Kapitel 13

Königin und Sohn

Königin Zarzamoras Blick blieb auf Dóraviels kurz geschnittenen Haaren hängen. Ihr Blick war überheblich und misstrauisch. Sie wirkte wie ein Löwe, der sich kurz die Fliegen anschaut, bevor er auf Antilopenjagd geht. Endlich hob die schwarze Schönheit auch zu sprechen an:
"Was hast du mit deinen Haaren gemacht?"
Sie sprach Sindarin. Ihre Stimme war voll von gespielter Mütterlichkeit. Dóraviels Augen verengten sich zu Schlitzen. Die Königin behandelte sie wie ein Stück Dreck. Das behagte ihr nicht. Etwas mehr Respekt hatte sie schliesslich verdient. Dennoch antwortete sie mit gepresster Stimme:
"Ein Todesfall in der Familie."
Zarzamora hob die schmalen Augenbrauen in die Höhe.
"Ah ja? Wie schade! Wer denn?"
Dóraviel hielt das Getue dieser Frau nicht mehr aus.
"Das geht Euch nichts an!"
"Und warum nicht?"
Elladan unterbrach heftig:
"Weil dies nichts damit zu tun hat, dass wir hier sind. Wenn Ihr uns schon ausfragt, fragt wenigstens gerecht!"
Sie ahnten nicht, welch ein Glück es war, zu schweigen. Denn nun fuhr die Königin mit einem spöttischen Lächeln, in dem nicht wenig Bosheit mitschwang:
"Nun, ich weiss eure Namen. Dóraviel und Elrohir, ihr zwei Elben hohen Standes! Vergesst euren Stand! Er bringt euch nichts mehr. Aus dieser Stadt ist noch nie ein Elb lebend zurückgekehrt. Wisst ihr, was ich bin? Königin über ein Volk, das eurem nicht unterlegen ist. Nein, für einmal seid nicht ihr die Grössten! Wir nennen uns Aramos, in eurer Sprache Schattenelben. Wir leben im Schatten von Euch…seit Jahrtausenden. Denn eine Fähigkeit, die euch zu den edelsten Wesen macht, fehlt uns doch: Die meisten von uns sind sterblich. Sie leben länger als viele andere Wesen, aber irgendwann ist es auch mit ihnen zu Ende. Die uralte Ahnenreihe konnte sich nicht erhalten. Nur wenige Könige konnten ihre Unsterblichkeit waren. Doch irgendwann fielen sie euch zum Opfer. Ich bin die vierte in dieser Reihe. Mein Gemahl war ein Opfer von euch. Doch zum Glück habe ich meine Kinder. Keine Schande wird über mich kommen. Doch ich werde nicht euch zum Opfer fallen…ihr werdet mir zum Opfer fallen! Ich setze die Aufgabe meiner Väter fort und werde es schaffen. Das gelobte Land wird wieder in den Händen der Aramos sein!"Sie schaute immer noch eindringlich auf die Elben. Alles was sie sagte, schien durchaus realistisch. Diese Frau war so kalt und berechnend. Sie machte eine kurze Pause, dann sprach sie weiter:
"Mein Lebensziel ist es, wie das der anderen Könige, euch zu zerstören. Und ich werde die sein, die es schafft. Denn ihr werdet mir dabei helfen!"
Sie lächelte wieder ihr überhebliches Lächeln und blickte in die Runde, um zu sehen, wie ihre Worte gewirkt hatten. Doch weder Dóraviel noch Elladan liessen sich etwas anmerken. Sie waren überrascht, natürlich, doch ihre Selbstbeherrschung konnten sie oft sogar im grössten Schock wahren. Zarzamora beugte sich etwas vor:
"Wisst ihr, warum ich euch das sage? Weil ihr hier bleibt. Ich sperre euch nicht in den Kerker. Ihr lebt in der Stadt, könnt euch frei bewegen, doch ihr werdet bewacht. Von meinen engsten Vertrauten."
