J.R.R. Tolkien - Sein Leben

Ein ganz gewöhnliches Leben

Am 3. Januar 1892 wurde John Ronald Reuel Tolkien als Sohn deutschstämmiger englischer Kolonisten In Bloemfontein im südafrikanischen Oranje-Freistaat geboren. Arthur Reuel Tolkien, sein Vater, war bei der Bank of Africa angestellt, seine Mutter Mabel, geborene Suffield, besorgte den Haushalt. Das Schicksal schien es zunächst gut mit den Tolkiens zu meinen: Arthurs Stellung erlaubte ihnen einen gehobenen Lebensstil, und die Geburt von Ronalds zwei Jahre jüngerem Bruder Hilary Arthur Reuel am 17. Februar 1894 machte das Glück perfekt. Doch der Schein trog: Über der Zukunft der jungen Familie lastete ein dunkler Schatten. Als Mabel im Frühjahr des Jahres 1895 mit ihren beiden Söhnen nach England aufbrach, um dort zum ersten Mal nach drei langen Jahren ihre Familie wiederzusehen, musste Arthur in Südafrika bleiben, um sich dort um einige Eisenbahnprojekte zu kümmern, in die "seine" Band investiert hatte. Das fiel anfangs nicht weiter ins Gewicht, da Mabel und ihre Söhne im Haus der Familie Suffield im Villenviertel King's Heath in Birmingham einen schönen Sommer verlebten. Dann jedoch erreichte Mabel die Nachricht, ihr Mann sei an Rheumafieber erkrankt. Er hätte die Krankheit zwar bereits halb überwunden, doch in seinem geschwächten Zustand könne er die lange, anstrengende Reise nach England unmöglich antreten, was Mabel mit großer Sorge erfüllte. Als sie im Januar 1896 erfuhr, dass Arthurs Gesundheitszustand sich noch immer nicht nennenswert verbessert hatte, beschloss sie, sofort nach Bloemfontein zurückzukehren. Dazu kam es aber nicht mehr, denn sie erhielt kurz vor ihrer Abreise ein Telegramm mit der Nachricht, ihr Mann habe einen Blutsturz erlitten, und bereits am folgenden Tag, dem 15. Februar 1896, starb Arthur Reuel Tolkien im Alter von nur 39 Jahren.

Tolkiens Jugend

Nach dem überraschenden Tod ihres Mannes musste Mabel, gerade 26, die Entscheidung treffen, wie es mit ihr und ihren beiden Söhnen weitergehen sollte. Sie wusste, dass sie nicht ewig im Haus ihrer Eltern bleiben konnte, das Erbe ihres Mannes war jedoch nur klein und reichte nicht aus, um eine Frau mit zwei Kindern für längere Zeit über Wasser zu halten. Zunächst blieben sie in King's Heath, wo der junge Ronald begeistert den Geschichten seines Großvaters lauschte und schon bald begann, seinen Vater zu vergessen. Schließlich fand Mabel im Sommer 1896 ein Haus, das günstig genug für sie war, und zog mit ihren Kindern in das Dorf Sarehole, ungefähr eine Meile außerhalb von Birmingham, wo Mabel sich nicht nur um das leibliche Wohl ihrer Söhne kümmerte, sondern sie auch in Latein, Französisch, Deutsch, Mathematik, Musik und Zeichnen unterrichtete, da sie das Schulgeld nicht aufbringen konnte. Außerhalb der Unterrichtsstunden gab sie Ronald viel zu lesen, er vertiefte sich in "Alice im Wunderland", verspürte jedoch nicht den Wunsch, ähnliche Abenteuer zu erleben, und auch R.L. Stevensons "Schatzinsel" oder die Märchen von Hans Christian Andersen gefielen ihm nicht. Ihn begeisterten dafür die Bücher von Andrew Lang, besonders das "Red Fairy Book", in dem er zum ersten Mal die Geschichte von Sigurd und dem Drachen Fafnir entdeckte, die vor allem auf sein späteres literarisches Schaffen großen Einfluss hatte.
Das Leben in Sarehole war einfach, aber zufrieden stellend, bis Mabel, für die der Glauben nach dem Tod ihres Mannes viel an Bedeutung gewonnen hatte, 1899 zusammen mit ihrer Schwester May Incledon beschloss, zum Katholizismus zu konvertieren, woraufhin sich etliche ihrer anglikanisch-protestantischen Verwandten von ihr abwandten, darunter auh Mays Mann Walter, der sie bis dahin regelmäßig mit etwas Geld unterstützt hatte und die Zahlungen jetzt einstellte. Da auch die Familie von Arthur, überzeugte Baptisten, eine Ablehnung gegen den Katholizismus hegte, musste Mabel nun nicht nur gegen die Armut, sondern auch noch gegen die Anfeindungen ihrer Verwandten ankämpfen. Und doch ließ sie sich nicht entmutigen und zog die Brüder Ronald und Hilary in streng katholischem Glauben groß.
Ronald absolvierte im Herbst 1899 die Aufnahmeprüfung der King-Edward's-School, die auch sein Vater besucht hatte, bestand sie jedoch erst ein Jahr später im zweiten Anlauf und wurde zur Jahrhundertwende aufgenommen. Ein Onkel von Seiten der Tolkiens, welcher Mabel im Gegensatz zur übrigen Familie nach wie vor wohlgesinnt war, bezahlte das Schulgeld für ihn. Da die Schule im Zentrum von Birmingham lag, mehr als vier Meilen von Sarehole entfernt, musste Ronald zunächst jeden Morgen und jeden Abend ein ganzes Stück laufen, denn die Fahrkarten für die Eisenbahn konnte seine Mutter sich nicht leisten. Da das auf Dauer jedoch kein Zustand war, begann Mabel bald, ein neues Heim näher am Stadtkern von Birmingham zu suchen, und im November 1900 zog die Familie in ein Haus im Viertel Moseley.
Dem jungen Ronald erschien das Chaos der Oberschule nach der Stille und Beschaulichkeit von Sarehole wie die Hölle. Im ersten Jahr fehlte er aus gesundheitlichen Gründen häufig, doch nach und nach gewöhnte er sich an die neue Umgebung und gliederte sich in den Schulalltag ein. Die Tolkiens mussten allerdings bald wieder aus dem Haus in Moseley ausziehen, das abgerissen werden sollte, um Platz für eine Feuerwehrwache zu schaffen. Diesmal zogen sie in ein kleines Häuschen, das direkt hinter dem Bahnhof von King's Heath lag. Doch auch dort blieben sie nicht lange, denn Mabel gefiel es dort nicht, und auch in der katholischen Kirche St. Dunstan, die gleich um die Ecke lag, fühlte sie sich nicht wohl. Sie siedelten in den Vorort Edgbaston um, nahe des St-Philips-Gymnasiums, wo die zehn- und achtjährigen Tolkien-Brüder eine katholische Erziehung genießen konnten und das Schulgeld zudem um einiges günstiger war als in der King-Edward's-School. Mabels engster Vertrauter in dieser Zeit war der Gemeindepriester Pater Francis Xavier Morgan, der im Hause der Tolkiens bald unentbehrlich wurde.
Allerdings hatte der Umzug nach Edgbaston auch Nachteile, denn es zeigte sich bald, dass Ronald seinen Schulkameraden weit überlegen war, weshalb Mabel ihn von der Schule nahm und so lange wieder zu Hause unterrichtete, bis Ronald 1904 ein Stipendium an seiner alten Schule erhielt, wo er nun seine lebenslang andauernde Leidenschaft für Sprachen entdeckte, insbesondere für Griechisch und Angelsächsisch.
Nachdem die Dinge eine Zeit lang recht gut gelaufen waren, verschlechterte sich die Situation Anfang 1904 zusehends. Erst mussten die Brüder mit Masern und Keuchhusten wochenlang das Bett hüten, dann wurde Mabel nach einem Schwächeanfall ins Krankenhaus eingewiesen, wo die Ärzte ihr Diabetes diagnostizierten. Da es damals für Zuckerkranke noch keine Insulin-Behandlung gab, war sie gezwungen, bis auf weiteres im Hospital zu bleiben. Das Haus in Edgbaston wurde aufgegeben, die Brüder kamen vorübergehend bei Verwandten unter - Hilary bei den Großeltern Suffield, Ronald in Hove bei Edvin Neave, einem Versicherungsangestellten, der mit Ronalds Tante Jane verheiratet war. Er blieb dort, bis seine Mutter im Sommer das Krankenhaus endlich wieder verlassen hatte.
Da klar war, dass Mabel noch lange Pflege und Schonung bedurfte, brachte Pater Francis die Familie im Juni 1904 in Rednal unter, einem kleinen Dorf in Worcestershire, und es war beinahe so, als wären sie nach Sarehole zurückgekehrt, wo sie vier Jahre lang so glücklich gewesen waren. Aber sobald die Ferien zu Ende waren und Ronald täglich mit dem Zug nach Birmingham fuhr, verschlechterte sich Mabels Gesundheitszustand erneut, ohne dass es irgendjemand mitbekam. Sie erlitt Anfang November einen Zusammenbruch und fiel ins diabetische Koma. Am 14. November 1904, sechs Tage später, starb sie mit 34 Jahren in dem Haus in Rednal; Pater Francis und ihre Schwester May waren bei ihr. Auf dem katholischen Friedhof von Bromsgrove wurde Mabel Tolkien beigesetzt.

