Kapitel 18

Bilanz

Der Kampf war kurz, aber heftig gewesen. Es waren nicht viele Wachen übrig geblieben. Die, die überlebt hatten, waren geflohen. Die zerlumpten Gestalten wurden immer mehr, und bald hatte die Garde der Königin keine Chance mehr gegen die plötzliche Übermacht.
Die Bettler waren sofort nachdem der Kampf aus gewesen war, wieder im Loch verschwunden. Ohne ein Wort. Der letzte hatte ihnen ermunternd zugenickt, das war alles. Und Elrohir war bei ihnen.
Sie hatten sich in den Wald zurückgezogen, an den Rand der kleinen Lichtung. Sie mussten Sicherheitsabstand waren, denn der Kampf war auch an ihnen nicht spurlos vorbeigegangen. Einer der Krieger hatte es nicht überlebt. Der andere trug eine wunde am Bein davon. Galadhion hielt sich am Arm. Der Ärmel seines Gewandes war aufgeschlitzt. Die Degen der Feinde waren unerhört scharf. Gimli hatte in seiner Panzerrüstung nichts abbekommen, ebenso wie Vinvierwen, die an der Grenze des Geschehens gekämpft hatte. Legolas und Haldir hatten beide Schrammen im Gesicht. Die Hobbits hatten den ganzen Kampf in Sicherheit verbracht. Silma erwartete sie auf der Lichtung. Er war sofort zurück gerannt. Er hatte keinerlei Waffen auf sich. Er fühlte sich verloren. Er gehörte weder zu Magroníons Leuten noch zu den Elben, doch es war ihm gescheiter erschienen, bei Letzteren zu bleiben. Es war ein Vertrauensbeweis, den sie ihm wahrscheinlich hoch anrechnen würden.
Nun sassen sie alle unter einer gewaltigen Eiche, und zogen die Bilanz. Natürlich wurde sofort nach dem Verschwinden von Frodo und Magroníon gefragt. Vinvierwen gab Auskunft.
"Entschuldigt. Ich konnte Magroníon nicht aufhalten. Ich habe ihn abgelenkt, sonst wäre er wahrscheinlich über Elrohir hergefallen. Dieser Mann ist krank vor Rache. Er ist Richtung Stadt geflohen. Ich hätte ihn aufhalten sollen. Entschuldigt mich bitte."
Haldir nickte sachlich.
"Es ist gut. Ihr konntet schliesslich nichts dafür. Ich glaube, dies wird uns noch schwer zu schaffen machen. Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der kein Elb ist und so gerissen und schlau ist. Doch wo ist Frodo?"
"Ich habe ihn mit dem Pferd zurückgeschickt. Er wird Verstärkung holen. Es war seine Entscheidung. Er könne ja sowieso nicht kämpfen, sagte er. Er dürfte bald dort sein."
Haldir nickte wieder, schwieg nun jedoch. Legolas fuhr sich mit der Hand über eine schramme, die quer über seine rechte Wange verlief. Seine Finger waren blutig. Schliesslich schaute er auf und sagte unvermittelt:
"Was soll das? Wir sitzen hier rum, und machen nichts. Wir treffen Elrohir, verlieren ihn danach wieder. Wir wagen uns vor, um nur wieder zu fliehen. Und jetzt brauchen wir doch Verstärkung. Was soll das? Wir erreichen ja doch nichts! Wir sind Elladan noch keine Spur näher! Geschweige denn Dóraviel. Ich kann nicht einfach untätig dasitzen. Irgendwas müssen wir…"Galadhion fiel ihm recht energisch ins Wort. Haldir horchte auf und warf einen kurzen Blick auf Vinvierwen, die vorhin noch so straff und hart gewirkt hatte. Sie hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben.
"Ihr vergesst Elrohir! Die Bettler! Was ist mit ihnen? Sie sind offensichtlich auf unserer Seite."
"Offensichtlich! Ihr wisst nicht, ob man ihnen vertrauen kann. Ich bin nicht so optimistisch."
"Ihr vertraut Elrohir nicht? Das werdet Ihr doch?"
