Kapitel 11

Palast

Dóraviel und Elladan hatten keine Chance gegen die Übermacht der Aramos. Obwohl auch Dóraviel freikam und tapfer kämpfte, mussten sie sich bald geschlagen geben. Diese schwarzen Elben waren mindestens so geschickt wie sie und gingen zu zehnt auf die beiden los. Dóraviel schlug um sich, wirbelte herum und traf auch meistens. Doch diese Gegner waren keine stupiden Orks oder ängstliche Warge, es waren reaktionsschnelle Wesen, die es ausgezeichnet verstanden, mit ihren langen, dünnen Degen umzugehen. Und in dieser Art des Kampfes hatten weder Dóraviel noch Elladan ihre Erfahrungen; normalerweise kämpften sie mit Pfeil und Bogen. Gegen diese langen, schlanken Waffen, die ausgezeichnet geführt wurden gab es kein Entrinnen. Elladan hieb einem Schwarzen Kerl die Hand ab und Dóraviel fügte einem andern einen langen Kratzer quer übers Gesicht zu, doch dies war auch schon alles. Sie wurden hart herumgerissen, die Hände wurden mit kratzenden Seilen verschnürt und ihre Augen mit schwarzen Tüchern verbunden. Zum Schluss erhielten beide einen derben Schlag auf den Kopf, der eine bewusstseinsraubende Wirkung hatte.
Dóraviel und Elrohir spazierten am Strand entlang, als sie plötzlich in ein Loch fielen. In diesem Loch erwarteten sie böse Orkfratzen, welche sie fesselten und ihnen fürchterliche Worte zuflüsterten. Die Dunkelheit um sie herum wurde immer schwärzer und verschluckte alles Leben. Doch plötzlich erhellte ein brutal greller Fackelschein die Nacht. Dóraviel sah Elrohir auf einem Tisch liegen, daneben ein Ork mit einem zum Schlag erhobenen Beil. Dóraviel wollte schreien, doch kein Ton kam aus ihrer Kehle. Die plötzliche Dunkelheit um sie herum verschluckte wieder alles. Nur etwas war zu hören: Das regelmässige Tropfen von Blut.
Dóraviel schlug die Augen auf. Ihr wurde klar, dass alles nur ein Traum gewesen war. Doch das unheimliche Tropfen blieb. Entsetzt sah sie sich um. Sie lag auf einem harten Steinboden, um sie herum herrschte Dunkelheit. Irgendwo in der Ferne erkannte sie den roten Schein einer Fackel. Neben sich hörte sie unruhige Atemzüge. Elladan. Ob er wach war? Leise rief sie:
"Elladan! Wacht auf!"
Elladan regte sich. Leise zischte er:
"Ich bin wach! Seid leise! Wir müssen hier irgendwie rauskommen."
Dóraviel schwieg. Sie fragte sich, was nun ihre Eltern taten. Ihre Mutter. Sie war ihr so fremd, doch irgendwie fühlte sie sich ihr verbunden. Die kurze Begegnung hatte sie aufgewühlt. Sie war so zerstreut…sogar ihr angeborener Schutzmechanismus hatte sie im Stich gelassen. Nun war sie in diesem feuchten Verlies, wo es nach Tod und Verderben roch. Eine eisige Wut stieg in Dóraviel hoch. Sie würde hier rauskommen! Diese schwarzen Teufel konnten sie nicht festhalten! Doch sie musste nun Ruhe bewahren. Kalt überlegen, mit dieser gefährlichen Ruhe, die sich so plötzlich in einen mörderischen Sturm entladen kann. Sie bewegte ihre Handgelenke. Ein raues Seil rieb sich zwischen dem harten, kalten Boden und ihrer einst so weichen Haut. Es schmerzte. Ihre Hände waren hinter dem Rücken zusammengebunden, und sobald sie sich bewegte, spürte sie einen dumpfen Stich in den Oberarmen. Auch ihre Füsse waren zusammengebunden. Doch Dóraviel biss die Zähne zusammen. Sie durfte sich nicht durch den Schmerz ablenken lassen. Fieberhaft versuchte sie in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Langsam, aber sicher gewöhnten sich ihre Augen daran. Links von ihr, der dunkle Schatten, das musste Elladan sein. Ein rotes Flackern an der Wand vor ihr zeugte von einer Fackel. Undeutlich erkannte sie auch Gitterstäbe, die horizontal und vertikal in einem engen Netz den rötlichen Schein durchschnitten. Während sie noch eine Schwäche in diesem undurchdringlich scheinenden Flechtwerk von starkem Metall ausfindig zu machen versuchte, gab Elladan einen flüsternd von sich:"Ruhig! Jemand kommt!"
