Kapitel 23

Rückzug

Die Stadt wimmelte von aufgebrachten Bürgern. Alle wuselten sie herum, ohne ein bestimmtes Ziel. Sie waren nervös, kampfeslustig und hielten Waffen in der Hand. Ein breiter Strom von ausgebildeten Kriegern zog in Richtung des Palastes, und immer mehr schlossen sich ihm an. Die ganze Stadt glich einem Ameisenhaufen, der in Aufruhr geraten war.

Andrassos, Elladan und die andern machten sich auf den langsamen Rückzug zurück zur Stadtmauer. Sie mussten aus der Stadt gelangen. Hier waren sie mit Sicherheit verloren. Sie hofften auf Verstärkung von den Elben.
Der Rückzug erwies sich nicht als leicht. Immer öfter kamen ihnen aufgebrachte Bürger in den Weg. Sie schlängelten sich mühsam durch, doch je länger sie unterwegs waren, desto weniger konnten sie grössere Scharmützel verhindern. Sie verloren einen guten Teil ihrer Krieger.
Bald waren sie in der Nähe der Stadtmauer, jedoch alles andere als unversehrt. Die meisten Leute waren zwar jetzt ins Stadtzentrum geflüchtet, aber die wenig übrig gebliebenen Krieger des Widerstandes waren zumeist schwer verwundet. Die meisten waren auch völlig resigniert. Nicht so Elladan. Auch er war nicht unversehrt geblieben, eine lange Schnittwunde am rechten Arm färbte sein gewand ja länger ja mehr rot. Aber immer wieder munterte er die Krieger auf, weiterzukämpfen. Schliesslich würden auch bald die Elbenkrieger eintreffen. Dessen war er sich zwar nicht sicher, aber er hoffte es zumindest.
An der Stadtmauer legten sie im Schatten eines verfallenen Gebäudes eine Rast ein. Die Krieger legten sich hin, einige stöhnten, und sprachen von aufgeben. Andrassos zählte unterdessen seine Leute. Danach wandte er sich schockiert an Elladan, sein Gesicht hatte eine gräuliche Färbung angenommen.
„Elladan, wir haben nicht nur die Hälfte der Leute verloren. Von den paar Hundert, die wir beisammen hatten, sind uns knapp 50 geblieben. Inklusive uns beiden.“
Elladan erbleichte. Sein ohnehin schon strenger Gesichtsausdruck verschärfte sich. Er sah um sich, sah die verletzen Krieger.
„Jetzt schon. Und der richtige Kampf begann noch nicht einmal! Wir haben versagt! Wir liegen da wie irgendwelche jämmerlichen Fliegen!“
„Bei Morgoth! Was sollen wir denn tun? Wir konnten doch nicht ahnen, dass sich alle Bürger erheben werden! Und gegen die ganze Bevölkerung dieser Stadt haben wir keine Chance!“
Andrassos war aufgebracht. Er war ziemlich am Ende mit den Nerven, was Elladan auch sehr gut verstehen konnte. Er schlug wieder einen ruhigeren Tonfall an.
„Gut, Andrassos, gut. Beruhigt Euch. Wir werden jetzt aus der Stadt ziehen. Wir werden…wir werden auf das Elbenheer treffen…und wir werden so in die Stadt einziehen! Gut? Ist das gut?“
Andrassos nickte. Elladan hielt in mit einer Hand an der Schulter, den verletzten Arm zog er verkrampft zusammen. Es schmerzte, war aber auszuhalten. Er blickte gen Himmel. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie es in seinem Kopf arbeitete.
„Nein…warte. IHR werdet das tun. Und ihr werdet mit Elrohir an der Spitze einmarschieren! Es ist wichtig! Er muss an der Spitze sein! Sie müssen ihn sehen! Sie wissen nicht, dass es zwei von uns gibt.“
„Ja…und was werdet Ihr tun?“
„Ich werde versuchen, der Königin das Amulett wieder abzunehmen.“
„Das ist völlig verrückt.“
„Ich weiss. Aber sonst haben wir keine Chance. Und wenn sie Elrohir und die andern sieht, wird sie nicht vermuten, dass sich irgendwer einschleicht.“
„Na ja, das klingt plausibel…aber…wenn sie Euch erwischen?“
„Werden sie nicht. Geht jetzt.“
In dem Moment erklang hinter ihnen ein Geräusch. Keuchen, stöhnen. Elladan und Andrassos drehten sich um. Einige zerlumpte, schwarze Gestalten tauchten hinter einer Hausruine auf. Allen voran Kanro, der Junge. Er hielt sich einigermassen aufrecht, aber man sah ihm an, dass er Schmerzen hatte. Er humpelte leicht. Andrassos fragendes Gesicht veranlasste ihn dazu, sofort zu erklären:
„Wir waren in den hinteren Reihen. Als die Verluste immer mehr zunahmen, haben wir einen andern Weg genommen. Er war sicherer. Hier sind noch etwa 100 unverletzte Männer. Na ja, mehr oder weniger…auf jedem Fall wären sie in der Lage zu kämpfen.“
Andrassos atmete auf.
„Gut. Danke Kanro. Ich schlage vor, du bleibst mit den Schwerverletzten im Wald, dort könnt ihr euch verstecken. Du siehst angeschlagen aus.“
Kanro nickte.
„Ja…danke. Ich habe noch etwas gefunden, das habe ich einem toten Bürger abgenommen. Er schien eine sehr hohe militärische Position zu haben.“
Er überreichte Andrassos eine Mithrilkugel. Sie war ungewöhnlich schwer für ihre Grösse. Ihre Oberfläche war glatt, nur an einem Ort war das Mithril etwas abgeschabt. Darunter kam ein schwärzliches Metall zum Vorschein, das dunkelrot schimmerte. Andrassos drehte die Kugel nachdenklich in der Hand. Elladan betrachtete es eindringlich. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er nahm das Ding Andrassos aus der Hand und hielt es an sein Ohr. Zu seiner eigenen Überraschung hörte er eine Stimme. Es war eine Frauenstimme. Sie schien von weit her zu kommen und war trotzdem stechend scharf und in einer erstaunlichen Lautstärke zu vernehmen. Sie sagte:
„Gut. Wir werden nicht in der Stadt bleiben, sondern ausziehen. Diesen verlumpten Bettlern werden wir es zeigen! Und ebenso diesen hochnäsigen Elben! Wir, die Aramos, werden fortan die Welt regieren!“
Elladan nahm die Kugel von seinem Ohr weg und hielt sie an seinen Mund.
„Wehe!“
Er hielt sie wieder an sein Ohr. Die Frauenstimme war wieder zu hören:
„Magroníon? Wer war das? Was war das?“
Eine raue Männerstimme war zu hören.
„Ich weiss es nicht. Nichts.“
Elladan nahm die Kugel von seinem Ohr, und schwieg. Er wusste selbst nicht, wie er auf diese Idee gekommen war…es war das gleiche Gefühl, wie wenn er spürte, dass sein Bruder in Gefahr war. Hatte Elrohir etwas damit zu tun?

 

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