Kapitel 10

Verschwunden

Als Gimli Legolas am Abend fand, lag der Elb immer noch unter dem Mallorn. Er hatte über alles nachgedacht, und war zum Schluss gekommen, dass sein Benehmen eindeutig falsch gewesen war. Es war einfach allzu menschlich. Und mit diesen Wesen, so tapfer und edelmütig sie auch sein mochten wollte er nicht verglichen werden. In letzter Zeit war es selbst für ihn einfach etwas zu viel gewesen: Die für immer verloren geglaubte Tochter kehrt zurück, ihr Verlobter und einer seiner besten Freunde stürzt ins Wasser und nun konnte er auch die Aussicht, seine Vinvierwen je wiederzuhaben wohl vergessen.

Gimli machte eine bekümmerte Miene. Wie immer, wenn ihm etwas Sorgen bereitete war seine Stimme und Ausdrucksweise mürrisch und nicht sehr höflich, obwohl er es nicht so meinte. So sagte er:
"Wach auf, Herr Elb, wenn du es nicht schon bist. Warum musst du auch mit offenen Augen schlafen?"
"Ist gut, mein Freund, ich bin wach.", murrte Legolas und setzte sich auf.
Gimli zeterte unterdessen weiter:
"Du hast je wieder mal was Schönes angestellt! Hab alles aus erster Hand von Elrond erfahren. Er meinte, ich könnte dich vielleicht wieder zu Vernunft bringen."
"Ich habe mich wirklich dumm benommen. Ich schäme mich für meinen Wutanfall. Bei Varda, was ist nur in mich gefahren?"
"Das frag ich mich auch. Wisst ihr übrigens wo eure Frau Tochter ist?"
Legolas blickte rasch auf.
"Nein. Ich…ich dachte sie ist in unserem Gasthaus…sie ist gegangen.""Dort ist sie nicht. Auch nicht bei den Hobbits. Wir haben sogar nachgesehen, ob sie vielleicht in den Gemächern von Elladan weilt. Doch dieser ist auch verschwunden. Da dachte ich, sie sind vielleicht bei dir. Dich habe ich übrigens auch eine ganze Weile gesucht."
Gimli hatte seine grimmige Miene aufgesetzt. Legolas erhob sich rasch. Mit den Händen fuhr er sich den Seiten entlang, um das Moos und Laub aus seinen Gewändern zu entfernen. Er schaute auf seinen Freund hinunter, und sagte ernst:
"Ich denke sie ist beim Strand. Lass uns hingehen."
"Aber es ist beinahe dunkel!"
Legolas blickte auf den Zwergen hinab:
"Was macht das für einen Unterschied?"
Gimli seufzte und meinte:
"Ich habe es eben doch lieber, wenn du sitzt."
Als sie beim Strand ankamen, legte sich schon das fahle Mondlicht über den Strand. Das weiche, silberne Licht strich über den Strand und brachte dem Sand einen weißen Schimmer. Legolas ging mit beinahe schwebenden Schritten über den weichen Strand, mit den Augen den Boden absuchend. Gimli stapfte missmutig hinterher. Plötzlich blieb der Elb stehen, und zeigte auf den Boden.
"Da wurden Spuren verwischt…Sie führen nach Süden, von der Stadt und unserem Gebiet weg…""Ah ja? Und was schließt du daraus?"
"Die Tatsache, dass Spuren verwischt worden sind, bereitet mir Sorgen. Auf jeden Fall waren zwei Elben hier. Das sah ich an den Spuren im Wald. Die eine war zweifellos Dóraviel, die andere Spur zeugte von einem männlichen Gang. Wahrscheinlich Elladan."
"Und was sollen wir jetzt tun? Sie suchen?"
"Zu zweit hat das keinen Sinn. Am besten wäre es wohl, zurückzugehen und alles Elrond oder Galadriel zu melden."
Damit drehte er sich um und lief im Laufschritt zurück. Gimli hastete ihm eilig nach.
Elrond hatte seine Stirn auf die Handfläche gestützt. Sein Antlitz schien grau und um etliche Zeitalter gealtert. Legolas stand vor dem schön geschnitzten Stuhl von Elrond und machte einen gefassten Eindruck. Hinter ihm stand Gimli. Galadriel saß ruhig und mit einer Miene, die nicht zu durchschauen war, auf einer prächtigen Sitzgelegenheit aus weißem Holz zur linken Elronds. Ihr Gesicht war ernst. Legolas mied ihren Blick, der auf ihm ruhte. Er war sich sicher, dass sie bereits vom Vorfall im Haus ihres Sohnes gehört hatte. Endlich begann Elrond zu sprechen.
"Wir werden einen Suchtrupp schicken. Noch heute Nacht. Ich werde die fähigsten Fährtensucher losschicken, um mehr herauszufinden. Morgen werden wir aufbrechen, um sie Notfalls zu befreien. Legolas, du vermutest Entführung. Ich würde dem auch zustimmen, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass es aussieht, als hätten Elben die Spuren verwischt, wie du sagst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Elben sie entführen sollten."
Elrond rief einen Wächter herbei, welcher in einer Ecke gewartet hatte. Er erteilte ihm die Befehle. Legolas wollte gleich dem Wächter nacheilen, doch Elrond hielt ihn zurück:
"Legolas! Du bleibst hier. Wir haben noch zu reden."
Legolas wandte sich um. Dabei streifte er den Blick Galadriels. Dieser war hart und undurchdringlich, jedoch nicht vernichtend.
Gimli ging, und murmelte etwas wie: "Ich bin dann in unserm Haus."
