Kapitel 12

Verstärkung

Aiko spürte, wie sie zu Boden geworfen wurde. Sie stöhnte auf: Wahrscheinlich hatte sie inzwischen unzählige blaue Flecken, jedenfalls gab es bei ihr keinen Körperteil mehr, der nicht wehtat. Da sie im Bett gelegen hatte, als ihre Entführer kamen, trug sie nur einen dünnen Schlafanzug, durch den die Steine unter ihr scheuerten, als wäre kein Stoff zwischen ihnen und ihrem Rücken. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Seit fünf Tagen waren sie schon Unterwegs. Leandhra hatte einen Weg durch die Berge gefunden und nun würden sie bald Ithilien erreichen. Die Frau war darüber sehr erfreut, da sie inzwischen einen Plan hatte. Aber bis zum Abend mußte sie sich gedulden, es waren zu viele Menschen unterwegs. Von ihrem Versteck aus konnte sie die Straße sehen, weit unter sich und noch ein ganzes Stück weiter westlich liegend. Die Frau ging in Gedanken noch mal ihren Plan durch. Wenn nichts schiefging, würde sie Morgen in Isengart sein und ihr Meister würde ihre Verspätung sicher verzeihen, zumal er sie brauchte. Ja, sie war seine wichtigste Mitarbeiterin und die Einzige, die die gefährliche Operation in der anderen Welt leiten konnte, da sie sich dort bestens auskannte. Es war nicht leicht gewesen sich dieses Wissen anzueignen, aber sie hatte es geschafft nach einer Zeit mit vielen Anstrengungen und Mühen.
Die Zeit schien nur zu schleichen, aber endlich wurde es Abend...
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„Hallo“; rief Merry schon von Weitem und ließ sein Pony auf seine Freunde zutraben. „Endlich kommt ihr! Ich warte schon seit Stunden. Ein hübsches Pony hast du da, Legolas.“ Grinsend betrachtete er den Elben, der gar nicht begeistert schien, während Gimli in ein schallendes Gelächter ausbrach.
Nun zu viert ritten sie weiter. Merry unterhielt sich mit Gimli, der das Reiten recht eintönig fand, ab und zu beteiligte sich auch Gandalf an dem Gespräch. Bald war die Brandyweinbrücke passiert und das Auenland blieb hinter ihnen zurück. Schließlich erreichten sie spät am Abend Bree und wandten sich zu dem Gasthaus ‚Zum tänzelnden Pony‘. Der Wirt Butterblume war hocherfreut, als er seinen alten Freund Gandalf erkannte. Er gab ihm seine beiden besten Zimmer und führte sie in eine kleine gemütliche Gaststube, wo er ihnen ein spätes Abendbrot auftragen wollte, da sie den ganzen Tag ohne Pause geritten waren, sehr zu Merrys Verdruß. Nach dem Mahl ergriff Gandalf das Wort: „Wir sollten Morgen ausschlafen und uns dann auf den Weg machen. Hinter dem Tor werden wir uns trennen. Ihr müßt den Grünweg nach Süden hinauf reiten, ich werde dem Weg nach Norden folgen. Ich denke, ich werde euch früh am zweiten Tag eurer Fahrt wahrscheinlich eingeholt haben, aber macht euch keine Sorgen, falls es etwas länger dauert. Jetzt sollten wir schlafen gehen. Gute Nacht.“
Ausschlafen hieß, daß sie nicht im Morgengrauen, sondern kurz nach Sonnenaufgang aufstanden. Für Merry war es jedenfalls immer noch viel zu früh, aber er sagte nichts. Butterblume servierte ihnen ihr Frühstück diesmal auf den Zimmern, da es sich inzwischen herumgesprochen hatte, daß unter den Gästen ein Elb sei. Die anderen Bewohner des Hauses lauerten darauf einen Blick auf diesen zu erhaschen und ein paar Leute drückten sich sogar auf dem Flur in der Nähe ihrer Zimmer herum. Schnell machten die Freunde, daß sie fertig wurden, damit sie fort konnten. Draußen stellten sie fest, daß bereits das ganze Dorf wach war, in den Vorgärten und an der Straße standen unzählige Menschen und Hobbits. Merry erinnerte es sehr an seinen Auszug aus Bree mit Frodo, Sam, Pippin und Streicher. Zum Glück