Kapitel 19

Wiedersehen

Sie hatten sich sorgfältig vorbereitet. Es war eine starke Truppe. Nur die Frauen, Kinder, Alten und Verletzten waren zurückgeblieben.
Der Plan war ausgereift. Es konnte nichts schief gehen. Es durfte nichts schief gehen. Sie hatten beinahe ihr ganzes Waffenarsenal mit. Schwerter. Degen. Bogen. Messer. Alles Mögliche. Die Waffen waren scharf. Sie waren vorbereitet. Ihre zerlumpten und gebrechlichen Gestalten täuschten. Unter den weiten Gewändern trugen sie alte, jedoch sorgfältig wieder aufbereitete Rüstungen.
Sie schwärmten einzeln durch die Stadt, um nicht aufzufallen. Alle auf zum einen Ziel. Der Palast. Sie hatten ihre Kräfte gesammelt. Der Augenblick, den die einen herbeigesehnt hatten und die andern so lange gefürchtet hatte, war gekommen. Das Ungeziefer ging zum Angriff über.
Es begann schon auf dem Weg. Sie rotteten sich langsam zu immer grösseren Gruppen über. Jeder Angestellte der Königin wurde schnell, diskret und leise beseitigt. Es ging aber doch nicht lang, bis die Nachricht die Palastwachen erreichte. Sie brandete über die Stadt wie die Pest. Die Bürger jedoch waren feige. Sie schlossen sich in ihren Häusern ein. Sie verlachten zwar die Königin, doch ohne sie wäre die Organisation in der Stadt dahin, dachten sie.
Sie erreichten bald den Palast. Eine Horde Bettler, wie es schien. Die Palastwache, nun gegen die Hunderten von Bettlern lächerlich scheinend, hatte einen Ring um das imposante Gebäude gebildet. Doch die Bettler stoppten nicht. Sie kamen näher und näher. Schreiend, um sich schlagend, lärmend. Allen voran Andrassos und Elladan. Die Königin wurde sofort benachrichtigt. Der Gefangene war also bei den Bettlern gelandet, dem Untergrundvolk.
Elrohir hatte sich Kohle in das Gesicht geschmiert, und hielt sich in den hinteren Rängen auf. Seine Handflächen waren feucht. Er war nervös, obwohl sie alles so viele Male durchgesprochen hatten. Er zwang sich ruhig zu bleiben. Bald würde er ausschwärmen müssen. An der Palastmauer entlang schleichen und…Er wurde wieder nervös und dachte an seine Waffen. Er trug sein Messer am Oberschenkel. Er hatte bemerkt, dass es rot aufleuchtete, wenn Aramos in der Nähe waren. Wie bei den Orks, nur war ihm das nie aufgefallen, da er es bisher nicht mit den Aramos zu tun gehabt hatte. Ausserdem hatte er sich einen leichten und nicht zu grossen Bogen und ein Köcher mit einigen Pfeilen um den Rücken gehängt.Hier. Hier musste er abbiegen. Er stahl sich aus der Menge fort, ohne bemerkt zu werden. Leise schlich er an der Palastmauer entlang, ein schwarzer Schatten, kaum zu erkennen. Die einsetzende Dämmerung gab ihm Schutz. Die Wachen mussten sich nun voll auf das Hauptangriffsziel konzentrieren. Hier würden sie weniger Acht geben. Er musste aber trotzdem vorsichtig sein. Die Wachen waren mehr, als sie vorgegeben hatten.
Bald kamen die Efeuranken in Sicht, an denen er sich hochziehen konnte. Rasch legte er die letzten Schritte zurück. Er ergriff vorsichtig die unterste Ranke. Sie hielt. Er zog sich langsam hinauf, und suchte mit dem Fuss halt. Er fand eine sichere Ranke und tastete sich weiter hinauf. Er tastete mit dem Fuss wieder jede Ranke ab, bis er eine fand, die ihm sicheren Halt gab. Er stützte für einen Moment sein ganzes Gewicht ab, um mit den Händen weiter zu greifen. Doch die Ranke hielt nicht. Er rutschte ab. Loses Gestrüpp flog zu Boden. Es raschelte gefährlich laut. Mit den Händen konnte er sich notdürftig festhalten. Er wartete einige Sekunden. Niemand kam. Hastig tastete er weiter. Er war zu nervös. Er versuchte ruhig zu bleiben. Jede Bewegung vorausplanend stieg er weiter. Tasten, greifen, hochziehen. Endlich war er oben. Er legte sich kurz flach hin, um nach allen Seiten zu sichern. Niemand war in Sicht. Leise liess er sich auf der anderen Seite heruntergleiten. Diesmal waren die Efeuranken sicher. Unten drückte er sich an die Mauer. Er zog sein Messer. Kein leuchten. Er überschaute das Gebiet. Er befand sich in einer Art Garten. Wenn er ihn geradeaus überquerte, würde er in den Audienzsaal kommen. Danach immer Richtung Felswand gehen, durch verschiedene Räume, die ihm Andrassos beschrieben hatte. Danach kam der Tunnel.
