Kapitel 15

Fragwürdige Hilfe

Zan-Dórra war nicht viel anders als ihr Bruder und ihre Mutter. Sie strebte nach Macht und Besitz, mit grausamen Mitteln. Sie liebte ihr Reich, und wurde mit allem und jedem fertig. Es geschah durchaus, dass sie von der Strasse weg jemanden verhaften liess, da der Betroffene etwas gesagt hatte, dass ihr nicht behagte. Sie war ausgesprochen schön, wie die ganze Königsfamilie. Ihr langes gewelltes Haar liess sie offen über ihre schlanken Schultern wallen. Ihr Gesicht war eher breit, wie auch ihre Nase. Die Augen stachen besonders aus den scharf geschnittenen Linien ihres Gesichts hervor: Sie waren dunkelrot und erinnerten an die Farbe von Blut. Sie wirkten brutal, jedoch nicht kalt, sondern wie eine Schlange, deren schönes Muster einen warm einlullt die jedoch schliesslich mit doppelter Grausamkeit zustößt. Das schien sowieso ein besonderes Talent von ihr zu sein. Sie wickelte die Leute um ihren schlanken Finger, wiegte sie in warme Sicherheit, doch bald liess sie ihre Gemeinheit spüren und konnte ihre Opfer grausam quälen. Sie wurde wahrlich mit allem und jedem fertig. Sogar bei Elladan hatte sie es weit gebracht. Doch sie kannte ihn zu wenig. Er spielte gnädig mit, in der Hoffnung, sie als Hilfe gewinnen zu können. Doch schon nach kurzer Zeit spürte er, dass er sie auf diese Weise unmöglich umstimmen konnte. Er liess sie ihre Spielchen treiben. Er behielt die Ruhe, liess sich von ihr von ihrem Volk erzählen, auf das sie so ungeheuer stolz war. Dabei vergaß sie, dass sie ihm damit eigentlich einen Gefallen tat. So erkundete er heimlich die Schwächen und Stärken des so grausam scheinenden Volkes. Er benahm sich soweit ganz ruhig, doch in Gedanken spielte er jeden tag mit Fluchtgedanken. Er sorgte sich um Dóraviel. Der Bruder von Zan-Dórra schien ihm nicht mehr geheuer als sie selbst. Irgendwie musste er es schaffen, zu ihr zu gelangen. Diese Gelegenheit bot sich ihm auch bald ziemlich unverhofft. Zan-Dórra war über sein anscheinend so braven Verhaltens so sicher, dass sie ihm anbot, sie zum Markt zu begleiten. Elladan brauchte nicht zweimal zu überlegen. Er stimmte sofort zu.
Es war ein schöner Spätsommertag. Die ersten Sonnenstrahlen berührten die Baumwipfel und brachten die schwarzen Kuppeln der vornehmeren Häuser zum leuchten. Der Markt fand auf einem grossen Platz in der Mitte der Stadt statt. Rundherum standen vornehme, hohe Häuser mit weissen Fassaden, die beinah blendeten, und schwarzglänzenden Kuppeldächern. In der Mitte sprudelte ein kleiner Springbrunnen, umgeben von einem schmalen Streifen Gras. Dort spielten schon in der frühen Morgenstunde kleine Kinder, deren Mütter lachten und tratschten. Sie halfen sich gegenseitig, ihre Stände aufzubauen. Einige Frühaufsteher priesen schon jetzt ihre Kräutersammlung oder ihre fein gearbeiteten Halsketten. Es war ziemlich warm und einige Männer hatten darauf verzichtet ihr Hemd anzuziehen. Mit blanken, schwarzen Oberkörpern richteten sie die Stände auf.
