J.R.R. Tolkien - Sein Werk

Willkommen in Mittelerde

Das Leben Tolkiens war geprägt von seiner Leidenschaft für Sprachen, nicht bloß, was seine berufliche Laufbahn als Professor für Angelsächsisch angeht - für seine Leistungen auf dem Gebiet der germanischen Philologie und für seine Arbeiten über den altenglischen "Beowulf" wurde Tolkien mit insgesamt fünf Ehrendoktortiteln und einem hohen britischen Orden geehrt -, sondern auch in Bezug auf sein schriftstellerisches Wirken.
Tatsächlich müssen Tolkiehs bis in seine frühe Jugend zurückreichende Versuche, eigene Sprachen zu erfinden, als Grundlage seines gesamten künstlerischen Schaffens betrachtet werden, weil die Mythologie Mittelerdes im Grunde einzig und allein Tolkiens Absicht entstammt, für diese fiktiven Sprachen, zu denen unter anderem die vom Finnischen und Walisischen beeinflussten Elbendialekte Quenya und Sindarin gehörten, einen "realen" Hintergrund zu kreieren. So gesehen sind Bilbo und Frodo Beutlin, Sauron, Aragorn und Zauberer Gandalf also "nur" Nebenprodukte Tolkiens sprachwissenschaftlicher Bemühungen.
Die ersten Gehversuche in dieser noch namenlosen "neuen" Welt unternahm er Anfang 1917, als er während des 1. Weltkriegs wegen Erkrankung an "Grabenfieber" von der Front in Frankreich nach Hause zurückkehrte. Er begann damals mit der Arbeit am "Book of Lost Tales", dem "Buch der Verschollenen Geschichten", einer Sammlung von Geschichten, aus denen sehr viel später "Das Silmarillion" ("The Silmarillion") werden sollte.
Die Erzählung "Die Geschichte der Kinder Húrins" ("The Children of Húrin") vermittelt ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Tolkiens Gedanken von Anfang an in eine bestimmte Richtung gingen. Die Geschichte entstand, als Tolkien nach einem Schwächeanfall im Sommer 1917 in das Offizierskrankenhaus in Hull eingeliefert wurde, gerade, als sich sein Genesungsurlaub in England dem Ende zuneigte und die Aussicht auf eine Rückkehr in die Schützengräben unheilvoll wie ein Domaklesschwert über ihm schwebte. "Die Geschichte der Kinder Húrins" ist eine Verschmelzung isländischer und finnischer Sagenüberlieferungen und erzählt von dem unglücklichen Túrin Tarumbar und den Widrigkeiten, denen er sich stellen muss, weil sein Vater Húrin einst von Morgoth, dem Dunklen Feind, mit einem Fluch belegt wurde. Tolkiens literarische Einflüsse lassen sich hier deutlich erkennen: Der Kampf des Helden mit einem großen Drachen erinnert an Sigurd (Siegfried) und Beowulf, während Túrins unwissentlicher Inzest mit seiner Schwester und sein Selbstmord am Ende ganz bewusst der Geschichte von Kulvero im "Kalevala" angelehnt sind. Auch erinnerte der Rahmen, welcher die Geschichten im ersten Entwurf des Buches zusammenhielt und später vielleicht aus genau diesem Grund wieder aufgegeben wurde, stark an William Morris' "The Earthly Paradise" ("Das irdische Paradies"). Wie bei Morris kommt ein Seefahrer in ein unbekanntes Land, wo verschiedene Menschen ihm Geschichten erzählen. Die Gemeinsamkeiten erschöpfen sich damit aber auch schon, denn diese Geschichten, Eriol genannt, lassen sich nicht als bloßes Ergebnis literarischer Einflüsse abwerten. Hier schafft Tolkien bereits die ersten Wurzeln einer neuen, einzigartigen Welt, die er in Anlehnung an das nordische Midgard und die gleichbedeutenden Worte im Frühenglischen "Middle-earth" nannte: Mittelerde.

