Kapitel 6

Die Haradrim

Elrohir kniff die Augen zusammen. War das wirklich ein Schiff, das dort am fernen Horizont auf ihn zuschwamm? Schon zwei Tage lang trieb er auf dem unendlichen Ozean. Ein Mensch hätte schon längst aufgegeben, wäre verdurstet oder ertrunken. Elrohir war zäh, doch nun war auch er mit seinen Kräften am Ende. Er raffte sich auf und schwamm mit letzten Kräften auf das Schiff zu. Nach einer Weile bemerkte er dass es ein Schiff der Menschen von Harad war. Doch die Flagge zeigte nicht mehr eine rote Schlange auf weißem Grund, sondern einen gelben Elefanten auf blauem Grund. Über dem Elefanten schwebte ein kleines silbernes Sternchen, das Zeichen für ihr Bündnis mit Gondor. Doch das Schiff war nach der Bauart eindeutig eins der Haradrim. Obwohl sie Frieden mit Gondor geschlossen hatten, mochte Elrohir diese Leute nicht. Ihre Grausamkeit im Ringkrieg hatte er nicht vergessen. Seufzend beschloss er, doch um Hilfe zu bitten. Er hatte schliesslich keine andere Möglichkeit, denn lange liess es sich in diesem endlosen Wasser nicht aushalten.
Das Schiff kam näher. Mit letzter Anstrengung hielt Elrohir den rechten Arm in die Luft.
Nach einer kleinen Ewigkeit war das Schiff endlich neben dem Elben. Schwarze Arme hoben ihn hoch, legten ihn unsanft auf die Planken. Ein älterer Mann mit der Hautfarbe von Ebenholz beugte sich über ihn.
"Wer bist du?", fragte er barsch, mit einem leichten Akzent in seinem doch ziemlich korrekten Westron.
Elrohir hustete erst mal. Schliesslich sagte er heiser und langsam:
"Elrohir…"Der Schwarze zog die linke Augenbraue hoch.
"Kommt mir bekannt vor…"Elrohir hatte sich nun soweit im Griff, dass er sich etwas aufrichten konnte. Sein Versand funktionierte nach einem kleinen Aussetzer ebenfalls wieder blendend.
"Sag mir, wer ihr seid, und wohin ihr fährt, so sag ich dir, wer ich bin."
"Wir sind auf dem Weg nach Gondor. Wir sind die Haradrim aus Nah-Harad und wollen mit dem König ein Abkommen über Südgondor treffen. Reicht das?"
"Ja. Ich bin Elrohir, Elronds Sohn, Bruder Elladans und der Königin von Gondor."
Er wunderte sich selbst darüber, welch lange Liste er nach dem Krieg seinem Namen anhängen konnte.
Der schwarze Mann zog die Augenbraue noch etwas weiter rauf. Er murmelte etwas, dann liess er sie wieder sinken.
"Soso. Und wohin führt dein Weg?"
"Ich war auf einem Schiff, das mich ins Reich der Elben im Westen bringen sollte. Doch bei einem Sturm ging ich über Bord. Kannst du mich nach Gondor mitnehmen?"
Der Mensch zögerte ein wenig, doch dann sagte er unwillig:
"Gut."
Elrohir war erschöpft. Er legte sich wieder hin. Dabei fiel ihm das Amulett, das er einst von Legolas bekommen hatte, aus dem Ausschnitt. Die Haradrim murmelten plötzlich aufgeregt, der Schwarze, der vorhin mit ihm gesprochen hatte, liess sich auf die Knie nieder und betrachtete das Amulett mit Ehrfurcht. Sein Gesicht sagte mehr als tausend Worte, so sagte Elrohir etwas überrascht:
"Ich habe das in der Nähe von Bruchtal gefunden. Da niemand es wollte, hab ich es behalten…es sollte eigentlich ein Verlobungsgeschenk werden."Er betrachtete es. Das Mithril glänzte silbern, der rote Stein funkelte wie Feuer. Der Haradrim erhob sich abrupt, und befahl einigen Seeleuten, Elrohir in eine Kammer zu führen.
Elrohir wurde in einer Segeltuchkammer untergebracht. Er war allein und sehr müde. Aus Tüchern machte er sich ein Lager zurecht und fiel in einen Dämmerschlaf.
Mondlicht überflutete das Deck. Eine schlanke Gestalt huschte von Schatten zu Schatten, ohne gesehen zu werden. Langsam näherte sie sich der Segelkammer. Die Gestalt wand den Kopf nach allen Seiten, um sicherzugehen, dass sie nicht gesehen wurde. alles war ruhig. Dann stiess sie langsam die kleine Türe auf, huschte in die Kammer und schloss die Türe behutsam. Plötzlich spürte sie etwas Kaltes an der Kehle. Stahl!
"Überrascht? Solltest du nicht sein."
Die Stimme zischte bedrohlich und überhaupt nicht furchtsam. Elrohir hatte den Eindringling natürlich gehört, war blitzschnell aufgesprungen und hielt der zitternden Gestalt nun sein Messer, das er immer am Oberschenkel trug, an die Kehle. Eine zitternde, jungenhafte Stimme ertönte.
