Kapitel 17

Verhör

Darssalo war ein Ekel. Nun hatte er angefangen, Dóraviel zu schikanieren. Sie wehrte sich nicht und hielt stets ihre stoische Ruhe. Wie eh und je. Doch der arrogante Königssohn liess dass nicht auf sich sitzen. Er stichelte und liess zweideutige Bemerkungen fallen. Dóraviel erwiderte nichts. Mit gutem Grund. Denn bald dachte Darssalo wirklich, er hätte sie beim Wickel. Er war nicht anders als seine Mutter oder seine Schwester. Macht war das einzige, was er wollte. Er versuchte, sie dazu zu bringen, zu reden. Irgendwas wollte er von ihr. Doch was? Er säuselte allerlei von einem Schmuckstück von angeblich unschätzbarem Wert. Das Dumme war nur, dass Dóraviel nichts davon wusste. So schwieg sie. Und Darssalo wurde wütender und wütender. Und schliesslich schleppte er sie zu seiner Mutter. Auch ihr "Freundchen" würde kommen, sagte er mit einem fiesen Unterton. Dóraviel ergab sich ihrem Schicksal. Sie würde hier rauskommen. Irgendwie. Sie musste nur die Gelegenheit abwarten. Sie war allzu optimistisch. Tief in ihrem Innern nagte die Angst wie eine Ratte mit spitzen Zähnen. Sie fürchtete sich vor der Königin, obwohl sie es sich selbst nicht eingestand. Die Frau war zu allem fähig. Zu Schlimmerem als die Orks und Diener Saurons. Sie sog ihren Gefangenen regelrecht die Lebenskraft aus dem Leib. Sie machte sie leer und unwillig mit ihren abschätzigen Blicken, ihren giftigen Bemerkungen. Sie war der Löwe, die der Antilope in den Nacken beisst, bis sie tot ist.
Dóraviel erschrak, als sie am Morgen, bevor sie zur Königin gebracht werden sollte, in den Spiegel schaute. Sie hatte sich dazu vorher kaum die Mühe genommen, doch nun betrachtete sie ihr Gesicht eingehend. Ihre Haare lagen knapp über den Ohren und waren matt und zerzaust. Keine Spur von Glanz. Die Haut spannte sich straff über die Wangenknochen, die mehr den je hervortraten. Ihr Gesicht war eingefallen. Die Augen waren dunkel umrandet. Ein Ansatz von Leere schimmerte darin. Dóraviel hatte auch merklich abgenommen. Sie war regelrecht mager geworden. Sie fand sich hässlich und abstossend. An diesem Tag zog sie das Gelbe der Kleider, die sie ihr zur Verfügung gestellt hatten, an. Die Augenringe vertuschte sie mit etwas Puder. Die Königin sollte nicht merken, wie schlecht es ihr ging.
Zarzamoras abschätzender, hochnäsiger Blick war einem hasserfülltem, durchdringendem Starren gewichen. Sie trug wieder ihre schwarze Robe. Darssalo stand zu ihrer Linken, Zan-Dórra zu ihrer Rechten. Dóraviel stand zwischen zwei Wachen. Von Elladan war keine Spur. Nachdem Zarzamora das Starren müde geworden war, liess sie ihre Stimme die Luft zerschneiden.
"Wo ist er?"
Dóraviel straffte die Schultern und sagte so fest wie möglich:
"Ich weiss nicht wovon Ihr sprecht."
"Mach keine Anstalten! Du weißt es genau! Er ist entwischt!"
Trotz stieg in Dóraviel auf. Es musste sich um Elladan handeln. Er war also entwischt.
"Woher soll ich das wissen? Ich wurde schliesslich isoliert."
"Du steckst bestimmt dahinter. Raus mit der Sprache!"
"Ich weiss es nicht."
Zarzamora wandte sich ab. Anscheinend war ihr klar, dass es auf diese Weise nicht funktionierte. Unvermittelt schnitt sie ein neues Thema an.
"Trägt er den Stein?"
"Welchen Stein?"