Bei diesen Worten traten eine Frau und ein Mann ein. Sie trugen keine Uniform sondern reich bestickte Gewänder. Zarzamora stellte sie vor:
"Meine Tochter Zan-Dórra und mein Sohn Darssalo. Sie werden bei euch sein. Im Übrigen werdet ihr euch nicht treffen können."
Nein. Sie waren nicht die Fliegen. Sie waren die Antilopen.
Dóraviel lebte von nun an in einem Haus, das ebenerdig in die Felswand gebaut war. Es lag am westlichen Rand der Stadt. Sie lebte allein mit Darssalo. Er hatte die Kälte seiner Mutter geerbt und bedrängte und ärgerte sie, wo er nur konnte. Doch bald verging ihm der Spass. Denn Dóraviel hatte auch etwas geerbt: Die stoische Ruhe ihres Vaters. So blieb sie bei seinen Gifteleien stets ruhig und kümmerte sich nicht gross um ihn. Sie wirkte nicht glücklich, doch anmerken, dass ihr regelmässig zum Heulen zumute war, liess sie sich nicht. Das verbot ihr Stolz. In der Tat vermisste sie Elrohir wie wahnsinnig. Mehr denn je. Sie hätte in dieser Zeit so manches Mal ihr Leben gegeben, nur um Elrohir noch ein einziges Mal zu sehen. Auch Legolas mit seinen tröstenden Armen und den guten Ratschlägen fehlte ihr. Sie fragte sich zunehmend wie es Elladan erginge. Sie hatte den Fehler der Königin bemerkt. Sie hatte ihn bestimmt nicht aus Versehen Elrohir genannt. Sie war hinter Elrohir her. Er hatte irgendetwas mit der Sache zu tun. Oft sah sie so überlegend auf dem Balkon, in die Ferne starrend und sich Rettung wünschend. Und sie war nicht allein. Immer war Darssalo da. Er nahm seinen Auftrag sehr ernst. Zu ernst vielleicht sogar. Er umgarnte sie und schmeichelte, dann wieder schimpfte er, um sich jedoch gleich wieder versöhnen zu wollen. Er bestand auch darauf, dass sie im gleichen Zimmer schliefen. Doch Dóraviel funkelte ihn am Abend jeweils so giftig an, dass er bis jetzt noch nichts gewagt hatte. Bis jetzt. Dóraviel spürte, dass ihm bald der Geduldsfaden riss. Er war wohl ziemlich umschwärmt in seinem Reich. Sie musste ja zugeben, dass er gut aussah. Er war gross und schlank, wirkte jedoch sehr stark und männlich. Seine langen schwarzen Haare waren im Gegensatz zu denen seiner Mutter glatt und glänzend. Das Gesicht war oval mit breiten Backenknochen, die durch die gerade schmale Nase betont wurden. Seine Augen waren gross und dunkel, mit diesem roten Schimmer, der scheinbar allen Aramos eigen war. Doch beinahe das Schönste war sein Mund. Er hatte gerade die richtige Grösse, war nicht zu klein und nicht zu gross, und hatte eine vollendete schwungvolle Form. Die Lippen waren voll und weich. Dóraviel musste sich im Stillen eingestehen, dass diese Lippen wirklich sinnlich wirkten. Vor allem aber war Darssalo so anders als Elrohir. Im Gegensatz zu diesem Aramos war der Sohn Elronds keine Schönheit. Wenn man sie vergleichen würde, würde Elrohirs Nase zu gross, und der Mund zu schmal wirken. Doch wenn das Aussehen vom Charakter bestimmt werden würde, wäre Darssalo ein Ork. Er war machthungrig wie seine Mutter. Ausserdem verstand er es ausgezeichnet sich beliebt zu machen, was bei Dóraviel allerdings scheiterte. Das ärgerte ihn anfangs, doch bald interpretierte er ihre Ruhe fälschlicherweise als Zuneigung. So beging er auch einen fatalen Fehler.
