J.R.R. Tolkien - Sein Werk
Willkommen in Mittelerde
Das Leben Tolkiens war geprägt von
seiner Leidenschaft für Sprachen, nicht bloß,
was seine berufliche Laufbahn als Professor für Angelsächsisch
angeht - für seine Leistungen auf dem Gebiet der
germanischen Philologie und für seine Arbeiten über
den altenglischen "Beowulf" wurde Tolkien mit
insgesamt fünf Ehrendoktortiteln und einem hohen
britischen Orden geehrt -, sondern auch in Bezug auf sein
schriftstellerisches Wirken.
Tatsächlich müssen Tolkiehs bis in seine frühe
Jugend zurückreichende Versuche, eigene Sprachen
zu erfinden, als Grundlage seines gesamten künstlerischen
Schaffens betrachtet werden, weil die Mythologie Mittelerdes
im Grunde einzig und allein Tolkiens Absicht entstammt,
für diese fiktiven Sprachen, zu denen unter anderem
die vom Finnischen und Walisischen beeinflussten Elbendialekte
Quenya und Sindarin gehörten, einen "realen"
Hintergrund zu kreieren. So gesehen sind Bilbo und Frodo
Beutlin, Sauron, Aragorn und Zauberer Gandalf also "nur"
Nebenprodukte Tolkiens sprachwissenschaftlicher Bemühungen.
Die ersten Gehversuche in dieser noch namenlosen "neuen"
Welt unternahm er Anfang 1917, als er während des
1. Weltkriegs wegen Erkrankung an "Grabenfieber"
von der Front in Frankreich nach Hause zurückkehrte.
Er begann damals mit der Arbeit am "Book of Lost
Tales", dem "Buch der Verschollenen Geschichten",
einer Sammlung von Geschichten, aus denen sehr viel später
"Das Silmarillion" ("The Silmarillion")
werden sollte.
Die Erzählung "Die Geschichte der Kinder Húrins"
("The Children of Húrin") vermittelt
ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Tolkiens Gedanken
von Anfang an in eine bestimmte Richtung gingen. Die Geschichte
entstand, als Tolkien nach einem Schwächeanfall im
Sommer 1917 in das Offizierskrankenhaus in Hull eingeliefert
wurde, gerade, als sich sein Genesungsurlaub in England
dem Ende zuneigte und die Aussicht auf eine Rückkehr
in die Schützengräben unheilvoll wie ein Domaklesschwert
über ihm schwebte. "Die Geschichte der Kinder
Húrins" ist eine Verschmelzung isländischer
und finnischer Sagenüberlieferungen und erzählt
von dem unglücklichen Túrin Tarumbar und den
Widrigkeiten, denen er sich stellen muss, weil sein Vater
Húrin einst von Morgoth, dem Dunklen Feind, mit
einem Fluch belegt wurde. Tolkiens literarische Einflüsse
lassen sich hier deutlich erkennen: Der Kampf des Helden
mit einem großen Drachen erinnert an Sigurd (Siegfried)
und Beowulf, während Túrins unwissentlicher
Inzest mit seiner Schwester und sein Selbstmord am Ende
ganz bewusst der Geschichte von Kulvero im "Kalevala"
angelehnt sind. Auch erinnerte der Rahmen, welcher die
Geschichten im ersten Entwurf des Buches zusammenhielt
und später vielleicht aus genau diesem Grund wieder
aufgegeben wurde, stark an William Morris' "The Earthly
Paradise" ("Das irdische Paradies"). Wie
bei Morris kommt ein Seefahrer in ein unbekanntes Land,
wo verschiedene Menschen ihm Geschichten erzählen.
Die Gemeinsamkeiten erschöpfen sich damit aber auch
schon, denn diese Geschichten, Eriol genannt, lassen sich
nicht als bloßes Ergebnis literarischer Einflüsse
abwerten. Hier schafft Tolkien bereits die ersten Wurzeln
einer neuen, einzigartigen Welt, die er in Anlehnung an
das nordische Midgard und die gleichbedeutenden Worte
im Frühenglischen "Middle-earth" nannte:
Mittelerde.