Während sie durch dieses bunte Treiben liefen, erzählte Zan-Dórra, manches über ihr Volk. Elladan passte ganz genau auf. Er musste soviel wie möglich über dieses Volk wissen. Die Königintochter sagte ihm, dass hier alle drei Tage der Markt stattfand. Die höheren Schichten trafen sich hier zum reden und lachen ebenso wie die einfachen Handwerker. Von den unteren Schichten betrieb jeder sein spezielles Handwerk, das über Generationen weitervererbt wurde. Am Markt verkauften sie ihre Künste, und kauften sich dafür dies ein, was sie brauchten. Die höheren Leute, die meist in der Stadtverwaltung arbeiteten oder sonstige hohe Ämter bekleideten, kauften ebenfalls hier ein. Sie wurden von der königlichen Kasse höchstpersönlich bezahlt.
Elladan erweckte zwar den Eindruck eines braven Hündchens, das viel zu scheu wäre, um fortzulaufen, doch der Schein trügt. Er sah sich in jeder Sekunde nach einer Fluchtmöglichkeit um. Zan-Dórra verstrickte sich dummerweise in ein Gespräch mit einem Adligen. Elladan nutzte die Gelegenheit sofort. Er entfernte sich langsam und unauffällig, so dass die doch ziemlich wachsame Königintochter erst nach einiger Zeit sein Verschwinden bemerkte.
Elladan zog sich die Kapuze des langen Mantels über den Kopf. Er wäre als Elb viel zu auffällig. Als Bettler waren seine Chancen schon viel größer. Er hatte einige von ihnen in den Hausnischen herumlümmeln sehen. Mit gebücktem Rücken und einem Stock in der Hand warteten sie, bis sich die Gelegenheit ergab, vielleicht etwas Brot zu erwischen. So ging auch Elladan mit krummem Rücken durch den Markt. Er hielt zielstrebig auf die Felswand mit den herrschaftlichen Gebäuden zu. Er hatte bis jetzt in einem andern Teil der Stadt gelebt, nahe dem Wald und der hohen Mauer. Er wusste, das Dóraviel irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite leben musste. Möglichst weit entfernt voneinander sollten sie schliesslich sein.
Er war in eine schmale, enge Gasse eingebogen. Von der gegenüberliegenden Seite kam ihm ein anderer Bettler entgegen. Er war ebenso verhüllt und stützte sich auf einen alten knorrigen Stock. Elladan senkte rasch den Blick. Nicht einmal die armen Bettler sollten erfahren, wer er war. Doch dieser Bettler erwies sich als ziemlich dreist. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, hob er wie zufällig im vorbeigehen die Kapuze von Elladan auf. Dieser zog sie entsetzt zurück. Doch der Bettler hatte längst erkannt, dass Elladan eine weisse Hautfarbe hatte und liess ihm nicht viel Zeit. Rasch zischte er dem Elben ins Ohr:
"Elrohir?"
Elladan nickte. Es überraschte ihn, dass der Bettler so gut Westron sprach. Doch dass, dieser ihn Elrohir genannt hatte, wunderte ihn nicht im Geringsten. Hier hielten ihn alle für Elrohir, und er liess es lieber darauf beruhen. Der Bettler fuhr indessen fort:
"Mitkommen. Wir sind auf deiner Seite. Wir suchen dich."
Damit zerrte er den ehrlich überraschten Elladan in Richtung Stadtzentrum fort.
Elladan hatte es aufgegeben, sich all die Gassen zu merken, wo sie durchgingen. Er wusste nur, dass sie irgendwo im Stadtzentrum sein mussten. Sie hasteten durch enge, schmuddelige Gässchen und torkelten wieder gemächlich durch belebtere Strassen. Nach einer zeit, die Elladan nicht bemessen konnte, waren sie in einer besonders düsteren Gasse. Elladans Begleiter bückte sich und entnahm dem schmutzigen Straßenpflaster ein paar Steine. Darunter wurden Bretter sichtbar. Auch die hob der ungewöhnlich starke Bettler, von dem Elladan bisher nicht mal das Gesicht gesehen hatte, auf. Darunter kam ein Loch zum Vorschein. Gestank drang aus dem Loch. Der Bettler stieg hinab, und zündete unten eine Lampe an. Er bedeutete Elladan, ihm nachzusteigen. Danach deckte er die Öffnung vorsichtig wieder zu. Sie gingen durch einen niedrigen Gang, der sich jedoch bald vergrößerte. Am anderen Ende wurde Lichtschimmer sichtbar. Und Stimmen. Es schien, als ob eine ganze Schar eine Beratung abhielt.