"Natürlich! Ich…ich möchte meine Tochter und Elladan zurück. Ich möchte, dass das endlich vorbei ist. Ich will endlich meine Ruhe haben. Der Ringkrieg war genug schlimm."Gimli sah seinen Freund besorgt an. Sein Gesicht war verzerrt. Vor Wut. Vor Bitterkeit. Die Schrammen und der ganze Schmutz gaben den Rest. Nicht einmal im Ringkrieg war er so verbittert gewesen.
Galadhion lächelte. Doch es war kein fröhliches Lächeln. Es war ein spöttisches Grinsen. Er genoss es, Legolas so zerschlagen zu sehen, und er vergass für einen Moment den Schmerz in seinem Arm. Er stichelte weiter.
"Das wollen wir doch alle. Merkt Ihr das nicht? Ihr seid nicht der einzige, der den Ringkrieg erlebt hat!"
"Es wundert mich, dass eine so edle Frau wie Galadriel Eure Mutter sein kann! Seid Ihr doch das genaue Gegenteil von Ihr."
"Wollt Ihr meine Herkunft anzweifeln?"
"Nein. Ich wollte damit nur sagen, dass ihr der arroganteste Elb seid, der mir je über den Weg gelaufen ist."
"Es wundert mich, dass Ihr in den Bund der Gefährten aufgenommen wurdet!"
"Es ist eine Zumutung, dass Vinvierwen Euch heiraten musste."
"Es reicht!"
"Oh, nein, das tut es nicht."
"Ich würde Euch liebend gerne zu den Opfern des Kampfes zählen!"
"Das kann ich verstehen. Und glaubt mir, mir geht es nicht anders."
Galadhion starrte Legolas an. Er erwiderte nichts. Legolas starrte zurück. Lauernd.
Haldir stand plötzlich auf und sagte bestimmt:
"Schluss! Wir sind nicht hier, um uns Eure Gifteleien anzuhören. Wir haben einen klaren Auftrag, den wir ausführen werden. Wir werden hier warten, bis in die Nacht. Wir werden spionieren, um soviel wie möglich herauszufinden."
Er warf einen harten Blick auf die beiden Streithähne.
"Könnt Ihr derartige Angelegenheiten bitte auslassen? Ihr werdet Euch vertragen müssen."
Legolas blieb stumm sitzen und starrte weiter.
Galadhion erhob sich unwillig und ging ein Stück in den Wald hinein.
Legolas lehnte sich zurück. Er war nicht bereit gewesen wegzugehen. Er war schon das letzte Mal zuerst gegangen. Er erhob sich jedoch doch und streckte seine schmerzenden Glieder, wie wenn nichts gewesen wäre. Haldir flüsterte ihm beiläufig ins Ohr:
"Wenn dies irgendeiner der hohen Herren mitgekriegt hätte, wärt Ihr Euren Ruf endgültig los."
Legolas entgegnete ebenso unauffällig, doch eine Spur sarkastischer:
"Der ist doch sowieso schon hin."
Obwohl Legolas kaum warten konnte, beschlossen sie, diese Nacht noch zu warten. Sie bezogen nun auch Silma zur Wache ein. Es war riskant, doch dass er nicht übergelaufen war, war doch ein ziemlicher Vertrauensbeweis. Er übernahm gleich die erste Wache, und machte seine Sache gut. Haldir, der die nächste Wache hatte, klopfte ihm auf die Schulter.
"Gut gemacht. Ich werde schauen, dass du, sobald es möglich ist, in unsere Stadt zurückkehren kannst. Ich denke nicht, dass du uns jetzt noch viel nützt. Es wird jetzt wohl nur noch mehrheitlich Kämpfe geben. Die Hobbits werden sicherlich mit dir kommen."
Silma nickte und legte sich schlafen.
Vinvierwen versuchte diese Nacht, ihren Mann anzusprechen. Nicht auf das, was nach dem Kampf vorgefallen war. Einfach so.
"Wie geht es deinem Arm?"
Galadhion lag mit dem Rücken zu ihr. Vinvierwen blieb ruhig liegen. Zuerst schien es, als würde er schweigen. Vinvierwen wusste, dass er nicht schlief. Seine Atemzüge waren zu unruhig. Schliesslich drehte er sich ruppig um und schaute ihr in die Augen.
