Kapitel 12

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Es war ein schöner Morgen. Ein Morgen, der zu schön war, um zu ihrer Mission zu passen. Legolas seufzte. Er sattelte sein Pferd gemächlich. Er war etwas früher im Stall gewesen um nicht mit den andern reden zu müssen. Schon gar nicht mit Vinvierwen oder Galadhion. Sie waren zwei der zehn Mitglieder des Trupps. Elrond hatte die Zahl etwas gekürzt. Auf keinen Fall wollte er mehr als zehn Leute dabeihaben, da es wohl zu auffällig gewesen wäre. So blieben noch Legolas, Gimli, die drei Hobbits, Vinvierwen, Galadhion und Haldir mit zwei seiner Getreuen, die das Land kannten wie ihre Westentasche.
Legolas zurrte die Packtaschen auf den Seiten des Sattels seines Pferdes noch einmal fest. Er würde mit Gimli reiten. Sie hatten darauf verzichtet, Ponys mitzunehmen. Dafür hatten sie kräftige und ausdauernde Pferde, die leicht zwei Reiter zu tragen vermochten gewählt. Er führte den Apfelschimmel, der Ähnlichkeit mit Arod, dem Pferd, das er im Ringkrieg geritten hatte, hatte aus dem Stall. Er würde noch eine Runde den nahen Wald drehen. Die Ställe lagen nahe dem Stadttor. Langsam machte sich Legolas auf den Weg. Er grüsste die Wächter beim Tor und stieg kurz darauf auf das kräftige, aber doch elegante Pferd. Im gemächlichen Schritt lenkte er es zum nahen Wald und liess es am Waldrand etwas grasen. Er würde hier warten, bis die anderen Gefährten kamen. Er genoss die Kühle des Morgens, die angenehm um seine Wangen strich und sich in einem leichten Dunst über die endlosen Wälder erhob. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Legolas schaute gen Osten, über die Stadt hinweg. Es war das erste Mal, dass, wenn er an den Sonnenaufgang dachte, nicht gleich auch an das lauernde Böse im Osten denken musste. Diesmal kam das Böse, oder was es auch immer war, aus Westen, das konnten die Spurensucher bestätigen. Irgendwo nach Südwesten wurde seine Tochter abgeführt.
Legolas zuckte unwillkürlich zusammen, als ihn etwas am Knie berührte. Er hatte niemanden kommen gehört geschweige denn gesehen. Sofort dachte er an Vinvierwen. Doch als er nach unten schaute, stach ihm nicht der scharfe Kontrast ihrer dunkelroten haare und dem blassen Gesicht entgegen. Er schaute direkt in das von goldenen Locken umrahmte Antlitz von Galadriel. Sie hatte ihren weichen Mund zu einem leisen Lächeln geformt und blickte ihn tiefgründig an. Legolas schwang sich rasch vom Pferd. Erwartungsvoll schaute er sie an. Doch als sie nichts sagte, sondern ihn nur musterte, fragte er etwas verwirrt:
"Was wollt Ihr mir sagen?"
Das kurzzeitig verschwundene Lächeln in ihrem Gesicht kehrte zurück. Leise sagte sie:
"Sei vernünftig. Du hast nicht mich betrogen."
Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte etwas zu. Ihre Augen hatten einen wissenden Ausdruck, bevor sie sich umdrehte und davonging. Ihr Schritt wirkte wie das Schweben einer göttlichen macht über den Boden.
Gimli hielt sich tapfer auf dem Pferd. Doch als der Abend hereinbrach, und die Sonne hinter den hohen Bäumen verschwunden war, hielt er es nicht mehr aus. Er stöhnte grimmig auf:
"Dieser Gaul hat einen unmöglichen Gang! Wie soll ich das auch nur einen Tag aushalten?"
Legolas verkniff sich ein lächeln und entgegnete so ernst wie möglich:
"Du kannst leider nicht neben den Pferden herlaufen. Versuch dich damit abzugeben."
Pippin quiekte indessen vergnügt:
"Reiten macht doch Spass!"
Gimli brummte etwas Unverständliches, bevor er fragte, wann sie denn endlich halt machen würden. Haldir beruhigte ihn:
"Bald, Herr Zwerg, bald. Wenn wir noch ein paar Minuten reiten, kommen wir in eine kleine, geschützte Mulde. Es ist ein guter Lagerplatz, wo wir uns etwas ausruhen können."