Elrohir atmete tief durch. Dann stiess er sich von der Mauer ab und jagte über den Rasen. Die Klinge schimmerte nicht. Er betrat den Audienzsaal. Er war leer. Das ganze Gebäude war von weissen Lichtern erhellt. Er schlüpfte durch die offene Türe in den nächsten Raum. Er betrachtete die Klinge. Ein kleiner Schimmer von Rot zeigte sich. Der Raum war leer. Weiter. Er achtete auf nichts, nicht auf die prunkvollen Ausstattungen der Räume. Er achtete nur auf die nächste Türe und seine Klinge. Röter und Röter. Dann kam er in den Saal vor den Gefängnisräumen. Zwei wachen standen vor der kleinen Tür rechts vom grossen Tor. Dort hinten begann der Tunnel. Die Wachen verwehrten den Zutritt zum Tunnel mit Lanzen. Sie schauten ihn mit einem ausdruckslosen Grinsen an. Sie hatten ihn erwartet. Er zögerte nur kurz, bevor er auf die beiden Männer zuging. Sie hielten ihr Lanzen nun auf ihn gerichtet. Mit einer raschen Bewegung zückte er den Bogen. Die Wachen wirkten überrascht. Elrohir schoss blitzschnell. Einer der uniformierten Männer warf sich zur Seite. Der andere wurde getroffen. Er sackte zusammen, der Pfeil steckte in seinem Bauch. Die übriggebliebene Wache rappelte sich sofort auf und hielt die Lanze gegen Elrohir. Er warf den Bogen zu Boden und ging langsam auf den Mann zu. Der flüsterte etwas in seinen Ausschnitt. Eine Sekunde Unkonzentriertheit reichte. Die Lanze wurde ihm aus den Händen geschlagen, er ging mit einem schnitt in der Kehle zu Boden. Elrohir durchsuchte rasch den Ausschnitt des Mannes. Etwas war da faul. Und er wurde fündig. Die Wache trug an einem schwarzen Band eine Mithrilkugel, die ungewöhnlich schwer war. Elrohir nahm sie an sich. Er holte rasch den Bogen und stiess die Tür auf. Sie war unverriegelt. Dóraviel musste noch da sein. Er eilte den Tunnel entlang. Er stürzte in die Kammer am Ende zückte sofort seinen Bogen. Die Kuttenmänner waren zu unaufmerksam. Sie waren schnell tot.
Elrohir beugte sich sofort über Dóraviel. Sie hatte die Augen geschlossen. Hastig legte er seinen Kopf auf ihre Brust. Ihr Herz schlug. Er richtete sich auf und schnitt die Fesseln los. Dóraviel hatte die Augen immer noch geschlossen. Sie war ohnmächtig. Er schüttelte sie. Endlich öffnete sie die Augen. Sie sah sein Gesicht über ihrem und lächelte schwach. Elrohir wollte sie an sich drücken, doch da erklangen Schritte. Mehrere Männer. Er schüttelte Dóraviel hastig, und flüsterte:
"Los, wir müssen weg! Sie kommen!"