"Schlecht. Er schmerzt. Was willst du? Bin heute ich dran und nicht der Zwergenfreund?"
Seine Stimme war alles andere als freundlich. Trotzdem gab Vinvierwen nicht auf. Unbeeindruckt entgegnete sie:
"Ich will mich erkundigen, wie es dir geht. Es interessiert mich."
"Ah ja?"
"Sei doch bitte nicht so stur."
"Stur?"
"Ich darf doch noch mit ihm reden. Er ist schliesslich der Vater meiner Tochter."
Er drehte sich wieder um. Vinvierwen seufzte. Es war nichts zu machen. Ihr Mann brodelte vor Wut. Und würde wahrscheinlich wieder die ganze Nacht nicht schlafen können. Vinvierwen schaute nach der Wache. Legolas. Sie setzte sich auf, beugte sich zu Galadhion und flüsterte:
"Du wunderst dich doch hoffentlich nicht, wenn ich nun etwas mit Vater meiner Tochter rede?"
Galadhion schwieg. Er erinnerte sie an ein kleines Kind. Eigentlich war das ja gar nicht so abwegig. Er war schliesslich ein ganzes Stück jünger als sie. Sie erhob sich leise und liess ihn mit seinen Schlafstörungen allein.
Legolas wusste beinahe im Voraus, dass bei seiner Wache wieder etwas geschehen würde. Er hatte Recht. Kaum war er fünf Minuten wach, hörte er Vinvierwen. Sie kam leise auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Legolas wollte zu sprechen ansetzen, doch sie unterbrach ihn leise.
"Pst. Ich möchte die Nacht geniessen."
Sie zog die Beine an und schlang ihre Arme darum. So blieben sie sitzen. Legolas stand ab und zu auf, ging um ihr Lager herum und sicherte nach allen Seiten. Dann setzte er sich wieder, Augen und Ohren wach.
Schliesslich begann er doch zu sprechen. Sie liess es geschehen.
"Schmollt er noch immer?"
"Ja. Er hasst dich."
"Ganz meinerseits."
Kurzes Schweigen. Legolas unterbrach es.
"Ich möchte unsere Tochter finden. Alles andere ist mir egal."
"Sorg dafür, dass dies dein Vater nicht erfährt."
Legolas konnte Vinvierwen nicht verdenken, dass sie nicht den besten Eindruck von seinem Vater hatte. Er nickte.
"Hm."
Urplötzlich war es ihm wieder eingefallen. Er hatte schon am Nachmittag bemerkt, dass etwas nicht stimmen konnte. Er hatte es über den Streit vergessen und sowieso fast keinen Gedanken daran verwendet, doch nun kam ihm alles wieder in den Sinn. Langsam, ganz in Gedanken flüsterte er:
"Warum…wussten sie, dass es Elrohir war? Etwas passt nicht…"Vinvierwen schaute ihn verwirrt an.
"Wovon sprichst du?"
"Ist es dir nicht aufgefallen? Etwas an der ganzen Geschichte stimmt nicht. Warum wissen sie, dass es Elrohir ist, der das Amulett trägt?" Er schüttelte den Kopf, "Ein Mosaikstein passt nicht."
"Das Amulett?"
"Ach ja, du weißt es nicht. Warum haben wir euch das nie gesagt? Sie wollen das Amulett, dass ich dir schenkte. Es geriet Elrohir in die Hände. Magroníon wusste, dass es in Mittelerde war. Und die Königin wusste, wie der Träger aussah, sonst hätte sie Elladan nicht entführt."
"Du meinst, es liegt eine Verwechslung vor?"
"Genau. Ich bin mir da sehr sicher. Doch warum wissen sie es? Es passt einfach nicht zusammen."
"Silma?"
Legolas schüttelte den Kopf.
"Nein. Er ist es nicht. Er ist ein Mensch. Und ein Mensch wäre beim Kampf mit Magroníon gegangen. Wir müssen das herausfinden. Ich wünschte, ich hätte die Leichen genauer angeschaut…""Die Leichen?"
"Ja. Ich denke, sie haben etwas Ähnliches wie ein Palantír."

 

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