Edith

Mabel hatte Pater Francis testamentarisch zum Vormund ihrer Söhne bestimmt, was sich als gute Wahl erwies, da der Pater den Jungen freigiebig Hilfe und Freundschaft gewährte und dafür sorgte, dass ihnen an nichts mangelte. Zunächst brachte er sie im Haus einer ihrer Tanten, Beatrice Suffield, unter, die Zimmer vermietete. Tante Beatrice hatte allerdings nicht viel für die Kinder übrig, sodass Ronald und Hilary die meiste Zeit mit Pater Francis verbrachten. Inzwischen hatte auch Hilary die Aufnahmeprüfung für die King-Edward's-School bestanden, selbst wenn Ronald klar der bessere Schüler von beiden war. Er führte stets die Riege der Klassenbesten an, und es dauerte nicht lange, bis die Lehrer erkannten, dass er eine enorme Begabung für Sprachen besaß. Doch Latein, Griechisch, Französisch und Deutsch sprechen zu können war eine Sache; etwas völlig anderes war es Entstehung und Aufbau dieser Sprachen zu verstehen.
Ronald hatte bereits begonnen, nach Elementen zu suchen, die ihnen allen gemeinsam waren, als er durch George Brewerton, einem seiner Lehrer, mit dem Angelsächsischen in Berührung kam. Mit Hilfe eines Lehrbuchs machte sich Tolkien autodidaktisch mit den Grundlagen des Altenglischen vertraut, ehe er sich voller Eifer an das Studium des Gedichts "Beowulf" begab. Er kehrte später wieder zum Mittelenglischen zurück und entdeckte das Gedicht "Sir Gawain and the Green Knight" für sich, bevor er sich dem Studium des Altnordischen zuwandte und dabei auf die Urgeschichte des Märchens von Sigurd und Fafnir stieß, das ihn als Kind so fasziniert hatte, und bald verfügte er über ein für einen Schüler höchst ungewöhnliches Maß an Sprachkenntnissen. Da er schon als Kind mit seinem Bruder und seinen Cousinen Marjorie und Mary Incledon eine rudimentäre Privatsprache namens Nevbosh (oder "New Nonsense") erfunden hatte, bei der es sich allerdings bloß um eine Mischung aus verkleidetem Englisch, Latein, und Französisch handelte, nahm er sich nun vor, eine eigene Sprache zu erfinden, ernsthafter und besser durchdacht als Nevbosh, die er "Naffarin" nannte.
Unterdessen kam Pater Francis zu dem Schluss, dass die Brüder bei Tante Beatrice nicht glücklich waren, und brachte sie in Brimingham in der Pension von Mrs. Faulkner in der Duchess Road 37 unter. Abgesehen von Mrs. Faulkner und ihrer Familie wohnte dort auch ein 19-jähriges Mädchen namens Edith Bratt, zu der sich der drei Jahre jüngere Ronald von Anfang an hingezogen fühlte - und Edith schien seine Gefühle zu erwiedern.
Sie gingen zusammen in die Teehäuser von Birmingham, und im Sommer 1909 stellten sie schließlich fest, dass sie sich ineinander verliebt hatten. Allerdings erwartete man von Ronald, dass er auf ein Stipendium für Oxford hinarbeitete, und als sich herumsprach, dass er den Großteil seiner Zeit mit Edith verbrachte, statt zu lernen, war Pater Francis tief empört. Von seinem Schützling verlangte er, die Liaison sofort zu beenden, und quartierte die Brüder in einem anderen Haus in Birmingham ein, weg von Edith. Als Ronald kurz darauf nach Oxford musste, um die Stipendiatenprüfung abzulegen, fiel er durch, was angesichts der harten Konkurrenz auf dieser elitären Schule zwar keine große Überraschung war, Pater Francis jedoch in seiner Meinung bestärkte, dass die Beziehung zu Edith für Tolkien schädlich war. Er verbot Ronald jeglichen Kontakt zu Edith, bis dieser 21 wäre und der Pater als Vormund nicht länger für den Jungen verantwortlich sei. Den damaligen Konventionen folgend, beugte sich Ronald schweren Herzens dieser Diktatur, auch wenn das bedeutete, dass er drei lange Jahre Edith nicht sehen würde, die wenig später eine Einladung nach Cheltenham annahm, um dort bei einem Rechtsanwalt und seiner Frau zu wohnen, während Ronald in Birmingham blieb und weiterhin die King-Edward's-School besuchte. Tolkien versuchte, Edith aus seinen Gedanken zu verdrängen und verwandte so viel Zeit wie nur irgend möglich darauf, sich auf die zweite Bewerbung für das Oxford-Stipendium vorzubereiten. Als er im Dezember des Jahres 1910 wieder nach Oxford fuhr, schaffte er es, eine "Open Classical Exhibition" für das Exeter College zu erlangen. Am Ende der letzten Oktoberwoche des darauffolgenden Jahres packte er seine Sachen und brach nach Oxford auf.

