Kapitel 11

Aufbruch im Dunkeln

Legolas bewegte sich unruhig und starrte die Decke an. Die Hobbits und besonders Frodo hatten es sich zur Aufgabe gemacht, größt möglich zu seiner Genesung beizutragen. Aber die Probleme hatten schon beim Bett begonnen. Es war natürlich zu klein und Frodo war der festen Überzeugung, daß er einem Verletzten so etwas nicht antun könne. Er hatte daher mit Sam ein weiches Bett aus einer Matratze und vielen Decken und Kissen gemacht. Um die Beiden nicht zu enttäuschen, hatte er sich ohne Widerspruch hingelegt, obwohl ein langer Spaziergang ihm wohl besser getan hätte. Oder vielleicht auch nicht! Die anderen Bewohner von Hobbingen beobachteten Beutelsend geradezu. Wahrscheinlich hätte er keinen Fuß aus dem Garten setzen können, ohne von vielen Hobittkindern auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Natürlich mit einem gewissen Abstand, denn die Hobbits hatten ein wenig Angst vor ihm. Legolas seufzte. Da er hier drinnen im Zimmer lag, wäre es wohl das Beste zu schlafen, um die Heilung zu beschleunigen, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Immer sah der Elb das gefesselt Mädchen vor seinem geistigen Auge, sobald er seine Gedanken nicht mehr fest auf eine bestimmte Sache konzentrierte. Schließlich gab er es auf. Er dachte an die letzten zwei Wochen zurück. Aiko und er hatten sich immer nur freundschaftlich behandelt, doch er wußte schon länger, daß er mehr empfand. Schon als er sie das erste Mal sah, hatte er etwas gefühlt, daß er sich zuerst nicht erklären konnte. So etwas war ihm noch nie vorgekommen. Und es war stärker geworden: Er fühlte sich aufgewühlt und unruhig, wenn er nicht in ihrer Nähe war. War er jedoch bei ihr fühlte er immer ein Kribbeln im Bauch und manchmal sogar eine seltsame Schwäche.
Plötzlich öffnete sich die Tür und Gimli schaute herein. „Ich dachte mir schon, daß du noch nicht schläfst.“
„Es ist so viel passiert, wie könnte ich da schlafen.“
Gimli nickte und schwieg dann einen Moment, bevor er erwiderte: „Dennoch mußt du dringend ruhen. Ich habe eben noch mal nachgedacht und mir ist dabei eingefallen, daß ich etwas habe, daß dir helfen könnte schneller gesund zu werden. Du kennst vielleicht diese Druiden, die herum wandern und heilen. Ich habe einmal einem das Leben gerettet und er hat mir dafür das hier geschenkt. Er hielt einen kleinen Beutel hoch. Dieser enthielt ein paar weiße Kugeln. Gimli nahm eine heraus und hielt sie seinem Freund hin: „Keine Angst, ich habe sie schon ausprobiert. Du mußt sie kauen und hinunterschlucken.“
„Und was passiert dann?“
„Das wirst du schon sehen.“
Der Elb zögerte nur kurz und nahm dann die Kugel. Er vertraute Gimli und hatte keine Lust mit diesem zu streiten. Der Zwerg würde ihm schon nichts schlechtes geben. Er kaute mühsam die zähe, geschmacklose Masse und schluckte sie endlich herunter. Nur wenige Minuten später begann das Zimmer vor seinen Augen zu verschwimmen und schnell sank er in einen tiefen traumlosen Schlaf. Legolas schlief zwei Tage und drei Nächte. Gimli schaffte es irgendwie, die Anderen davon zu überzeugen, daß sie ihn schlafen lassen sollten. Frodo war dennoch sehr besorgt und saß stundenlang an dem Bett, auch Gandalf war sehr skeptisch, denn er glaubte nicht an die Heilkräfte der Druiden. Endlich wachte der Elb auf. Der Zauberer kam sofort, um die Wunde zu versorgen und löste den Verband. Erstaunt sprang er auf: Die Wunde hatte sich geschlossen ohne eine Narbe zu hinterlassen. Legolas war geheilt.
Gandalf betrachtete fassungslos die Stelle, wo vor kurzem noch die Verletzung gewesen war. „Ich muß meine Meinung über diese Druiden wohl ändern!“ war sein einziger Kommentar.
Nun begann ein geschäftiges Treiben in Beutelsend. Am Abend wollte Gandalf aufbrechen und es war noch viel zu tun. Sam organisierte ein Reittier für Legolas, doch dieser schien mit dem Tier überhaupt nicht einverstanden: Es war ein Pony!
