Abschied
Dóraviel legte den Kopf in den
Nacken, um sich den kaum vorhandenen Abendwind um die
Wangen streichen zu lassen. Sie konnte es kaum glauben;
ihr letzter Tag in Mittelerde! Das grosse Schiff stand
im Hafen von Minas Tirith schon vor Anker. Es würde
kaum dreissig Minuten dauern bis es auslief. „Wir
müssen uns beeilen!“ Elrohir musste schreien,
um sich mit Dóraviel zu verständigen. Er stand
neben ihr und bestaunte ebenfalls das majestätische
Schiff. Die Menschen und Elben und auch vereinzelte Zwerge
drängten sich auf dem Hafenareal von Minas Tirith.
Eine unangenehme Hitze herrschte schon seit dem frühen
Morgen, der Himmel strahlte blank und schon etwas violett.
„Das gefällt mir nicht. Es ist zu heiss für
die Jahreszeit“, hatte Legolas schon am frühen
Morgen prophezeit. Dóraviel nahm ihren Vater ernst.
Ihr gefiel die Hitze ebenfalls nicht.Plötzlich teilte
sich die Menge vor Dóraviel. Allgemeines Getuschel
machte sich breit.
„Der König!“„Seht doch nur die
wunderbaren Gewänder!“„Königin Arwen
sieht bezaubernd aus!“„Sie kommen um Abschied
zu nehmen!“„Welche Ehre!“Und so weiter.
Das Königspaar schritt würdevoll durch die sich
eben gebildete Schneise. Hinter ihnen gingen mehrere Gardisten
und auch Gimli Glóinssohn, Legolas´ Freund.
Und hinter diesem trippelten zwei kleinere, jungenhaft
aussehende Gestalten. Hobbits! Der Zug bewegte sich langsam
auf das Schiff zu, welches den Namen „Meervogel“
trug.Vor Legolas blieb Aragorn stehen. Der Elbenstein
glitzerte an seiner Stirn. Die Menge hörte auf zu
tuscheln und starrte gebannt auf die zwei Männer.
Dóraviel stand wie gelähmt. Der König!
Sie war gefangen von seiner prunkvollen Kleidung. Er trug
eine malachitfarbene Bluse und darüber einen dunkelblau
glänzenden Mantel, der bis auf den Boden reichte.
Seine Beine steckten in hellblauen Samthosen, welche wiederum
in schwarze Stiefel mündeten. Die graublauen Augen
musterten sie ebenfalls. Wahrlich, er war ein König!
Von dem ehemaligen Waldläufer war nichts mehr zu
sehen! Auch Königin Arwen sah bezaubernd aus in ihrem
tannengrünen Kleid. Das silberne Diadem das scharf
von ihren dunklen Haaren abstach, zeigte ihren hohen Rang
an.
Gimli, der mutige Zwerg trug für einmal nicht seine
Rüstung sondern ein ledernes Wams von hellbrauner
Farbe und eine dunklere Jacke, ebenfalls aus Leder. Seine
Hosen waren beinahe schwarz. Über ihnen prangte ein
mit Silber beschlagener Gürtel mit breiter Silberschnalle.
Die hinter ihm trippelnden Hobbits hatten sich ebenfalls
in Schale geworfen: Einer trug über einer honiggelben
Weste eine rote Jacke und dunkelblaue Hosen. Der andere
steckte in dunkelgrünen Hosen und hellroter Weste.
Die wollene Jacke trug er lose über dem Arm, es war
ihm offensichtlich zu warm.
Legolas stutzte, als Gimli und die zwei Hobbits vor ihm
standen. Schliesslich aber jauchzte er: „Pippin!
Merry! Die zwei alten Aufschneider! Kommt ihr etwa auch
mit nach Westernis?“ Pippin grinste: „Na klar!
Wollen doch den alten Frodo mal wieder sehen.“ Frodo
war mit Elrond und Gandalf tatsächlich schon vorgereist.Legolas
kniete nieder und umarmte Gimli, den er ebenso herzlich
begrüsst hatte, Pippin und Merry. Da ertönte
ein Ruf von der „ Meervogel“: „Das Schiff
läuft in 15 Minuten aus. Bitte beeilen sie sich,
einzusteigen!“ Aragorn, der die Szene lächelnd
beobachtet hatte, legte jedem den Arm um die Schultern
und sprach die Abschiedsworte: „Möge eure Reise
frei von Gefahren sein. Lebt wohl, Gefährten.“
Auch Königin Arwen sprach zu jedem ein Abschiedsgruss,
schliesslich bahnten sich die sechs einen Weg durch die
jubelnde Menge. Dóraviel war derart bewältigt
vom Anblick des grossen Schiffes, dass sie nichts um sich
herum wahrnahm. Sie ging Elrohir nach, seine Hand haltend
und befand sich plötzlich auf dem hölzernen
Deck der „Meervogel“. Sie war erstaunt, als
sie auf die Menschenmassen unter sich blickte. Dass sie
so weit oben war, hätte sie nicht gedacht. Das Schiff
war wirklich riesig. Als sie ihren Blick über den
schlanken, mit einem goldenen Schwankopf verzierten Bug
schweifen liess, entdeckte sie weit unten einen Menschen,
der aufgeregt mit den Armen winkenden auf einem Mauerstein
stand. Er rief Dóraviels Namen, und auch über
die grosse Distanz hinweg hörte sie es. Als sie ihre
scharfen Augen etwas mehr anstrengte, erkannte sie Deremir,
ihren Jugendfreund. Sie winkte ebenfalls. Deremir schrie
mit erstaunlicher Klarheit: „ Dóraviel! Verzeih
mir! Ich habe falsch gehandelt…ich…“
So sehr Dóraviel ihre Augen anstrengte, sie fand
Deremir nicht mehr in der wogenden Menge. Sie spürte
einen Ruck, und plötzlich bewegte sich der Hafen
von ihr weg. Das Schiff fuhr. Sie warf einen letzten Blick
auf Mittelerde, und wandte sich dann zu Elrohir. „Lass
uns unter Deck gehen. Mir ist so heiss.“ Elrohir
führte sie in ihre gemeinsame Kabine und bettete
sie zärtlich auf das weiche Bett.
zurück