Kapitel 7

Ankunft

Die Meervogel steuerte langsam auf einen weissen Strand zu. Hinter dem Strand glänzten grüne Wälder über denen in der Ferne ein silberner Schimmer lag. Dóraviel vergaß bei diesem Anblick sogar ihre Trauer. Auch Legolas war überwältigt. Er beugte sich über die Reling und sog den Duft des reinen Waldes in sich auf. Gimli war weniger begeistert. "Das schöne Wetter behagt mir ja auch, aber gibt es hier denn nur Wald? Wo ich hinschaue – Wald, Wald, Wald und noch mal Wald!"Pippin erwiderte empört:
"Ach, zier dich nicht so! Du wirst schon noch zu deinen Höhlen kommen! Sei froh, dass du als Zwerg wenigstens herkommen konntest! Mir gefällt es jedenfalls."
Merry stimmte ihm zu:
"Das ist wie Auenland, Lothlórien und Fangorn zugleich!", schwärmte er.
Dóraviel sagte nichts, doch dieses Land gefiel ihr so gut wie keines je zuvor.
"Wenn doch nur Elrohir hier wäre", dachte sie wieder bedrückt, "es wäre alles perfekt!"
Als das Schiff ankerte stiegen sie sofort aus. Die Hobbit schwärmten vom weichen Sand unter ihren bloßen Füssen. Daraufhin zogen Legolas und Dóraviel ihre Schuhe aus, und genossen den warmen Sand. Gimli schaute sich kritisch um. So sehr er sich auch freute mit seinen Freunden zusammenzusein und die Herrin des Lichts wieder zu sehen, das Land wollte ihm einfach nicht geheuer sein.
Aus dem Schatten des Waldes trat nun ein dunkelblonder Elb. Er ging auf Legolas zu, und redete leise in der melodiösen Elbensprache auf ihn ein. Dann wandte er sich Richtung Waldrand. Legolas rief den andern zu:
"Kommt! Wir sollten gehen!"
So folgten sie dem Elben in den Wald. Dieser war erfüllt von den zwitschernden Stimmen zahlreicher freundlicher Vögel. Der Waldboden war weich und ohne Unterholz. Dóraviel spürte das taunasse Laub unter ihren Füssen. Es tat gut, nach der langen Zeit auf dem Schiff wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.
Nach einem nicht sehr langen Marsch erreichten sie eine grosse Lichtung, und sahen das unglaublichste, was sie je in ihren teilweise schon recht langen Leben gesehen hatten. Eine gewaltige Stadt stand vor ihnen, größer sogar als Minas Tirith. In der Mitte stand ein riesiger Mallorn, größer noch als der, den sie in Lórien gesehen hatte. Um ihn herum standen weitere Mellyrn und auch Häuser und Hallen, in der Art, wie sie in Bruchtal vorkamen. Nun hielt sogar Gimli den Mund und staunte. Der Elb, der sie begleitet hatte, sagte mit feierlicher Stimme:
"Dies ist Minuial, die Stadt der Morgendämmerung, neu erbaute Stadt der aus dem Exil zurückgekehrten Elben."
Die Hobbits hatten sich aufgemacht, um Frodo und Bilbo zu besuchen, und Gimli erhielt eine persönliche Einladung von Galadriel. So blieb Dóraviel und Legolas Zeit für sich. Legolas schlug vor, nach Vinvierwen zu fragen. Dóraviel nickte. So konnte sie Elrohir vielleicht mal für eine Weile vergessen.
Sie gingen erst mal zum Tor um die Wächter dort zu fragen. Sie schlenderten gemächlich dahin, genossen die Ruhe zwischen den Hallen. Am Tor angekommen, begrüßte ein Wärter mit blonden Haaren Legolas herzlich.
"Wie schön dich wieder mal zu sehen! Du hast es also auch hierher geschafft! Wie geht es dir? Und wer ist denn die reizende Dame neben dir?"
Legolas umarmte den Elben kurz.
"Haldir! Du bist also auch hier. Na, dir wird es ja wohl auch gefallen! Mir geht es ziemlich gut…na ja…eigentlich nicht. Dies neben mir ist meine Tochter Dóraviel. Ihr geht es wohl am Schlechtesten von uns allen.""Du hast eine Tochter? Das habe ich nie gewusst! Aber, sagt, was ist der Grund für eure Traurigkeit?"
"Dóraviels Verlobter…Elrohir, der Sohn Elronds. Er ist bei einem Sturm über Bord gegangen."Alle drei schwiegen betrübt. Schliesslich ergriff Legolas wieder das Wort.
"Wir wüssten gerne, wo das Vinvierwen, die Tochter von Gildor wohnt."
"Die Frau von Galadhion? Tja, da ihr die Stadt nicht kennt, werde ich euch wohl am besten hinführen. Doch was wollt ihr denn von ihr?"
