Kapitel 4

Gefundenes Amulett

Legolas trieb den eleganten Grauschimmel an. Das Haus des Elrond konnte nicht mehr weit entfernt sein. Sein Vater neben ihm strahlte. Der Ritt tut ihm gut, dachte sich Legolas. Nach den Unruhen am einsamen Berg konnte Thranduil Abwechslung gebrauchen. Nach einer Weile wurde vor ihnen das bewaldete Tal der Bruinen sichtbar. Sie gingen in Schritt über und ritten gemächlich auf dem schmalen Pfad dahin. Und nach der nächsten Wegbiegung wurde Bruchtal sichtbar: Die offenen Häuser der Elben, die geradegewachsenen Bäume, die angenehmen Schatten spendeten und natürlich die Elben die den Sohn von Thranduil schon neugierig erwarteten. Es wurde nämlich etwas über eine Hochzeit von der Tochter Elronds, Arwen und Legolas, dem Sohn des Waldelbenkönigs gemunkelt.
Der König und sein Gefolge wurden höflich empfangen. Die Pferde wurden ihnen abgenommen, und sie wurden durch offene Korridore, in die Laub hereinwehte, in einen kleinen, aber trotzdem hohen, geschlossenen Saal geführt. An den Wänden hingen Karten von Mittelerde und Westernis. Die Decke war mit kostbaren Tüchern und Stoffen behangen. Am einen Ende stand Elrond in einem goldroten Gewand.
„Seid gegrüßt!“, sprach er. Seine Stimme hatte einen angenehm tiefen Ton. Sie klang väterlich und freundschaftlich zugleich. Legolas schaute sich erstaunt im kostbaren Raum um. Elrond lächelte über sein Staunen: „Ihr könnt euch ruhig mal umsehen, Prinz. Ich habe mit Eurem geschäftliche Dinge zu besprechen, die Euch nicht interessieren werden. Ihr seid übrigens eingeladen zu dem Festessen mit Gildors Sippe, die ich heute Abend erwarte.“ Legolas deutete dankend eine Verneigung an und verliess den Raum. Elrond lächelte wieder: „Du hast einen guten Jungen, Thranduil. Wir werden schauen wie sich die Dinge zwischen ihm und Arwen entwickeln.“ Thranduil nickte nachdenklich.Legolas hastete mit gesenktem Kopf Richtung Garten, als er plötzlich mit Arwen zusammenstieß. Er stammelte unbeholfen: „Oh…entschuldigt bitte…äh…Seid gegrüßt! Es freut mich, Euch zu sehen!“ Arwen blieb kühl. „Ebenfalls. Lasst uns in den Garten gehen. Ich habe etwas mit ihnen zu besprechen.“ Legolas war zuerst etwas verblüfft, fasste sich jedoch wieder und ging neben der schönen Elbe her. Was wollte diese hohe Frau von ihm? Ihr Gesichtsausdruck war seltsam ernst. Arwen führte ihn in einen kleinen Pavillon und liess sich auf einem Steinbänkchen nieder. Sie bedeutete Legolas sich neben ihn zu setzen.Sie holte tief Luft und begann schliesslich: „ Du weißt vielleicht, was unsere Väter mit uns planen.“ Legolas nickte. Das hatte er ja beinahe vergessen. Er sollte eine Frau erhalten, und da schien seinem Vater Elronds Tochter die Richtige. Legolas kannte sie jedoch nicht.Arwen fuhr fort: „Ich weiss nicht ob das die richtige Lösung für mich ist. Ich weiss nicht…ich kann nicht von hier fort. Ich liebe Bruchtal. All meine Freunde sind hier. Ich weiss nicht, wie ich das meinem Vater beibringen soll. Und ich kenne Euch nicht.“ Legolas entgegnete lächelnd: „Dafür bin ich hier. Um Euch kennen zu lernen.“ Arwen schaute ihm in die Augen. Es lag etwas Mitleidiges in ihrem Blick. Legolas hatte plötzlich das Gefühl, in ihrer Gegenwart erdrückt zu werden. Schnell stand er auf und verabschiedete sich von der schönen Frau. Sie wollte ihn zurückhalten, doch er war schon im grossen Garten verschwunden. Hatte sie ihn verletzt? Sie konnte es sich nicht erklären, warum er plötzlich gegangen war.Auch Legolas konnte dies nicht. Er ging aus dem garten und eilte zu einer Stelle, wo man bequem die Bruinen erreichen konnte. Dort angekommen liess er sich nieder und spritzte sich mit den Händen Wasser ins Gesicht. Er schüttelte seine langen Haare und ging zu einer kleinen Wiese. Er fühlte sich mit einem mal sehr müde. Die Reise hatte ihn mehr angestrengt als er dachte. Er legte sich hin und fiel in den Dämmerschaf, der den Elben eigen ist.