Dóraviel hielt still. Sie musste herauskriegen, warum sie hier festgehalten wurden, was das für einen Sinn machte. Schritte näherten sich. Es waren keine schweren Schritte wie von Menschen. Sie klangen gleitend aber doch bedrohlich. Der Schein einer Fackel wurde heller und heller, bis er vor der Zelle war. Dunkle, grosse Gestalten schlossen die Zelle auf. Wortlos gingen sie zu den beiden Elben; hoben sie hoch und stiessen sie vorwärts. Hinter ihnen fiel die Zellentür wieder klirrend ins Schloss. Dóraviel erkannte einen hohen Tunnel, durch den sie gingen. Die Wände waren glatt und glitzerten vor Feuchtigkeit. Ihre Wächter stiessen sie unwillig vorwärts. Elladan ging voraus, von acht schwarzen Männern bewacht. Ebenso wie Dóraviel. Ein Entrinnen war unmöglich, selbst wenn beide sich hätten freimachen können. In diesem Tunnel, an dem an jeder Ecke ein weiterer Weg abbog hätten sie sich heillos verlaufen.
Bald jedoch erkannten sie einen Schimmer von Tageslicht voraus. Der Tunnel wurde breiter, die vielen Abzweigungen blieben aus. Und plötzlich standen sie im Tageslicht. Sie befanden sich auf einer kleinen schmalen Galerie, bei der an der einen Seite die Felswände fehlten. Stattdessen sicherte ein hüfthohes, Geländer den Abgrund. Die Helligkeit, obwohl noch nicht vollkommen, da oben, unten und an der rechten Seite sich immer noch Felswände befanden, blendete sie. Dóraviel wagte, sich etwas umzusehen. Und es verschlug ihr fast ihre stoische Ruhe. Sie befanden sich in einer Gigantischen Felswand. Unter sich sah sie eine prachtvolle Stadt, die teils mit der Wand und teils mit dem Wald darum herum verschmolz. Eine hohe Mauer umgab das ganze riesige Gebiet, und davor schimmerte ein Streifen lichter Wiese. Direkt unter dem Gang in der Felswand befand sich ein besonders schönes Gebäude. Es war aus einem schwarzen Gestein, mit weinroten Schnörkeln und Säulen. Es verschmolz dicht mit der Felswand und war nicht weit in die Breite hinaus gebaut, dafür war es sehr hoch. Die pompösen Kuppeldächer besassen zum Teil eine leichte Versilberung und glänzten in einem eigentümlichen Schwarz- Silber. Auf dem Höchsten dieser weit geschwungenen Dächer befand sich ein Banner, das eine schwarze Rune auf weissem Feld darstellte. Über der Rune prangte ein kleiner, blutroter Punkt. Dóraviel war in den Anblick der schwarz-rot-silbernen Kuppeldächer so versunken, dass sie glatt vergass weiterzugehen. Eine der Wachen stiess sie unsanft an, um sie zum weitergehen zu bewegen. Langsam stolperte sie vorwärts, den Kopf erhoben. Sie wollte sich nicht beugen vor diesen Wesen.
