Kapitel 10

Pläne

Mordor... ausgerechnet Mordor! Leandhra konnte ihr Pech kaum fassen. Nicht nur, daß sie einen Weg aus diesem zerstörten Land finden mußte, nein ihr Weg würde sie durch Gondor und Rohan führen und die Bewohner dort waren auf Orks absolut schlecht zu sprechen. Warum hatte sie eigentlich nicht zwei menschliche Diener mitgenommen? Sie hätte voraus gehen und die Orks zusehen können, wie sie durch das Feindesland kamen. So war die Reise äußerst gefährlich und auch zeitraubend, da sie, sobald sie an die gondorische Grenze kamen, nur Nachts gehen konnten. Leandhra trat der am Boden liegenden Aiko wütend in die Seite. Es war alles nur Schuld dieser Schlampe! Hätte sie nicht den ‚Stern‘ aktiviert, wären sie mit ihr durch das Portal direkt nach Isengart gegangen. Ihr Meister würde über den Zeitverlust überhaupt nicht begeistert sein. Der Gedanke, daß ihr Meister wütend sein würde, ließ die Frau zittern. Sie mußte einen Weg finden möglichst schnell und gefahrlos zurückzukehren. Schließlich besaß sie magische Kräfte, nicht so stark wie ihr Meister, aber auch nicht zu verachten. Leandhra beruhigte sich wieder und ihr Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. Sie würde es bestimmt schaffen! Also, was war zu tun?
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Während Gandalf und Gimli sich um den verletzten Legolas kümmerten, war man in Beutelsend indessen sehr erstaunt gewesen, die Beiden nicht vorzufinden. Nach lang anhaltendem, erfolglosem Klopfen war Frodo in die Zimmer eingetreten um nachzuschauen. Dabei hatte er das Portal entdeckt und rief nun Sam herbei.
Dieser war recht erschrocken: „Ob ihnen was passiert ist, Herr Frodo?“
„Glaub ich nicht. Gandalf weiß schon, was er tut.“
„Du meinst also, er hat dieses Etwas aufgebaut?“
„Sicher! Wer denn sonst? Oder meinst du, jemand schleicht sich hier rein, baut das auf, überwältigt Gimli und Gandalf und verschwindet mit ihnen?“
In diesem Moment klingelte es und die Hobbits wurden abgelenkt. Frodo lief zur Tür und öffnete. Draußen standen Merry und Pippin.
„Hallo ihr Zwei, was macht ihr denn hier?“
„Wir kommen von unseren Vätern und haben uns zufällig bei Wasserau getroffen.“
„Zufällig? Wohl im ‚Grünen Drachen, was? Ihr Zwei kommt doch an keinem Gasthaus vorbei!“ rief Sam dazwischen.
„Ruhe, jetzt erzähle ich“, gebot Merry. „Also wir kommen, weil wir gehört haben, daß ein Zwerg, dessen Beschreibung genau auf Gimli passt, auf dem Weg nach Beutelsend sei.“
„Gimlis Beschreibung paßt bestimmt auch auf viele andere Zwerge, aber ihr habt recht. Er ist da, oder vielmehr er war da, denn im Moment ist er anscheinend mit Gandalf verschwunden.“
„Ohne euch etwas zu sagen!“
„Die Beiden werden schon wieder auftauchen, nur keine Sorge“, behauptete Frodo. Dann lud er die Zwei zum Frühstück ein, was begeistert angenommen wurde.
Kurze Zeit später saßen alle zusammen, auch Rosie war dabei, und die jungen Hobbits hörten sich nun erstaunt an, was Frodo zu erzählen hatte. Pippin war so aufgeregt, daß er kaum etwas Essen konnte, und das sollte für einen Hobbit schon was heißen. Er war der Meinung, daß sie das seltsame Ding im Zimmer des Zauberers unbedingt untersuchen sollten, aber Frodo verbot es energisch und erklärte, das sie auf keinen Fall eine Sache berühren sollten, die sicher mit einem Zauber zu tun habe, denn wer weis was konnte passieren. Pippin sah das ein (er wurde unangenehm an sein Erlebnis mit dem Palantir erinnert, sonst hätte er sich von seinem Vorhaben wohl nicht abbringen lassen), wollte aber wenigstens einen Blick in Gandalfs Zimmer werfen. Dies gestattete Frodo, da er wußte, daß Pippin sonst keine Ruhe geben würde.
Alle gingen in das Zimmer. Merry und Pippin betrachteten das Portal genau, als plötzlich ein leises Summen begann. Die Hobbits sprangen erschrocken zurück und sahen sich entsetzt an. „W... Wir haben doch gar nichts getan“, stotterte Merry verstört. Da erschienen auf einmal Gandalf, Gimli und Legolas. Der Zauberer sagte ein Wort, daß keiner der Anwesenden verstand und die silbrigen Linien zwischen den Kristallen verschwanden. Die Hobbits waren so fassungslos, daß sie die Drei nur anstarren konnten.
