Kapitel 5

Ihr Liebstes verloren

Legolas blieb lange in Bruchtal. Einerseits wegen seinem Vater, der eine Auszeit brauchte, andererseits wegen Vinvierwen. Diese war auch der Grund, weshalb er eines Abends zu seinem Vater gerufen wurde.
„Was ist mit der Tochter Gildors und dir?“, fragte er mit ernster Miene.Legolas antwortete vorsichtig:
„Wir mögen uns.“„Nimm dich in Acht. Gildor hat irgendetwas gegen eine Bindung zwischen euch.“Thranduil sah seinen Sohn warnend an und als dieser nichts sagte, fuhr er fort:„Gildor hat sich nicht direkt geäußert, aber ich denke, dass er Vinvierwen jemand anderem vorbehalten will.“Legolas stöhnte auf.„ Nein Vater! Sag mir, dass das nicht stimmt.“„Es stimmt.“Thranduils Augen verengten sich zu Schlitzen.„Legolas, ich warne dich. Es wäre vielleicht das Beste, wenn du nach Hause gehen würdest. Wenn du dir diese Vinvierwen aus dem Kopf schlagen würdest.“„Nein! Ich werde hier bleiben!“„Tu was du willst. Aber halte dich von dieser Vinvierwen fern.“Legolas lief trotzig hinaus, an den kleinen Strand, wo er Vinvierwen zum ersten Mal getroffen hatte. Zu seinem Erstaunen war auch Vinvierwen dort.Sie stand mit dem Rücken zu ihm, auf das gurgelnde Wasser der Bruinen schauend. Er ging von hinten an sie heran und umschlang sie mit seinen kräftigen Armen. Vinvierwen lehnte sich seufzend an ihn. Sie hätte stundenlang mit ihm dastehen und den Sonnenuntergang genießen können. Legolas dachte über die Worte seines Vaters nach. Er wollte Vinvierwen nichts sagen. Sie wusste bestimmt nichts, sonst hätte sie bestimmt nicht so glücklich gewirkt. Lange nachdem das letzte Licht erloschen war, ergriff Vinvierwen das Wort.
„Legolas, ich spüre, das du nachdenklich bist. Was bedrückt dich?“Legolas wollte Vinvierwen nicht anlügen, aber er wollte ihr auch die Wahrheit nicht mitteilen. So sagte er nur:„Nicht jetzt an diesem Ort.“Vinvierwen gab sich zufrieden. Legolas wollte sie aufmuntern, wollte die Zukunft vergessen. Er kam auf eine verrückte Idee:„Lass uns baden!“, rief er beinahe übermütig.Vinvierwen schaute ihn verdutzt an.
„Baden…aber…“„Die Bruinen bildet hier ein ruhiges, tiefes Becken, und das Wasser und die Luft sind warm.“„Aber wenn uns jemand sieht?“„Es ist zu dunkel.“„Deine blonden Haare…“„Willst du nicht?“„Doch. Also gut.“Wenig später planschten sie munter in der Bruinen. Sie schwammen und tauchten in dem klaren Wasser. Es war für beide der schönste Abend seit langem. Doch nach einer Weile begann Vinvierwen zu bibbern.„Ich glaube, meine Lippen sind ganz blau!“„Lass mal sehen.“Legolas zog sie an sich und berührte ihren Mund mit seinen Lippen.„Fühlt sich wirklich sehr kalt an. Gehen wir an Land.“Sie stiegen aus dem Wasser, zogen sich ihre Umhänge über die Schultern, und legten sich ins kühle Gras. Legolas stützte sich auf den Ellbogen und betrachtete Vinvierwen ihm Mondschein. Die Haut ihrer Arme wirkte Elfenbeinweiß. Das Amulett um ihren Hals glitzerte verführerisch. Ihr nasses, sonst rotes Haar war beinahe schwarz. Ihre Schönheit wurde ihm bewusster denn je, und so kam er nicht umhin, sie leidenschaftlich zu küssen.Am nächsten Morgen rief Gildor seine Tochter zu sich. Vinvierwen spürte, dass es eine ernste Angelegenheit war, die er mit ihr zu besprechen hatte. So war es denn auch.