mußten sie heute nicht durch das ganze Dorf, sondern nur das kurze Stück zurück zum Westtor. Direkt dahinter zweigte der Grünweg ab. Die Bewohner von Bree hatten erwartet, daß die Fremdem weiter auf der Oststraße reiten würden und waren daher sehr erstaunt, als sie sahen, daß diese in die andere Richtung gingen, so daß bald das halbe Dorf hinter ihnen herlief. An der Grünwegkreuzung verloren die meisten die Lust, wenige bekamen gerade noch Gandalfs Abschied mit und konnten über das unglaubliche Tempo staunen, das Schattenfell ohne Mühe anschlug. Dann gingen auch sie. Nur einer sah den drei Verbliebenen, die sich nun nach Süden wandten, lang nach. Er hatte eine sehr helle Haut und rotblondes Haar, seine schwarze Kleidung betonte seine Blässe. Legolas schaute sich verwirrt um. Dieser Mensch hatte irgend etwas unheimliches. Wahrscheinlich war er ein Spion, der bald sein Pferd holen und so schnell wie möglich nach Isengart reiten würde. Auf einem Pferd war er natürlich schneller, er verlor nur etwas Zeit, wenn er sie umritt. Vielleicht tat er das nicht mal, schließlich gab es noch andere Reisende. Warum waren sie nur so töricht gewesen und ins Gasthaus gegangen? Und vielleicht wurde die Straße auch bewacht. Sie hätten still und heimlich durch die Wildnis gehen sollen, was aber die Reise sehr verzögert hätte. Aber wer konnte das auch ahnen. Nicht einmal Gandalf hatte ihrem Feind derartige Macht zugetraut. Der Elb seufzte und sah herunter auf sein Pony. So sehr Butterblume sich bemüht hatte, es war kein Pferd zu bekommen gewesen, nicht mal im Tausch gegen alle drei Ponies. Hätte er ein Pferd gehabt, hätte er Gimli und Gandalf Merry mit aufsitzen lassen können. So war ihr Aufenthalt im Gasthof verschwendete Zeit gewesen. Irgendwie schien sich alles gegen sie verschworen zu haben!
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Gandalf ritt schnell in Richtung Norden, der Boden schnellte nur so unter ihm dahin. Schattenfell war ein ganz besonderes Pferd. Er war der Fürst der Mearas, den Herren der Pferde und konnte mehr als doppelt so schnell laufen, wie das schnellste gewöhnliche Pferd. Theoden hatte ihn dem Zauberer geschenkt und die Beiden verband eine tiefe Freundschaft, ja, Gandalf schätzte sein Pferd höher als viele Zweibeiner.
Auf einmal gewahrte der Zauberer einen Wanderer, der rauchend an einem kleinen Feuer saß und gemütlich ein großes Stück Fleisch briet. Schattenfell hatte ihn ebenfalls bemerkt, denn als er auf der Höhe des Mannes war, blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen, so daß Gandalf aufmerksam wurde. Der Wanderer war aufgestanden und hatte keinen Blick von dem Pferd gewandt. Jetzt schlug er seine Kapuze zurück, sein Gesicht zeigte einen freudig, erstaunten Ausdruck, so als kenne er sein Gegenüber. Tatsächlich sprang Gandalf sofort vom Pferd und eilte auf den Mann zu.
„Aragorn, was machst du hier?“
„Das ist ja wirklich eine großartige Begrüßung. Außerdem könnte ich dich das auch fragen“, antwortete der Angerufene lachend.
„Meine Geschichte ist ziemlich lang, es wäre also besser, wenn du anfängst.“
„Du scheinst es eilig zu haben.“
„Ich muß so schnell wie möglich zu den Anderen zurück! In Bree sind mir ein paar fragwürdige Gestalten aufgefallen, denen ich alles zutraue.“
„Wer sind denn die Anderen?“
„Legolas, Gimli und Merry.“
„Erzähl am Besten mal der Reihe nach, vielleicht kann ich euch ja helfen.“
Gandalf und Aragorn setzten sich ans Feuer und der Zauberer begann zu erzählen. Aragorn hörte so aufmerksam zu, daß er fast seinen Braten verbrennen ließ. Gandalf rettete ihn im letzten Moment, ohne seine Erzählung dabei zu unterbrechen.
