Kapitel 9

Schlag

"Wer bist du? Was erlaubst du dir? Weißt du, wer ich bin?"
Galadhion brüllte nicht mehr. Er presste die Worte mühsam hervor. Er war ausser sich. Sein Gesicht war rot angelaufen, so zornig war er noch nie in seinem ganzen langen Leben gewesen. Als Vinvierwen langsam zu Legolas aufschaute erschrak sie. Sein Gesicht war kalkweiß. Sein Mund war nur noch ein schmaler Strich, in den blauen Augen loderte ein kaltes Feuer. Langsam und leise begann er zu sprechen.
"Ich weiss sehr wohl wer du bist, gnädiger Herr."
Bissiger Spott. Seine Stimme wurde bedrohlich lauter.
"Mein Name ist Legolas, Prinz aus dem Düsterwald."
Galadhion und Legolas standen sich gegenüber wie zwei zerstrittene Orks.
"Was erlaubt dir dieses Tun?"
Galadhion klang nicht minder bedrohlich als Legolas. Dieser warf nun den Kopf in den Nacken; sein Haar wehte wie das eines kampeslustigen Hengstes. Er wusste, lange konnte er sich nicht mehr beherrschen. Er warf einen Blick auf Vinvierwen. Sie zitterte.
"Entschuldige, aber es geht nicht mehr", flüsterte er ihr mühsam zu. Da brach der Damm, der all seine Wut und Trauer so lange zurückgehalten hatte. Er brüllte aus Leibeskräften.
"Bei Varda! Weil ich sie liebe! All die Jahre lang! Doch ich bin nicht gut genug für sie! Nein! Warum habt ihr mir das angetan!?"
Aus den nebenstehenden Häusern liefen die Leute zusammen. Sie versammelten sich um die Türe, besorgt rufend, ob alles in Ordnung sei.
Legolas jedoch kümmerte sich um nichts und niemanden mehr. Er stürzte zu Vinvierwen, nahm sie in die Arme und küsste sie so stürmisch, dass ihr die Luft weg blieb. Er kümmerte sich nicht mehr um Galadhion, der wie versteinert dastand, unfähig sich zu rühren. Er konnte sich nichts mehr erklären, verspürte nur noch wahnsinnigen Zorn auf Legolas. Endlich löste Legolas sein Mund von Vinvierwens und flüsterte ihr zärtlich ins Ohr:
"Entschuldige mich bitte. Ich glaube, ich sollte gehen. Wir werden uns wieder sehen."
Er strich ihr kurz über die Haare, dann drängte er sich nach draußen. Die Elben, welche draußen standen, bildeten eine Gasse. Am Ende davon standen Elrond und Gildor, von seinem Geschrei ebenfalls angelockt. Gildor war entrüstet:
"Natürlich! Legolas! Warum musstest du hierher kommen? Warum musst du Vinvierwen wieder unglücklich machen?"
Elrond beschämte das Verhalten von Legolas beinahe. Es wirkte einfach allzu menschlich.
"Was tust du hier Legolas?"
Legolas war nun alles egal. Bissig schleuderte er den beiden hohen Herren ins Gesicht:
"Was ich hier tue? Ich verliere gerade mein Ansehen. Ansonsten frage ich mich, warum ich der Schuldige sein soll. Ihr habt mir das alles angetan. Warum nur? Könnt ihr mir das sagen? Und wann habe ich Vinvierwen je unglücklich gemacht? Fragt sie doch mal selbst!"
Gildor und Elrond blieben ruhig. Wenigstens sie mussten die Ruhe bewahren. So sagte Gildor:
"Warum suchst dir auch die unerreichbarste aller Elbinnen aus? Du verdrehst doch ohnehin der ganzen weiblichen Welt Mittelerdes den Kopf."
Legolas war ein Moment lang perplex, dann entgegnete er:
"Das mag sein. Aber nur ein weibliches Wesen verdreht mir den Kopf."
Damit wandte er sich zum Gehen. Hastigen Schrittes ging er die Strasse hinunter, dann begann er zu laufen. Als er aus der Stadt draußen war rannte er in den Wald. Dort legte er sich unter einen Breiten Mallorn und streckte die Arme aus. Er versuchte ruhig zu bleiben; regelmäßig zu atmen, doch es gelang ihm nicht.