"Der kleine Hobbit"
Diese wundersame Welt präsentierte
Tolkien dem Publikum zum ersten Mal 1937 in "Der
kleine Hobbit" ("The Hobbit or There and Back
Again"), einem Buch, das Tolkien ursprünglich
als Gutenachtgeschichte für seine Kinder schrieb,
wie ein Dutzend anderer Erzählungen auch. Tolkien
brachte allerdings selten eine dieser Geschichten zum
Abschluss, da er zwar mit großen Enthusiasmus begann,
später jedoch häufig die Lust verlor und die
Arbeiten unvollendet in der Schublade liegen ließ.
So erging es dem "Kleinen Hobbit" ebenfalls,
dessen Grundstein der Legende nach gelegt wurde, als Tolkien
eines Tages - es mag Ende 1930/Anfang 1931 gewesen sein
- beim Korrigieren von Arbeiten seiner Studenten in dem
ganzen Wust von Papier gnädigerweise ein unbeschriebenes
Blatt fand und, ohne recht zu wissen, warum, darauf kritzelte:
"In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit..."
Die erste Fassung des "Kleinen Hobbit" schrieb
Tolkien innerhalb weniger Wochen nieder. Dabei stellte
er fest, dass sich immer mehr Elemente der Mythologie,
welche er im "Buch der Verschollenen Geschichten"
skizziert hatte, in das Manuskript einschlichen. Er kam
bis zu der Szene, in der der Drache sterben soll, wusste
dann jedoch nicht mehr weiter und ließ den Roman
ruhen, bis eine seiner ehemaligen Studentinnen, Elaine
Griffiths, ihn darum bat, das Buch den Lektoren des Verlags
Allen & Unwin in London zeigen zu dürfen, für
den sie auf Tolkiens Empfehlung hin Clark Halls Übersetzung
des "Beowulf" überarbeiten durfte. Und
erst als Allen & Unwin Interesse daran zeigte, den
"Kleinen Hobbit" zu veröffentlichen, rang
Tolkien sich schließlich dazu durch, das Buch zu
beenden.
"Der kleine Hobbit" erzählt die Geschichte
des Hobbits Bilbo Beutlin, eines kleinen menschenähnlichen
Wesens mit großen, behaarten Füßen und
einer überaus bürgerlichen Mentalität,
das von dem Zauberer Gandalf und einigen Zwergen als "Meisterdieb"
angeheuert wird, um ihnen dabei zu helfen, denn von einem
Drachen bewachten Schatz ihrer Vorväter wieder in
ihren Besitz zu bringen. Nach zahlreichen Abenteuern mit
Elben, Trollen und Orks kann Bilbo den Zwergen dank eines
magischen Rings, den er einem bösartigen Höhlenwesen
namens Gollum abluchst, zu ihrem Schatz verhelfen und
als reicher Hobbit nach Hobbingen zurückkehren.
Der Reiz dieses Kinderbuches, das zusammen mit den ersten
Entwürfen des "Silmarillion" den Grundstein
für den "Herrn der Ringe" legt, liegt vor
allem in der märchenhaften Atmosphäre und der
stimmigen Verwendung von folkloristischen Motiven. Dabei
ist die Moral für eine Kindergeschichte sehr komplex:
Thorin Eichenschild, der Anführer der Zwerge, verdankt
den Schatz dem menschlichen Helden, der den Drachen getötet
hat, weigert sich jedoch, ihm seinen Anteil daran zuzugestehen,
obwohl das Untier die Stadt der Menschen in Schutt und
Asche gelegt hat. Bilbo Beutlin, der durch seine Abenteuer
an Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein gewonnen hat,
überlässt den Menschen deshalb ein Erbstück
der Zwerge als Pfand, das er wiederum als seinen rechtmäßigen
Anteil an der "Beute" deklariert. Somit steht
die Rechtmäßigkeit von Bilbos Handlungen zu
keinem Zeitpunkt in Frage - Tolkien führt seine jungen
Leser durch sämtliche Widrigkeiten und Gefahren zum
Happy End.
"Der kleine Hobbit" erwies sich als ansehnlicher,
wenn auch nicht überragender Erfolg und führte
dazu, dass der Verleger Stanley Unwin Tolkien aufforderte,
so bald wie möglich eine Fortsetzung zu schreiben.
