Zunächst war unklar,
wo er unterkommen sollte, dann jedoch bot ihm das Merton
College als Ehrenmitglied einige Zimmer in einem College-Gebäude
in der Merton Street an. Tolkien nahm das Angebot begeistert
an und zog Anfang März 1972 um. Er hatte unter Ediths
Verlust sehr gelitten und war nun ein einsamer Mann, doch
zum ersten Mal seit vielen Jahren war er frei und konnte
so leben, wie es ihm gefiel.
Es waren alles in allem zwei glückliche Jahre in
Oxford, nicht zuletzt wegen der vielen Ehrungen, die ihm
zuteil wurden. Mehrere amerikanische Universitäten
luden ihn zu Besuchen ein, bei denen ihm der Ehrendoktortitel
verliehen werden sollte, doch Tolkien lehnte stets mit
der Begründung, die Reise sei zu anstrengend für
ihn, ab.
Man ehrte ihn auch in seinem Heimatland. Tolkien fuhr
im Juni 1973 nach Edinburgh, um dort einen Ehrendoktor
in Empfang zu nehmen, nachdem er im Frühjahr 1972
bereits im Buckingham-Palast gewesen war, wo ihm die Königin
den Kommandeurs-Orden des britischen Empire verliehen
hatte. Am meisten jedoch befriedigte ihn die Verleihung
eines Ehrendoktorats der Literatur durch seine eigene
Universität Oxford - ausnahmsweise einmal nicht für
den "Herrn der Ringe", sondern für seinen
Beitrag zu Philologie. Er wurde zwischenzeitlich immer
wieder gedrängt, das "Silmarillion" endlich
zu Ende zu bringen, doch offenbar ahnte Tolkien, dass
ihm die Zeit hierfür nicht mehr blieb, denn er entschied,
dass sein Sohn Christopher diese Aufgabe übernehmen
sollte, falls er starb, bevor er das Buch zum Abschluss
bringen konnte.
Ende 1972 stellten sich erste Anzeichen dafür, dass
es mit Tolkiens Gesundheit berab ging, ein. Er begann
unter einer schweren Verdauungsstörung zu leiden.
Außerdem fühlte er sich einsam, und während
der Sommer 1973 dahinging, kamen viele, die ihm nahe standen,
zu dem Schluss, dass er trauriger als sonst war und schneller
zu altern schien. Dessen ungeachtet schien sich Tolkien
selbst nicht übermäßig unwohl zu fühlen,
denn im Juli begab er sich nach Cambridge zu einem Essen
des Ad-Eundem-Clubs, und kurz darauf fuhr er nach Bournemouth,
um Denis und Jocelyn Tolhurst zu besuchen, das Arztehepaar,
das sich um Edith und ihn gekümmert hatte, als sie
in Bournemouth lebten.
Und doch nahte das Ende unaufhaltsam. Am Donnerstag nahm
Tolkien an Mrs. Tolhursts Geburtstagsfeier teil, fühlte
sich jedoch nicht wohl und wollte nichts essen. Er bekam
in der Nacht starke Schmerzen, und am nächsten Morgen
brachte man ihn in eine Privatklinik, wo ein akutes blutendes
Magengeschwür festgestellt wurde. Sein Sohn Michael
machte Ferien in der Schweiz und Christopher hielt sich
gerade in Frankreich auf, sodass beide nicht mehr rechtzeitig
an sein Krankenbett kommen konnten. John und Priscilla
waren dafür bei ihm. Tolkiens Zustand wurde von den
Ärzten zunächst optimistisch beurteilt, am Samstag
hatte sich jedoch eine Entzündung in seiner Brust
entwickelt, und am Sonntag, den 2. September 1973, starb
Tolkien im Alter von 81 Jahren. Der Leichnam wurde nach
Oxford überführt, wo Tolkien neben seiner Frau
auf dem katholischen Teil des Friedhofs von Wolvercote
beigesetzt wurde. Man hielt die Totenmesse in Oxford,
in der Kirche in Headington, die Tolkien häufig besucht
hatte. Die Bibelstellen und Gebete waren von seinem Sohn
John ausgesucht worden, der auch die Messe las. Es gab
keine Predigt und keine Lesung aus Tolkiens Werken. Stattdessen
kam 1977 Tolkiens "Erbe" auf den Markt, das
unvollendete "Silmarillion", das, so wie es
Tolkien gewollt hatte, von Christopher geordnet und posthum
bei Allen & Unwin veröffentlicht worden war.
Tolkiens Vermächtnis war das "Silmarillion"
- das Vermächtnis eines Lebens, das nicht so sehr
im Zeichen der Literatur als vielmehr in dem Bestreben
gestanden hatte, etwas zu schaffen, was seinem Innersten
Ausdruck verlieh. Das war alles, was John Ronald Reuel
Tolkien je wollte, und das hat er mit seinen unvergesslichen
Werken, dem "Silmarillion", dem "Kleinen
Hobbit" und dem "Herrn der Ringe", auch
geschafft.
Informationen stammen aus:
"Space - View Fantasy - Der Herr Der Ringe" von Stefan
Servos/ Andreas Kasprzak erschienen im Heel - Verlag [2001]
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