In der Tat erschien kurze Zeit später eine Mulde, die gross genug war, ihnen allen Platz zu bieten. Sie liessen sich von den Pferden gleiten. Die Hobbits und Gimli machten sich daran ein karges Abendessen auszupacken. Obwohl sie noch nicht in feindlichem Gebiet waren, verzichteten sie auf ein Feuer und stellten Wachen auf. Nach einer kurzen Besprechung über den morgigen Tagesablauf, legten sich alle hin. Vinvierwen übernahm die erste Wache. Die warme Sommerluft kühlte sich in der Nacht schon wieder erheblich ab, so ging die Elbe ein paar Mal um die Mulde herum, um sich warm zu halten. Legolas beobachtete sie dabei. Sie trug Hosen und eine Jacke mit Umhang wie auch die anderen Elben. Um ihren Rücken hingen ein Köcher mit Pfeilen und ein leichter Bogen. Sie wirkte wie ein männlicher Elb, wenn nicht ihre Schmalgliedrigkeit gewesen wäre. Ein Ork oder sonstiges Ungetier hätten sie zweifellos für einen Mann gehalten. Doch sie hatten es hier nicht mit stumpfsinnigen Orks zu tun. Die Wesen, die sie zu finden hofften, mussten von grösster Intelligenz sein.
Als Legolas mit seiner Wache an die Reihe kam, war gerade Mitternacht vorbei. Der Mond stand blass und verloren im Himmel, schien scheu durch das dichte Blätterdach des Waldes und vermochte kaum den Boden mit seinem Licht zu überfluten. Legolas warf einen kurzen Blick über die schlafenden Elben und Hobbits. Auch Gimli schlief schon wieder tief, obwohl er ihn kurz vorher murrend geweckt hatte, um die Wache abzulösen. Die Hobbits schliefen dicht zusammen unter einer überhängenden Wurzel. Gimli hatte sein Lager zwischen ihrem und dem von Legolas. die anderen Elben hatten sich auf der anderen Seite der Mulde breitgemacht. Legolas war sich nicht sicher, ob alle von ihnen ruhten. Er konnte sich gut vorstellen, dass Haldir oder Galadhion grübelten. Er hatte auf dem ritt kaum ein Wort mit Galadhion oder Vinvierwen gewechselt, war immer sorgsam ausgewichen, falls sie in seine Nähe kamen. Er musste vernünftig sein. Galadriel hatte Recht. Er war froh, dass sie ihm verzieh, und er nicht ohne ihren Segen losreiten musste.
Legolas fuhr plötzlich herum. Ein kleines Geräusch hatte ihn aus seinen Gedankengängen geholt. Es kam aus der Richtung der Elben. Jemand hatte die Decke zurückgeschlagen. Es war Vinvierwen. Sie erhob sich und ging leise auf Legolas zu, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Mann nichts mitbekam. Legolas beobachtete sie lauernd. Sie kam dicht an ihn heran und schaute ihn an. Sie musterte seine Gesichtszüge, fuhr mit ihren Augen der geraden Linie seiner Nase nach. Legolas war etwas verdutzt. Er hatte erwartet, dass sie ihn ansprechen würde, doch stattdessen studierte sie ihn nun eingänglich. Er schaute nun ebenfalls auf ihr Gesicht, mit einem fragenden Blick, den Vinvierwen bemerkte, als sie den Blick etwas hob. Sie flüsterte leise:
"Wir müssen sie finden."
Ihre Stimme hatte einen festen Klang. Sie blickte ihm in die Augen, in Erwartung an eine Umarmung. Doch er drehte sich von ihr weg, und sagte ebenso leise:
" Ich weiss. Aber lass mich nun bitte. Ich habe Wache. Es nützt ihr nicht viel, wenn sie auch uns kriegen."
Es hatte hart geklungen. Legolas wandte sich um, um die Worte mit einem sanften Lächeln etwas zu mildern. Doch als er sie ansah, erlosch sein Lächeln. Sie schaute ihn immer noch an, doch Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie flüsterte mit gebrochener Stimme:
"Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll. Ich habe doch nur noch sie. Galadhion spricht nicht mehr mit mir. Und du…auch nicht."Legolas nahm sie tröstend in die Arme. Sie war so gut. Sie hatte soviel erleiden müssen, doch nach ihrem Wohl fragte keiner. Nun kam alles raus. Vinvierwen weinte ihren ganzen Schmerz an Legolas Brust aus. Dieser strich ihr über das Haar, zärtlich wie immer, wenn er mit ihr zusammen war. Doch mehr wagte er nicht. er wusste schliesslich nicht ob Galadhion tatsächlich schlief. Und das tat dieser auch nicht. Er hatte das Schluchzen seiner Frau sofort bemerkt. Er bemerkte es immer. Seit dem Anfang ihrer Ehe hatte sie manchmal in ihr Kopfkissen geweint, und ihm nicht sagen wollen, warum sie es tat. Sie wand sich jeweils mit Ausreden wie: "Ich vermisse Mittelerde" heraus, doch er nahm es ihr nicht ab. Nun wusste er den Grund. Es schmerzte ihn sehr, seine geliebte Frau traurig zu sehen. Doch er konnte nichts dagegen tun. Er war wütend gewesen. In den letzten Stunden hatte er nicht mehr mit seiner Frau gesprochen, obwohl er wusste, wie weh er ihr damit tat.
Galadhion wandte sich auf die Seite. Er konnte nicht zusehen, wie sie sich an ihm ausweinte. An ihm. Legolas. Er konnte ihn nicht mehr sehen. Eine neue Welle von Wut stieg in ihm hoch. Energisch griff er in die Erde und zerdrückte einen harten Dreckklumpen.