Tolkien war zwar einverstanden, doch ihm schwebte von
Anfang an ein viel längeres, ausgereifteres Werk
vor, mit dem er auch erwachsene Leser würde ansprechen
können. Der "neue Hobbit" entstand größtenteils
während des 2. Weltkriegs und kurz danach, wenn seine
Wurzeln auch - wie auch beim "Kleinen Hobbit"
- auf Tolkiens frühere Versuche als Mythenschöpfer
zurückreichen. Titel des Buches: "Der Herr der
Ringe".
"Der Herr der Ringe"
Dabei hatte Tolkien anfangs nicht einmal
eine klare Vorstellung davon, worum es in dem Roman überhaupt
gehen sollte. Und erst als er sich fragte, was es eigentlich
genau mit dem Ring auf sich hat, den Bilbo dem Höhlenwesen
Gollum abnimmt, kamen seine Gedanken schließlich
in Schwung und seine Feder in Fluss. Dabei kam ihm zugute,
dass mittels des Rings auch der Übergang vom Kinder-
zum "Erwachsenenbuch" problemlos zu bewerkstelligen
war, einfach, indem Tolkien erklärte, dass Bilbo
Beutlin im "Kleinen Hobbit" an einer Stelle
der Geschichte gelogen hat - dass er nämlich eigentlich
unrechtmäßig in den Besitz des Rings gelangt
sei. Auf diese Weise macht er aus Bilbos harmlosen Zauberspielzeug
den Einen Ring, den Sauron, der Dunkle Herrscher, im ersten
der vergangenen Zeitalter schuf, um die Macht über
alle Dinge zu erlangen. Nach seiner Niederlage wurde ihm
dieser Ring durch die vereinten Kräfte von Elben
und Menschen entrissen, um lange Zeit als verloren zu
gelten. Nun jedoch ist Saurons Macht erneut gewachsen
und bedroht die freien Völker von Mittelerde. Seine
Kraft ist allerdings ausschließlich auf die Existenz
des Einen Rings begründet, in den er damals einen
Großteil seiner Energie einfließen ließ,
um die geringeren Ringe der Macht in seinen Bann zu schlagen.
Sollte Sauron den Ring zurückerlangen, wird seine
Macht ganz Mittelerde verschlingen, würde der Ring
aber zerstört, so würde auch Sauron dadurch
vernichtet.
Der einzige Weg, den Ring zu vernichten, besteht darin,
ihn in dem Feuer zu verbrennen, in dem er geschmiedet
wurde: in den Schicksalsklüften des Vulkans Orodruin
in Saurons finsterem Reich Mordor. Der junge Vetter von
Bilbo, Frodo Beutlin, ist für diese Aufgabe auserwählt.
Er wird von einer illustren Schar begleitet, zu der neben
den Hobbits Sam, Merry und Pippin auch der Zauberer Gandalf
und die beiden Menschen Boromir und Aragorn, der noch
unerkannte rechtmäßige König zweier großer
Reiche auf Mittelerde, gehören. Außerdem sind
noch der Zwerg Gimli und der Elb Legolas als Vertreter
der freien Völker dabei. Auf ihrer langen, beschwerlichen
Reise zum Schicksalsberg werden Frodo und Sam von den
anderen getrennt und setzen ihren Weg nach Mordor auf
eigene Faust fort, unterstützt von dem bereits aus
dem "Kleinen Hobbit" bekannten Höhlenwesen
Gollum, der dem Einen Ring verfallen ist und sich an ihre
Fersen geheftet hat, um ihn sich zurückzuholen. Unterdessen
betreiben die anderen Gefährten zusammen mit dem
Baumvolk der Ents und den Einwohnern von Rohan den Sturz
Sarumans, eines von Machtgelüsten korrumpierten bösen
Zauberers in seiner Festung Isengart, sie helfen bei der
Niederschlagung einer von Saurons Armeen, die Minas Tirith,
die Hauptstadt des Reichs Gondor, belagert, und marschieren
mit einem letzten Aufgebot, angeführt von Aragorn,
gegen Mordor, um Saurons Aufmerksamkeit von Frodo und
Sam abzulenken, die sich, wie sie hoffen, inzwischen dem
Orodruin nähern.
Die beiden Hobbits haben mittlerweile den Schicksalsberg
nach zahlreichen unangenehmen Ereignissen und Kämpfen,
unter anderem mit der Riesenspinne Kankra, tatsächlich
erreicht. Dort soll Frodo seine Aufgabe erfüllen,
letztlich ist es jedoch Gollum, der den Einen Ring vernichtet,
indem er ihn Frodo vom Finger reißt und damit -
unabsichtlich - in die Schicksalsklüfte stürzt,
genau in dem Moment, als sich vor den Toren Mordors die
Schlacht gegen die Truppen des Westens zu wenden droht.