Sam versuchte sich zu entschuldigen: „Es ist das größte Pony, das ich finden konnte, Pferde gibt es im Auenland nicht. Außerdem ist es doch fast schon so groß, wie ein kleines Pferd. Bis Bree muß es eben gehen, vielleicht könnt ihr dort ein Pferd kaufen.“
Unter dem Gekicher unzähliger Hobbitkinder versuchte der Elb aufzusitzen. Seine Füße schleiften beinah über den Boden. „Ich bin bestimmt zu schwer für das arme Tier.“
„Unsinn, du bist bestimmt nicht schwerer als Gimli und der reitet ohne Probleme auf einem Pony. Übrigens heißt es Schneeglöckchen.“
„Ich glaube, ich werde es lieber Sam nennen. Worauf soll Gimli eigentlich reiten?“
„Pippin hat ihm sein Pony Brauner geschenkt. Ich glaube, er ist recht traurig darüber, daß er euch nicht begleiten kann. Aber du solltest jetzt versuchen, eine Strecke zu reiten, schließlich mußt du dich erst mal an das Gefühl gewöhnen, auf einem Pony zu sitzen.“
Legolas versuchte nicht daran zu denken, wie peinlich das Ganze für ihn war und ließ sein Pferdchen Sam in einen langsamen Schritt fallen. Erst als er merkte, das dem Tier die schwere Last nicht viel auszumachen schien, ritt er schneller. Für ein Hobbitpony war es erstaunlich schnell und ziemlich übermütig, es vollführte des öfteren Luftsprünge, als hätte es einen leichten Hobbit auf dem Rücken. Sie beschrieben einen Bogen um den Bühl und hielten schließlich wieder vor Beutelsend. Sam sah den Elben erwartungsvoll an. „Für den Anfang wird’s gehen, aber ich hoffe, daß wir in Bree ein Pferd bekommen können.“
„Wenn nicht in Bree, dann spätestens in Rohan...“; Sam sprach nicht weiter, als er den entsetzten Blick des Elben sah und lenkte schnell ab: „Gut nur, daß du so ein guter Reiter bist. Einen Sattel hätten wir für dich wohl nicht gefunden.“ Kurze Zeit später waren die Beiden wieder in der Hobbithöhle und halfen beim Packen. Die Vorräte an Nahrung, Kleidern und anderen wichtigen Gebrauchsgegenständen hatten Sam und Pippin, soweit möglich bereits in den letzten Tagen besorgt. Legolas hatte nach seiner wundersamen Heilung wieder Hoffnung geschöpft und erzählte fast fröhlich von den seltsamen Dingen, die er in der anderen Welt gesehen hatte. Die Hobbits hörten begeistert zu, besonders Pippin, der sich vornahm, Gandalf nach dem Portal zu fragen. Zu gerne würde er das Alles auch mal sehen! Aber beim Zauberer stieß er nur auf beharrliches Schweigen.
Endlich waren sie fertig und warteten nur noch darauf, daß die Sonne unterging. Legolas konnte es gar nicht schnell genug gehen, daher stand er am Fenster und beobachtete, wie die Sonne sich langsam zu färben begann.
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Die Nacht war hereingebrochen und langsam verlöschten in Hobbingen mehr und mehr Lichter. Das bedeutete, die Zeit zum Aufbruch war gekommen. Die Bewohner von Beutelsend standen zusammen mit Pippin schweigend im Garten und beobachteten, wie ihre Freunde die Tiere bestiegen. Pippin konnte sich das Lachen kaum verkneifen, er fand Legolas einfach zu komisch.
Nun sagten sie sich gegenseitig leise Lebewohl und Gandalf, Legolas und Gimli ritten los. Die zurückgebliebenen schauten den Dreien traurig hinterher, die sich langsam entfernten, aber bald waren sie im Dunkeln nicht mehr zu sehen. Nur Frodo hörte noch das leise Klipp- Klapp, denn seit seiner Verwundung, die er durch das Morgul- Messer erlitten hatte, waren seine Hör- und Seesinne geschärft und besser, als bei jedem anderen Hobbit.
Pippin bewegte sich neben ihm unruhig, offenbar war er nervös. Der junge Hobbit bedauerte es immer mehr, daß er nicht einfach zugesagt hatte, irgendwie hätte er seinen Vater schon überzeugt. Bestimmt hielten die Anderen ihn jetzt für feige, bildete er sich ein. In Wirklichkeit waren diese weit entfernt davon, aber da er nichts sagte, konnte er auch nicht von Frodo beruhigt werden.
Rosie und Sam gingen als erstes hinein und lösten so die kleine Versammlung auf. Pippin folgte ihnen bald, Frodo jedoch war der Gedanke, schlafen zu gehen, unerträglich, denn er machte sich große Sorgen. Leise singend spazierte er durch die Nacht.

 

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