Legolas horchte auf. Irgendetwas stimmte nicht. Etwas näherte sich. Auch Vinvierwen spürte es. Hastig machte sie einen Schritt zurück. Die restlichen Elben standen auch schon. Galadhion bedachte Legolas mit einem wütenden Blick. Dieser eilte rasch zu Gimli und den Hobbits und weckte sie. Die Pferde stampften unruhig. Etwas näherte sich. Sie hörten Schritte. Schwere, müde Schritte. Legolas horchte angespannt. Drei Personen mussten es sein. Elben. Was suchten Elben hier draussen zu so später Stunde? Ob Dóraviel und Elladan entkommen waren? Aber wer war die dritte Person? Sie waren ganz nah. Etwas rutschte in die Mulde. Eine etwas kleinere Person. Ein Seufzen, das ziemlich erlöst klang. Und dann eine zischende Stimme:
"Sei bloss still, Elb! Ich merk auch, dass hier welche sind. Dieser Dreckskerl hat uns verraten!"
Haldir hatte eine kleine Lampe angezündet. Er leuchtete in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Ein schwarzer Mensch war in die Mulde gefallen. Es war ein Junge von etwa sechzehn Menschenjahren. Seine Kleider waren zerfetzt und seine haut war voller Kratzer. Er sah müde und abgekämpft aus. Am Rande der Mulde stand noch ein schwarzer Mensch, der von der Statur her jedoch eher einem Elben glich. Seine langen schwarzen Haare hingen verfilzt über die nackten Schultern. Er trug nur noch zerfetzte Hosen, deren Farbe nicht mehr auszumachen war. Auch er wirkte erschöpft. Neben ihm stand ein Elb, der jedoch seines Namens beinahe schon unwürdig war. Er sah am schlimmsten aus. An seinem Fussknöchel war ein Seil festgeknotet, dass der Schwarze in der hand hielt. Sein kaputtes Hemd war an manchen Stellen dunkel von eingetrocknetem Blut. Sein schmales Gesicht war eingefallen und verschrammt, umrahmt von vor Dreck starrendem Haar. Doch beim Anblick des Trupps leuchteten seine Augen und sein mund verzog sich zu einem Lächeln. Er stand immer noch stolz und aufrecht.
Legolas wurde bleich. Geschockt sah er den Elben an. War dies wirklich…? In diesem Zustand ähnelte er mehr einem Ork. Doch. Er musste es sein. Gimli bemerkte den Schock seines Freundes. Er stiess ihn an."Was ist los?"
"Es ist Elrohir. Schaut doch! Er ist es!"
Der Elb nickte nur. Doch dann liess er seine kratzig gewordene Stimme erschallen. Er sprach elbisch.
"Welch ein Glück, dass ich euch treffe! Könntet ihr mich losmachen?"
Legolas eilte sofort zu ihm. Er hielt ein Messer in der Hand, zur Sicherheit. Das war auch nötig. Denn sobald der Schwarze realisierte, was geschah, liess er Elrohir los und zog sein Messer. Doch Legolas hatte ihn schnell ihm Griff. Elrohir indessen ging rasch zu den andern. In einer fremden Sprache, die tief und angenehm klang rief er dem Schwarzen etwas zu. Dieser jedoch tat, als hörte er ihn nicht und versuchte sich zu wehren. Doch als die zwei andern Elben herbeiliefen, liess er es sein. Elrohir sagte bitter:
"Das hier ist Magroníon. Ihm hab ich das wohl alles zu verdanken. Am besten, ihr werft ihn in den tiefsten Kerker, den es hier gibt."
Aus seiner Stimme sprach Abscheu. Doch dann schaute er sich um. Sein Blick blieb auf Vinvierwen hängen. Dann blickte er abrupt wieder zu Legolas.
"Was macht ihr hier?"
Legolas senkte die Lieder. Elrohir würde am Ende sein, wenn er von ihrer Mission erfuhr. Doch er musste es wissen.
Elrohir hakte weiter nach:
"Dies hier ist die Mutter von Dóraviel. Wo ist sie?"
Sein Gesichtsausdruck wurde hart und besorgt.
Legolas schaute ihn fest an:
"Es tut mir Leid. Sie ist weg. Mit deinem Bruder. Wir vermuten Entführung."
Elrohir sank in die Knie. Magroníon lächelte biestisch. Mit einem Ruck erhob sich Elrohir jedoch wieder, ging zu dem Schwarzen und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.
"Für Dóraviel!"
Magroníons Kopf flog auf die andere Seite.
"Für Elladan!"
Ein weiteres Klatschen der Handfläche auf die Haut.
Und noch eins.
Und noch eins.
Und noch eins.
"Für alles, was du getan hast, du Dreckskerl!!"
Damit sank Elrohir schluchzend vor Schmerz und Trauer zu Boden.

 

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