Durch die Vernichtung des Ringes vergeht Saurons Macht,
sein Reich zerfällt, Aragorn wird als neuer König
der Westlande eingesetzt und die Hobbits kehren in ihr
Heimatland zurück. Sie treffen dort auf Saruman,
den sie erst einmal vertreiben müssen, ehe es wirklich
zum Happy End kommt. Im Epilog, der einige Jahre später
spielt, bricht Frodo mit den anderen ehemaligen Trägern
der Ringe der Macht zu den Unsterblichen Landen im Fernen
Westen auf.
Anders als "Der kleine Hobbit" wurde dieser
"neue Hobbit", dessen Niederschrift ganze zwölf
Jahre in Anspruch nahm, nicht Tolkiens Kindern erzählt,
sondern Tolkiens literarischem Freundeskreis in Oxford
vorgetragen, den "Inklings", zu denen unter
anderem der Literaturwissenschaftler und Autor Clive Staples
Lewis gehörte, der unter dem Pseudonym C. Hamilton
eine Reihe von Kinderbüchern verfasst hat. Die Inklings
nahmen das Werk Tolkiens mit großer Begeisterung
auf, was zusammen mit den beständigen Nachfragen
des Verlags Allen & Unwin dazu führte, dass das
Buch im Herbst 1949 endlich fertig wurde. Allerdings sorgten
Unstimmigkeiten zwischen Tolkien und seinem Verleger dafür,
dass der erste Band der "Trilogie", in die das
Buch angesichts des enormen Umfangs umgewandelt werden
musste, um auch bloß annähernd die Kosten zu
decken, erst im August 1954 auf den Markt kam, fast achtzehn
Jahre, nachdem Tolkien mit der Arbeit am "Herrn der
Ringe" begonnen hatte; die beiden anderen Teile folgten
im November 1954 und im Oktober 1955.
Doch auch wenn "Der Herr der Ringe" heute als
meistverkauftes Buch des 20. Jahrhunderts gilt, kam dieser
Erfolg nicht über Nacht, denn trotz größtenteils
ausgeprochen wohlwollender Kritik hielt sich der Absatz
zunächst in Grenzen, wenn er über die Jahre
hinweg auch beharrlich anstieg. Der große Durchbruch
kam jedoch erst etwa ein Jahrzehnt nach der Erstveröffentlichung,
als sich "Der Herr der Ringe" in den sechziger
Jahren vor allem unter amerikanischen Studenten der Vietnam-Generation
zu einem regelrechten Kultbuch entwickelte. Weiteren "Zulauf"
erhielt das Werk durch das Tamtam um eine nicht autorisierte
Taschenbuchausgabe durch den Verlag Ace Books im Jahre
1965, das schließlich dazu führte, dass Ace
Books Pleite ging und sowohl Tolkien als auch die Trilogie
in den USA in aller Munde waren. Spätestens zu diesem
Zeitpunkt wurde deutlich, dass "Der Herr der Ringe"
kein "normaler" Bestseller war - es war ein
Werk, das dazu geeignet schien, Äonen zu überdauern,
wenn sich auch niemand so recht erklären konnte,
warum eigentlich.
"Das Silmarillion"
Versucht man, dem "Ring"-Phänomen
objektiv auf die Spur zu kommen, fällt auf, dass
"Der Herr der Ringe", der allein schon durch
seine handwerkliche Solidität aus der breiten Masse
hervorsticht und das sowohl gemessen an älteren wie
auch an moderneren Fantasy-Romanen, denen man nur allzu
häufig anmerkt, dass sie ausschließlich aus
finanziellem Interesse heraus geschrieben wurden. Dramaturgie,
Spannungsbogen, Atmosphäre, Charakterzeichnung -
all das ist in sich absolut stimmig, und jedes noch so
kleine Detail wurde liebevoll herausgearbeitet, um sich
nahtlos in eine komplexe Weltgeschichte einzufügen,
die mehr als sechs Jahrtausende zurückreicht. Die
Sprachen der imaginären Völker, insbesondere
die der Elben, in denen Tolkien den Elfen der viktorianischen
Märchen ein wenig von ihrem früheren Glanz zurückgibt,
sind teilweise so weit entwickelt, dass sich Unterhaltungen
darin führen lassen. Tolkien hat das umfangeiche
Vokabular dieser Sprachen genutzt, um in "Elbisch"
Gedichte zu schreiben, und auch wenn diese Werke mit ihrer
zuweilen sehr mechanischen Verwendung verschiedener Stilformen
oft belächelt werden, gelingt es Tolkien mit seiner
"Mittelerde-Lyrik" dennoch ausgezeichnet, die
Psychologie der einzelnen Völker und Figuren besser
herauszustellen.