Studienjahre in Oxford

Obwohl sich Tolkien in Oxford von Anfang an wohl fühlte, war das Leben dort nicht immer einfach, da die Studentenschaft vornehmlich aus den Sprösslingen reicher Familien bestand und es für Tolkien mit seinen begrenzten finanziellen Mitteln nicht immer leicht war, in einer Umgebung sparsam zu leben, die so auf den Geschmack der Oberschicht ausgerichtet war. Er fand dennoch rasch Freunde, schloss sich dem Essay-Club und der Dialektischen Gesellschaft auf seinem College an und gründete bald einen eigenen Verein, der sich "The Apolausticks" ("die es sich wohl sein lassen") nannte und in erster Linie aus Neulingen wie ihm selbst bestand, die sich gegenseitig ihre Aufsätze vorlasen, angeregte Debatten führten und hin und wieder extravagante Abendessen abhielten.
Tolkien studierte klassische Philologie, doch dauerte es nicht lange, bis ihn lateinische, griechische und germanische Literatur zu langweilen begannen. Deshalb wählte er als Spezialfach Vergleichende Philologie, welches von Joseph Wright abgehalten wurde, einem imposanten "Yorkshireman", der in seinem Leben viel herumgekommen war und seine Leidenschaft für die Philologie an Tolkien weitergab. Neben seinem Studium spielte Ronald Theater und Rugby, bevor er die Sommerferien des Jahres 1912 im Lager des "King Edward's Horse" verbrachte, einem regionalen Kavallerie-Regiment, bei dem er sich nach wenigen Wochen allerdings schon wieder abmeldete. Etwa zu dieser Zeit entdeckte er das Finnische, doch obgleich er die Sprache nie wirklich beherrschte, waren die Folgen seiner Studien für seine eigenen Spracherfindungen tief greifend, die fortan stark vom Finnischen geprägt wurden und später als "Quenya" oder "Hochelbisch" in Tolkiens literarisches Werk einflossen.
Weihnachten des Jahres 1912 verbrachte Tolkien bei den Incledons in Birmingham, und wie in der Familie üblich, vertrieb man sich die Zeit mit Theater spielen. Das Stück, das in diesem Jahr "gegeben" wurde, stammte aus Tolkiens Feder; es trug den Titel "Der Detektiv, der Chef und die Suffragette" und handelte von einem Privatdetektiv namens Professor Joseph Quilter alias Sexton Q. Blake-Holmes, der für seinen Auftraggeber die verschwundene Erbin Gwendoline Goodchild suchen soll, die in der Pension, in der sie wohnt, einen armen Studenten kennen gelernt und sich in ihn verliebt hat. Nun muss sie sich zwei Tage lang vor ihrem Vater verborgen halten, bis sie 21 wird und ihren Liebsten heiraten kann.
Obwohl das Stück unterhaltsam angelegt ist, war "Der Detektiv, der Chef und die Suffragette" viel inhaltsschwerer, als die Incledons ahnten, denn nur wenige Tage nach der Aufführung feierte Tolkien selbst seinen 21sten Geburtstag, und er brannte darauf, Edith Bratt wiederzusehen. Als am 3. Januar 1913 die Uhr Mitternacht schlug, setzte er sich hin und schrieb einen Brief an Edith, in dem er seine Liebeserklärung an sie erneuerte und nachfragte, wann sie wieder vereint sein würden. Als Edith ihm antwortete, war die Ernüchterung jedoch groß, denn sie erklärte, dass sie inzwischen mit einem gewissen George Field verlobt sei, dem Bruder ihrer Schulfreundin Molly. Damit gab sich Ronald allerdings nicht zufrieden, da er der Meinung war, dass sie damals in Birmingham Versprechen ausgetauscht hatten, die nicht leichtfertig gebrochen werden durften. Also fuhr er kurz entschlossen nach Cheltenham, wo ihn Edith vom Bahnhof abholte, und als der Tag sich dem Ende zuneigte, war sie bereit, Field zu verlassen und Ronald zu heiraten. Ihre Verlobung hielten sie dennoch vorerst geheim, aus Sorge darüber, wie ihre Familien reagieren würden; sie wollten warten, bis Ronalds Zukunftsaussichten klarer waren.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fuhr Tolkien am Ende des Winters nach Oxford zurück, wo er seine ganze Aufmerksamkeit den "Honour Moderations" widmete, der ersten von zwei Prüfungen, mit denen er den Abschluss in klassischer Philologie erlangen konnte. Er versuchte, in sechs Wochen aufzuholen, was er in den vergangenen vier Semestern durch die Sorglosigkeit des Collegelebens versäumt hatte, und es gelang ihm tatsächlich, bei den Prüfungen das zweitbeste Ergebnis zu erziehen. Ihm war dennoch klar, dass er sich damit nicht zufrieden geben durfte, wenn er vorhatte, eine Universitätslaufbahn einzuschlagen. Da er in seinem Spezialfach Vergleichende Philologie eine glatte Eins hingelegt hatte, schlug man ihm seitens der Universität vor, sich fortan ganz auf dieses Gebiet zu konzentrieren, und weil man zudem von seinem Interesse für Alt- und Mittelenglisch sowie für andere germanische Sprachen wusste, empfahl Dr. Farnell, der Rektor von Exeter, Tolkien, auf die English School zu wechseln. So gab Tolkien die Philologie mit Beginn des Sommersemesters 1913 auf und begann, Anglistik zu studieren.
Inzwischen hatte die junge Beziehung zwischen Ronald und Edith einige Probleme zu meistern, denn wenn ihre Ehe den Segen der Kirche erhalten sollte, musste Edith, bis dahin aktives Mitglied der Kirche von England, zum Katholizismus konvertieren. Sie hatte damit zwar keinerlei Probleme, ihr Umfeld jedoch schon, da ihr "Onkel" Jossop, bei dem sie lebte, fanatisch antikatholisch eingestellt war. Als Edith ihm erklärte, dass sie katholisch zu werden gedenke, befahl er ihr, sofort sein Haus zu verlassen. So zog sie zusammen mit ihrer Cousine Jenny Grove nach Warwick in der Nähe von Birmingham, und am 8. Januar 1914 wurde Edith in die katholische Kirche aufgenommen, ein Datum, das sie zusammen mit Ronald gewählt hatte, weil es der erste Jahrestag ihres Wiedersehens war. Die kirchliche Verlobung fand bald darauf statt. Trotzdem führte Edith in der nächsten Zeit ein relativ trübseliges Leben, denn trotz ihres Engagements in einem Kirchenverein zugunsten arbeitender Mädchen fand sie kaum Freundinnen, und auch ihre Gesundheit war nicht die beste.