"Der kleine Hobbit"

Diese wundersame Welt präsentierte Tolkien dem Publikum zum ersten Mal 1937 in "Der kleine Hobbit" ("The Hobbit or There and Back Again"), einem Buch, das Tolkien ursprünglich als Gutenachtgeschichte für seine Kinder schrieb, wie ein Dutzend anderer Erzählungen auch. Tolkien brachte allerdings selten eine dieser Geschichten zum Abschluss, da er zwar mit großen Enthusiasmus begann, später jedoch häufig die Lust verlor und die Arbeiten unvollendet in der Schublade liegen ließ. So erging es dem "Kleinen Hobbit" ebenfalls, dessen Grundstein der Legende nach gelegt wurde, als Tolkien eines Tages - es mag Ende 1930/Anfang 1931 gewesen sein - beim Korrigieren von Arbeiten seiner Studenten in dem ganzen Wust von Papier gnädigerweise ein unbeschriebenes Blatt fand und, ohne recht zu wissen, warum, darauf kritzelte: "In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit..."
Die erste Fassung des "Kleinen Hobbit" schrieb Tolkien innerhalb weniger Wochen nieder. Dabei stellte er fest, dass sich immer mehr Elemente der Mythologie, welche er im "Buch der Verschollenen Geschichten" skizziert hatte, in das Manuskript einschlichen. Er kam bis zu der Szene, in der der Drache sterben soll, wusste dann jedoch nicht mehr weiter und ließ den Roman ruhen, bis eine seiner ehemaligen Studentinnen, Elaine Griffiths, ihn darum bat, das Buch den Lektoren des Verlags Allen & Unwin in London zeigen zu dürfen, für den sie auf Tolkiens Empfehlung hin Clark Halls Übersetzung des "Beowulf" überarbeiten durfte. Und erst als Allen & Unwin Interesse daran zeigte, den "Kleinen Hobbit" zu veröffentlichen, rang Tolkien sich schließlich dazu durch, das Buch zu beenden.
"Der kleine Hobbit" erzählt die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin, eines kleinen menschenähnlichen Wesens mit großen, behaarten Füßen und einer überaus bürgerlichen Mentalität, das von dem Zauberer Gandalf und einigen Zwergen als "Meisterdieb" angeheuert wird, um ihnen dabei zu helfen, denn von einem Drachen bewachten Schatz ihrer Vorväter wieder in ihren Besitz zu bringen. Nach zahlreichen Abenteuern mit Elben, Trollen und Orks kann Bilbo den Zwergen dank eines magischen Rings, den er einem bösartigen Höhlenwesen namens Gollum abluchst, zu ihrem Schatz verhelfen und als reicher Hobbit nach Hobbingen zurückkehren.
Der Reiz dieses Kinderbuches, das zusammen mit den ersten Entwürfen des "Silmarillion" den Grundstein für den "Herrn der Ringe" legt, liegt vor allem in der märchenhaften Atmosphäre und der stimmigen Verwendung von folkloristischen Motiven. Dabei ist die Moral für eine Kindergeschichte sehr komplex: Thorin Eichenschild, der Anführer der Zwerge, verdankt den Schatz dem menschlichen Helden, der den Drachen getötet hat, weigert sich jedoch, ihm seinen Anteil daran zuzugestehen, obwohl das Untier die Stadt der Menschen in Schutt und Asche gelegt hat. Bilbo Beutlin, der durch seine Abenteuer an Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein gewonnen hat, überlässt den Menschen deshalb ein Erbstück der Zwerge als Pfand, das er wiederum als seinen rechtmäßigen Anteil an der "Beute" deklariert. Somit steht die Rechtmäßigkeit von Bilbos Handlungen zu keinem Zeitpunkt in Frage - Tolkien führt seine jungen Leser durch sämtliche Widrigkeiten und Gefahren zum Happy End.
"Der kleine Hobbit" erwies sich als ansehnlicher, wenn auch nicht überragender Erfolg und führte dazu, dass der Verleger Stanley Unwin Tolkien aufforderte, so bald wie möglich eine Fortsetzung zu schreiben. Tolkien war zwar einverstanden, doch ihm schwebte von Anfang an ein viel längeres, ausgereifteres Werk vor, mit dem er auch erwachsene Leser würde ansprechen können. Der "neue Hobbit" entstand größtenteils während des 2. Weltkriegs und kurz danach, wenn seine Wurzeln auch - wie auch beim "Kleinen Hobbit" - auf Tolkiens frühere Versuche als Mythenschöpfer zurückreichen. Titel des Buches: "Der Herr der Ringe".