Die ganze Zeit über arbeitet Tolkien dabei auf einen
gänzlich neuen Heldentypus hin, in dem sich heidnischer
Schicksalsglaube und christliches Erlösertum miteinander
vermischen. Allerdings erweist sich Tolkien damit keineswegs
als "christlicher" Autor wie einige seiner literarischen
Mitstreiter aus dem Kreise der "Inklings", da
Tolkien in seinen Werken sowohl auf die Handlungsmuster
des klassischen Märchens als auch auf die des englischen
Abenteuerromans der Jahrhundertwende zurückgreift.
Von der etablierten Literaturkritik ist ihm genau das
wiederholt vorgeworfen und zusammen mit der exotischen
Natur seiner Geschichten immer wieder als Realitätsflucht
ausgelegt worden. Tolkien selbst sah in seinem Schaffen,
wie er in seinem 1963 erschienenen Essay "Über
Märchen" ("On Fairy-Stories") schreibt,
jedoch weniger eine Flucht, sondern vielmehr eine Wiedererlangung
der "wahren Perspektive", ausgelöst durch
die Freude über das glückliche Ende, das nach
Tolkiens Weltansicht den christlichen Erlösungsmythos
wiederspiegelt und uns so die Einsicht in eine höhere
Realität gewährt.
Dieses mystische Element in Tolkiens Werk wird im "Silmarillion"
noch deutlicher, das sozusagen die Vorgeschichte zum "Herrn
der Ringe" enthält und ursprünglich parallel
dazu veröffentlich werden sollte, letztlich aber
erst 1977, ganze vier Jahre nach Tolkiens Tod, in einer
von seinem Sohn Christopher bearbeiteten Form herauskam.
Obwohl das Material mit Sicherheit weitgehn authentisch
ist, entspricht es in dieser verknappten Form kaum Tolkiens
Vorstellungen, die eher in den unter dem Titel "Unfinished
Tales" ("Nachrichten aus Mittelerde") zusammengefassten
Fragmenten deutlich werden. "Das Silmarillion"
bietet trotzdem für die Leser, die mehr über
Mittelerde, die drei Zeitalter und die Ringkriege erfahren
wollen, viel interessanten Lesestoff. Allen anderen muss
man von diesem Werk jedoch abraten, da es schlichtweg
zu speziell ist, um einer "normalen" Lektüre
zugänglich zu sein.
"Das Silmarillion" beginnt damit, dass Eru,
der Eine,m Tolkiens transzendenter Gott, aus seinen Gedanken
heilige Wesen, die Ainur, erschafft und ihnen das Thema
für ein Musikstück vorgibt, in dem die gesamte
Geschichte von Mittelerde vorgezeichnet ist. Das Bild
der Welt formt sich in diesem magischen Gesang, und einige
der Ainur sind davon so angetan, dass sie darin eingehen
und dadurch zu den Valar werden, personifizierten Naturkräften,
zu denen Manwe (Luft), Ulmo (Wasser), Aule (Erde) und
auch Melkor (Feuer) zählen, Tolkiens Satansfigur.
Später kommen außerdem die Maiar hinzu, Wesen
geringerer Ordnung, zu denen Gandalf der Graue (bzw. Weiße)
und Sauron, der Dunkle Herrscher, gehören. Der Boden
ist damit bereitet für das Auftreten der Elben und
der Menschen - die einen unsterblich, die anderen sterblich.