Der 1. Weltkrieg

Im Spätsommer 1914 brach der 1. Weltkrieg herein, und viele junge Männer, darunter auch Hilary Tolkien, folgten dem Ruf zu den Waffen. Ronald wollte hingegen in Oxford bleiben, bis er sein Examen in der Tasche hatte, deshalb meldete er sich stattdessen bei einer Institution an, wo man sich für das Heer ausbilden lassen und gleichzeitig an der Universität bleiben konnte. In den Weihnachtsferien fuhr Tolkien nach London, wo er sich mit einigen alten Schulfreunden traf. Er schrieb nun regelmäßig Gedichte, was er vorher nur sporadisch getan hatte. Diese Verse waren, wenn man mal von "The Man in the Moon Came Down Too Soon" und "Goblin Feet" absieht, nicht besonders bemerkenswert, und auch Tolkien selbst fand, dass das Verfassen von Gedichten ohne ein verbindendes Thema nicht das war, was er wollte. So nahm er sich ein Gedicht mit dem Titel "The Voyage of Éarendel the Evening Star" ("Die Fahrt Éarendels des Abendsterns") vor, das er im Spätsommer 1914 während eines Ferienaufenthalts in Nottinghamshire zu Papier gebracht hatte, und ging daran, es zu einer längeren Erzählung umzuarbeiten. Auch weil er das Gefühl hatte, dass seine Sprache, an der er nun schon seit einiger Zeit arbeitete, eine Geschichte und ein Volk brauchte, das sie sprach. Mit Tolkiens späteres mythologischen Gedanken hatte das zwar alles noch relativ wenig zu tun, doch finden sich hier bereits verschiedene Elemente, die später im "Silmarillion" wieder auftauchen sollten.
Während in Tolkiens Geist allmählich die ersten Keime seiner Mythologie aufgingen, bereitete er sich auf seine Abschlussprüfung in englischer Sprache und Literatur vor, die in der zweiten Juniwoche 1915 stattfand - er bestand sie mit Auszeichnung. Damit konnte er einigermaßen sicher sein, nach dem Krieg eine Anstellung an irgendeiner Universität zu finden, zunächst jedoch musste er nun seinen Dienst als Leutnant bei den "Lancashire Fusiliers" antreten, wo er im 13. Bataillon diente. Seine Ausbildung begann Ende Juni in Bedford, im August wurde er nach Steffordshire verlegt, und Anfang des folgenden Jahres entschied er sich für eine Spezialausbildung in Nachrichtenübermittlung, denn der Umgang mit Wörtern, Botschaften und Codes reizte ihn wesentlich mehr, als Zugführer zu werden. Er lernte das Morsealphabet, Scheiben- und Flaggensignale, Nachrichtenübermittlung durch Heliographen und Lampen, den Gebrauch von Signalraketen und Feldtelefonen, sogar den Umgang mit Brieftauben. Gleichzeitig rückte seine Einschiffung nach Frankreich immer näher, und da die Liste der Gefallenen des britischen Heers erschreckend lang war, beschlossen Edith und er, vorher zu heiraten. So wurden John Ronald Reuel Tolkien und Edith Bratt am Mittwoch, dem 22. März 1916, während der Frühmesse in der katholischen Kirche von Warwick getraut. Anschließend stiegen sie in den Zug nach Clevedon, um in Somerset ihre Flitterwochen zu verbringen, bevor Tolkien am 4. Juni 1916 seinen Einberufungsbefehl erhielt und sich auf den Weg nach London machte, von wo es mit dem Schiff weiter nach Frankreich ging.
Tolkien traf am 6. Juni in Calais ein und wurde ins Ausgangslager Étaples gebracht, wo er ins 11. Bataillon überstellt wurde und drei öde Wochen totschlagen musste, ehe das Bataillon zur Front aufbrach, wo er an der vordersten Frontlinie als Nachrichtenoffizier Dienst tat. Obwohl die Gefechte längst nicht mehr so erbittert waren wie in den ersten Tagen der Somme-Schlacht, bleiben die Verluste der Briten hoch, und viele Soldaten von Tolkiens Bataillon kamen ums Leben. Er blieb selbst zwar stets unverletzt, doch je länger er in den Schützengräben lag, desto "besser" wurden seine Chancen, auch auf der Verlustliste zu landen. Die "Rettung" nahte schließlich in Form einer "Pyrexie mit unbekannter Ursache", von den Soldaten schlicht "Grabenfieber" genannt; von Läusen verbreitet, rief diese Erkrankung hohe Temperatur und andere Fiebersymptome hervor. Als Tolkien vom Grabenfieber befallen wurde, erhielt er nach einem Aufenthalt im Lazarett Genesungsurlaub, sodass er sich am 8. November 1916 an Bord eines Schiffes nach England befand, wo er in ein Birminghamer Krankenhaus eingewiesen wurde. Bis zur dritten Dezemberwoche war er wieder soweit genesen, dass er aus dem Hospital entlassen werden konnte und über Weihnachten nach Great Haywood fuhr, wo seine Frau mit Jenny Grove in einer möblierten Wohnung lebte. Der Tod eines guten Freundes, G.B. Smith, mit dem Tolkien auf der King-Edward's-School und später in Oxford gewesen war, brachte Tolkien in dieser Zeit dazu, endlich das große Werk zu beginnen, über das er schon so lange nachgedacht hatte, in der Absicht, seinen erfundenen Sprachen eine Geschichte zu geben, in der sie sich entwickeln könnten.
Während seines Genesungsurlaubs nahm er die Arbeit am "Book of Lost Tales" auf, dem "Buch der Verschollenen Geschichten", dem Grundstein des "Silmarillions". Die erste Erzählung, welche Anfang 1917 in Great Haywood zu Papier gebracht wurde, war "The Fall of Gondolin", worin vom Angriff Morgoths auf die letzte Feste der Elben berichtet wird. Edith wurde in dieser Zeit zum ersten Mal schwanger. Doch obwohl Tolkien das Leben in Great Haywood zusagte und er mit seiner Frau glücklich war, konnte dieses Idyll nicht lange andauern, denn er hatte seine Krankheit längst überwunden, und man erwartete, dass er sich zum Dienst in Frankreich zurückmeldete. Doch es kam anders, denn gerade, als sich sein Urlaub dem Ende näherte, wurde er von neuem krank. In den folgenden Monaten musste er mehrmals ins Krankenhaus eingewiesen werden, und da sie sowieso nichts für ihren Mann tun konnte, kehrte Edith nach Cheltenham zurück, um dort eine Klinik für die Entbindung zu suchen. Am 16. November 1917 wurden Ronald und Edith Tolkien Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen John Francis Reuel gaben, Pater Francis zu Ehren, der eigens aus Birmingham anreiste, um das Kind zu taufen.
Trotzdem war das Leben für das junge Paar nicht einfach, denn obwohl Tolkien nicht nach Frankreich zurück musste, war er gezwungen, an vielen verschiedenen Orten Dienst zu tun, bis der Friedes auf dem Kontinent im Oktober 1918, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den Schützengräben, endlich näher rückte. So fuhr Tolkien nach Oxford, um zu sehen, ob es irgendeine Möglichkeit gab, dort eine Anstellung zu finden. Doch obwohl die Chancen schlecht standen, da niemand wusste, wie es mit der Universität weitergehen würde, sobald der Krieg wirklich zu Ende war, hatte der Trip nach Oxford durchaus sein Gutes, denn als Tolkien seinen alten Isländisch-Lehrer William Craigie besuchte, brachte dieser ihn als Mitarbeiter beim "New English Dictionary" unter. Also suchte Tolkien sich eine Wohnung in der St. John's Street, und am Ende des JAhres 1918 ließ er sich zusammen mit Edith, dem Baby und Jenny Grove in Oxford nieder.

