Kapitel 8

Verrat

Elrohir wurde dieses Schiff langsam unheimlich. Sie waren schon sehr lange unterwegs, und eigentlich sollten sie schon längst in Gondor sein. Auch fuhren sie stetig nach Westen. Als er eines Abends wie so oft auf dem Schiff rastlos umherwanderte, traf er auf den Mann, der ihm schon früher aufgefallen war. Anders als die Haradrim, die ihr haar meist kurz und gekräuselt trugen, hatte er langes, glattes Haar, welches er oft zu einem straffen, glänzenden Knoten am Hinterkopf band. Seine Gesichtszüge waren klar und schmal, seine Augen waren oval und standen leicht schräg, die Nase war geradlinig und nicht sehr breit. Er war gross und feingliedrig, aber doch kräftig. Seine Hautfarbe war so schwarz wie der Nachthimmel. Er hatte etwas ausgesprochen elbisches an sich, das Elrohir beunruhigte. Ihm fiel auch auf, dass dieser geheimnisvolle und stille Mann seine Ohren oft verdeckt hatte.
Langsam ging Elrohir auf den grossen Mann zu, der an der Reling stand, und sich den Abendwind um die Ohren streichen liess. Der seltsame Mann drehte sich schnell um, als er Elrohirs gleitende Schritte hörte. Das Weiss seiner dunklen Augen glänzte in der Nacht. Sein Gesichtsausdruck war angespannt und unfreundlich, das konnte Elrohir trotz der Dunkelheit erkennen. Elrohir deutete ein Lächeln an. Der Gesichtsausdruck des Schwarzen blieb jedoch unverändert. Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Elben und er fragte bestimmt:
"Könnt Ihr mir sagen, was hier vorgeht? Wir fahren stetig nach Westen. Wir hätten längst in Gondor sein sollen."
"Wir fahren nicht nach Gondor." Die Stimme des Schwarzen war wohlklingend, ganz entgegen Elrohirs Erwartungen. Er sprach korrektes Westron, ohne den geringsten Akzent.
"Wohin dann?"
Der Schwarze liess seinen Blick in die Ferne schweifen.
"Noch zwei Tage", sagte er leise.
Elrohir versuchte, das Thema zu wechseln. Aus ihm würde er nichts herausbekommen.
"Wie heisst Ihr?"
"Magroníon."
Er stiess sich von der Reling ab und wandte sich Elrohir zu.
"Hört auf zu schnüffeln. Ihr könnt ohnehin nicht entkommen."
Elrohir wusste nichts zu erwidern. Er war sichtlich verwirrt von den Worten des Fremden. Dieser lächelte biestisch, wusste genau, was in ihm vorging. Langsam wiederholte er die Worte:
"Ja…du kannst ohnehin nicht entkommen…"Elrohirs Hand fuhr zu seinem Oberschenkel. Dieser Magroníon war ihm ganz und gar nicht geheuer. Doch der Schwarze war alles andere als dumm. Er ergriff mit einer raschen Bewegung die Hand des Elben und drückte sie ihm auf den Rücken. Magroníon stiess ein merkwürdiges Schnalzen aus, worauf eine Gestalt heranhuschte. Bei näherem Hinsehen erkannte Elrohir, dass es Silma war. Er liess sich jedoch nicht überraschen. Auf diesem Schiff erschreckte ihn nichts mehr. Irgendetwas war hier auf jeden Fall faul.
Magroníon rief etwas in einer fremden Sprache. Silma verschwand wieder. Dann wandte sich Magroníon Elrohir zu. Von hinten flüsterte er:
"Denk ja nicht, ich sei dir unterlegen, Herr Elb. Was ich bin, fragst du dich? Ich bin ein sogenannter Schattenelb, Aramos in meiner Sprache. Wir heißen so, da wir im Schatten von euch leben! Ihr arroganten Hochelben!"
Seine Stimme klang bedrohlich und triefte vor bissigem Spott. Er schaute Elrohir verächtlich an, und spuckte ihm ins Gesicht. Doch nun konnte sich selbst Elrohir nicht mehr beherrschen. Mit einer blitzschnellen Bewegung ergriff er das lange Messer an seinem Oberschenkel und wirbelte herum. Magroníon war darauf gefasst gewesen, liess den Gegner los und zog ebenfalls sein langes, gebogenes Messer. So standen sie sich gegenüber. Elrohir sagte leise, aber mit klarer Stimme:
"Es ist wohl klar, dass ihr im Schatten von uns lebt, wenn ihr euch uns nicht zu erkennen gebt! Ich hab jedenfalls noch nie etwas von euch gehört! Und ich lebe schon eine ganze Weile!"
Magroníon knirschte durch die Zähne. Offenbar hatte Elrohir einen wunden Punkt getroffen, doch das kümmerte diesen jetzt nicht sehr. Er wartete ab. Magroníon stand leicht gebückt, auf alles bereit. In seinen pechschwarzen Augen flackerte ein roter Schimmer. Urplötzlich ohne jegliche Vorwarnung stiess er nach vorne. Elrohir parierte blitzschnell ab, um gleich danach einen Schritt nach vorne zu machen. Doch der Schattenelb bremste den Hieb ebenso elegant ab, wie zuvor Elrohir. Wieder standen sie sich gegenüber, mit bösem Blick. Magroníon stiess beinahe noch plötzlicher vor, als beim ersten Mal. Er war wirklich ein brillanter Nahkämpfer, das musste man ihm lassen. Doch Elrohir hatte weit mehr Erfahrung. So parierte er den Schlag ein zweites Mal ab, stiess sein langes Messer nach oben. Doch sein Gegner liess sich nicht so leicht austricksen und behielt die Klinge standhaft in der Hand. Schliesslich gab Elrohir dem Druck nach, zog sein Messer weg und wirbelte mit einer blitzschnellen Bewegung herum. Magroníon reagierte schnell, jedoch ein halbe Sekunde zu spät. Elrohir stand hinter ihm, sein Messer an seinem schwarzen Hals. Magroníon rührte sich nicht. Elrohir sagte leise aber bestimmt:
"Ich will dich nicht töten, denn ich bin neugierig. Sagt mir nun bitte, was es mit Euch und diesem ganzen unheimlichen Schiff auf sich hat."
Magroníon antwortete sofort:
"Das wirst du früh genug erfahren."
Elrohir liess den Schwarzen los. In diesem Moment kam Silma wieder. Als er die Szene sah, blieb er erschrocken stehen. Magroníon sagte etwas in der fremden Sprache. Elrohir riskierte einen Blick zur Seite, was ihn teuer zu stehen bekam. Magroníon war mit einer raschen Bewegung an seiner Seite, und zog ihm den Schwertarm auf den Rücken. Elrohir verharrte still. Magroníon lies wieder seine spöttische Stimme hören:
"Umsteigen, bitte!"
Damit zog er ihn fort, stieg hinter Silma in ein kleines Boot, das gewöhnlich wohl die Funktion des Rettungsbootes übernahm. Da das Schiff nicht sehr hoch gebaut war, waren sie schnell auf dem erstaunlich ruhigen Wasser. Magroníon hatte Elrohir noch nicht losgelassen. Silma ruderte wie verrückt und spürte in seinem Rücken die bohrenden Blicke Elrohirs. Dieser jedoch schwieg.
Als sie außer Sichtweite des Schiffes waren, ließ Silma die Ruder los, und holte aus dem Bug des kleinen Bootes ein starkes Seil hervor. Dieses reichte er Magroníon. Magroníon band Elrohir ein Ende des Seiles um den Fußknöchel, das andere an die Ruderbank. So hatte Elrohir zwar Spielraum, ein Entkommen jedoch war unmöglich. Sein Messer hatte der Schattenelbe ihm nämlich auch abgenommen. Magroníon wies ihn barsch an:
"Jetzt wird gerudert! Immer zwei, damit wir schnell vorankommen!"
Die nächsten Tage wurden zur Qual. Elrohir ruderte wie eine Maschine, und wenn er für ein paar Stunden ausruhen konnte, so starrte er mit offenen Augen zu den Sternen, und war so müde, dass sein Schlaf schon fast so tief wie der eines Menschen war.

 

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