„Legolas“, brachte Frodo schließlich hervor, „mein Gott, wie siehst du aus?“
„Legolas ist verletzt, aber es ist nichts schlimmes. Wir sollten ihn an die frische Luft bringen, glaube ich“, erklärte Gandalf.
Mit Leichtigkeit hob er den Elben hoch, trug ihn durch die Höhle und setzte den ihn draußen auf die Bank. Dieser atmete tief ein. Seit er wieder in Mittelerde war, fühlte er sich schon viel besser. Hier, wo alles vertraut war, glaubte er wieder besser agieren zu können. Nun erschien es ihm wieder möglich Aiko zu befreien, was ihm vorhin noch hoffnungslos erschienen war. Nun kam Frodo aus der Höhle. Er trug ein Weinglas, das er Legolas reichte. Dieser setzte es sofort an die Lippen und trank es in einem Zug aus. Der Wein tat schnell seine Wirkung und Legolas Hautfarbe normalisierte sich, was die Anwesenden etwas beruhigte. Nun schlug Sam vor hineinzugehen und etwas zu essen. Die Hobbits hatten nach der Aufregung mächtig Hunger bekommen, und die Anderen konnten auch eine Stärkung gebrauchen, besonders Legolas, der immer noch weiche Knie hatte. Immerhin konnte schon wieder stehen und aus eigener Kraft zurück in die Höhle gehen.
Als sie hereinkamen, stellten sie fest, daß die praktische Rosie bereits etwas zu Essen vorbereitet hatte. Es gab Suppe, Brot mit Schinken und zum Nachtisch einen Apfelkuchen, der eigentlich für den Nachmittagstee bestimmt war. Die Hobbits waren natürlich neugierig, was passiert war, aber keiner wagte, während des Essens etwas zu fragen, da Gandalf und die Anderen sehr verschlossene Gesichter zeigten. Endlich waren sie fertig mit essen. Trotz der Wärme des Sommertages zündete Frodo ein Feuer im Kamin an, denn Legolas schien zu frieren. Alle sahen ihn besorgt an, so hatten sie ihn noch nie gesehen. Dankbar setzte sich der Elb auf einen Sessel vor das Feuer. Frodo holte noch etwas Wein und bat Legolas dann zu erzählen, was er erlebt hatte. Alle setzten sich um ihn herum und hörten aufmerksam zu, auch Gandalf und Gimli, da die nun folgende Erzählung war wesentlich länger und ausführlicher war als der Bericht in Aikos Wohnung. Am Ende schwiegen alle und hielten die Köpfe gesenkt.
Schließlich beendete Frodo das Schweigen, indem er sagte: „Wir müssen das Mädchen unbedingt finden!“ Nun entspann sich eine lebhafte Diskussion darüber, wie sie Aiko finden sollten, nur Pippin schwieg weiterhin, bis es Gandalf auffiel: „Nun Pippin, was ist dir denn über die Leber gelaufen? Sonst bist du doch kaum zum Schweigen zu bringen.“
„Ich dachte nur an diese Sache mit dem Portal. Legolas erzählte, daß die Entführerin ebenfalls von einem Portal sprach. Könnte es sein, daß es genau so ein Portal ist, wie Gandalfs?“
„Diese Portale können nur von Istari erschaffen werden. Es ist mir zwar ein Rätsel, wie diese Leute einen Verbindungsweg in die andere Welt gefunden haben, aber es muß ein anderer Weg sein.“
„Aber wenn Saruman nun so ein Portal geschaffen hat? Ich meine, er war doch auch ein Istari. Oder kann so ein Portal von anderen nicht genutzt werden?“
Alle sahen Pippin fassungslos an. Daß gerade er auf so einen Gedanken kam, hatte ihm niemand zugetraut.
