Kapitel 22

Das Ende des Anfangs

Legolas, Elrohir, Dóraviel und die andern hatten sich zurückgezogen. In Richtung ihrer Heimat. Sie hofften auf rasche Verstärkung von den Ihren. Allein konnten sie das unmöglich schaffen. Und für Elladan sah es in der Stadt auch nicht blühend aus.
So eilten sie durch den Wald. Als der Abend nahte, gebot ihnen Legolas anzuhalten. Er wollte eine Lagebesprechung durchführen. Und er hatte nicht im Sinn, weiter zu fliehen. Er wollte hier auf die Verstärkung warten. Das sagte er denn auch, und die meisten waren einverstanden. So fuhr er fort:
"Ich denke, wir können mit Zarzamora sprechen. So grausam sie sein mag, sie hat elbisches Blut in den Adern. Ob Schwarz oder weiss, das spielt hier gar keine Rolle."
Dóraviel fuhr auf. Zum ersten Mal war sie wütend auf ihren Vater.
"Sprechen? Diese Frau hat mir ein Ohr beinahe ganz abgehackt, und sie wäre zu viel Schlimmerem fähig gewesen. Diese Frau reicht mit ihrer Grausamkeit locker an Sauron heran! Sie will das Land für sich. Mit Krieg."
Legolas sah sie scharf an.
"Nein! Sie ist eine der Eldar, auch wenn sie schwarz ist. Ich weiss nicht, welches die gründe waren, dass sie nun bösartig geworden ist. Ob es der Einfluss der Menschen aus Harad war, oder die pure Gier nach dem Amulett. Ich denke, es war beides. Aber es soll kein Krieg geben, wenn er sich vermeiden lässt. Bei einem so hochgestellten Diener Morgoths wie Sauron liess sich das nicht vermeiden, doch Zarzamora steht weder unter dem Einfluss Morgoths, noch ist sie ein höherer Maia, wie Sauron das war. Wir müssen mit ihr reden. Und das Amulett muss vernichtet werden."
Elrohir stimmte ihm zu. Auch er hatte den Ringkrieg miterlebt. Und er wollte diese Gräuel nicht noch einmal erleben. Dóraviel gab widerwillig zu, dass Legolas recht hatte.
"Ja, ich denke, dies sind wahre Worte. Doch ich werde mit euch in den Krieg ziehen, wenn es welchen geben sollte. Denn das wird es, dessen bin ich mir sicher."
Vinvierwen, die vorher etwas abseits gesessen war, erhob nun plötzlich das Wort.
"Nein! Das wirst du nicht! Du wirst mit mir, den Hobbits und Silma nach Minuial zurückkehren. Ich will dich nicht verlieren."
"Das wirst du nicht, Mutter. Das wirst du nicht. Ich verspreche es dir."
"Dann werde ich auch kämpfen."
Legolas fiel ihr ins Wort.
"Ihr werdet beide zurückkehren. Was sollen die Aramos denken? Jetzt sind sie schon so verzweifelt, dass sie ihre Frauen kämpfen müssen?"
Dóraviel aber sagte, nun ehrlich aufgebracht:
"Darum geht es nicht. Sieh dir mein Ohr an. Dafür bezahlen sie. Und dafür werde ich mit euch kommen."
"Dies ist kein Krieg um Rache. Er sollte gar nicht erst geführt werden. Blutvergiessen unter Elben ist und war noch nie gut."
Damit wandte sich Legolas ab. Das Gespräch war beendet, es war beschlossene Sache, dass sie hier warten würden. Silma, Pippin, Merry und Vinvierwen wollten gleich aufbrechen, um am nächsten Morgen in Minuial zu sein. Auch der Krieger, der eine schwere Wunde am Bein davontrug ging mit ihnen. Vinvierwen hatte sich zuerst gesträubt. Legolas hatte nochmals mit ihr gesprochen, und seine Worte hatten gewirkt. Sie ging, mit einem letzten traurigen Blick auf ihre Tochter, die abseits stand und in die Nacht spähte.