Von Oxford nach Leeds und zurück

Da die Arbeit an dem Wörterbuch gut lief und er zudem begonnen hatte, Privatunterricht in Angelsächsisch zu geben, konnte sich Tolkien bald ein kleines Häuschen in der Alfred Street No.1 (heute Pusey Street) leisten, wo die kleine Familie im Sommer 1919 einzog. Im Frühjahr 1920 verdiente Tolkien mit seinem Nachhilfeunterricht bereits genügend Geld, um seine Mitarbeit am "New English Dictionary" aufgeben zu können. Ein weiteres wichtiges Ereignis in jener Zeit war, dass Edith verkündete, sie sei erneut schwanger. Um den Unterhalt seiner Familie zu sichern, bewarb sich Tolkien um eine Dozentenstelle für englische Sprachwissenschaft an der Universität Leeds. Im Grunde rechnete er nicht damit, dass man ihn nehmen würde, doch im Sommer 1920 forderte man ihn auf sich vorzustellen - und er bekam den Job. Unmittelbar vor Beginn seines ersten Semesters in Leeds schenkte Edith in Oxford einem zweiten Sohn, Michael Hilary Reuel, das Leben, mit dem sie Ende des Jahres 1921 in ein Haus in der St. Mark's Terrace No.11 in Leeds zogen.
George Gordon, Leiter der Englischabteilung der Universität, übertrug Ronald bald die Verantwortung für den gesamten sprachwissenschaftlichen Unterricht seiner Fakultät. Anfang 1922 erhielt der sprachwissenschaftliche Zweig einen neuen Lektor, einen jungen Kanadier names Eric Valentine Gordon, den Tolkien 1920 in Oxford unterrichtet hatte. Nicht lange nach Gordons Ankunft in Leeds begannen die beiden gemeinsam eine größere philologische Arbeit, sie hatten vor, eine Neuausgabe des mittelenglischen Gedichts "Sir Gawain and the Green Knight" zusammenzustellen. Während Tolkien sich um den Text und das Glossar kümmerte, war E.V. Gordon für einen Großteil der Anmerkungen verantwortlich. Das Manuskript wurde Anfang 1925 von der Clarendon Press veröffentlicht und stellt auch noch heute einen bedeutenden Beitrag zum Studium der mittelalterlichen englischen Literatur dar.
Auch sonst verstand sich Tolkien ausgezeichnet mit E.V. Gordon. Sie teilten den gleichen Sinn für Humor und sorgten dafür, dass unter den Studenten ein Wikinger-Club gegründet wurde, der zusammenkam, um Bier zu trinken, alte Sagas zu lesen bund Lieder zu singen, von denen Tolkien und Gordon viele selbst verfassten. Sie machten rüde Verse über ihre Schüler, überstetzten Kinderreime ins Angelsächsische und stimmten auf Altnordisch Trinklieder an, was ihnen an der Universität große Popularität verschaffte. Und auch mit seinem häuslichen Leben war Tolkien im Großen und Ganzen zufrieden. Das "Book of Lost Tales" war inzwischen nahezu fertig, aber anstatt es zu vollenden und das Manuskript einem Verlag anzubieten, fing er noch einmal ganz von vorne an, fast, als ahnte er bereits, dass es schwierig sein würde, für das ungewöhnliche Werk einen Interessenten zu finden.
Dafür kam seine Karriere in Leeds einen wichtigen Schritt voran, denn George Gordon kehrte 1922 als Professor für englische Literatur nach Oxford zurück, und Tolkien wurde als Kandidat für den frei gewordenen Lehrstuhl gehandelt. Zwar erhielt die Stelle letztlich ein anderer, doch Michael Sadler, der Vizekanzler der Uni, versprach Tolkien, demnächst eine neue Professur für Englisch eigens für ihn zu schaffen, und er hielt sein Wort: 1924 wurde Tolkien mit gerade mal 32 Jahren Professor. Im gleichen Jahr kauften die Tolkiens ein Haus in der Darnley Road No.2 am Stadtrand von Leeds, wo Edith Anfang 1924 feststellte, dass sie von neuem schwanger war. Sie hoffte, dass es diesmal ein Mädchen sein würde, als das Kind jedoch im November 1924 zu Welt kam, war es wieder ein Junge, den sie auf den Namen Christopher Reuel tauften. Tolkien erhielt Anfang 1925 die Nachricht, dass die Professur für Angelsächsisch in Oxford in Kürze frei werden würde, und obwohl dort heftig gegen ihn intrigiert wurde, setzte Tolkien sich gegen all seine Mitbewerber durch: Er bekam die Stelle. So kehrten die Tolkiens im Jahre 1926 nach Oxford zurück, wo sie in der Northmoor Road zunächst zur Miete wohnten und später ein Haus kauften, in dem sie 18 Jahre lang leben sollten. Kurz vor dem Umzug von der Northmoor Road No.22 nach Nummer 20 kam das vierte und letzte Kind der Tolkiens zur Welt, die Tochter, auf die Edith so lange gewartet hatte - sie nannten sie Priscilla Mary Reuel.

"Der kleine Hobbit"

Das Leben in der Northmoor Road verlief in geordneten Bahnen und ohne tief greifende Veränderungen, wie sie in den Jahren zuvor das Leben der Familie geprägt hatten. Tolkien hielt Vorlesungen in Mittelenglisch und Angelsächsisch und bürdete sich dabei manchmal mehr auf als sich bewältigen ließ, sodass es gelegentlich vorkam, dass er Vorlesungsreihen abbrach, weil er einfach nicht genügend Zeit fand, sie vorzubereiten. Seine Stellung verlangte es, dass er graduierte Studenten in ihren Arbeiten anleitete und Prüfungen in der Universität vornahm. Zusätzlich übte er oft die "freiberufliche" Tätigkeit eines externen Prüfers an anderen Hochschulen aus, denn da er vier Kinder zu ernähren hatte und sein Gehalt als Professor nicht gerade großzügig bemessen war, musste er, wo immer es nur ging, seine Einkünfte aufbessern. Er setzte seine Sprachforschungen nebenbei fort. Doch da Tolkien Zeit seines Lebens sein strengster Kritiker war, gelangten nur wenige dieser Werke in Druck, sodass alles, was in den 30er Jahren aus Tolkiens Feder veröffentlicht wurde, ein Aufsatz über die Dialekte in Chaucers "Reeve's Tale" war, der auch noch heute als Pflichtlektüre für jeden gilt, der die regionalen Verschiedenheiten im Englisch des vierzehnten Jahrhunderts verstehen will, ebenso wie Tolkiens Vortrag "Beowulf: The Monsters and the Critics".
In Oxford fand sich nach und nach eine Gruppe von Männern zusammen, die sich die "Inklings" (zu Deutsch: Tintenklekser) nannten. Obwohl die "Inklings" inzwischen sogar in die moderne Literaturgeschichte eingegangen sind und einiges über sie geschrieben wurde, waren sie im Grunde nichts weiter als ein paar Freunde, die sich für Literatur interssierten. Die Kernfigur des Clubs war Clive Staples Lewis, ein Autor und Literaturwissenschaftler, der sich mit fantastischen Romanen und Kinderbüchern einen Namen gemacht hatte. Die "Inklings" waren Ende der 30er Jahre für Tolkien zu einem wichtigen Teil seines Lebens geworden. Privat hingegen standen die Dinge keineswegs alle zum Besten, denn die Beziehung zu Edith war nicht einfach, da sie als Frau mit nur geringer Schulbildung Schwierigkeiten hatte, sich in das anspruchsvolle Leben in Oxford einzufügen. Zudem wusste sie nicht recht, wie sie die Haushaltsführung ausrichten sollte, da sie in ihrer eigenen Kindheit nur ein sehr eingeschränktes häusliches Leben ohne viele Möglichkeiten gekannt hatte, was dazu führte, dass sie hinter autoritärem Gebaren ihre Unsicherheit versteckte. Sie verlangte strikte Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten, die Kinder mussten jeden Bissen vom Teller aufessen und die Dienstmädchen hatten ohne Fehl und Tadel zu sein.
Tolkien wurde nach einer Weile klar, dass Edith mit dem Leben in Oxford unzufrieden war. Außerdem machte er sich Sorgen darüber, dass sie gegen die strengen Etiketten der Universitätsstadt verstoßen könnte, was Edith bis zu einem gewissen Grad tatsächlich tat, indem sie beispielsweise keine Teegesellschaften besuchte und auch selbst keine gab, sodass man sie schließlich aus der Gesellschaft "ausschloss". Auch das Verhältnis zu ihrem Ehemann kühlte ab, was zum Teil daran lag, dass Edith dem Katholizismus gegenüber eine zunehmend ablehnendere Haltung gewann und sich von ihrem Mann nicht beachtet fühlte. Im Grunde lebten Ronald und Edith in der Northmoor Road jeder für sich, mit getrennten Schlafzimmern und unterschiedlicher Tageseinteilung, was jedoch nichts daran änderte, dass zwischen ihnen eine tiefe Zuneigung bestand. Eine wichtige Quelle dafür war die gemeinsame Liebe zu ihrer Familie, die sie miteinander bis ans Ende ihres Lebens verband und vielleicht die stärkste Kraft in ihrer gesamten Ehe war.
Tolkien verbrachte viel Zeit damit, seinen Kindern Geschichten zu erzählen, von denen er später viele zu Papier brachte und zu Veröffentlichung anbot, wie "Die Abenteuer von Tom Bombadil" und "Der kleine Hobbit", an dem er entweder 1930 oder 1931 zu arbeiten begann. Anfangs hatte er nicht die Absicht, die bürgerlich-behagliche Welt von Bilbo Beutlin in irgendein Verhältnis mit dem "Silmarillion" zu bringen, doch nach und nach begannen sich immer mehr Elemente seiner Mythologie in das Werk einzuschleichen, auch wenn er nicht zuließ, dass das Buch allzu ernsthaft wurde. Ein Kinderbuch sollte "Der kleine Hobbit" werden, selbst wenn Tolkien es zunächst nicht zu Ende brachte. Erst als Elaine Griffiths, eine ehemalige Studentin Tolkiens, die eine Freundin der Familie geworden war, das Typoskript vom "Kleinen Hobbit" gegenüber einer Lektorin des Verlags Allen & Unwin erwähnte, die es las und Tolkien bat, die Geschichte zu beenden, brachte er den Roman zum Abschluss: Am 21. September 1937 erschien "The Hobbit or There and Back Again" schließlich bei Allen & Unwin.
Die englische Presse war voll des Lobs für das Buch, und bis Weihnachten war die erste Auflage bereits vergriffen. Als einige Monate später die amerikanische Ausgabe des "Hobbits" auf den Markt kam, fand der Roman auch in den USA allgemein breite Zustimmung und wurde von der "New York Herald Tribune" zum "besten Jugendbuch des Jahres" gekürt. Spätestens da wurde einem der beiden Verleger, Stanley Unwin, klar, dass sich aus dieser Sache noch eine ganze Menge mehr machen ließ. Bei einem Essen sprachen Tolkien und er über weitere Projekte. Tolkien bot Unwin seine früher niedergeschriebenen Kindergeschichten wie "Mr. Bliss", "Farmer Giles of Ham" und den unvollendeten Roman "The Lost Road" an, doch obwohl Unwin die Erzählungen gefielen, handelte keine davon von Hobbits, und Unwin war sicher, dass es das war, was die Leser wollten. Also begann Tolkien im Dezember 1937 mit einer neuen Hobbiterzählung, die sich vom Stil her allerdings von Anfang an deutlich vom heiteren Stil des "Kleinen Hobbits" unterschied und stattdessen zur düsteren Welt des "Silmarillion" tendierte.
Es entstanden nach und nach die ersten Kapitel des Werkes, ohne dass es einen Titel besaß oder Tolkien wusste, wohin er mit dem Text eigentlich wollte. Er begann dann, sich auf die Frage zu konzentrieren, welche Bewandtnis es mit dem Ring auf sich hatte, den Bilbo Beutlin im "Kleinen Hobbit" dem Höhlenwesen Gollum abgenommen hatte. Seine Gedanken kamen in Fluss, mit der Folge, dass die Story mehr und mehr aus dem Ruder lief. Etwa zu jener Zeit, als Chamberlain das Münchner Abkommen mit Hitler unterzeichnete, beschloss Tolkien schließlich, das Buch "Der Herr der Ringe" zu nennen.