"Der Herr der Ringe"

Dabei hatte Tolkien anfangs nicht einmal eine klare Vorstellung davon, worum es in dem Roman überhaupt gehen sollte. Und erst als er sich fragte, was es eigentlich genau mit dem Ring auf sich hat, den Bilbo dem Höhlenwesen Gollum abnimmt, kamen seine Gedanken schließlich in Schwung und seine Feder in Fluss. Dabei kam ihm zugute, dass mittels des Rings auch der Übergang vom Kinder- zum "Erwachsenenbuch" problemlos zu bewerkstelligen war, einfach, indem Tolkien erklärte, dass Bilbo Beutlin im "Kleinen Hobbit" an einer Stelle der Geschichte gelogen hat - dass er nämlich eigentlich unrechtmäßig in den Besitz des Rings gelangt sei. Auf diese Weise macht er aus Bilbos harmlosen Zauberspielzeug den Einen Ring, den Sauron, der Dunkle Herrscher, im ersten der vergangenen Zeitalter schuf, um die Macht über alle Dinge zu erlangen. Nach seiner Niederlage wurde ihm dieser Ring durch die vereinten Kräfte von Elben und Menschen entrissen, um lange Zeit als verloren zu gelten. Nun jedoch ist Saurons Macht erneut gewachsen und bedroht die freien Völker von Mittelerde. Seine Kraft ist allerdings ausschließlich auf die Existenz des Einen Rings begründet, in den er damals einen Großteil seiner Energie einfließen ließ, um die geringeren Ringe der Macht in seinen Bann zu schlagen. Sollte Sauron den Ring zurückerlangen, wird seine Macht ganz Mittelerde verschlingen, würde der Ring aber zerstört, so würde auch Sauron dadurch vernichtet.
Der einzige Weg, den Ring zu vernichten, besteht darin, ihn in dem Feuer zu verbrennen, in dem er geschmiedet wurde: in den Schicksalsklüften des Vulkans Orodruin in Saurons finsterem Reich Mordor. Der junge Vetter von Bilbo, Frodo Beutlin, ist für diese Aufgabe auserwählt. Er wird von einer illustren Schar begleitet, zu der neben den Hobbits Sam, Merry und Pippin auch der Zauberer Gandalf und die beiden Menschen Boromir und Aragorn, der noch unerkannte rechtmäßige König zweier großer Reiche auf Mittelerde, gehören. Außerdem sind noch der Zwerg Gimli und der Elb Legolas als Vertreter der freien Völker dabei. Auf ihrer langen, beschwerlichen Reise zum Schicksalsberg werden Frodo und Sam von den anderen getrennt und setzen ihren Weg nach Mordor auf eigene Faust fort, unterstützt von dem bereits aus dem "Kleinen Hobbit" bekannten Höhlenwesen Gollum, der dem Einen Ring verfallen ist und sich an ihre Fersen geheftet hat, um ihn sich zurückzuholen. Unterdessen betreiben die anderen Gefährten zusammen mit dem Baumvolk der Ents und den Einwohnern von Rohan den Sturz Sarumans, eines von Machtgelüsten korrumpierten bösen Zauberers in seiner Festung Isengart, sie helfen bei der Niederschlagung einer von Saurons Armeen, die Minas Tirith, die Hauptstadt des Reichs Gondor, belagert, und marschieren mit einem letzten Aufgebot, angeführt von Aragorn, gegen Mordor, um Saurons Aufmerksamkeit von Frodo und Sam abzulenken, die sich, wie sie hoffen, inzwischen dem Orodruin nähern.
Die beiden Hobbits haben mittlerweile den Schicksalsberg nach zahlreichen unangenehmen Ereignissen und Kämpfen, unter anderem mit der Riesenspinne Kankra, tatsächlich erreicht. Dort soll Frodo seine Aufgabe erfüllen, letztlich ist es jedoch Gollum, der den Einen Ring vernichtet, indem er ihn Frodo vom Finger reißt und damit - unabsichtlich - in die Schicksalsklüfte stürzt, genau in dem Moment, als sich vor den Toren Mordors die Schlacht gegen die Truppen des Westens zu wenden droht. Durch die Vernichtung des Ringes vergeht Saurons Macht, sein Reich zerfällt, Aragorn wird als neuer König der Westlande eingesetzt und die Hobbits kehren in ihr Heimatland zurück. Sie treffen dort auf Saruman, den sie erst einmal vertreiben müssen, ehe es wirklich zum Happy End kommt. Im Epilog, der einige Jahre später spielt, bricht Frodo mit den anderen ehemaligen Trägern der Ringe der Macht zu den Unsterblichen Landen im Fernen Westen auf.
Anders als "Der kleine Hobbit" wurde dieser "neue Hobbit", dessen Niederschrift ganze zwölf Jahre in Anspruch nahm, nicht Tolkiens Kindern erzählt, sondern Tolkiens literarischem Freundeskreis in Oxford vorgetragen, den "Inklings", zu denen unter anderem der Literaturwissenschaftler und Autor Clive Staples Lewis gehörte, der unter dem Pseudonym C. Hamilton eine Reihe von Kinderbüchern verfasst hat. Die Inklings nahmen das Werk Tolkiens mit großer Begeisterung auf, was zusammen mit den beständigen Nachfragen des Verlags Allen & Unwin dazu führte, dass das Buch im Herbst 1949 endlich fertig wurde. Allerdings sorgten Unstimmigkeiten zwischen Tolkien und seinem Verleger dafür, dass der erste Band der "Trilogie", in die das Buch angesichts des enormen Umfangs umgewandelt werden musste, um auch bloß annähernd die Kosten zu decken, erst im August 1954 auf den Markt kam, fast achtzehn Jahre, nachdem Tolkien mit der Arbeit am "Herrn der Ringe" begonnen hatte; die beiden anderen Teile folgten im November 1954 und im Oktober 1955.
Doch auch wenn "Der Herr der Ringe" heute als meistverkauftes Buch des 20. Jahrhunderts gilt, kam dieser Erfolg nicht über Nacht, denn trotz größtenteils ausgeprochen wohlwollender Kritik hielt sich der Absatz zunächst in Grenzen, wenn er über die Jahre hinweg auch beharrlich anstieg. Der große Durchbruch kam jedoch erst etwa ein Jahrzehnt nach der Erstveröffentlichung, als sich "Der Herr der Ringe" in den sechziger Jahren vor allem unter amerikanischen Studenten der Vietnam-Generation zu einem regelrechten Kultbuch entwickelte. Weiteren "Zulauf" erhielt das Werk durch das Tamtam um eine nicht autorisierte Taschenbuchausgabe durch den Verlag Ace Books im Jahre 1965, das schließlich dazu führte, dass Ace Books Pleite ging und sowohl Tolkien als auch die Trilogie in den USA in aller Munde waren. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass "Der Herr der Ringe" kein "normaler" Bestseller war - es war ein Werk, das dazu geeignet schien, Äonen zu überdauern, wenn sich auch niemand so recht erklären konnte, warum eigentlich.