Dóraviel war fortgerannt. Als sie die Zärtlichkeit in den Augen der beiden sah, konnte sie nicht mehr zusehen. Sie dachte nur noch an Elrohir, den ungeheuren Schmerz, der immer noch in ihr loderte. Sie lief quer durch die Stadt, durch mit Efeu überwucherte Säulengänge hindurch und unter gewaltigen Mellyrn hin. Schliesslich fand sie sich am Rande der Stadt. Traurig lief sie zum Wald hin und suchte den Pfad, den sie am Morgen gekommen waren. Nach einer Weile fand sie ihn, und lief zum Strand hin. Die Sonne schien heiter und leicht vom Abendhimmel, bereit, bald hinter den mächtigen Baumkronen im Westen zu verschwinden. Dóraviel setzte sich in den weichen Sand, und ließ sich das Meerwasser um die Fußspitzen spielen. Weinen konnte sie schon längst nicht mehr; die Tränen waren ihr versiegt. So schaute sie traurig auf das Wasser, das sich ewig kräuselte, in sanften Wellen ans Ufer schlug, und sich dann gurgelnd wieder zurückzog. Sie saß da, wusste schon längst nicht mehr ob Sekunden, Minuten oder Stunden vergangen waren, als sie leichte Schritte hinter sich hörte. Sie schaute sich nicht um, wartete bis dieser jemand hinter sie getreten war. Kurz darauf setzte sich ein Elb neben sie. Sie schaute ihn an, in der Erwartung in das Antlitz ihres Vaters zu blicken. Doch als sie in dieses blickte, wich sie erschrocken zurück. Die kantige Nase, die feinen Gesichtszüge, die schmalen Lippen, es musste Elrohir sein! Doch schliesslich blickte sie in seine Augen. Sie waren dunkelgrau, der bläuliche Ton von Elrohirs Augen fehlte, auch war darin eine seltsame Härte und Entschlossenheit und ein kleines Flackern, das von seiner draufgängerischen Ader zeugte. Nein, das war nicht Elrohir. Es konnte in diesem Fall nur jemand sein: Sein Zwillingsbruder. Dóraviel lächelte traurig.
"Du bist Elladan, nicht wahr?"
" Ja." Er lächelte ebenfalls auf diese traurige Weise, die sie bei Elrohir schon so manches Mal gesehen hatte. Doch dieses Lächeln war erfüllt von abgrundtiefer Trauer. Sie war nicht sicher, ob er wusste, wer sie war, so sagte sie leise:
"Du weißt wer ich bin?"
"Ja. Die Liebe meines Bruders."
"Du vermisst ihn." Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage. Elladan nickte.
Dóraviel schwieg eine Weile, bevor sie sagte:
"Ich auch. Doch ich kann nicht mehr weinen. Die Trauer ist zu gross. Du bist wohl der einzige, der mich richtig versteht."
Sie schwiegen wieder. Die Sonne war bereits hinter dem schönen Wald versunken, langsam fiel die Dämmerung über das Land. Das Meer verfärbte sich von dunkelblau zu schwarz.
Plötzlich erstarrte Elladan. Auch Dóraviel bemerkte, dass irgendetwas da war, direkt hinter ihnen. Dóraviel wagte sich nicht zu rühren, doch Elladan drehte langsam den Kopf.
"Er ist ganz…"Das Wort wurde ihm abgeschnitten.
Eine schwarze, geschmeidige, lange Hand fuhr über seinen Mund. Auch Dóraviel wurde der Mund zugehalten. Sie erstarrte; hätte ohnehin nicht schreien können. Langsam wurden sie herumgedreht, eine zischende Stimme befahl ihnen vorwärts zu gehen. Nach einem kurzen Marsch drehte sie ihr Fänger um, sodass sie ihn sahen. Er besaß eine schwarze Hautfarbe, doch seine Gesichtszüge waren die eines Elben: Fein und doch klar, mit sanften Übergängen. Er hatte pechschwarze Augen mit einem ungewöhnlichen roten Schimmer darin. Seine Haare waren schwarz und geschmeidig. Doch was sie am meisten überraschte, war, dass er zugespitzte Ohren hatte, wie diejenigen der Elben.
Dóraviel schaute rasch zu Elladan. Ein gefährlicher Funke blitzte in seinen grauen Augen. Er wand sich mit einer schnellen Bewegung aus dem Griff des Schwarzen. Elladans Hand fuhr zu seinem Oberschenkel, wo er stets sein Messer bei sich trug.
"Was bist du?", zischte er.
Der Schwarze sagte nur: "Aramos", dann stiess er einen scharfen Pfiff aus, und ihm nu sahen sich Elladan und Dóraviel von diesen merkwürdigen schwarzen Elben umzingelt, die niemand kannte.

 

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