"Der Herr der Ringe"

Bald wurde deutlich, dass es sich beim "Herrn der Ringe" nicht so sehr um eine Fortsetzung des "Kleinen Hobbits", sondern vielmehr um eine Erweiterung des noch immer unveröffentlichten "Silmarillion" handelte. Jeder einzelne Aspekt dieses älteren Werkes reichte in das neue hinüber - die Mythologie, die Elbensprachen, sogar das feanorische Alphabet, in dem Tolkien von 1926 bis 1933 sein Tagebuch geführt hatte.
Anfang 1940 war der "Herr der Ringe" bis zur Mitte des zweiten Buches gediehen. Der Ausbruch des 2. Weltkriegs im September 1939 hatte für das Leben der Tolkiens keine größeren Folgen. Trotzdem änderte sich während dieser Zeit manches für die Familie, denn die Jungen gingen aus dem Haus. John, der Älteste, der wie sein Vater am Exeter College studiert hatte, ließ sich in Rom zum katholischen Priester ausbilden, während Michael ein Jahr am Trinity College verbrachte und danach bei der englischen Flugzeugabwehr Kanonier wurde. Christopher besuchte wie sein Bruder das Trinity College, nur Priscilla, die Jüngste, lebte noch zu Hause.
Im Gegensatz zu anderen Professoren wurde Tolkien nicht zur Arbeit für das Kriegsministerium eingezogen, so konnte er sich weiter der Arbeit am "Herrn der Ringe" widmen. Anfangs hatte man beim Verlag Allen & Unwin gehofft, die neue Geschichte nicht lange nach dem "Kleinen Hobbit" veröffentlichen zu können, doch diese Hoffnung hab man bald auf, und 1942 verschwand sogar der "Hobbit" aus dem Buchhandel, als die Restauflage des Romans bei den Bombenangriffen auf London im Lager verbrannte. Stanley Unwin war trotz allem noch immer am "Herrn der Ringe" interessiert, auch, weil Tolkien meinte, bald mit dem Buch zu Ende zu kommen. Doch die Arbeit zog sich immer weiter hin, und irgendwann war der Krieg wieder zu Ende, ohne dass "Der Herr der Ringe" vollendet worden wäre.
Tolkien wurde im Herbst 1945 zum Merton-Professor für englische Sprache und Literatur ernannt. Zur gleichen Zeit zog die Familie wieder einmal um, da das Haus in der Northmoor Road nach dem Auszug der Jungen für sie zu groß und auch zu kostspielig war. Tolkien mietete ein Haus in der Manor Road, nahe des Stadtzentrums, und trieb mit Eifer die Arbeit am "Herrn der Ringe" voran, was ihn so viel Zeit kostete, dass seine Kollegen schon argwöhnten, er wäre für die Philologie verloren. Gegen Ende des Jahres 1947 kam das Werk endlich zum Abschluss, Tolkien jedoch überarbeitete, feilte und korrigierte alles wieder und wieder von Anfang an durch, und es dauerte bis zum Herbst 1949, bis das Buch schließlich in einer Fassung vorlag, mit der Tolkien einigermaßen zufrieden war.
Sein 60. Geburtstag war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr fern. Er hatte 12 lange Jahre darauf verwendet, den "Herrn der Ringe" zu schreiben, doch nun, da der Roman endlich fertig war, schien er nicht mehr gewillt, ihn bei Allen & Unwin zu veröffentlichen. Zum einen lag das daran, dass er den "Herrn der Ringe" und das "Silmarillion" zusammen herausbringen wollte und der Meinung war, Stanley Unwin würde das nicht tun. Hinzu kam, dass er zwischenzeitlich einen anderen Verleger, Milton Waldman vom Verlag Collins, kennen gelernt hatte, der daran interessiert war, die Rechte an beiden Büchern zu kaufen und auch Tolkiens "Hobbit" neu aufzulegen, weshalb Tolkien ganz bewusst versuchte, Unwin abzuschrecken. Er schrieb Unwin, dass "Der Herr der Ringe" entsetzlich düster und lang und für Kinder vollkommen ungeeignet sei, und letztendlich gelang es ihm, de beharrlichen Unwin, der die ganzen Jahre über so geduldig auf das Buch gewartet hatte, dazu zu bringen, das Projekt fallen zu lassen.
Zu dieser Zeit stand wieder einmal ein Umzug ab; das Merton-College hatte Tolkien ein Haus in der Holywell Street No.99 angeboten, wohin er im Frühjahr 1950 mit Edith und Priscilla zog, während Christopher, der nun nicht mehr zu Hause wohnte, eine Stellung als Privattutor an der Englisch-Fakultät Oxford antrat. Bei Collins schritt man währenddessen der Veröffentlichung des "Herrn der Ringe" und des "Silmarillion" entgegen. Alles war reif für den Druckbeginn, dann jedoch kam Waldman anfang Mai 1950 nach Oxford, um Tolkien zu erklären, "Der Herr der Ringe" müsse auf jeden Fall gekürzt werden. Obgleich Tolkien darüber verärgert war, erklärte er sich bereit, der Forderung nachzukommen. Kurz darauf reiste Waldman nach Italien ab, wo er für gewöhnlich den größten Teil des Jahres verbrachte, und nur im Frühjahr und Herbst nach London kam, um hier seine Geschäfte zu regeln. So fiel es nun William Collins, dem Verleger, zu, sich um Tolkien und seine Bücher zu kümmern. Collins konnte allerdings mit Tolkiens eigenwilligen Werken nicht viel anfangen, und als Waldman dann auch noch erkrankte und die Veröffentlichung der Bücher sich mehr und mehr verzögerte, wurde Tolkien - der an dieser Verzögerung nicht ganz unschuldig war - allmählich ungehalten. Als es im März 1952 noch immer nicht zu einem Vertragsabschluss mit Collins gekommen war, stellte er dem Verlag ein Ultimatum: Entweder müsse Collins den "Herrn der Ringe" nun sofort herausbringen, oder er würde mit dem Buch zu Allen & Unwin zurückgehen. Genau wie Stanley Unwin war William Collins allerdings kein Mann, der sich auf diese Weise erpressen ließ, und so teilter er Tolkien mit, er hielte es ebenfalls für das Beste für die Bücher einen anderen Verlag zu suchen. So kehrte Tolkien zu Allen & Unwin zurück, wo der Sohn des Verlegers, Rayner Unwin, beschloss, das Buch in drei Teilen zu drucken. Da man bei Allen & Unwin annahm, nicht mehr als ein paar Tausend Exemplare vom "Herrn der Ringe" unter die Leute bringen zu können, bot man Tolkien einen Vertrag mit Gewinnteilung an, um das Risiko zu minimieren. Tolkien würde so lange kein Geld für das Buch bekommen, bis der Absatz die Kosten gedeckt hätte - von da an erhielt er allerdings von allen entstehenden Gewinnen den gleichen Anteil wie der Verlag. Tolkien war einverstanden, und der erste Band "The Fellowship of the Ring" ("Die Gefährten") sollte im Sommer 1954 erscheinen, die beiden anderen Teile "The Two Towers" ("Die zwei Türme") und "The Return of the King" ("Die Rückkehr des Königs") anschließend in kurzen Abständen. Die Auflagen der Bücher waren bescheiden: Während vom ersten Band 3500 Exemplare gedruckt wurden, sollten die Auflagen der beiden anderen Bände etwas darunter liegen. Beim Verlag ging man davon aus, dass diese begrenzte Anzahl Bücher voll und ganz ausreichen würde, um das Interesse am "Herrn der Ringe" zu befriedigen; mit der Möglichkeit, dass der Roman Erfolg haben könnte, rechnete niemand.