"In einer Ecke ist eine Öllampe!"
Elrohir hatte diese die ganze Zeit in der Hand gehalten und hielt sie nun hoch.
"Das weiss ich selbst.", zischte er.
Die Lampe flackerte etwas. Elrohir drehte das Licht etwas auf. Und musterte die Gestalt vor ihm mit einem kritischen Blick. Nichts erinnerte mehr an den ruhigen, zärtlichen Elben, den Dóraviel kannte, nun war er in einem Zustand, indem er sehr gefährlich war.
Er erkannte nun, dass es sich um einen Haradrimjungen von etwa sechzehn Menschenjahren handelte. Er wirkte zutiefst geschockt, seine jugendlichen, feinen Züge waren von Furcht entstellt. Elrohir liess das lange Messer langsam sinken.
"Was willst du? Man begibt sich nicht aus Spaß in Lebensgefahr", flüsterte er barsch.
Die Augen des Jungen weiteten sich.
"Le- Lebensgefahr?", stotterte er.
Elrohir setzte sich und bedeutete dem andern, dasselbe zu tun. Er seufzte. Dieser Junge hatte offensichtlich keine Ahnung. Also sagte er etwas versöhnlicher:
"Entschuldige. Aber wenn ich mich bedroht fühle, dann, na ja, ist niemand sicher. Und das ist wohl auch bei allen andern meiner Art so."
"Das habe ich nicht gedacht. Ich… kenne keinen Menschen, der so schnell reagiert! Weißt du, ich kenne die Welt nicht. Das ist meine erste Fahrt als Schiffsjunge"Elrohir musste lachen. Es war ihm noch nie jemand begegnet, der nichts von Elben wusste.
"Aber ich kenne die Welt. Ich bin auch ein Stückchen älter als du, nämlich mindestens 2500 Menschenjahre."
Der Junge lächelte verständnislos.
"Das ist ein Witz, oder?"
"Keineswegs. Ich bin am Anfang des dritten Zeitalters geboren. Und ich werde wohl noch ein Stückchen weiterleben, denn ich bin unsterblich."
Sein Gegenüber klappte die Kinnlade hinunter. Elrohir schmunzelte. Er fuhr fort:
"Und nun schau dir mal meine Ohren an."
Er strich seine geschmeidigen, dunklen Haare nach hinten, sodass sein zugespitztes Ohr sichtbar wurde. Er beugte sich etwas vor, damit der andere besser sehen konnte. Der Junge schloss seinen Mund wieder und strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über die Spitze des Ohres.
"Was bist du?", fragte er leise.
"Ein Elb."
"Diese Wesen aus unseren Sagen? Aber ich glaubte, dass solche Sachen nur noch die Ammen den kleinen Kindern erzählen! Unendlich weise, sanft und irgendwie auch gebrechlich sollen sie sein…Heisst es bei uns.""Weise sind viele von uns. Sanft können wir auch sein…" – Elrohirs Gedanken wanderten zu Dóraviel, und er seufzte – "doch mit dem gebrechlich liegst du falsch. Ein Elb, der sich bedroht fühlt, ist gefährlicher als ein Tier in diesem Zustand. Und einen Elben kriegst du auch nicht so leicht unter."Der Junge schwieg.
"Was wolltest du eigentlich?"
"Äh…Ich war neugierig. Ich wollte Euch kennen lernen. Und das hab ich jetzt. Danke."Er stand auf und schickte sich an, zu gehen. Elrohir hielt ihn an seinem schäbigen Umhang fest.
"Warte! Ich habe auch noch ein paar Fragen! Erstens: Wie ist dein Name?"
"Silma."
"Sind alle Haradrim so ungebildet wie du?"
"Auf diesem Schiff…ich glaube schon."¨"Kannst du mir das Verhalten der andern erklären, als sie dieses Amulett sahen?"
Elrohir nestelte den Anhänger aus seinem Ausschnitt und hielt ihn hoch.
Der Junge zögerte.
"Ich…nein. Aber … nein."Elrohir hörte nicht mehr auf die Antwort von ihm. Er umschloss den Anhänger mit seinen Fingern und murmelte leise auf elbisch vor sich hin.
Silma drehte sich nochmals um.
"Was habt Ihr gesagt?"
"Nichts. Geh jetzt."
Silma verliess die Kammer. Elrohir vergrub den Kopf in seinen Armen. Erst jetzt wurde ihm seine aussichtslose Lage bewusst. Er war allein auf dem Schiff der Haradrim, denen er einfach nicht trauen wollte. Ausserdem vermisste er Dóraviel und auch seinen Bruder Elladan. Was mochte Dóraviel durchmachen? Ob sie den Sturm überlebt hatte? Er vermisste sie so sehr; ihre Stimme, ihre Wärme, wenn sie sich an ihn lehnte. Er vermisste auch seinen Bruder, ohne den er so lange auskommen musste. Doch die Liebe zu Dóraviel hatte gesiegt, und ihn so lange warten lassen. Er legte sich hin, um ein wenig auszuruhen. Dabei bemerkte er nicht, wie seine Wangen von den bitteren Tränen nass wurden.

 

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