Wie immer sass Dóraviel auch an jenem verhängnisvollen Abend auf dem Balkon und starrte in die Ferne, mit den Gedanken in glücklicheren Zeiten. Da trat Darssalo zu ihr.
Mit seiner schmeichlerischen Stimme fragte er:
"Na, was machst du so spät denn noch hier draussen?"
Sie antwortete nicht gleich, sah nicht einmal in seine Richtung. Er wollte gleich wieder zum Sprechen anheben, als sie den Blick zu ihm wandte und unvermittelt sagte:
"Erzähl mir die Geschichte von deinem Volk."
Darssalo sah sie einen Moment lang perplex an, dann setzte er sich auf die breite hölzerne Bank neben Dóraviel und legte den Arm um sie. Dóraviel fühlte sich dabei überhaupt nicht wohl, doch sie rückte nicht weg von ihm, da er dann möglicherweise nichts sagen würde. Doch so begann er:
"Wie bei den Menschen gab es weisse und schwarze Elben. Die Schwarzen lebten mehrheitlich im Süden dieses Landes. Doch ein paar Familienstämme weilten dennoch im Norden. Sie hatten es gut mit euch Elben. Sie lebten in friedlicher Nachbarschaft, die Elben kümmerten sich nicht um die Angelegenheiten der Aramos und umgekehrt. Die Elben lebten im Norden und Nordosten, die Aramos, wie sich die Familienstämme nannten, im Südwesten. Doch als der grosse Menschenansturm kam, vermischten sich die Aramos mit den schwarzen Menschen. Die Menschen konnten wir zurücktreiben, doch nur noch ein Familienstamm konnte die Unsterblichkeit wahren. Die andern hatten sich mit den Menschen vermischt, daher ihre Sterblichkeit. Wir lebten so lange in Frieden, bis wir von den Elben bedrängt wurden. Viele kehrten aus Mittelerde aus dem Exil zurück und brauchten Platz. Sie forderten unser Land. Du verstehst doch, dass meine Vorfahren das nicht leiden konnten. So begann der Krieg. Unser Gebiet war ehemals viel grösser, nun blieb noch diese Stadt. Doch jetzt werden wir zurückschlagen. Die Armee ist gross genug. Und dank dem Wissen von Elrohir und dir können wir sie leicht besiegen. Du verstehst uns jetzt?"
Dóraviel schüttelte stumm den Kopf. Sie wollte am liebsten wegrennen. Darssalo war noch näher an sie herangerutscht, ihre Schulter lag schon in seiner Achsel. Er hatte den Kopf gefährlich nah an ihren gelegt und die letzten Worte in ihr Ohr geflüstert. Dóraviel wandte den Kopf und brachte ihn so dazu, ihr direkt in die Augen zu schauen. Spottend sagte sie:
"Und mit so einer bösen Elbe gibst du dich ab? Du schlechter Aramos!"
Missbilligend schüttelte sie den Kopf. Sie hatte wohl geahnt, dass seine Geschichte ziemlich verdreht war, vor allem was den Schluss betraf.
Er lachte laut auf.
"Oh ja…das will ich…mehr als das!"Er wollte sich vorbeugen, doch kam nicht weit. Dóraviel verpasste ihm eine Ohrfeige.
"Du Lustmolch! Ich bin immer noch in Trauer!"
Darssalo stutzte.
"Trauer? Um wen?"
Dóraviel wurde schlagartig bewusst, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Stotternd versuchte sie sich herauszuwinden.
"Um… um… meinen Verlobten…!"Darssalo blickte gespielt bestürzt.
"Oh wie schade! Aber nun sei doch froh, dass du jemanden hast, dem du deine Sorgen anvertrauen kannst."
Er zog sie an sich. Dóraviel kamen nun tatsächlich die Tränen, doch sie riss sich von Darssalo los und rannte in die kleine Kochnische, wo sie in einer Ecke weinend zusammensank.

 

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