Vom Bestseller zum Kultroman

Als der erste Teil der Trilogie schließlich im Sommer 1954 in die Läden kam, war es sechzehn Jahre her, seit Tolkien mit der Arbeit am "Herrn der Ringe" begonnen hatte. Er fürchtete, dass das Publikum den Roman nicht wohlwollend aufnehmen würde, in dem er, wie er sagte, sein "Herz bloßgelegt" hatte. Doch er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, denn "Die Gefährten" erntete einhelliges Lob von allen Seiten, mit dem Resultat, dass sechs Wochen nach der Erscheinung eine zweite Auflage gedruckt werden musste. Mitte November kam der zweite Band auf den Markt, und wieder war die englische Kritik begeistert, während die Rezensenten in Übersee sich im Allgemeinen eher zurückhaltend äußerten. Erst nach einer lobenden Kritik von W.H. Auden in der "New York Times" sorgte dafür, dass sich auch in Amerika der Absatz der Bücher allmählich steigerte. Als sich die Veröffentlichung des dritten Bandes verzögerte, weil Tolkien es nicht schaffte, den Anhang trotz der intensiven Mitarbeit seines Sohnes Christopher rechtzeitig fertig zu stellen, gingen immer mehr wütende Briefe, wo der Roman bliebe, beim Verlag ein.
Trotzdem kam "The Return of the King" erst am 20. Oktober 1955, beinahe ein Jahr nach der Veröffentlichung von "The Two Towers", heraus, doch da war längst klar, dass man sich bei Allen & Unwin wegen der 1000 Pfund, die man in den "Herrn der Ringe" investiert hatte, keine Sorgen zu machen brauchte, denn die Verkaufszahlen stiegen beharrlich an. Anfang 1956 erhielt Tolkien einen ersten Scheck über 3500 Pfund, was mehr als sein Jahresgehalt von der Universität war. Im Laufe der Jahres verkauften sich die Bücher immer besser, zumal der Verlag sie nun auch im Ausland vertrieb, und im Sommer 1957 galt "Der Herr der Ringe" international als "heiße Ware", was Ende des Jahres ein erstes Filmangebot von drei amerikanischen Geschäftsleute nach sich zog, die aus dem Roman einen Trickfilm machen wollten. Tolkien jedoch lehnte ab, da er der Meinung war, man würde dort mit seinem Werk nicht respektvoll genug umgehen.
Die Verkaufszahlen stiegen unterdessen immer weiter an, doch erst, als der amerikanische Verlag Ace Books eine unautorisierte Taschenbuchausgabe der drei Bände auf den Markt brachte und darüber ein heftiger Rechtsstreit zwischen dem offiziellen Lizenznehmer Houghton Mifflin und Ace entbrannte, wurde "Der Herr der Ringe" auch in den USA zu einem Bestseller. Denn dieser Rechtsstreit verursachte beträchtliches Aufsehen und machte Tolkien und sein Werk in Amerika so bekannt, dass Ballantine Books bis Ende 1965 eine Million Exemplare vom "Herrn der Ringe" absetzen konnte. Das Buch erlangte vor allem unter der amerikanischen Studentenschaft bald Kultstatus. Bis 1968 wurden weltweit über drei Millionen Exemplare des Romans abgesetzt, was Tolkien zu einem echten Star machte; immer mehr Reporter baten ihn um Interviews, die Fans begannen, regelrechte Pilgerfahrten nach Oxford zu unternehmen, um Tolkien zu treffen, und er wurde mit Leserpost förmlich überhäuft. Tolkien jedoch gefiel der ganze Wirbel um seine Person überhaupt nicht, und so begann er, sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Die letzten Jahre