„Vinvierwen, ich habe Nachricht vom Sohn Galadriels erhalten. Er kommt voraussichtlich in einem halben Jahr nach Bruchtal. Wir werden bis dann hier bleiben.“Eine schreckliche Vermutung stieg in Vinvierwen auf. Doch sie wollte es nicht wahrhaben und fragte deshalb so unschuldig wie möglich:„Was meinst du damit?“„Ich habe schon seit längerer Zeit Kontakt mit ihm. Und er will dich wahrscheinlich zur Frau. Ich sage dies erst jetzt, da noch so vieles Ungewiss war. Galadhion brennt darauf, dich zu sehen.“Vinvierwen war außer Stande, ein Wort über die Lippen zu bringen. Sie sank auf den nächsten Stuhl. Warum musste sie dies heute erfahren? Sie wollte nur Legolas. Sie wollte, dass er sie in die Arme nahm und sie tröstete. Was war wenn sie…? Nein, daran wagte sie gar nicht erst zu denken. Ihr war klar, dass das, was gestern geschah, niemals hätte passieren dürfen. Sie war verzweifelt.Gildor legte einen Arm um sie.
„Meinst du, ich hätte nicht mitbekommen, dass du Legolas magst? Ich weiß es! Versuche von ihm wegzukommen. Du wirst niemals in einem Wald leben können. Es würde schief gehen. Mit Galadhion wirst du hier wohnen können, wo es dir gefällt.“Vinvierwen war unfähig, sich zu rühren. Sie würde sogar in Mordor wohnen, wenn Legolas da war!Beim Abendessen verkündete Gildor die Nachricht. Nachdem sie gespeist hatten, stand er auf, und sprach mit feierlicher Stimme:
„Geehrte Genossen, ich habe eine Botschaft zu verkünden, die wohl für einige etwas plötzlich kommt.“Er warf einen Blick auf Legolas.„Ich freue mich sosehr darüber, dass es mir beliebt, Euch dies schon so frühzeitig mitzuteilen. Meine Tochter Vinvierwen wird den Sohn der Galadriel, Galadhion, zum Mann nehmen. Und zwar in Exakt einem halben Jahr!“Tosender Applaus ertönte. Einige standen auf und gratulierten Vinvierwen, denn Galadhion war ein guter Zug; sie würde in die angesehene Familie Galadriels einheiraten. Vinvierwen lächelte gequält. Sie hätte am liebsten geweint, doch das konnte sie sich nicht erlauben.Legolas war wie gelähmt. Nachdem er eine Weile schweigend dagesessen hatte, stand er auf und ging in sein Schlafgemach. Dort warf er sich über das Bett. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur ein Wort pochte in seinem Kopf: Vinvierwen…Vinvierwen…Legolas beschloss noch drei Monate bei Vinvierwen zu bleiben. Allen Warnungen seines Vaters entgegen, der es mittlerweile aufgegeben hatte, auf seinen Sohn einzureden, da dieser sich taub stellte. So verging Woche um Woche. Vinvierwen und Legolas trafen sich jeden Abend an ihrem kleinen Sandsträndchen an der Bruinen. Eines Tages jedoch traf anstelle der Vinvierwen Arwen ein. Legolas war besorgt.„Wo ist Vinvierwen?“, fragte er sofort.Arwen machte ein ernstes Gesicht.
„Ihr geht es nicht gut. Mein Vater untersucht sie, und schickte mich, Euch zu finden.“Sie bedeutete ihm, ihr zu folgen. So hasteten sie in Vinvierwens Zimmer. Davor trafen sie Elrond. Legolas blieb bei ihm stehen.„Wisst Ihr, Meister, was mit Vinvierwen los ist? Ist es schlimm?“Elrond schaute Legolas mit einem seltsamen Ausdruck in seinen tiefen Augen an.„Ob es schlimm ist, müsst Ihr wohl selbst beurteilen.“Damit liess er den verdutzten Elbenprinzen stehen.Legolas eilte in das Zimmer. Vinvierwen saß halb aufrecht im Bett. Ihr Gesicht war fahl, aber ihre grünen Augen leuchteten. Er setzte sich auf die Bettkante und nahm ihre Hand. Vinvierwen setzte zu sprechen an.