Legolas blieb unschlüssig stehen. Er fühlte sich erdrückt zwischen den Blicken der zwei hohen Elben. Elrond ergriff als erster das Wort.
"Legolas, du weißt, was wir von dir hören wollen."
Legolas schaute Galadriel direkt in die Augen. Ihr Blick verlangte eine Antwort.
"Es tut mir leid."
Legolas’ Stimme klang fest und ungebrochen. Er richtete sich etwas mehr auf."Es tut mir leid, dass ich…Euch anschrie. Der Wutanfall tut mir leid. Ich schäme mich dafür. Ich komme mir vor, wie…ein junger Elb, der sein Temperament nicht mehr unter Kontrolle hatte. Doch dass ich Vinvierwen besucht habe, tut mir nicht im Geringsten leid."Damit war es gesagt. Er schwieg. Galadriel ergriff das Wort. In ihrer Stimme war Verständlichkeit, jedoch keine Spur von Milde.
"Auch wir machen Fehler, wenn auch nur wenige. Du hast in letzter Zeit selbst für einen Elben viel durchgemacht. Wir wollen deinen Wutausbruch vergessen. Doch nicht dass, was vorher geschah."
Legolas schwieg. Sein Blick wanderte zu Elrond. Leise sagte dieser:
"Du weißt es Legolas. Du hast es gewusst. Du hättest nicht hierher zurückkehren sollen."
Legolas schwieg noch immer. Er konnte nicht gehen, ehe er eine Antwort gegeben hatte.
Nach einer Weile sagte Galadriel jedoch:
"Geh. Wir kennen deine Antwort."
Legolas wandte sich um und verliess hastig den Saal. Er kehrte in das Haus zurück, welches sie bewohnten. Es war nicht sehr gross, mit offenen Zimmern, bei denen das Laub hereinwehte. Die Hobbits schliefen schon. Gimli sass in der kleinen Eingangshalle und rauchte eine Pfeife. Legolas ging an ihm vorbei und ihn sein Zimmer, von wo er eine wunderschöne Aussicht über die Stadt hatte. Die meisten Lichter waren schon erloschen.
Er blieb kurz stehen und versuchte mit den Augen Vinvierwens Haus auszumachen. Dann besann er sich auf den morgigen Tag und die Suche und kehrte in den geschlossenen Teil des Zimmers zurück. Er würde Dóraviel finden. Er musste sie finden.
Am nächsten Morgen stand Legolas früh auf. Er hoffte, dass die Hobbits noch schliefen und ihn nicht mit Fragen belästigten. Rasch wusch er sich, kämmte sein Haar und kleidete sich an. Doch als er aus seinem Zimmer trat, hörte er das heitere Gemurmel der Hobbits. Er seufzte resigniert und ging in die Halle in der Mitte des Hauses. Gimli, Merry, Pippin und Frodo saßen am Frühstückstisch und verstummten plötzlich, als Legolas eintrat. Dieser ließ ein kurzes "Guten Morgen" vernehmen, während er an ihnen vorbeiging. Die andern sahen ihm verwundert nach. Als er schon fast am andern Ende des Saales angekommen war, rief Gimli:
"Legolas! Wohin gehst du?"
Der Elb drehte sich zu den Freunden um und sagte nur:
"Zu Elrond. Vielleicht hat er Neuigkeiten."
Zu den Hobbits gewandt sagte er:
"Ich nehme an, ihr habt erfahren was los ist."
Ein schmerzliches Lächeln erschien auf seinen Zügen. Frodo sagte schnell, um zu verhindern, dass Merry oder Pippin einen dummen Spruch fahren liessen:
"Natürlich. Wir werden versuchen zu helfen."
Gimli stand rasch auf.
"Ich komme mit!"
So verließen die beiden das Haus, und ahnten nicht, dass die Hobbits ihnen kurz darauf folgten.
Elrond saß wie am vorigen Abend in seinem Sessel, und wirkte, wie wenn er die ganze Nacht auf dem Stuhl gesessen wäre und gegrübelt hatte. Galadriel war nicht zugegen. Als Legolas eintrat, bemerkte er zuerst, dass Vinvierwen auf einem Stuhl zur Rechten Elronds saß. Sie saß aufrecht und war in tannengrüne Gewänder gehüllt. Legolas streifte sie mit einem kurzen, wehmütigen Blick. Elrond blickte indessen auf. Bestimmt sagte er:
"Wir werden einen Trupp losschicken. Haldir mit vier seiner fähigsten Männer, du, Legolas, Gimli, zwei Krieger aus meinem Gefolge. Ob Vinvierwen auch mitgehen will, überlasse ich ihr. Doch wenn sie mitgehen will, sehe ich mich gezwungen, Galadhion auch mitzuschicken. Zu ihrem persönlichen Schutz."
Die Augen Elronds ruhten auf Legolas; lauerten. Doch dieser verzog keine Miene. Sollten sie tun mit ihm, was sie wollten. Er würde seine stoische Ruhe wahren. Indessen meldete sich Vinvierwen zu Wort.
"Ich werde mitgehen, das ist gar keine Frage. Dóraviel ist schliesslich meine Tochter."
Mit diesen Worten erhob sie sich und stellte sich vor Elrond. Doch sie kam nicht mehr zum sprechen. In diesem Augenblick nämlich trippelten drei kleine Gestalten in den Saal.
Elrond seufzte innerlich. Das alles erinnerte ihn einfach zu sehr an jenen Rat, den er seinerzeit in Bruchtal hielt. So sagte er voreilig:
"Ja, wenn ihr wollt, könnt ihr mitgehen. Ich weiß zwar nicht, für was ihr nützlich sein könntet, doch man kann nie wissen."
Pippin grinste schief.
"Danke Herr Elrond. Doch um was geht’s denn eigentlich?"

 

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