Tolkien war zu diesem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren pensioniert. Auch wenn es ihn unglücklich machte, sich aus dem Umfeld seiner Freunde zunehmend zurückzuziehen, hatte er nun endlich die Möglichkeit, die Arbeit am "Silmarillion" fortzusetzen, das Allen & Unwin nach dem riesigen Erfolg des "Herrn der Ringe" unbedingt veröffentlichen wollte. Doch das Haus in der Sandfield Road, in dem die Tolkiens damals lebten, war nicht der beste Ort für den Ruhestand, da es von dort aus zwei Meilen bis zum Zentrum waren, und die nächste Bushaltestelle war weiter entfernt, als Edith laufen konnte, mit deren Gesundheit es schon seit Jahren nicht zum Besten stand. So beschlossen sie nicht lange nach ihrer Goldenen Hochzeit, Anfang 1968, nach Bournemouth umzuziehen. Sie hatten bereits einige Jahre zuvor begonnen, hier ihre Ferien im "Miramar"-Hotel zu verbringen, einem teuren, komfortablen Etablissement, das Edith gut gefiel. Deshalb kauften sie sich in der Lakeside Road 19 einen Bungalow, von dem aus das "Miramar" mit einer kurzen Taxifahrt zu erreichen war.
Das Leben in Bournemouth sagte ihnen zu, und obwohl Tolkien seine Freunde in Oxford immer stärker fehlten, reichte es ihm zu sehen, dass Edith glücklicher war als je zuvor in ihrer Ehe war. Auch hatte er nun Zeit, sich um das "Silmarillion" zu kümmern, das im Prinzip längst fertig war. Um eine fortlaufende Erzählung aus seinen Unterlagen zu machen, musste er nur noch entscheiden, welche Fassung jedes Kapitels er verwenden wollte. Da er zumeist jedoch selbst nicht wusste, welche der vielen Fassungen, die er im Laufe der Jahre geschrieben hatte, die neueste war, und es in den Texten darüber hinaus einige Unstimmigkeiten gab, zog sich die Veröffentlichung des Buches weiter hin. Nach drei Jahren in Bournemouth, im Sommer 1971, hatte Tolkien endlich Fortschritte gemacht - doch bevor er dazu kam, das Projekt endlich zum Abschluss zu bringen, schlug das Schicksal zu: Mitte November 1971 erkrankte Edith an einer Gallenblasenentzündung. Sie wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert und starb dort nach einigen Tagen schweren Leidens am 29. November im Alter von 82 Jahren.
Nachdem Tolkien sich von dem ersten Schock erholt hatte, dass Edith tot war, die Frau, mit der er sein gesamtes Leben verbracht hatte, kam er zu dem Schluss, dass es ihm unmöglich war, in Bournemouth zu bleiben. Unbedingt wollte er zurück nach Oxford. Zunächst war unklar, wo er unterkommen sollte, dann jedoch bot ihm das Merton College als Ehrenmitglied einige Zimmer in einem College-Gebäude in der Merton Street an. Tolkien nahm das Angebot begeistert an und zog Anfang März 1972 um. Er hatte unter Ediths Verlust sehr gelitten und war nun ein einsamer Mann, doch zum ersten Mal seit vielen Jahren war er frei und konnte so leben, wie es ihm gefiel.
Es waren alles in allem zwei glückliche Jahre in Oxford, nicht zuletzt wegen der vielen Ehrungen, die ihm zuteil wurden. Mehrere amerikanische Universitäten luden ihn zu Besuchen ein, bei denen ihm der Ehrendoktortitel verliehen werden sollte, doch Tolkien lehnte stets mit der Begründung, die Reise sei zu anstrengend für ihn, ab.
Man ehrte ihn auch in seinem Heimatland. Tolkien fuhr im Juni 1973 nach Edinburgh, um dort einen Ehrendoktor in Empfang zu nehmen, nachdem er im Frühjahr 1972 bereits im Buckingham-Palast gewesen war, wo ihm die Königin den Kommandeurs-Orden des britischen Empire verliehen hatte. Am meisten jedoch befriedigte ihn die Verleihung eines Ehrendoktorats der Literatur durch seine eigene Universität Oxford - ausnahmsweise einmal nicht für den "Herrn der Ringe", sondern für seinen Beitrag zu Philologie. Er wurde zwischenzeitlich immer wieder gedrängt, das "Silmarillion" endlich zu Ende zu bringen, doch offenbar ahnte Tolkien, dass ihm die Zeit hierfür nicht mehr blieb, denn er entschied, dass sein Sohn Christopher diese Aufgabe übernehmen sollte, falls er starb, bevor er das Buch zum Abschluss bringen konnte.
Ende 1972 stellten sich erste Anzeichen dafür, dass es mit Tolkiens Gesundheit berab ging, ein. Er begann unter einer schweren Verdauungsstörung zu leiden. Außerdem fühlte er sich einsam, und während der Sommer 1973 dahinging, kamen viele, die ihm nahe standen, zu dem Schluss, dass er trauriger als sonst war und schneller zu altern schien. Dessen ungeachtet schien sich Tolkien selbst nicht übermäßig unwohl zu fühlen, denn im Juli begab er sich nach Cambridge zu einem Essen des Ad-Eundem-Clubs, und kurz darauf fuhr er nach Bournemouth, um Denis und Jocelyn Tolhurst zu besuchen, das Arztehepaar, das sich um Edith und ihn gekümmert hatte, als sie in Bournemouth lebten.
Und doch nahte das Ende unaufhaltsam. Am Donnerstag nahm Tolkien an Mrs. Tolhursts Geburtstagsfeier teil, fühlte sich jedoch nicht wohl und wollte nichts essen. Er bekam in der Nacht starke Schmerzen, und am nächsten Morgen brachte man ihn in eine Privatklinik, wo ein akutes blutendes Magengeschwür festgestellt wurde. Sein Sohn Michael machte Ferien in der Schweiz und Christopher hielt sich gerade in Frankreich auf, sodass beide nicht mehr rechtzeitig an sein Krankenbett kommen konnten. John und Priscilla waren dafür bei ihm. Tolkiens Zustand wurde von den Ärzten zunächst optimistisch beurteilt, am Samstag hatte sich jedoch eine Entzündung in seiner Brust entwickelt, und am Sonntag, den 2. September 1973, starb Tolkien im Alter von 81 Jahren. Der Leichnam wurde nach Oxford überführt, wo Tolkien neben seiner Frau auf dem katholischen Teil des Friedhofs von Wolvercote beigesetzt wurde. Man hielt die Totenmesse in Oxford, in der Kirche in Headington, die Tolkien häufig besucht hatte. Die Bibelstellen und Gebete waren von seinem Sohn John ausgesucht worden, der auch die Messe las. Es gab keine Predigt und keine Lesung aus Tolkiens Werken. Stattdessen kam 1977 Tolkiens "Erbe" auf den Markt, das unvollendete "Silmarillion", das, so wie es Tolkien gewollt hatte, von Christopher geordnet und posthum bei Allen & Unwin veröffentlicht worden war.
Tolkiens Vermächtnis war das "Silmarillion" - das Vermächtnis eines Lebens, das nicht so sehr im Zeichen der Literatur als vielmehr in dem Bestreben gestanden hatte, etwas zu schaffen, was seinem Innersten Ausdruck verlieh. Das war alles, was John Ronald Reuel Tolkien je wollte, und das hat er mit seinen unvergesslichen Werken, dem "Silmarillion", dem "Kleinen Hobbit" und dem "Herrn der Ringe", auch geschafft.

Informationen stammen aus:
"Space - View Fantasy - Der Herr Der Ringe" von Stefan Servos/ Andreas Kasprzak erschienen im Heel - Verlag [2001]

 

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