Kapitel 14

Unruhe

Elrohir wrang sich die langen Haare aus. Er blickte dabei stetig zur Seite, wo Silma kauerte. Elrohir glaubte zwar selbst nicht daran, dass der scheue Junge flüchten würde, doch er verfolgte all seine Bewegungen. Man kann nie vorsichtig genug sein. Sie hatten sich kurz im nahen Bach gewaschen. Elrohir hatte von den andern Elben Hose und Hemd bekommen. Seinen Mantel hatte er gewaschen. Er wollte ihn nicht weggeben, denn er war von seiner Mutter aus Lórien. Silma hatte seine Kleidung notdürftig gewaschen. Magroníon war bei den andern geblieben. Elrohir war es zu riskant, ihn auch nur eine Sekunde aus den sicheren Griffen von Haldir und seiner Männer zu lassen. Diesem Mann traute er alles zu. Er grinste. Magroníon würde er nachher etwas Wasser über den Kopf schütten. Irgendwie musste man ihn ja schliesslich doch waschen.
Elrohir erhob sich und bedeutete Silma das Gleiche zu tun. Als sie zu den andern zurückkehrten war ein heftiges Gespräch in Gange. Haldir und Legolas diskutierten heftig. Elrohir bemerkte mit einem kurzen Blick Galadhion der hämisch lächelnd hinter Haldir stand. Elrohir kniff rasch die Augen zusammen und wandte sich Legolas zu. Er wusste nur zu gut, dass sich sein Onkel Galadhion und Legolas nicht sehr gut verstanden. Legolas seufzte auf. Dann sagte er in einem ziemlich ungeduldigen Tonfall zu Haldir:
"Ich sag dir doch, dass wir die Pferde zurücklassen sollten. Ich denke nicht, dass wir sie noch lange brauchen."
Haldir entgegnete energisch:
Und was ist mit dem Gepäck?"
"Wir können einen Teil hier lassen. Ausserdem haben wir einen ausreichenden Vorrat Lembas."
"Und die Hobbits? Entschuldigt, aber ich bin dafür, dass war sie nach Hause schicken."
"Sie wissen den Weg unmöglich allein. Wir sollten sie mitnehmen. Irgendwas sagt mir, dass wir sie brauchen werden."
"Und für was?"
"Das kann ich Euch nicht sagen. Aber…""Eben."
Legolas seufzte abermals. Dann entgegnete er scharf:
"Wisst ihr, ohne Frodo, Sam, Merry und Pippin könnten wir den Ringkrieg vergessen! Ich war dort, ich hab ihren Mut gesehen. Ich lebte zum Teil tagtäglich mit ihnen zusammen. Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt Gimli!"
Gimli funkelte Haldir wütend an. Er hatte die Arme verschränkt und machte einen grimmigen Eindruck. Elrohir trat rasch zu ihm. Leise fragte er:
"Warum streiten sie sich? Das ist sonst nicht Legolas Art!"
Gimli brummte ebenso leise zurück:
"Was Legolas angeht; ich hab auch keine Ahnung, was mit dem los ist. Seit er hier ist, ist er so seltsam. Und wenn ich mich recht erinnere hat Euer Schattenelb den Streit angezettelt. Es begann, als er fragte, wie sie denn alle weiterkommen würden, mit den wenigen Pferden."
Elrohir seufzte. Er hatte Magroníon unterschätzt. Dieser hinterlistige Schattenelb schaffte es, sogar unter Freunden Streit anzufachen. Er warf einen blick in Magroníons Richtung. Der Schwarze lächelte biestisch.
Elrohir trat rasch zwischen die beiden Streithähne.
"Bitte hört auf. Unser Gefangener hier ist schuld. Ich schlage vor, wir nehmen die Hobbits mit und ein Packpferd. Was meint Ihr?"
Legolas blickte erleichterte zu Elrohir. Der Sohn Elronds schaffte es immer wieder, Frieden zu stiften. Er stimmte rasch zu, und auch Haldir war einverstanden.