Elrohir trat leise von hinten an Dóraviel heran. Sie wirbelte herum, und prallte fast in ihn hinein. Er lächelte leise. Sie senkte den Kopf.
"Ich erwarte eine Moralpredigt", sagte sie leise.
"Warum? Ich weiss, dass du dich nicht überschätzt. Und du kannst kämpfen."
"Danke. Wenigstens ist jemand meiner Meinung."
"Ich bin nicht deiner Meinung. Man sollte Krieg vermeiden. Doch wie du bin ich mir sicher, dass es ihn doch geben wird."
Er hob die Hand. Darin hielt der den Bogen, den Köcher und das Messer des Kriegers, der bei der Schlacht umgekommen war.
"Du brauchst Waffen. Fürs erste müssen diese gehen. Wir haben auch noch andere Kleidung."
"Danke. Danke, dass du das getan hast. Wir werden das schaffen."
Er nickte, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging.
Die Nacht verlief ruhig. Hin und wieder bemerkten sie einen rötlichen Schimmer über dem Wald, dort wo die Stadt der Aramos lag.
In der Morgendämmerung trafen die Elben aus Minuial ein. Es war keine kleine Armee, und angeführt wurde sie von Elrond persönlich. Sie waren alle zu fuss unterwegs. Im Wald war man zu Pferd kaum schneller.
Elrond gebot der Armee anzuhalten. Er musterte die übrig gebliebenen aus dem Trupp: Legolas, ziemlich verschrammt, aber trotzdem nicht kampfesunfähig, seine Tochter, der ein wilder Zorn ins Gesicht geschrieben stand. Erschrocken nahm er auch ihr malträtiertes Ohr zur Kenntnis. Elrohir stand neben ihr, stolz. Gimli stützte sich auf seine Axt, und schaute mit einem grimmigen Blick in die Runde. So viele Elben auf einmal, das gefiel ihm offensichtlich nicht. Galadhion bemühte sich, aufrecht zu stehen, und die Wunde an seinem Arm zu verdecken. Elrond blieb sie jedoch nicht verborgen. Haldirs Wunden glichen denen von Legolas; auch er würde noch kämpfen können.
Schliesslich hob Legolas zu sprechen an:
"Wir haben schlechte Nachrichten."
Elrond fiel ihm ins Wort.
"Ich weiss. Wir sind unterwegs auf die Hobbits, Vinvierwen, den schwarzen Jungen und den verletzten Krieger gestossen. Sie haben uns alles berichtet. Wir werden nun in die Nähe der Stadt marschieren, unser Lager aufschlagen, und abwarten, was Zarzamora gedenkt zu tun."
Elrond beugte sich zum Elben an seiner Rechten. Dieser übergab ihm ein Bündel, welches Elrond an Dóraviel weiterreichte.
"Ich habe vorausgesehen, dass du kämpfen wirst. Hier sind Rüstung, Hosen und Hemd."
Er beugte sich wieder zur Seite, erhielt ein Schwert und übergab dies wieder der sichtlich erstaunten Dóraviel. Sie wog das Schwert in der Hand. Es war lang und zierlich, mit scharfen Schneiden. Ihr unbekannte Runen waren darauf zu sehen.
Elrond erklärte lächelnd:
"Dies ist das Schwert von Haleth. Vor langer Zeit hat diese Menschenfrau ihr Volk ganz allein geführt. Sie war eine starke und kämpferische Persönlichkeit. Galadriel hat mir dieses Schwert für dich gegeben. Sie hielt es in Gewahrsam, all die Jahre. Es ist ein starkes Schwert, obwohl nicht von den Elben geschmiedet."
Dóraviel nickte. Dann drehte sie um, ging ein Stück weit in den Wald hinein; um sich umzuziehen.
Elrond inzwischen trat endlich zu seinem Sohn, und umarmte ihn.
"Schön, dich wieder zu sehen. Nun werden wir gemeinsam in den Krieg ziehen."
Elrohir lächelte leise.
"Und wie."

 

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