Sie nickte. Es schien, als würde sie wieder zu Kräften kommen. Langsam stand sie auf. Die Schritte kamen näher. Elrohir zog sie zum Loch, aus dem der Leichengestank hinauf drang. Das war nun ihr einziger Fluchtweg. Doch es war zu spät. Fünf Wachen stürmten herein. Elrohir zog sein Messer und stellte sich vor Dóraviel. Die Wachen waren mit Degen bewaffnet. Elrohir bedeutet Dóraviel, in den Schacht zu steigen. Ihr schauderte. Ein übler Geruch stieg davon auf. Sie schüttelte unwillig den Kopf. Ein Uniformierter stiess plötzlich vor und riss Elrohir das Hemd vor der Brust auf. Der Anhänger fiel klimpernd durch die Luft und landete auf dem rauen Fels. Das Mithril schimmerte. Elrohir warf sich zu Boden. Er wollte danach greifen, doch der Mann trat darauf. Elrohir hieb mit seinem Messer auf das Bein des Mannes. Doch dieser trug Schütze. Er musste dieses Amulett kriegen. Sonst war es aus. Er hieb weiter auf die Schuhe des Mannes. Es nützte nicht. Der Schwarze grinste hämisch. Er trat Elrohir auf die Finger seiner Hand. Er biss die Lippen zusammen. Er versuchte, das Messer in seiner Hand zu behalten. Langsam tastete er mit der anderen Hand weiter. Er bekam das Kettchen zu fassen. Es knackte in der Hand, die unter den Schuhen des Mannes litt. Elrohir versuchte den Schmerz zu ignorieren. Er bekam das Amulett zu fassen, bevor die Wache ihren andern Fuss heben konnte.
Dóraviel verstand endlich. Sie löste sich vor ihrer anfänglichen Erstarrung. Rasch stieg sie in das Loch. Ihre Füsse stiessen an Stufen, die ihn den rauen Fels eingelassen waren.
Elrohir gelang es, das Amulett an sich zu ziehen. Die Wache hob den Fuss und versuchte sich, auf ihn zu stürzen. Elrohir robbte zum Loch hin, wo Dóraviel schon bis zur Hälfte hinuntergestiegen war. Hastig liess er sich in das Loch gleiten. Der schwarze Mann kam nach. Elrohir steckte sich die Kette in eine Tasche seines Gewandes. Mit der gesunden Hand hieb er mit dem Messer auf den Oberschenkel des Feindes ein. Der schrie auf und taumelte etwas zurück. Elrohir verschwand sofort im Loch. Schritte entfernten sich. Sie holten wahrscheinlich Verstärkung.
Dóraviel hatte den Grund erreicht. Der Boden war felsig. Sie löste die eine Hand vorsichtig vom letzten Absatz und blickte ungeduldig zu Elrohir hinauf. Er kletterte ihr hastig nach. In der Hast liess er einige Stufen aus. Er stolperte und stürzte die letzten Stufen hinunter. Dóraviel versuchte so gut wie es ging ihn aufzufangen. Er fand auf dem holprigen Boden halbwegs Halt. Er blieb kurz stehen. Andrassos hatte es ihm erklärt. Ein schmaler Gang führte hinaus und endete in einem Gebüsch ausserhalb der Stadt. Danach mussten sie in einigem Abstand im Wald parallel zur Stadtmauer gehen. Bald würden sie zur Lichtung kommen. Dort vermutete Elrohir die andern. Er hätte dort gewartet. Und Legolas, das wusste er, würde so handeln. Hoffentlich war nur nichts dazwischengekommen.
Sie mussten aus diesem Loch hinaus. Es stank. Nach Verwesung und Tod. Elrohir nahm Dóraviel an der Hand. Sie drückte ihm kurz die Handfläche. Als wäre dies ein Signal gewesen, ging er los. Ein schmaler Pfad führte im Fels entlang der Leichengrube. Elrohir tastete sich vorsichtig vor, Fuss für Fuss. Trotzdem bewegte er sich schnell und geschmeidig. Der Tunnel wurde bald schmäler und niedriger, sie mussten sich ducken. Er verengte sich immer mehr. Bald war er nur noch eine schmale Röhre, durch die ein schmales Rinnsal floss. Elrohir liess sich auf die Knie nieder und kroch weiter. Dóraviel ging ihm nach. Ein blasser Lichtschimmer liess urplötzlich die feuchten Wände kalt aufblitzen. Und ehe sie sich’s versahen, waren sie draussen. Das Rinnsal hatte eine kleine Pfütze gebildet. Darum herum wuchsen Büsche. Elrohir richtete sich nicht erst auf, sondern schob ein paar Zweige weg und kroch durch das Gestrüpp. Dóraviel folgte. Das Gestrüpp war bald zu Ende. Sie erreichten eine kleine Wiese. Der Mond schien fahl am Nachthimmel und wurde ab und zu von ein paar Wolkenfetzen überdeckt. Elrohir legte eine kurze Pause ein, sicherte nach allen Seiten und richtete sich dann auf. Lärm drang von der Stadt hinüber. Die Luft war rein. Elrohir umfasste wieder die Hand von Dóraviel und zog sie mit sich. Geduckt stahlen sie sich über die Wiese.Sie liefen durch den Wald ohne gesehen zu werden. Vor der Lichtung jedoch hielt Elrohir plötzlich. Er wollte eine kurze Zeit mit Dóraviel verbringen, bis sie wieder zu den andern zurückkehrten. Sie hatten sich so lange nicht mehr gesehen. Es erschein ihm beinahe unwirklich, sie an der Hand zu halten. Sie brauchten nun Zeit für sich. Auch Dóraviel war dankbar. Sie hatte es zuerst nicht fassen können, dass es wirklich Elrohir war, der sie befreit hatte. Es kamen ihr während der kurzen Flucht wieder Zweifel, doch obwohl sie ihn so lange nicht gesehen hatte, kannte sie ihn. Er war es.