Sie luden das restliche Gepäck auf das kräftigste der Pferde und schickten die andern zurück. Die Tiere wussten den Weg. An einen Sattel hefteten sie eine kurze Notiz. Dann gingen sie weiter.
Nach kurzer Zeit bemerkte Legolas, dass Elrohir neben ihm ging. Er zeigte keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. Das Stückchen Lembas hatte Wunder gewirkt. Auch Magroníon wirkte nicht so müde, wie sein Aussehen schliessen liess. Nur Silma hatte gelegentlich Mühe, dem Trupp nachzukommen. Doch das ging den Hobbits und Gimli gleich. Deshalb drosselten sie das Tempo ziemlich.
Elrohir wirkte wieder wie der Elb, der er war, bevor er über Bord gespült wurde. Doch Legolas bemerkte eine Veränderung. Der einst so stille und um Frieden bemühte Elb war energischer, härter und kälter geworden. Und Legolas wusste, dass dies davon herrührte, dass er Dóraviel vermisste. Legolas ging es schliesslich ähnlich. er betrachtete Elrohir von der Seite. Sein Gesichtsausdruck war streng und unerbittlich. Doch plötzlich verzog sich sein mund zu einem leisen Lächeln und er sah Legolas direkt in die Augen.
"Was ist?"
"Woher sprichst du ihr Sprache?"
"Wessen Sprache?"
"Die Sprache von unserem Gefangenen."
"Ah…Ich habe sie gelernt. Sie ist sehr einfach. Als ich sie ein paar Tage lang gehört habe, konnte ich sie schon beinahe.""Das wird und helfen."
"Hoffentlich."
Sie schwiegen wieder. Legolas brauchte keine Worte, um zu verstehen was in Elrohir vorging. Ja, er wusste es schliesslich selbst.
Über die Richtung hatte es nie eine Diskussion gegeben. Man hatte beschlossen, nach Südwesten zu gehen. Und nun hatten sie auch Elrohir, Silma und Magroníon. Elrohir hatte da so seine Ansichten, was die Schattenelben betrafen. Aus Silma hatte er viel herausbekommen, was dieser von Magroníon gehört hatte. Er teilte die Vermutung, dass der Sitz der Aramos irgendwo im Südwesten des Landes liegen musste. Zur Sicherheit stiegen Haldir und Legolas am dritten Tag nach dem Treffen von Elrohir und den andern in das Geäst eines hohen Baums. Da beide in den Baumkronen aufgewachsen waren, waren sie rasch oben, und ihnen bot sich ein atemberaubender Anblick: Kilometerweit bot sich der Anblick eines dichten grünen Blätterdaches. Im Nordosten, dort ungefähr wo die Elbenstadt liegen musste, lag ein silberner Schimmer über dem Wald. Doch etwas südlich von ihnen erhob sich etwa zehn Wegstunden entfernt eine hohe Felswand. darin hineingebaut war eine Stadt. Legolas sah die schwarzen Kuppeldächer in einem leichten Dunst schimmern. Das musste es sein! Die Stadt der Aramos! Haldir war ebenso verblüfft. Als sie sich wieder gefasst hatten, kletterten sie herunter und berichteten den andern von der Stadt. Magroníon hatte die Lippen zusammengepresst und wirkte sehr unwillig. Elrohir sagte mit einem spöttischen Blick auf den Schattenelben:
"Das ist die Stadt. Sonst würde der Herr Magroníon nicht so bedrückt gucken!"
Magroníon durchbohrte Elrohir mit seinen blicken, doch dieser lachte nur. Er empfand nichts als Hass auf diesen Schwarzen.
Sofort stellte sich die Frage des weiteren Vorhabens in den Raum. Haldir und Galadhion waren dafür, dass sie über Nacht hier blieben. Elrohir und Legolas wollten eigentlich weitergehen, sahen jedoch ein, dass es besser wäre, noch eine Nacht zu warten. So konnten sie das letzte Wegstück morgens mit neuer Kraft angehen.