Legolas zögerte etwas, doch dann sagte er:
"Sie ist die Mutter von Dóraviel. Aber bitte behalte es für dich."
Haldir nickte und wandte sich zum gehen. Das wurde ja immer verzwickter. Legolas hat eine Tochter, von der niemand etwas weiss, und die Mutter ist eine verheiratete Frau. Er behielt das Ganze wohl lieber für sich, er wollte ja auch nicht, dass Legolas sein gutes Ansehen verlor.
Nach einer knappen halben Stunde waren sie am Ziel: Ein kleines, offenes Häuschen mit Säulengängen und einem riesigen Garten. Haldir verabschiedete sich.
"Ich werde nun gehen und Elrond Bericht von seinem Sohn erstatten. Lebt wohl!"
Legolas blieb unentschlossen stehen. Dóraviel schaute ihn erwartungsvoll an. Als er ihren Blick auffing, seufzte er und raschelte kurz an dem Vorhang aus Binsen, der als Türe diente. Eine schlanke Elbe mit rötlichem Haar öffnete. Als sie Legolas sah, wurde ihr ohnehin schon blasses Gesicht noch fahler.
"Legolas…", wisperte sie tonlos.Legolas konnte seine Beherrschtheit wahren. Er räusperte sich und sagte dann mit einer doch etwas zitternden Stimme:
"Sei gegrüßt Vinvierwen. Ich komme mit unserer Tochter. Dóraviel hat mich aufgespürt."
Vinvierwen liess sie hinein. Legolas blieb etwas verloren im kleinen Raum mit den grossen offenen Fenstern stehen. Vinvierwen musterte Dóraviel von oben bis unten. Schliesslich nahm sie ihre Tochter in die Arme.
"Bei Varda, dass ich euch wieder sehe! Oh, wie ich euch vermisst habe!"
Sie löste sich von Dóraviel und blickte zu Legolas. Er stand lächelnd da, groß und schön wie immer. Vinvierwen umarmte auch ihn. Er drückte sie an sich und fragte sich, wie er es so lange ohne sie hatte aushalten können. Er vergrub sein Gesicht in ihren Haaren, sog ihren Duft in sich auf, diesen Duft, den er so lange vermisst hatte. Leise flüsterte er in ihre Ohren:
"Ich habe dich so vermisst. Ich werde zugrunde gehen, wenn ich ohne dich weiterleben muss."
Vinvierwen fühlte das Gleiche. Doch sie wusste, sie musste vernünftig sein. Sie war verheiratet, gehörte einem andern. Schweren Herzens stiess sie sich von Legolas Brust weg und sagte deutlich:
"Nein, es geht nicht. Legolas, wir müssen vernünftig sein."
Sie drehte sich um, um zu Dóraviel zu sprechen. Doch diese war weg.
"Wo ist sie nur hin?", ratlos drehte Vinvierwen sich im Kreis.
Legolas beruhigte sie:
"Sie wird wiederkommen. Sie hat im Moment genug Probleme. Elrohir, ihr Verlobter, ging über Bord."
Vinvierwen liess sich tonlos auf die Kissen fallen, die auf einem Tuch am Boden zur Sitzgelegenheit dienten.
"Das…ist schrecklich. Sie wird ihn genauso lieben wie ich di…ich meine, Galadhion!""Du wolltest "dich" sagen", stellte Legolas nüchtern fest.
Vinvierwen schwieg betroffen. Legolas fragte deshalb weiter in diesem nüchternen Ton: "Wie geht es dir?"
"Gut, mein Anvertrauter ist sehr zärtlich; ich liebe ihn. Unser Haus ist schön, wir leben zufrieden."
"Wo ist er denn?"
"Galadhion ist bei seiner Mutter. Sie haben etwas zu besprechen."
Legolas zog Vinvierwen ungeduldig auf die Beine. Er umfasste ihre Oberarme sanft, aber bestimmt.
"Hör mal Vinvierwen, ich kann ihnen deinen Augen sehen, dass du nichts so meinst wie du es sagst. Wir müssen uns doch nichts vormachen. Ich liebe dich wie am ersten Tag, und ich spüre, dass du genau gleich fühlst."
Vinvierwen nickte.
"Legolas…"Sie begann zu weinen. Legolas schlang seine Arme um ihre Taille und küsste sie innig. Vinvierwen erwiderte den Kuss. Sie fühlte sich so geborgen wie am ersten Tag, als er sie in die Arme nahm. Sie legte die Arme um sein Schultern und gab sich ihm hin.
Doch die Harmonie wurde jäh zerstört. Eine scharfe Stimme riss sie aus ihren Träumen.
"Was, bei allen Dienern Morgoths, ist hier los?"
Vinvierwen riss sich jäh los und starrte in das wutentbrannte Angesicht von Galadhion.
Legolas stand starr, doch diesmal gelang es ihm nicht, seine Fassung zu bewahren.

 

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