"Das Silmarillion"

Versucht man, dem "Ring"-Phänomen objektiv auf die Spur zu kommen, fällt auf, dass "Der Herr der Ringe", der allein schon durch seine handwerkliche Solidität aus der breiten Masse hervorsticht und das sowohl gemessen an älteren wie auch an moderneren Fantasy-Romanen, denen man nur allzu häufig anmerkt, dass sie ausschließlich aus finanziellem Interesse heraus geschrieben wurden. Dramaturgie, Spannungsbogen, Atmosphäre, Charakterzeichnung - all das ist in sich absolut stimmig, und jedes noch so kleine Detail wurde liebevoll herausgearbeitet, um sich nahtlos in eine komplexe Weltgeschichte einzufügen, die mehr als sechs Jahrtausende zurückreicht. Die Sprachen der imaginären Völker, insbesondere die der Elben, in denen Tolkien den Elfen der viktorianischen Märchen ein wenig von ihrem früheren Glanz zurückgibt, sind teilweise so weit entwickelt, dass sich Unterhaltungen darin führen lassen. Tolkien hat das umfangeiche Vokabular dieser Sprachen genutzt, um in "Elbisch" Gedichte zu schreiben, und auch wenn diese Werke mit ihrer zuweilen sehr mechanischen Verwendung verschiedener Stilformen oft belächelt werden, gelingt es Tolkien mit seiner "Mittelerde-Lyrik" dennoch ausgezeichnet, die Psychologie der einzelnen Völker und Figuren besser herauszustellen.
Die ganze Zeit über arbeitet Tolkien dabei auf einen gänzlich neuen Heldentypus hin, in dem sich heidnischer Schicksalsglaube und christliches Erlösertum miteinander vermischen. Allerdings erweist sich Tolkien damit keineswegs als "christlicher" Autor wie einige seiner literarischen Mitstreiter aus dem Kreise der "Inklings", da Tolkien in seinen Werken sowohl auf die Handlungsmuster des klassischen Märchens als auch auf die des englischen Abenteuerromans der Jahrhundertwende zurückgreift. Von der etablierten Literaturkritik ist ihm genau das wiederholt vorgeworfen und zusammen mit der exotischen Natur seiner Geschichten immer wieder als Realitätsflucht ausgelegt worden. Tolkien selbst sah in seinem Schaffen, wie er in seinem 1963 erschienenen Essay "Über Märchen" ("On Fairy-Stories") schreibt, jedoch weniger eine Flucht, sondern vielmehr eine Wiedererlangung der "wahren Perspektive", ausgelöst durch die Freude über das glückliche Ende, das nach Tolkiens Weltansicht den christlichen Erlösungsmythos wiederspiegelt und uns so die Einsicht in eine höhere Realität gewährt.
Dieses mystische Element in Tolkiens Werk wird im "Silmarillion" noch deutlicher, das sozusagen die Vorgeschichte zum "Herrn der Ringe" enthält und ursprünglich parallel dazu veröffentlich werden sollte, letztlich aber erst 1977, ganze vier Jahre nach Tolkiens Tod, in einer von seinem Sohn Christopher bearbeiteten Form herauskam. Obwohl das Material mit Sicherheit weitgehn authentisch ist, entspricht es in dieser verknappten Form kaum Tolkiens Vorstellungen, die eher in den unter dem Titel "Unfinished Tales" ("Nachrichten aus Mittelerde") zusammengefassten Fragmenten deutlich werden. "Das Silmarillion" bietet trotzdem für die Leser, die mehr über Mittelerde, die drei Zeitalter und die Ringkriege erfahren wollen, viel interessanten Lesestoff. Allen anderen muss man von diesem Werk jedoch abraten, da es schlichtweg zu speziell ist, um einer "normalen" Lektüre zugänglich zu sein.