Die Hobbits machten sich sofort daran, ein karges, aber liebevolles Nachtessen zu bereiten. Gimli blickte sich misstrauisch um. Ihm gefiel es hier nicht. Überhaupt nicht. Vinvierwen war ebenfalls unruhig. Sie blickte sich unschlüssig um. Galadhion besprach den weiteren Weg mit Haldir und Legolas. Die zwei Soldaten waren damit beschäftigt, Magroníon und Silma in Schach zu halten und die Hobbits waren immer noch am Essen. Pippin klagte ausnahmsweise nicht über Asche auf den Tomaten, da sie erstens keine Tomaten dabeihatten und zweitens kein Feuer machten. Elrohir und Gimli standen daneben; leise flüsternd. Vinvierwen ging rasch zu ihnen. Die zwei Männer verstummten sofort und blickten auf. Vinvierwen sagte leise:
"Entschuldigt, wenn ich störe…Ich denke Ihr habt auch bemerkt, dass hier etwas nicht stimmt. Ich habe ein ungutes Gefühl."Elrohir nickte langsam.
"Etwas zieht herauf. Ich kann es mir nicht erklären…"Gimli unterbrach ihn heftig.
"Wenn Ihr mich fragt, hier wimmelt es wahrscheinlich von diesen seltsamen schwarzen Elben, die nur darauf warten, uns in ihre Verliese zu werfen!"
Vinvierwen schüttelte den Kopf:
"Nein…etwas anderes…hier…"Sie wurde jäh unterbrochen. Magroníon hatte sich plötzlich freigemacht. Er stand blitzschnell hinter Elrohir und hielt ihm ein wie aus dem nichts hervorgezaubertes Messer an den Hals. Doch Elrohir reagierte schnell. Er kannte seinen Erzfeind inzwischen sehr gut. Er wirbelte herum, wobei er zwar den rasenden Schattenelben von sich schleuderte, aber eine lange Kratzwunde über die Wange abbekam. Magroníon war blitzschnell auf den Beinen und stand Elrohir gegenüber. Der machte einen Schritt nach vorn, wurde jedoch rasch abpariert. Magroníon wartete wie eine lauernde Katze. Er war wieder zu Kräften gekommen, doch so stark wie Elrohir war er dennoch nicht. Elrohir hatte ihn schnell in der Gewalt. Eine elegante Drehung, und er stand hinter Magroníon, das Messer am schwarzen Hals. Rasch gab er Legolas einen Wink. Dieser verschnürte die Handgelenke des Schattenelben und übergab ihn wieder den Soldaten, die ihn schnell wieder im Griff hatten. Elrohir hob das Messer auf, das heruntergefallen war. Es war eins seiner Messer. Magroníon musste es ihm weggezogen haben. Elrohir betrachtete es kurz und steckte es zurück in die Scheide. Bestimmt sagte er:
"Legolas und ich werden heute persönlich über ihn wachen."
So beliessen sie es dann auch. Bald legten sich die Restlichen zur Ruhe, Elrohir und Legolas sassen jeder neben dem Gefangenen. Legolas betrachtete voll Sorge die rechte Wange von Elrohir.
"Das wird eine ziemliche Narbe geben."
"Ich denke auch. Aber die ist es mir Wert."
Sie schwiegen wieder eine Weile. Dann jedoch setzte Legolas wieder ein:
"Was will er von dir? Warum das Ganze? Ich verstehe es nicht."
Elrohir öffnete einige Knöpfe seines Hemdes. Das Amulett kam zum Vorschein.
"Darum."
Legolas blickte Elrohir schockiert an. Er kam sich vor wie ein Verräter. Warum hatte er es nicht genommen? Nun lastete alles auf den Schultern von Elrohir. Leise sagte er:
"Entschuldige…das wollte ich nicht…ich komme mir so schlecht vor.""Du hast keine schuld an dieser Sache. Ich habe es gefunden, ich sollte es behalten."