„Legolas…wenn alles gut kommt…wirst du in etwas mehr…als einem halben Jahr…einen Sohn oder eine Tochter haben.“Legolas umarmte Vinvierwen zuerst einmal. Er hatte es geahnt, doch er wollte es nie wahrhaben. Jetzt war es doch passiert. Jener wunderbare Abend vor zwei Monaten…es hätte nie passieren dürfen. Sein Vater würde ihn womöglich verbannen. Und Gildor würde toben. Vinvierwen weinte in seinen Armen. Sie stotterte Worte, die Legolas nicht verstand. Er strich über ihren Rücken und beruhigte sie. Schliesslich waren ihr die Tränen versiegt, und sie sagte zitternd:„Ich weiss nicht, wie ich es Vater beibringen soll…Er wird mich…“Eine harte Stimme schnitt ihr das Wort ab.„…nicht verbannen. Er wird lediglich dafür sorgen, dass dieses Kind und dieser Elb aus deinem Leben verschwinden.“Gildor stand in der Tür. Sein dunkles Haar flatterte beinahe bedrohlich um seine Schultern. Legolas erstarrte unter dem eisigen Blick Gildors.„Legolas, Euer Vater ruft Euch. Wir haben die Nachricht eben von Elrond erhalten.“Legolas drückte Vinvierwen einen Kuss auf die Stirne und eilte aus dem Zimmer.Sobald er die Türe geschlossen hatte, begann Gildor.
„Meine Tochter! Du wusstest es! Du hast gewusst, dass Galadhion Interesse für dich bekundet. Und du wirfst dich diesem Legolas an den Hals!“Jegliche guten Umgangsformen waren verschwunden. Gildor war so wütend, dass er herumzeterte wie ein Diener des Feindes.„Ich habe mich nicht an seinen Hals geworfen! Und er hat mich auch nicht im Geringsten verführt, wenn du das meinst! Wir lieben uns! Mehr als ihr je geglaubt habt!“„Du wirst Galadhion heiraten! Du wirst Legolas nie mehr sehen. Dieses Kind werden wir weggeben!“Vinvierwen brach schluchzend zusammen. Da entdeckte Gildor das Amulett von Legolas. Er riss es von ihrem Hals; der notdürftige Verschluss sprang auf. Er warf es verächtlich aus dem Fenster.Legolas erging es ähnlich. Als er in das Gemach seines Vaters eintraf, fand er diesen wütender als wütend vor. Thranduil stützte seine Hände auf den grossen Tisch. Die Knöchel seiner Finger traten weiss hervor. Als die Türe ins Schloss fiel hob er langsam den Kopf und sagte heiser:
„Legolas, du hast unsere Ehre zunichte gemacht, wenn diese Affäre jemals ans Licht kommt. Dieses Kind kommt weg! Und wir werden noch heute abreisen. Du wirst diese Vinvierwen nicht mehr zu Gesicht kriegen.“Thranduil erhob sich und lief langsam um Legolas herum, wie ein Raubtier seine Beute umkreist.Thranduil und sein Sohn reisten am nächsten Morgen ab. Als Legolas sein Pferd besteigen wollte, kam ihm Elrohir entgegengeeilt. In der Hand hielt er das Amulett.
„Ich habe es gefunden, es lag bei Euerm Strändchen. Wollt Ihr es wiederhaben?“ Legolas schüttelte stumm den Kopf.„Nehmt es. Ich will nichts, das mich an Vinvierwen erinnert.“Von da an trug es Elrohir jeden Tag, und er legte es nie ab.Nachdem Vinvierwen ihre Tochter kurz in den Armen gehalten hatte, übergab sie sie schweren Herzens Elrond. Sie weinte und hielt das Bündel hoch, doch bevor sie es in die Hände anderer übergab, sagte sie unter Schluchzen:
„Sie soll…Dóraviel heißen!“ 
Legolas seufzte. Dóraviel an seiner Schulter hatte die Augen geschlossen, doch sie schlief nicht.
„Das ist die wahre Geschichte. Vinvierwen und ich haben uns nie gestritten. Ich weiß nicht wo sie ist, doch ich vermute, dass sie in Westernis weilt.“Dóraviel nickte stumm. Legolas hatte den Arm um sie gelegt und wiegte sie wie ein kleines Kind in den Schlaf.

 

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