Legolas erwachte plötzlich. Schritte hatten ihn geweckt. Er warf einen kurzen Blick gen Himmel, bevor er sich erhob. Es begann bereits zu dämmern. Auf dem schmalen Pfad zum Fluss kam ihm eine zierliche Elbe entgegen. Sie trug ein pastellgrünes Kleid, welches im Gegensatz zu ihren dunklen, rötlichen Haaren stand. Legolas war sofort fasziniert von ihr. In Sachen Schönheit konnte sie es niemals mit Arwen aufnehmen, doch sie strahlte eine friedliche Ruhe aus, die den Elbenprinzen sofort anzog. Ehe er es sich versah, stand sie vor ihm. Sie lächelte und sagte: „Hallo. Wir suchten dich schon überall. Das Festessen hat schon begonnen. Mein Vater Gildor ist schon angekommen.“ Er nickte und lächelte zurück.Sie gingen zusammen zu Elronds Haus. Dabei erfuhr Legolas, dass Gildors Tochter Vinvierwen hiess. Der Tisch war in dem grossen Festsaal schon gedeckt. Sämtliche Elbenfürsten Bruchtals, das gesamte Gefolge von Thranduil, die Sippe Gildors, sowie Elronds Familie waren eingeladen. Viele Plätze waren noch leer; die weniger hohen Elben waren ausgeschickt worden, Legolas zu suchen. Am Kopfende des langen Tisches sass Elrond auf einem prächtigen Stuhl. Neben ihm hatte sich seine Tochter niedergelassen, welche Legolas mit kritischen Blicken bedachte. Auch Thranduil, Gildor und die beiden Söhne Elronds, Elladan und Elrohir waren noch anwesend.
Legolas setzte sich schnell neben seinen Vater, er wollte kein allzu großes Aufsehen erregen, was ihm aber nicht gelang, denn die meisten Insassen des Saals schauten ihn teils erstaunt, teils schmunzelnd an. Sein Vater raunte ihm zu: „ Wo bist du gewesen? Wir haben lange nach dir gesucht!“ „Beim Fluss. Ich war sehr müde.“ antwortete Legolas einsilbig. Seine Gedanken waren immer noch bei Vinvierwen, die sich inzwischen neben ihren Vater gesetzt hatte. Sie schenkte ihm einen kurzen Blick aus ihren stechend grünen Augen und senkte dann den Kopf.
Legolas konnte es kaum erwarten, bis das Festmahl endlich fertig war. Ohne es sich einzugestehen, hatte er immer an sie gedacht. Als er es sich erlauben konnte, den Raum zu verlassen, ging er in den Garten, in der Hoffnung, Vinvierwen zu treffen. Sie hatte beim Mahl ebenfalls nicht sehr interessiert ausgesehen; und den Raum frühzeitig verlassen. Er wagte es nicht, sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, es wäre zu auffällig gewesen. Er war noch ganz in Gedanken versunken, als es hinter sich die gleichen, sanften Schritte vernahm, die ihn am frühen Abend geweckt hatten. Er drehte sich um und sah Vinvierwen vor sich. Sie lächelte. Er nahm sie am Arm und so spazierten sie schweigend in Elronds Garten. So fanden sie sich nach einer Weile vor dem Pavillon, in welchem Legolas mit Arwen gesprochen hatte. Legolas ergriff endlich das Wort: „Lasst uns hineingehen.“ Vinvierwen nickte. Sie setzten sich und begannen endlich zu plaudern.„Ihr seid Legolas, der Prinz vom Düsterwald, nicht war?“, begann Vinvierwen etwas unbeholfen. Legolas nickte.„Ich freue mich, Euch kennen zu lernen.“„Ganz meinerseits.“Legolas lächelte. Sollte er ihr eingestehen, dass er von Anfang an von ihr fasziniert gewesen war? Nein, sagte er sich, es ist zu früh.„Ich habe gehört, Ihr sollt bald den Bund mit Arwen eingehen?“Jetzt musste Legolas wirklich lachen.„Nein soweit ist es noch nicht. Es wurde in Erwägung gezogen, aber ich kenne sie kaum. Und ich glaube sie will mich nicht, nach unserem Gespräch heute Nachmittag zu urteilen.“Legolas war selbst erstaunt über seine Offenheit. Vinvierwen wurde verlegen. Der Elbenprinz hatte sie ebenfalls beeindruckt, seit sie ihn gesehen hatte. Man hatte ihr gesagt, dass er hübsch war, doch sie war dennoch überrascht von seiner Eleganz und Schönheit.So plauderten sie noch eine Weile. Später fuhr Vinvierwen erschrocken in die Höhe.