So war es denn auch. Als sie an das Ende des Ganges kamen, breitete sich dort ein großer Raum. Ein paar Treppenstufen führten hinab auf den mit weichen, aber alten Teppichen belegten Boden. Ein kleines, prasselndes Feuer und zahlreiche Öllampen erhellten den hohen und langen Raum. In einem Kreis sassen junge Männer, die jedoch sehr ungepflegt wirkten um das Feuer. Als sie Elladan erblickten verstummten sie. Ebenso wie die anderen Leute; Frauen, Kinder, Alte. Sie blickten erstaunt zu ihm hoch. Elladan blickte sich gefasst ihm Raum um. Danach wandte er sich an seinen Begleiter. Dieser hatte den Kapuzenmantel abgestreift. Er war jung, nicht einmal zwanzig Menschenjahre. Er hatte langes, verfilztes Haar, welches sein schmales und ausgelaugtes Gesicht noch dünner erscheinen liess. Er war nicht sehr gross, reichte Elladan vielleicht an die Schulter. Er lächelte.
Ein Mann aus der Runde erhob sich. Er war etwas älter als die andern. Seine schwarzen, kurzen Haare hatten schon ein paar graue Strähnen und sein breites Gesicht war von Falten durchzogen. Langsam klatschte er in die Hände. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Schliesslich sagte er feierlich und in einem klaren Westron:
"Gut gemacht, Kanro. Wir haben einen Anfang."
Der Junge neben Elladan verbeugte sich feierlich. Die Leute begannen vereinzelt zu klatschen.
Elladan gefielen die Leute ja ganz gut, ausser das sie einen Eindruck wie Piraten machten und in einer unheimlichen Höhle lebten. Doch er wollte nun endlich wissen, was vorging.
So fragte er schlicht:
"Was geht hier vor? Wer seid ihr? Wo bin ich? Was soll das überhaupt alles?"
Der Mann lächelte väterlich.
"Kanro wird dir alles erklären."
Der Junge lächelte scheu zu Elrohir hinauf. Er führte ihn durch die Höhle in eine geschützte, dunkle Nische. Er wusste wohl nicht recht, wo dass er anfangen sollte. er druckste unbeholfen herum. Elladan jedoch hörte zuerst mal auf das Getuschel vom Feuer her, wo die Männer wieder diskutierten. Der grosse Mann und seine tiefe Stimme erhoben sich über die andern. Elladan stutzte. Er verstand alles, was sie sagten. Sie sprachen Quenya.
"Was ist mit ihr?"
"Sie kann nicht heraus."
"Dann müssen wir sie herausholen."
"Was ist mit der Truppe, die im Wald herumschleicht?"
"Sie werden sie bald kriegen."
"Und wo ist deine Tochter?"
"Sie sagte etwas von kleinen Männern."
"Hat sie ein paar gefasst?"
"Ich denke schon."
"Wie steht es mit dem Hauptmann?"
"Ja, er war heute nicht zurück."
"Sie haben ihn gefangen genommen."
"Wer?"
"Ruhe! Wir haben ein anderes Problem. Einer der Wächter hat desertiert."
"Nein!"
Elladan hörte gebannt zu. Es ergab keinen Sinn. Er verstand einfach nicht, auf welcher Seite diese Leute standen. Er konnte sich so ziemlich nichts zusammenreimen. Wer war die Truppe ihm Wald? Wer war sie? Dóraviel? Wer war der Hauptmann? Wer hatte ihn gefangen genommen? Und warum, bei Varda, sprachen diese Leute Quenya? Die Bürger auf dem Markt hatten doch ihre eigene Sprache gesprochen!
Kanro riss ihn aus seinen Gedanken.
"Wenn ihr keine Rätsel raten wollt, hört ihr mir lieber zu!"
Elladan nickte und wandte sich dem Jungen zu. Er wollte nun nichts weiter, als erfahren, was da vor sich ging.

 

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