Kapitel 3

Trauer

Dóraviels Blick fiel auf die Truhe am anderen Ende des grosszügigen Zimmer. Das Schiff lag wieder ruhig. Nichts erinnerte mehr an den gestrigen schrecklichen Sturm. Dóraviel sass apathisch auf ihrem Stuhl und starrte vor sich hin. In ihrem Geist sah sie immer nur Elrohir. Sein schmales, etwas blasses Gesicht mit der markanten Nase und den dunkelblauen, fast schwarzen Augen. Und nun sah sie diese Truhe. In ihrem Schmerz fiel ihr ein wirrer Gedanke ein. Sie erhob sich und ging zitternd zu der Truhe. Mit klammen Fingern öffnete sie das Schloss und hob den Deckel an. Immer noch zitternd schob sie einige Gegenstände zur Seite und fand schliesslich die Schere. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl, nahm eine Strähne ihres glänzenden Haares in die Hand. Dóraviel schnitt etwas Haar ab. Es rieselte langsam zu Boden. Sie schnitt etwas mehr ab. Und mehr und mehr. Schliesslich schnitt sie hastig und mit zitternden Händen alle ihre Haare ab. Als das Haar nur noch ein paar Zentimeter lang war, liess sie die Schere zu Boden fallen und starrte weiter apathisch ins Leere. Um Dóraviel herum lagen die rötlichen Haare auf dem Boden. In ihrem unsäglichen Schmerz spürte sie so etwas wie eine kleine Erleichterung.
In diesem Zustand fand sie ihr Vater. Legolas war zuerst geschockt, doch dann betrat er leise das Zimmer und schloss behutsam die Tür. Er setzte sich auf das Bett. Doch Dóraviel schien ihn nicht zu bemerken. Er begann leise: „Komm, setz dich zu mir. Komm.“ Nach kurzem Zögern setzte sich Dóraviel neben ihren Vater. Sie atmete den vertrauten Geruch ihres Vaters und fühlte etwas weniger allein, als sie es vorher getan hatte. Legolas setzte wieder zum Sprechen an, doch er brach gleich wieder ab. Eine Weile sassen beide schweigend da. Wenn die Lage nicht so erschütternd gewesen wäre, es hätte komisch aussehen können. Schliesslich begann Legolas doch zu sprechen:„Ich kann deinen Schmerz sehr gut nachfühlen.“Dóraviel spürte Elrohirs sanfte und vorsichtige Küsse auf ihren Lippen.„Ich weiss was verlieren, verlassen heisst.“Dóraviel roch den Duft von Elrohir, wenn er sie umarmte.„Deine Mutter fehlte mir all die Jahre so sehr.“Dóraviel sah den tiefen Blick von Elrohirs Augen.„Es ist nicht leicht.“Dóraviel sah die kastanienbraunen Haare auf dem Boden.„Du wirst es schaffen.“Dóraviel sah das Meer, das Elrohir verschlang.„Wie ich es geschafft habe.“Dóraviel sprach.„Du hast es nicht geschafft. Du denkst an sie. Jeden Tag.“Legolas schaute sie erstaunt an. Und er gab es zu. „Es stimmt. Sie…sie ist jeden Tag hier. Sie ermahnt mich, wenn ich Fehler mache…sie lobt mich, wenn ich Gutes getan habe. Ich weiss nicht, wie ich…es so lange ohne sie aushalten konnte.“Dóraviels Sicht wurde vernebelt. Sie sah wieder und wieder Elrohir… wie er stürzte…wie er schrie…das tosende Meer…wie sie auf dem Boden sass und schrie…der Sturm…und da waren plötzlich Bilder aus der Vergangenheit. Eine blasse Frau mit sanften Gesichtszügen, die ihr ermunternd zusprach…Elrohir fällt…die Frau weint…das brüllende Meer verschlingt seinen Körper… die Frau gibt ein Bündel weiter und weint und weint… Ihr Liebstes verloren…

 

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