Elrohir setzte sich zu Boden. Sie befanden sich hinter einem Gebüsch, das die Lichtung begrenzte. Über ihnen erhoben sich mächtige Bäume, die alles Licht stahlen. Es war beinahe so finster, dass man die Hand vor den Augen nicht zu sehen vermochte. Doch dass war ihnen egal.
Elrohir berührte vorsichtig ihre Wange. Er konnte sie nicht sehen, doch er spürte, wo sie war.
Er fuhr mit den Fingerspitzen weiter zu ihrem rechten Ohr. Dóraviel zuckte zusammen. Er hatte die schmerzhafte Stelle berührt, wo ihr die Ohrspitze fehlte.
Sofort zog er die Hand zurück und flüsterte scharf:
"Was haben die nur gemacht! Diese Bestien! Sie werden ganz bestimmt nicht ungestraft bleiben!"
Dóraviel blickte ihn erschrocken an. Er hatte sich verändert. So hatte er sich früher nie benommen. Sie sagte beschwichtigend:
"Sei froh, dass nicht mehr passiert ist. Es war schrecklich, ich weiss. Beruhige dich. Was ist mit dir los? Du bist so…hart geworden."Elrohir schloss kurz die Augen. Ja, er gab es zu. Er war hart geworden. Doch wie sollte man anders in diesen Zeiten?
"Ja. Sie haben mich so gemacht. Verbittert. Und die Furcht um dich und Elladan und die Gefangenschaft. Die schreckliche Überfahrt."
"Was ist geschehen? Erzähl es mir!"
"Nein. Dazu ist keine Zeit. Du wirst es erfahren. Elladan geht es gut. Ich habe ihn gesehen. Aber noch mehr wartete ich auf den Moment, dich zu sehen."
"Denkst du, ich nicht? Ich habe mir die Haare abgeschnitten vor Trauer um dich. Warum muss dies nur uns geschehen?"
Elrohir blieb sich Antwort schuldig. Stattdessen nahm er Dóraviel in die Arme, drückte sie und küsste ihr kurzes, blutiges Haar. Sie löste sich von ihm. Er beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. Langsam strich er mit seinen Händen über ihren Rücken. Mit beiden Händen – er stutzte und liess sie los. Mit beiden Händen…Das Amulett! Er hatte es ihn der Hand gehabt. Wo war es? Er griff sich an den Hals, in alle Taschen seines weiten Gewandes. Nichts. Nur die Kugel, die er der Wache abgenommen hatte, geriet ihm in die Hände. Er liess sie wieder verschwinden. Wo war das Amulett? Er dachte nach. Dóraviel schaute bestürzt in seine Richtung. Was hatte er? Sie fragte leise."Was ist los?"
"Ich habe das Amulett verloren."
"Amulett?"
Elrohir erklärte ihr ihn kurzen Worten, um was es ging.
"Ich muss es beim Sturz verloren haben. Wir müssen zurück."
"Du sagtest, Legolas und die andern wären in der Nähe. Lass uns zuerst zu ihnen gehen."
Elrohir nickte düster. Das war wohl das Beste. Er erhob sich rasch und arbeitete sich durch das Gebüsch.

 

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