Aragorn hatte bis jetzt geschwiegen, nun lehnte er sich zurück an einen umgestürzten Baum, dachte noch einen Moment nach und sagte dann: „Du wolltest wissen, warum ich hier bin. Ich kann dir nur eins sagen, nämlich daß ich es auch nicht weiß.“
„Was soll das heißen, du weist nicht, warum du hier bist?“ Gandalf starrte den König von Gondor fassungslos an.
„Vor ein paar Wochen kam mein Vetter Rando nach Minas Tirith. Genau genommen brach er direkt vor dem Tor der Stadt zusammen und konnte gerade noch sagen, wer er sei. Die Wache brachte ihn zu mir, aber eine Heilung war unmöglich. Ich schaffte es nur noch, ihm so viel kraft zu geben, daß er mir seine Botschaft übermitteln konnte. Er sagte, er sei ausgeschickt, um mich um Hilfe zu bitten. Meine Verwandten hier seien in großer Gefahr. Er hätte sehr lange zu mir gebraucht, da er verfolgt wurde und deswegen große Umwege hätte machen müssen. Eile tue daher Not. Dann wollte er noch etwas sagen, doch der Tod verschloß ihm die Lippen. Ich habe meinem Vetter immer vertraut, außerdem paßte sein Zustand zu seiner Geschichte, es schöpfte also niemand Verdacht. Ich nahm mir eine kleine Garde und ritt los. Aber hier angekommen, erfahre ich, daß gar nichts passiert ist. Niemand wußte von der Botschaft, alle behaupteten, Rando sei aufgebrochen, um mich zu besuchen.“
„Diese Geschichte gefällt mir nicht. Es ist gut möglich, daß unser geheimnisvoller Feind dahintersteckt. Hm... Wie viele Männer hast du bei dir?“
„Fünfzig. Wir sollten diese und meine Sippe sofort alarmieren, damit sie nach Aiko suchen. Wir zwei reiten den Anderen nach.“ Aragorn verstaute seinen Braten als Proviant und holte sein Pferd, das er hinter einem Busch angebunden hatte.
Als sie fort ritten, erschien hinter einem Baum ein Mann und sah ihnen nach. Er fluchte leise, so lange hatte er auf eine günstige Gelegenheit gewartet und jetzt das! Er wartete noch einen Moment, dann pfiff er und eine Gruppe Orks erschien. „Wir gehen zurück nach Isengart. Unser Auftrag ist gescheitert.“ Er hatte den Befehl gehabt, den König von Gondor gefangenzunehmen, doch jetzt, wo der Zauberer aufgetaucht war, getraute er sich das nicht mehr trotz seiner dreißig schwer bewaffneten Orks.
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Bald waren Gandalf und Aragorn schon wieder auf dem Rückweg. Sie hatten den Befehl gegeben, nach dem Mädchen überall im Westen Mittelerdes zu suchen und eine Beschreibung Aikos hinzu gefügt, dann waren sie ohne Erklärung verschwunden.
Am frühen Abend erreichten sie Bree. Dort hielten sie an und Aragorn ergänzte seinen Proviant. Währenddessen ging Gandalf ins ‚Pony‘, um sich zu erkundigen. Von Butterblume erfuhr er, das seine „fragwürdigen Gestalten“ immer noch im Gasthof waren, das beruhigte ihn ein wenig. Dann aber brachte er das Gespräch noch mal auf das Pferd. Butterblume versuchte sich zu entschuldigen: „Ich nehme an, es lag daran, daß niemand an eure Freunde verkaufen wollte, war ja schon eine merkwürdige Gesellschaft. Außerdem gibt es hier sowieso nur wenig Pferde, und noch weniger Besitzer, die ihres entbehren könnten.“
„Und wenn du für mich fragst?“
„Für euch wohl erst recht nicht, wo ihr doch so ein schönes Tier habt. Wenn überhaupt jemand verkauft, dann an jemanden, der es nötig braucht und Mitleid erregt.“
„Ich fand Legolas auf einem Pony äußerst Mitleid erregend.“
„Aber die Leute hier mögen keine Elben.“
Gandalf gab auf und verabschiedete sich. Er hätte sich ohrfeigen können, weil er vorhin nicht daran gedacht hatte ein Pferd zu verlangen. Jetzt war es zu spät zum Umkehren, da die Waldläufer sicher schon mit allen Pferden aufgebrochen waren, um ihren Auftag zu erfüllen. Ihre Reise würde nun bedeutend langsamer verlaufen. „Ich werde wirklich senil“; grummelte der Zauberer in seinen Bart.

 

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