Gimli faßte sich als Erster: „Das ist ja schön und gut, aber wir haben keine Beweise dafür. Nachher jagen wir einem Hirngespinst hinterher, während Aiko sonst was passiert.“
Gandalf dachte kurz nach und erwiderte dann: „Es ist die einzig plausible Erklärung, alle unsere anderen Gedanken sind utopisch. Es ist unsere einzige Chance. Denn so haben wir ein Ziel, nämlich Isengart. Das ist der einzige Ort, an dem dieses Portal verborgen sein kann. Wir haben den Turm Orthanc nicht betreten und nur dort konnte es die Zeit sicher überstehen. Zur Sicherheit können wir zusätzlich die Waldläufer bitten in der Wildnis zu suchen. Auch in Gondor können wir um Hilfe bitten, wenn wir in Isengart nichts finden.“
Jetzt meldete sich Sam zu Wort: „Entschuldigt, aber ich verstehe etwas nicht. Wozu brauchen diese Leute überhaupt die Verbindung in die andere Welt? Ich meine, wenn sie diese Welt nicht erobern können, wie sollen sie dann die Andere erobern?“ Gandalf überlegte wieder einen Moment und sagte dann zögernd: „Ich glaube nicht das sie vorhaben diese andere Welt zu erobern. Im Gegenteil, ich denke eher, daß sie Ausflüge dorthin machen wollen, um unsere Welt zu erobern. Legolas hat eine ihrer Waffen kennengelernt, man sieht es an seiner Verletzung. Aber das war harmlos im Vergleich zu manch Anderen, die auf einen Schlag viele Menschen töten können. Vielleicht irre ich mich, aber es scheint mir am Wahrscheinlichsten, denn mit dieser Macht in den Händen, wird ihnen die Eroberung Mittelerdes nicht schwerfallen.“
„Aber das ist ja grauenvoll“, rief Merry, „was sollen wir da noch ausrichten?“
„Du hast vergessen, daß die Entführer überall in Mittelerde gelandet sein können. Wir müssen auf das Glück hoffen, daß sie soweit von Isengart entfernt sind, daß wir vor ihnen dort sein können. Dann können wir die Häscher abfangen und Aiko befreien.“
„Aber wenn wir uns irren...“
„Es ist unsere einzige Chance.“ Bei diesen Worten schaute Gandalf so drohend in die Runde, daß niemand wagte zu widersprechen.
Schließlich meldete sich Frodo zu Wort: „Ich schlage vor, daß du mit Gimli und Legolas aufbrichst, sobald es seine Verletzung gestattet. Wir werden die Waldläufer verständigen, du mußt uns nur den Weg zu ihnen beschreiben.“
„Eigentlich dachte ich, daß uns jemand von euch begleitet“, sagte Gandalf.
Die Hobbits sahen sich verlegen an.
„Ich kann euch leider nicht begleiten. Rosie ist schwanger, da kann ich sie nicht alleine lassen“, war Sams Antwort und Frodo erklärte: „Ich habe öfter Anfälle von Schmerzen. Ich würde euch nur hinderlich sein.“
Pippin rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum und sagte: „Ich würde euch wirklich gerne begleiten, aber ich muß meinem Vater helfen. Mein Vater ist nämlich der Thain des Auenlandes, das heißt, er ist sozusagen hier der Herrscher. Das bedeutet zwar normal nicht viel, aber nach der Zerstörung des Auenlandes, muß er den Aufbau organisieren und es ist noch immer viel zu tun. Daher wird er mich nicht gehen lassen.“ Gandalf nickte; Gimli und Legolas sahen sich erstaunt an. Das hatten sie gar nicht gewußt. Merry zögerte kurz und sagte dann: „Ich denke, ich kann euch begleiten. Es gibt genug Brandybocks, um die Angelegenheiten in Bockland ohne mich zu regeln. Ich muß nur ins Brandybockschloß, um mich zu verabschieden.“
„Ich wußte, daß auf dich Verlass ist, Merry“, sagte Gandalf schmunzelnd. „Was nun die Waldläufer angeht, die werde ich informieren. Schattenfell ist schneller als jedes andere Pferd und ich werde euch auf euren Ponies schnell eingeholt haben.“
„Die Frage ist nur, ob Legolas reiten kann“, erwiderte Merry.
Der Elb bewegte seinen Arm vorsichtig und erklärte: „Ich denke, ich kann reiten.“
Gandalf wiegte den Kopf und sagte: „Aber der Wunde wird es nicht gut tun. Wir werden wohl zwei bis drei Tage warten müssen. Da Verletzungen bei Elben schnell heilen, wirst du dann wohl soweit sein, daß es zwar noch etwas wehtut, die Verletzung dich aber nicht mehr behindert. Bogen schießen wirst du allerdings wohl eine Woche lang nicht können.
„Um keine weitere Zeit zu verlieren sollte ich gleich nach Bockenburg aufbrechen. Wir treffen uns dann am Schloß“, rief Merry und wollte losstürmen.
Gandalf hielt ihn zurück: „Du mußt dir in Bockenburg Proviant besorgen. Denk daran, daß unser Weg lang ist. Um alles Andere kümmern wir uns. In vier Tagen treffen wir uns an der Oststraße.“
„Alles klar, bis dann also.“
Merry lief davon, kam aber plötzlich zurück und ging schnurstracks in die Küche. Kurz darauf kam er mit einem großen Lunchpaket zurück. Die Freunde gingen mit ihm hinaus und winkten Merry nach, verzogen sich dann jedoch schnell nach drinnen, da viele neugierige Hobbitaugen auf ihnen ruhten. Ein paar Leute hatten Legolas vorhin auf der Bank sitzen sehen und so hatte es sich bereits herumgesprochen, daß in Beutelsend ein Elb zu Besuch sei.

 

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