Kapitel 20

Plan

Zarzamora hatte sich in ihrem Audienzsaal niedergelassen. Leises Geschrei und das Klirren von Waffen dröhnte von außen herbei. Sonst war es beinahe gespenstig ruhig. Zan-Dórra war mit ihr gegangen. Darssalo befehligte draussen die Truppen. Sie hatte die ganze Palastwache aufgeboten, doch es waren nicht viele übrig geblieben. Die Bettler hatten sich gut organisiert. Sie waren viel und stark. Wie eine dunkle Wolke wogten sie um die riesigen Palastgebäude, schaurige Rufe ausstoßend.
Zarzamoras Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt. Doch sie liess sich nichts anmerken. Nur ihr kleiner Finger zuckte manchmal verdächtig. In ihrem Kopf arbeitete es. Ihre Kräfte reichten längst nicht aus, den Aufstand niederzuschlagen. Sie hatte zu wenige, die ihr noch gehorchten. Und selbst ihnen konnte sie nicht mehr trauen. Sie brauchte das Amulett mehr denn je. Jede Sekunde zählte. Je länger sie den Aufstand gewähren liess, desto mehr würden die Bürger sich von ihr abwenden. Nun blieben die meisten noch in ihren Häusern und Höhlen, in Sicherheit. Noch. Wenn die Bettler weitermachten, würde es ihnen vielleicht gelingen, die Bürger umzustimmen. Mit der Sicherheit der Stadt war es vorbei. Ausserdem wusste sie nicht, was sie von den Elben zu befürchten hatte. Es wurde ihr gemeldet, dass der Spitzel, den sie vor langer Zeit nach dem Amulett ausgeschickt hatte, zurückgekehrt war. Er war einer Auseinandersetzung an der Stadtmauer entronnen, bei der mehrere Wachen getötet worden waren. Elben waren da. Und die Bettler. Diese verdammten Bettler!
Zarzamora erhob sich plötzlich ruckartig. Der eine Gefangene war bei den Bettlern. Sie eilte Richtung Gefängnis. Sie flog beinahe durch die Räume, von den erstaunten Rufen ihrer Tochter verfolgt. Der Palast war noch ausgestorbener als sonst. In den guten Zeiten hatten in den hohen, glänzenden Räumen rauschende Feste stattgefunden, Aramos in edlen Gewändern hatten hier flaniert. Seit einigen Jahren hielten hier nur noch einige einsame Wachen ein Schwätzchen, die schon längst den Glauben an eine schönere Zeit verloren hatten. Nun waren sie alle am Rand des Palastes, um die wütende Masse von rebellierenden Bettlern und Tagedieben abzuwehren.
Endlich erreichte Zarzamora die verpönte und doch alles Interesse auf sich ziehende Kammer. Sie stockte. Die Wachen waren fort. Die drei Folterknechte lagen tot in ihrer Ecke. Dóraviel war fort. Ein unbändiger Zorn stieg in Zarzamora hoch. Sie hastete zum Foltertisch, fuhr über die Oberfläche, als würden dort Spuren zu finden sein. Sie drehte sich wie irr im Kreis. Nichts und niemand! Sie war weg! Zarzamora schrie. Sie schritt zu den Regalen mit den Instrumenten und warf sie mit einer energischen Handbewegung zu Boden. Glas zerbrach, Eisen schlug auf Eisen. Doch der Lärm vermochte ihre sich überschlagende Stimme nicht zu übertreffen. Sie schrie sich all den Hass, die Wut auf diese verlausten Bettler, diese verfluchten, arroganten Elben und ihr tölpelhaftes Volk aus dem Leib, bis ihre Stimme versagte. Sie verharrte, atmete stoßweise. Es war plötzlich totenstill. In diese Kammer drang kein Geräusch von draussen. Zarzamora fühlte sich nicht erleichtert. Sie fühlte sich wütender denn je zuvor. Stärker und zu allem fähig. Sie wollte wieder aus der Kammer eilen, als sie ein leises Schaben stocken liess. Danach ein helles Klimpern von Metall auf Stein. Zarzamora drehte sich zum Leichenloch. Daraus war das Geräusch gekommen. Eine Kakerlake kroch erschrocken daraus. Sie liess sich auf die Knie nieder und spähte hinunter. Es stank bestialisch, doch sie roch nichts. Auf einem unteren Treppenabsatz blinkte Mithril. Hastig liess sie sich in das Loch. Mit einer vorsichtigen Handbewegung tastete sie nach dem Gegenstand. Langsam fischte sie es auf und hob es vor ihr Gesicht. Ihr stockte der Atem. Es war das Amulett. Sie war gerettet. Ihr Mund verzog sich zu einem bestialischen Grinsen. Rasch kletterte sie wieder hinauf. Sie lief durch den Tunnel, flog durch die Hallen, bis sie wieder im Audienzsaal war.
Zan-Dórra war noch immer dort. Sie war bleich im Gesicht.
"Jemand ist in den Palast eingedrungen. Wir erhielten gerade die Meldung, dass die Gefangene weg ist."
Zarzamora lachte gehässig auf.
"Das spielt nun keine Rolle mehr."
Sie hielt das Amulett hoch.
"Wir werden ein neues Zeitalter beginnen. Lass die Wachen ausrufen, dass die Königen wieder an der Macht ist."
Wenig später tönte es aus allen Strassen der Stadt:
"Aus den Häusern zum Palast, Bürger! Der Stein der Aramos leuchtet wieder!"

 

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