Mit der Ankunft der Elben im Land der Valar, im äußersten
Westen von Arda, beginnen die Legenden, die das eigentliche
"Silmarillion" bilden, bei dem es sich im Grunde
um nicht anderes als die Geschichte von Feanor handelt,
dem kunstfertigsten unter den Elben, der das Licht der
beiden Bäume Laurelin und Telperion in drei Edelsteinen
einfängt: den Silmaril. Weiter wird davon berichtet,
wie Melkor Unfrieden zwischen den Elben und den Valar
sät, wie er die heiligen Bäume zerstört
und Finsternis über die Welt kommt, wie Feanor den
Valar die Silmaril verweigert, mit denen die Bäume
hätten gerettet werden können und wie Melkor,
besser bekannt als Morgoth, alles daran setzt, um die
kostbaren Steine in seinen Besitz zu bringen. Als ihm
dies schließlich gelingt, schwören Feanor und
seine Söhne, jedes Geschöpf zur Strecke zu bringen,
das sich weigert, ihnen einen der Silmaril auszuhändigen,
was den Elben letztlich zum Verhängnis wird.
In den Geschichten des "Silmarillion" finden
sich neben den Wurzeln von Mittelerde ebenfalls die poetischen
Kerne von Tolkiens Gesamtwerk: die Verbindung von Sterblich-
und Unsterblichkeit, bestens dokumentiert an dem Menschenmann
Beren und der Elbenmaid Lúthien, die ein idealisiertes
Bild von Tolkiens Frau Edith darstellt. Die erste Erzählung
des "Silmarillion", die zu Papier kam - "Von
Tuor und dem Fall von Gondolin" ("The Fall of
Gondolin") -, wurde Anfang 1917 niedergeschrieben
und hat ihren Platz gegen Ende des Zyklus, es geht darin
um den Angriff Morgoths auf die letzte Feste der Elben.
Nach einer verheerenden Schlacht gelingt einigen Bewohnern
von Gondolin die Flucht aus der belagerten Stadt, unter
ihnen Éarendil, der Enkel des Königs, was
diese Erzählung zu einem Bindeglied zwischen den
früheren Éarendil-Geschichten, den ersten
Skizzen der Mythologie, und dem späteren "Herrn
der Ringe" macht. Gleichzeitig schließt sich
damit der Kreis, der 1917 mit "Von Tuor und dem Fall
von Gondolin" begann und 60 Jahre später mit
der Erscheinung des "Silmarillion" zu Ende geführt
wurde.
Das neue Gesicht der Fantasy
Zu einem abschließenden Urteil
über Tolkiens Gesamtwerk zu kommen ist schwierig,
da Tolkiens seit über 30 Jahren ungebrochene Popularität
im Grunde allein auf den "Herrn der Ringe" zurückzuführen
ist. Und obwohl hierzu der allgemeine Tenor der Kritik
nach dem Erscheinen der Trilogie insgesamt sehr positiv
ausfiel, gab und gibt es Stimmen, die dieses düstere
Sittengemälde mit seinen komplexen Genealogien und
seinem ernsten, staubtrockenen Pathos als "öde",
"langweilig" und "unverständlich"
bezeichnen. Am Ende sind es jedoch immer die Leser, die
darüber entscheiden, ob ein Werk gut oder schlecht
ist, und die Tatsache, dass vom "Herrn der Ringe"
weltweit bislang über 50 Millionen Exemplare verkauft
wurden, spricht eine deutliche Sprache. Hinzu kommt, dass
die moderne Fantasy ohne Tolkien nicht das wäre,
was sie heute ist; jedes ihrer Werke muss sich - im Guten
wie im Schlechten - an dem Tolkiens messen lassen. Es
ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass Tolkien
zwar nur wenige direkte Nachahmer gefunden hat - von einigen
ganz naiven Imitatoren abgesehen -, seine Figuren und
Motive jedoch ein fester Bestandteil der Populärkultur
des 20. Jahrhunderts geworden sind. Alles in allem kann
man daher zu dem Schluss gelangen, dass der Einfluss,
den Tolkien auf das Fantasy-Genre ausgeübt hat, gar
nicht hoch genug bewertet werden können, ganz zu
schweigen davon, dass die Welt ohne den "Kleinen
Hobbit" und den "Herrn der Ringe" um zwei
wunderbare Geschichten ärmer wäre.
Informationen stammen aus:
"Space - View Fantasy - Der Herr Der Ringe" von Stefan
Servos/ Andreas Kasprzak erschienen im Heel - Verlag [2001]
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