Elrohir warf einen kurzen Blick auf Magroníon. Er schien zu schlafen. Um sicher zu gehen, steckte er dem Schattenelben ein paar Blätter in die Ohren, sodass dieser nichts hören konnte. Elrohir traute ihm gar nicht über den Weg. Dann fuhr er leise fort:
"Das Amulett gehört der Königslinie seines Volkes. Es wurde über Generationen weitergereicht, und muss schon ziemlich alt sein, denn die Königslinie ist unsterblich. Ohne dieses Amulett war ein König kein richtiger König und wurde vom Volk verspottet. Die Leute lebten aber trotzdem in der Stadt, da sie ihnen Schutz gewährte. Die Königin, die heute herrscht, hat dieses Amulett nicht. Vor vielen Jahren wurde es ihrem Gemahl geraubt, dieser wurde umgebracht. Seither war es verschollen. Ohne dieses Amulett hat sie keine Macht und könnte niemals eine Streitmacht aufstellen, da ihr das Volk nicht gehorcht. Es verspottet sie, und ihr bleibt eine kleine Dienerschaft, deren Familien schon immer den Königen gedient haben. Sie hat gerade mal die Aufsicht über die Stadt. Das ist alles, was ich weiss."
Legolas lehnte sich zurück und sagte nichts. Er ahnte, dass diese Leute eine Bedrohung für sie darstellen würde. Dies wenige Wissen öffnete ihm aber noch nicht vollständig die Augen. Warum hatten sie Elladan und Dóraviel entführt? Könnte es sein, dass eine Verwechslung zwischen Elladan und Elrohir bestand? Doch woher wussten die andern Aramos von Elrohir? Oder wollten sie Dóraviel? Oder gar ihn?
Ehrlich gesagt war Legolas froh, dass er Wache hatte. An Schlaf war diese Nacht nicht zu denken.
Magroníon machte keine weiteren Ausbrechversuche diese Nacht. Elrohir quittierte einige böse blicke von ihm und diesmal nahm er es ernst. Doch es geschah nichts. Sie brachen ihr Lager in der Dämmerung ab und machten sich noch vor Sonnenuntergang auf den weg. Es herrschte eine bedrückte Stimmung und kaum ein Wort wurde gewechselt. Sogar Pippin war erstaunlich ruhig und schien zu spüren, dass es nun endgültig ernst wurde.
Sie entschieden, nun Auch das letzte Pferd zurück zu schicken. Es war zu riskant. Sie kamen gut voran, auch die Hobbits, Gimli und Silma waren wieder ziemlich ausgeruht, und als Legolas am Mittag wieder auf einen Ausguck stieg, schätzte er die Stadt nur noch wenige Wegstunden entfernt. Am Nachmittag kamen sie unvermittelt an eine Lichtung. Sie war nicht sehr gross, trotzdem beschlossen sie, darum herum zu gehen, um jedes Risiko zu vermeiden. Sie mussten nun sehr vorsichtig sein. Jedes Geräusch vermeidend schlichen sie wie Verbrecher durch den Wald. Plötzlich stiess Merry einen leisen Schrei aus. Er zeigte mit der einen hand in Richtung der Lichtung. Eine Aramos hatte sich hinter einen kleinen Busch gesetzt und erhob sich nun. Sie hatte leicht gewellte Haare, ihr Teint war ebenholzschwarz, ähnlich dem von Magroníon. Sie trug orange Kleidung und ging direkt auf sie zu. Nach ihrem Gesichtsausdruck zu schliessen, hatte sie Merrys Schrei gehört. Merry überlegte nicht lange. Was im Ringkrieg funktioniert hatte, musste auch hier klappen. Er lief rasch über die Lichtung. Pippin rief leise und folgte ihm. Frodo schlug sich die Hand vors Gesicht; blieb aber, wo er war. Die andern beiden Hobbits lenkten die schwarze Frau ab, in dem sie etwas in die entgegengesetzte Richtung liefen. Sie sprachen heftig auf sie ein. Die Frau lachte und zu ihrer Überraschung sprach sie munteres Westron. Merry und Pippin führten sie immer weiter von den andern weg. Sie gaben an, sich verlaufen zu haben. Die Frau lachte wieder und nahm die Hobbits kurzerhand mit. Sie versprach, ihnen ein zu Hause zu geben. Mit diesen Worten verliess sie die Lichtung Richtung Stadt. Was sie nicht wusste, war, dass ihr einer der ihren, ein Hobbit, und sieben Elben folgte.

 

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.