"Stell dich nicht so an. Ein Amulett aus Mithril mit einem roten Stein."
"Ich weiss es nicht."
Zarzamora wurde ungeduldig. Sie beugte sich leicht nach vorne und kniff die Augen etwas zusammen.
"Ich würde dir raten, zu antworten."
"Ich kann nicht antworten, wenn ich nichts weiss."
"Du weißt Dinge! Es wäre besser für dich, es mir zu sagen!"
Dóraviel schwieg. Selbst wenn sie etwas wüsste, würde sie nichts sagen. Doch sie log nicht. Sie hatte keine Ahnung, wonach die Königin suchte. Diese fragte weiter.
"Das Amulett. Wer trägt es? Wo ist es? Sprich!"
"Ich weiss nichts von einem Amulett. Ihr müsst mich mit jemandem verwechseln!"
"Dein Vater ist Legolas?"
"Ja."
"Dein Verlobter ist Elrohir, mit dem du hierher gebracht wurdest."
"Ja."
"Deine Mutter ist Vinvierwen."
"Ja."
"Dann bist du Dóraviel."
"Ja. Worauf wollt Ihr hinaus?"
"Du bist es! Du musst etwas davon wissen! Ich gebe dir eine kurze Zeit zu überlegen. Wenn du danach immer noch schweigst, bin ich gezwungen, die peinliche Befragung vorzunehmen."
Zarzamora lehnte sich zurück und lächelte spöttisch.
Dóraviel zuckte zusammen. Folter! Sie wusste, zu welch schlimmen Gräueltaten die Orks fähig waren. Diese Frau musste noch viel schlimmer sein. Sie überlegte fieberhaft. Ein Amulett…Sie müsste das doch wissen…Ja, jetzt fiel es ihr ein. Legolas hatte ein Amulett erwähnt, als er ihr von der Vergangenheit erzählt hatte. Elrohir musste es demnach haben. Aber das war schon so lange her!Dóraviel sank der Mut. Sie würde der Folter sowieso nicht entgehen. Sie würde wahrscheinlich sterben. Sie wusste nichts. Elrohir war tot. Elladan war entkommen, doch sie rechnete ihm nicht mehr viele Chancen zu. Und ihre Eltern…Sie hatte keine Ahnung. Vielleicht waren sie auch schon längst in Gefangenschaft. Sie würde schweigen.Zarzamora lächelte wieder und fragte klar und deutlich:
"Was sagst du nun? Hast du dich entschieden?"
"Ja. Ich werde schweigen, da ich nichts weiss."
Zarzamora hob den Kopf und stiess ihr typisches Schnalzen aus. Sofort eilten Wachen herbei. Dóraviel bemühte sich, stolz auszusehen. Doch sie hatten sie gebrochen. Es war aus.
Die Wachen trugen rote Gewänder. Vier gingen um Dóraviel, weitere zwei schritten hinten, und zwei vorne. Ihre schwarzen Gesichter zeigten keine Regung. Zwischen den vordersten beiden stolzierte Zarzamora, hinten gingen ihr Sohn und ihre Tochter. Sie waren nun wieder in der Felswand, gingen einen langen, schmalen Tunnel entlang. Die vorderen und hinteren Wachen trugen Fackeln, die einen gespenstischen Schein über die schwarzen, grob gehauenen Wände warfen. Es machte den Anschein, dass man sich für diesen Tunnel keine besonders grosse Mühe genommen hatte. Dóraviel konnte sich denken warum. Die Gefangenen, die hier entlang gingen, kehrten im seltensten Falle zurück.
Dóraviel hatte das Zeitgefühl verloren. Sie hob den Kopf. Wenn sie schon sterben musste, dann wollte sie es stolz tun und ohne etwas zu verraten.