Der Weg ging weiter die Galerie entlang, bis er plötzlich nach rechts abbog und wieder in die Felswand führte. Eine Wendeltreppe führte stetig nach unten. Dóraviel zählte die Stufen. Als sie bei der hundertsten angekommen war, hörte die Treppe auf. Nun wurde der Gang breiter und führte von der Treppe weg geradeaus. Die schwarzen Wände waren ganz glatt geschliffen, sodass man sich darin spiegeln konnte. Der Boden war mit schwarzen Marmorplatten ausgelegt. Nun erhellten auch nicht mehr spröde Fackeln das trübe Licht, sondern weisse Windlichter, die in kleinen Nischen in der Wand glitzerten. Sie mussten den Gefängnisflügel bald verlassen haben, dachte sich Dóraviel. So war es denn auch. Es dauerte nicht mehr lange, bis sie an eine grosse, massive Tür kamen. Sie schien aus Stein zu sein. Eine der Wachen sagte etwas, das die Elben nicht verstanden. Sofort knarrte und knirschte es. Die Türe wurde vorsichtig hochgezogen, gerade soweit, dass alle durchgehen konnten, ohne den Kopf anzustossen. Danach traten sie in einen hohen, mit weissem Marmor ausgekleideten Raum. An den Seiten standen unbeweglich Wachen. Sie durchquerten schnell den Raum. Danach durchquerten sie einen ähnlichen Raum, der an den weissen Wänden jedoch in kunstvollen schwarzsilbernen Runen beschrieben war. Danach waren sie wieder im Freien. Sie gingen eine ähnliche Galerie wie vorher in den Gefängnisräumen, entlang. Doch dieser Gang war aus weissem Marmor mit rotschwarzen Säulen dekoriert. Dóraviel fragte sich immer mehr, was das für Wesen waren, zu denen sie geraten war. Ihre Baukunst war ausgefeilt und schien jahrhundertealt. Ihre Muster und Runen waren denen der Elben überhaupt nicht ähnlich, doch an Schönheit und Eleganz standen sie ihnen in nichts nach. Dóraviel war schon aufgefallen, dass die dominierenden Farben schwarz, rot und weiss waren. Nach diesen Farben waren auch die Wachen gekleidet: Schwarze Uniform mit weissroten Streifen und einem roten Umhang. Dies war ein weiterer Unterschied gegenüber den Elben. Diese kleideten sich vorwiegend in Waldfarben: Grün, braun und grau.
Nachdem sie den Säulengang und andere offene Räume durchquert hatten, kamen sie in einen relativ kleinen, fensterlosen Raum. Endlich machten sie Halt. Eine der Wachen sagte etwas zu einem Gardisten, der vor der hohen weissen Türe wachte. Dieser verschwand rasch hinter der Türe, kam nachher jedoch wieder heraus und gab den Wachen einen Wink. Sie traten durch die hohe weisse Türe in einen gigantischen Raum. Von drei Seiten war er von den weissen, marmornen Wänden eingefasst, die vierte Seite begrenzte eine elegante Säulenreihe. Zwischen den weissen Säulen standen weissrot gekleidete Gardisten. Ihre Kleidung passte harmonisch zu ihrer schwarzen Hautfarbe. Doch als Dóraviel den Blick nach vorne schweifen liess, erkannte sie einen mächtigen Sessel – nein Thron, auf einem Podest. sechs Stufen führten zu dem schwarzen Sitz, welcher von reichem Schnitzwerk dekoriert war. Rote Tücher waren ihn perfekten Falten darauf und darum herum gelegt. Auf dieser prunkvollen und doch schlichten Sitzgelegenheit sass eine Frau, die vom Aussehen her noch sehr jung sein musste. Doch aus ihren nachtschwarzen Augen sprach grosse Weisheit und Erfahrung. Ihr Teint war beinahe ebenholzschwarz und ihre Haare wallten in vielen kleinen Locken um ihren Kopf. Ihre Nase war geradlinig, zeigte jedoch an den Flügeln eine leichte Verbreiterung. Die Lippen waren voll und dunkelrot geschminkt. Über ihrer Lockenpracht prangte ein Reif aus Mithril mit einem einzelnen roten Stein in der Mitte. Ihre Kleidung war relativ schlicht: Ein schwarzes, enganliegendes Kleid mit silbernen Verzierungen in der Form der Kuppeldächer, die Dóraviel von oben gesehen hatte. Darüber trug sie einen roten Umhang aus leichtem Stoff. Ihre schrägstehenden Augen blickten misstrauisch. Neben ihr prangten zwei Gardisten in weissroter Uniform. Eine der Wachen stellte die schöne Frau vor:"Das ist Ihre Majestät Zarzamora, Königin der Aramos."
Mit diesen Worten verbeugte er sich und ein leises, aber gehässiges Grinsen breitete sich auf dem Gesicht von Zarzamora aus.

 

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