"Das Silmarillion" beginnt damit, dass Eru, der Eine,m Tolkiens transzendenter Gott, aus seinen Gedanken heilige Wesen, die Ainur, erschafft und ihnen das Thema für ein Musikstück vorgibt, in dem die gesamte Geschichte von Mittelerde vorgezeichnet ist. Das Bild der Welt formt sich in diesem magischen Gesang, und einige der Ainur sind davon so angetan, dass sie darin eingehen und dadurch zu den Valar werden, personifizierten Naturkräften, zu denen Manwe (Luft), Ulmo (Wasser), Aule (Erde) und auch Melkor (Feuer) zählen, Tolkiens Satansfigur. Später kommen außerdem die Maiar hinzu, Wesen geringerer Ordnung, zu denen Gandalf der Graue (bzw. Weiße) und Sauron, der Dunkle Herrscher, gehören. Der Boden ist damit bereitet für das Auftreten der Elben und der Menschen - die einen unsterblich, die anderen sterblich. Mit der Ankunft der Elben im Land der Valar, im äußersten Westen von Arda, beginnen die Legenden, die das eigentliche "Silmarillion" bilden, bei dem es sich im Grunde um nicht anderes als die Geschichte von Feanor handelt, dem kunstfertigsten unter den Elben, der das Licht der beiden Bäume Laurelin und Telperion in drei Edelsteinen einfängt: den Silmaril. Weiter wird davon berichtet, wie Melkor Unfrieden zwischen den Elben und den Valar sät, wie er die heiligen Bäume zerstört und Finsternis über die Welt kommt, wie Feanor den Valar die Silmaril verweigert, mit denen die Bäume hätten gerettet werden können und wie Melkor, besser bekannt als Morgoth, alles daran setzt, um die kostbaren Steine in seinen Besitz zu bringen. Als ihm dies schließlich gelingt, schwören Feanor und seine Söhne, jedes Geschöpf zur Strecke zu bringen, das sich weigert, ihnen einen der Silmaril auszuhändigen, was den Elben letztlich zum Verhängnis wird.
In den Geschichten des "Silmarillion" finden sich neben den Wurzeln von Mittelerde ebenfalls die poetischen Kerne von Tolkiens Gesamtwerk: die Verbindung von Sterblich- und Unsterblichkeit, bestens dokumentiert an dem Menschenmann Beren und der Elbenmaid Lúthien, die ein idealisiertes Bild von Tolkiens Frau Edith darstellt. Die erste Erzählung des "Silmarillion", die zu Papier kam - "Von Tuor und dem Fall von Gondolin" ("The Fall of Gondolin") -, wurde Anfang 1917 niedergeschrieben und hat ihren Platz gegen Ende des Zyklus, es geht darin um den Angriff Morgoths auf die letzte Feste der Elben. Nach einer verheerenden Schlacht gelingt einigen Bewohnern von Gondolin die Flucht aus der belagerten Stadt, unter ihnen Éarendil, der Enkel des Königs, was diese Erzählung zu einem Bindeglied zwischen den früheren Éarendil-Geschichten, den ersten Skizzen der Mythologie, und dem späteren "Herrn der Ringe" macht. Gleichzeitig schließt sich damit der Kreis, der 1917 mit "Von Tuor und dem Fall von Gondolin" begann und 60 Jahre später mit der Erscheinung des "Silmarillion" zu Ende geführt wurde.