„Ich sollte längst in meinem Gemach sein! Mein Vater wird sich sorgen!“ Legolas stand auf und seufzte: „Na, dann muss ich Euch wohl gehen lassen. Es war schön, mit Euch zu reden.“ Sie nickte und wollte gehen, doch Legolas hielt sie zurück. „Wartet!“ Sie drehte sich um und sah ihn auf sich zukommen. Er umarmte sie und hielt sie fest an sich gepresst. Vinvierwen wehrte sich nicht; sie fühlte sich sehr geborgen. Legolas zog ihr Gesicht an seines und berührte sachte ihre Lippen. Sie erwiderte seinen Kuss und hatte das Gefühl, dass ihr niemand mehr etwas antun könnte. Sie küssten sich nicht sehr lang aber zärtlich, doch schliesslich ging Vinvierwen davon und Legolas blieb im Pavillon zurück, irritiert von seinen Gefühlen.Legolas legte sich verwirrt auf sein Bett. Zum Glück war ihm auf dem Weg in sein Schlafgemach niemand begegnet, er hätte mit niemandem sprechen können. Er starrte an die mit Schnörkeln verzierte Decke des Raumes und wusste nicht was er denken sollte. In seinem ganzen langen Leben war ihm das noch nie passiert. Eine wohlige Wärme erfüllte ihn wenn er an Vinvierwen dachte. Was sollte er seinem Vater sagen? Vorerst nichts, sagte er sich. Und Arwen würde es auch nicht stören, nahm er an. Meister Elrond würde es verstehen, doch wahrscheinlich war er enttäuscht, wenn seine Tochter leer ausging.
Schliesslich kam Legolas aber doch zur Ruhe, mit Vinvierwens Bild in seinem Kopf.
Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück, traf Legolas Elrohir, den Sohn Elronds.
„Seid gegrüßt, Legolas! Mein Vater beauftragte mich, Euch zu fragen, ob Ihr mit mir einen Ausritt in die Umgebung um Bruchtal machen wollt. Ihr seht etwas niedergeschlagen aus, meinte er.“, sagte Elrohir.Legolas nickte: „Sehr gerne.“Er mochte den Sohn Elronds. Sie hatten sich schon ein paar Mal gesehen. Elrohir war so ganz anders als sein draufgängerischer Bruder Elladan, der momentan in Gondor weilte. Er war ein ruhiger und aufrichtiger Elb, der jedoch ein sehr mutiger und tapferer Kämpfer sein konnte.So ritten sie los. Elrohir war nicht sehr gesprächig, was Legolas heute gerade recht kam. Sie galoppierten über die Wiesen und Legolas hatte so genug Zeit über den vergangenen Abend nachzudenken. Er hoffte Vinvierwen heute Abend wieder zu sehen. Beim Frühstück war sie wie Gildor nicht anwesend gewesen. Er wollte sie treffen um mit ihr zu sprechen. Er konnte es kaum erwarten, ihre sanfte Stimme wiederzuhören.
Elrohir hielt sein Pferd plötzlich an.