Nach einer halben Ewigkeit, wie es ihr vorkam, erreichten sie das Ende des Tunnels. Eine dicke Steintür mit einem eisernen Riegel prangte in der Düsternis. Die Königin höchstpersönlich öffnete sie. Dahinter befand sich ein ebenso grobgehauener, runder Raum. Einige wenige Fackeln steckten in Halterungen an der Wand. Drei Männer in schwarzen Kutten, deren Kapuzen die obere Gesichtshälfte bedeckte, verbeugten sich beim Anblick ihrer Herrin. In der Mitte des Raumes stand eine Art rechteckiger Tisch, an dem auf beiden Seiten unten und etwa in der Mitte Lederriemen und Stahlschnallen. Dóraviel schluckte. Äusserlich blieb sie ruhig, doch innerlich drehte sich ihr der Magen um. Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie. Oder war es Angst?
Neben der Stahltüre drang ein entsetzlicher Gestank empor. Ein Loch war dort in den Boden eingelassen. Nach diesem Mief zu urteilen, war dort unten die Sammelstelle für die Leichen. Ein ziemlich einfaches System. Es stank zwar, doch so weit weg von jeglichen Gebäuden, kümmerte das niemanden.
Vor dem "Tisch" stand ein mit Kissen ausgestatteter Stuhl. Der Sitz der Königin. Rechts vom Sitz waren in der Wand Regale eingelassen. Die verschiedensten Instrumente waren fein säuberlich darauf aufgereiht. Vom Harmlosesten bis zum Schlimmsten. Dóraviel wollte nicht wissen, was diese Dinge alles anrichten konnten. Nun schauderte es ihr. In ihren Eingeweiden nagte wieder die schreckliche Ratte. Mehr denn je.
Zarzamora rauschte zum Stuhl und liess sich darauf nieder. Zan-Dórra und Darssalo stellten sich daneben auf. Die Gestalten in den Kutten stellten sich vor den Regalen auf, und die Wachen machten sich daran, Dóraviel am Foltertisch festzubinden. Mit dem Gesicht lag sie zur Stahltüre. Zarzamora hatte einen guten Blick auf sie.
Die Königin sagte nüchtern:
"Nun kannst du noch sprechen. Du kannst dich noch retten."
Dóraviel schwieg.
"Na gut. Beginnt bei den Ohren!"
Die Wachen traten zurück. Einer der Kuttenmänner trat vor. In der Hand hielt er ein kleines, scharfes Messer, das im Feuerschein rot flackerte. Er trat an Dóraviels rechtes Ohr und kniete nieder. Dóraviel konnte kurz seine Augen erahnen. Sie waren unbewegt und starr. Sie presste die Lippen zusammen. Nur nicht schreien, redete sie sich ein. Der Folterknecht setzte das Messer ans Ohr. Ein sauberer Schnitt, und Dóraviel war ihre Ohrspitze los. Sie schloss rasch die Augen. Das Blut rauschte in ihrem Kopf. Sie zitterte. Die Ratte nagte. Ihr wurde übel. Sie konnte die Königin nicht sehen, konnte ihr fieses Grinsen jedoch beinahe spüren. Zarzamora sprach wieder:
"Und? Willst du uns nichts verraten?"
Dóraviel öffnete die Augen. Sie schwieg.
"Weitermachen."
Der Kuttenmann ging um die Bank herum. Plötzlich meinte Dóraviel etwas zu hören. Schritte. Ihr Peiniger zögerte kurz und warf einen Blick zur Königin.
"Weitermachen! Na los!"
Ihre Stimme klang etwas hysterisch.
Im Moment, als sich der Folterknecht bei Dóraviels linkem Ohr niederknien wollte, stiess eine erschöpfte Wache die Tür auf. Er rief völlig ausser Atem etwas in der fremden Sprache. Zarzamora teilte einige Befehle aus und wandte kurz das Wort an Dóraviel.
"Dein Tod ist sicher, verlass dich drauf! Es hat Unruhen gegeben. Ich wette, ihr steckt dahinter. Du bleibst hier!"
Mit diesen Worten rauschte sie zur Tür hinaus. Die drei schwarzvermummten Gestalten blieben zurück. Hinter der letzten Wache schlug die Tür schwer zu.
Dóraviel atmete auf. Sie hatte eine Schonfrist. Doch ihr Ohr brannte und die Ratte nagte noch immer.

 

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