Das neue Gesicht der Fantasy

Zu einem abschließenden Urteil über Tolkiens Gesamtwerk zu kommen ist schwierig, da Tolkiens seit über 30 Jahren ungebrochene Popularität im Grunde allein auf den "Herrn der Ringe" zurückzuführen ist. Und obwohl hierzu der allgemeine Tenor der Kritik nach dem Erscheinen der Trilogie insgesamt sehr positiv ausfiel, gab und gibt es Stimmen, die dieses düstere Sittengemälde mit seinen komplexen Genealogien und seinem ernsten, staubtrockenen Pathos als "öde", "langweilig" und "unverständlich" bezeichnen. Am Ende sind es jedoch immer die Leser, die darüber entscheiden, ob ein Werk gut oder schlecht ist, und die Tatsache, dass vom "Herrn der Ringe" weltweit bislang über 50 Millionen Exemplare verkauft wurden, spricht eine deutliche Sprache. Hinzu kommt, dass die moderne Fantasy ohne Tolkien nicht das wäre, was sie heute ist; jedes ihrer Werke muss sich - im Guten wie im Schlechten - an dem Tolkiens messen lassen. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass Tolkien zwar nur wenige direkte Nachahmer gefunden hat - von einigen ganz naiven Imitatoren abgesehen -, seine Figuren und Motive jedoch ein fester Bestandteil der Populärkultur des 20. Jahrhunderts geworden sind. Alles in allem kann man daher zu dem Schluss gelangen, dass der Einfluss, den Tolkien auf das Fantasy-Genre ausgeübt hat, gar nicht hoch genug bewertet werden können, ganz zu schweigen davon, dass die Welt ohne den "Kleinen Hobbit" und den "Herrn der Ringe" um zwei wunderbare Geschichten ärmer wäre.

 

Informationen stammen aus:
"Space - View Fantasy - Der Herr Der Ringe" von Stefan Servos/ Andreas Kasprzak erschienen im Heel - Verlag [2001]

 

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