„Was ist denn das?!“ fragte er leise. Er sah angestrengt zu Boden und schwang sich vom Pferd. Legolas hatte das glitzernde Ding am Boden ebenfalls bemerkt. Elrohir hob es auf.„Na so was! Ein Amulett!“Es war in der Tat ein kleiner, silberfarbener Anhänger, das an einem gleichfarbigen Kettchen hing, welches an einer Stelle durchtrennt war. Bei genaurem Hinsehen, entpuppte sich das Metall als Mithril. Das Amulett hatte die Form eines Rechtecks, das an den kurzen Seiten zugespitzt war. Am oberen Ende befand sich ein kleiner, feuerroter Stein, und gleich darunter eine größere, schwarze Elbenrune, die weder Elrohir noch Legolas kannte. Das Kettchen war sehr dünn, aber doch sehr stark. Es musste sehr starker Kräfte bedurft haben, es zu durchtrennen.Legolas ergriff als erster das Wort.
„Das Amulett ist wunderschön. Wem es wohl gehört?“Er hielt es in seiner Hand. Der Anhänger war klein, doch er strahlte richtiggehend. Legolas dachte sich das Amulett an den Hals von Vinvierwen. Es würde ihr sehr gut stehen.„Wir sollten es wohl mitnehmen, falls es jemanden aus Bruchtal gehört.“, meinte Elrohir. Legolas musste ihm Recht geben. Natürlich, man konnte es nicht einfach so behalten. Die Sonne streifte den roten Stein, dieser strahlte sogleich auf. Die Schönheit des Medaillons ist schon fast unheimlich, dachte Legolas.Ganz Bruchtal einschliesslich alle Gäste wurde befragt, doch niemandem kam das Amulett auch nur bekannt vor. Da Elrohir den Anhänger nicht unbedingt brauchte, nahm ihn Legolas. Für Vinvierwen, dachte er.
Gleich an diesem Abend wollte er sich mit ihr treffen. Diesmal arrangierte er es so, dass er neben ihr sitzen konnte. Vinvierwen war das nicht unrecht. Sie hatte am vorigen Abend ihr Gemach ebenfalls mit dem wohligen Gefühl erreicht, und sie freute sich, den Elbenprinzen wieder zu sehen.
Während des Essens fragte Legolas sie leise, ob sie nach der Mahlzeit Lust auf einen Spaziergang hätte. Sie nickte selig.
So verliessen den Saal beide etwas frühzeitig, jedoch nicht unmittelbar zusammen, und trafen sich im Pavillon des Gartens.
Legolas hielt das Amulett in der Faust, so das Vinvierwen es nicht sofort erkennen konnte. Vinvierwen war bester Laune.
„Kommt mit! Ich kenne einen schönen Platz, wo wir ungestört reden können.“ Sagte sie beinahe etwas übermütig. Vinvierwen führte ihn an den Platz, wo sie sich zum ersten Mal gesehen hatten. Der kleine strand am Bruinenufer. Die Dämmerung brachte das gurgelnde Wasser zum Glitzern.Legolas stellte sich vor die Tochter Gildors und drückte ihr das Amulett in die Hände. Sie stiess einen kleinen Aufschrei aus.
„Das ist doch das Medaillon, das Ihr gefunden habt! Vielen Dank! Es ist wunderschön!“„Es freut mich, dass es Euch gefällt. Es wird Euch stehen!“ Legolas hängte Vinvierwen das Amulett um; das Kettchen war inzwischen wieder geflickt. Es glitzerte verführerisch um den zierlichen Hals von Vinvierwen. Legolas küsste sie. Sie schmiegte sich an ihn.Als man Vinvierwen am nächsten Tag mit der Kette sah, war klar was es geschlagen hatte. Arwen sprach Legolas nur kurz an.
„Vielen Dank.“, sagte sie als erstes.„Gern geschehen.“ antwortete Legolas grinsend. Arwen grinste ebenfalls. Da musste Legolas plötzlich laut loslachen. Es war eine Ewigkeit vergangen, seit er so schelmisch gegrinst hatte. Und nun stand er da, mit Arwen, beide über zweitausendjährige Elben, und grinsten sich an wie zwei Hobbitkinder. Wenn das mal nicht lächerlich war! Er war glücklicher als er es je gewesen war, in seinem langen Leben.

 

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