Kapitel 13

In den Blumenwiesen

Gandalf fand Aragorn, der ihn bereits ungeduldig erwartete, an der Straße vor dem Gasthaus. Die Zwei stiegen auf und ritten davon. Gerade als sie die Grünwegkreuzung erreichten, brach der sehr nachdenklich aussehende Aragorn das Schweigen: „Warum habt ihr eigentlich Merry und Gimli auf Ponies reiten lassen und sie nicht vor euch auf die Pferde gesetzt?“
„Das wirst du noch sehen. Jetzt ist keine Zeit für Erklärungen, wir haben Eile.“
Gandalf hatte Aragorn gegenüber Legolas Reittier noch nicht erwähnt und mochte im Moment nicht daran erinnert werden, da ihn seine Vergesslichkeit und das Gespräch im Gasthaus noch immer ärgerten. Dennoch sagte er sich, daß er Aragorn vorwarnen mußte (noch jemand mit einem Lachkrampf, wäre für Legolas sicher zu viel des Guten!). Aber dazu hatte er noch etwas Zeit. Er rief Schattenfell ein Wort zu, so daß dieser in leichten Trab viel und Aragorn sein Pferd rasch in Galopp versetzen mußte, um folgen zu können. Gegen 1 Uhr nachts machten sie für den Rest der Nacht halt, damit sich das Pferd des Königs erholen konnte. Gandalf errechnete, daß sie ihre Freunde am Nachmittag treffen würden, also nicht allzuviel später, als wie er ihnen angedeutet hatte. Am frühen Vormittag ritten sie weiter.
---
Zur selben Zeit rasteten Legolas, Merry und Gimli gerade an einer kleinen Böschung. Merry und Gimli saßen grinsend da und sahen zu, wie der Elb versuchte, sein Pony auf Distanz zu halten. Sam schien ein außerordentlich anhängliches Pony zu sein und lief seinem neuen Herrn ständig hinterher.
Die kleine Gruppe war kurz nach Sonnenaufgang aufgebrochen, machte jedoch jetzt nach zwei Stunden schon wieder Rast, da sie glaubten, daß der Zauberer jeden Moment zu ihnen stoßen müsse. Sie ahnten ja nicht, daß Gandalf durch Aragorns langsameres Pferd aufgehalten wurde.
Schließlich wurde Gimli unruhig und sagte: „Wir sollten weiter reiten. Gandalf ist irgendwie aufgehalten worden, wie es scheint. Es nützt überhaupt nichts, hier zu sitzen, wir verlieren nur Zeit. Falls er in Schwierigkeiten ist, kann er sich als Zauberer schon selbst helfen, und hier würden wir ihm sowieso nichts nützen. Früher oder später wird er uns schon einholen.“
„Du hast recht, wir müssen weiter“, stimmte Legolas zu. Kurz darauf waren sie wieder unterwegs.
Nach einem Ritt von drei Stunden hielt Legolas plötzlich an. Es kam so abrupt, daß die Anderen noch ein kleines Stück weiter ritten, bevor sie ihre Ponies zügelten. Sie schauten zurück und bemerkten, daß der Elb aufmerksam die Umgebung musterte. Auch sie sahen sich um, konnten aber nichts entdecken: Auf beiden Seiten der Straße waren so weit das Auge reichte nur Wiesen mit schönen gelben Blumen, die sie schon seit einer halben Stunde bewunderten, nirgends konnten sie die Möglichkeit eines Verstecks ausmachen. Sah Legolas vielleicht etwas in der Ferne? Er hatte ja viel bessere Augen als sie. Daher fragte Merry: „Was ist los Legolas? Siehst du was?“
„Nein, ich fühle etwas. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber es scheint ein böser Schatten über dem Land zu hängen.“
„Dann sollten wir so schnell wie möglich diese Gegend verlassen“, brummte Gimli und die Anderen stimmten zu. Nach einer kurzen Strecke Wegs begann es plötzlich neblig zu werden. Der Nebel wurde dichter und nach etwa fünf Minuten konnten sie sich gegenseitig kaum noch erkennen. Gut nur, daß der Grünweg hier auf lange Zeit nur gerade aus führte, er war an dieser Stelle zwar seltsamer Weise nicht zugewachsen wie es sonst überall der Fall war, dennoch hätten sie sich in einer Biegung verlieren können, denn die Sicht war so schlecht, das sie die Kurve erst bemerkt hätten, wenn sie schon auf der Wiese wären und im Nebel die Orientierung zu behalten schaffte höchstens Legolas, die Anderen hatten zu wenig Erfahrung mit derartigen Situationen. Auch Rufen hätte ihnen in einem solchen Fall nichts mehr genützt, denn der Nebel schluckte alle Geräusche, sie konnten kaum noch das Klipp-klapp der Ponyhufe hören.
Aber der Nebel hatte noch eine andere unangenehme Eigenschaft. Er roch sehr merkwürdig, irgendwie betäubend. Um so mehr die Drei von dem Nebel einatmeten, um so schwindeliger wurde ihnen. Betäubt und fast blind versuchten sie den Nebel hinter sich zu lassen, aber um so weiter sie ritten, um so stärker wurde der Geruch. Auch die Ponies begannen zu wanken und zu stolpern, schnell kamen sie vom Weg ab. Ihre Reiter merkten nichts davon, sie schliefen schon fast auf dem Rücken ihrer Tiere. Schließlich rutschte Merry vom Pferd. Er war in einen tiefen, tiefen Schlaf gefallen. Kurze Zeit später fielen auch Legolas und Gimli von ihren Tieren. Merrys und Gimlis Ponies waren sofort angehalten, als ihre Herren herunterfielen und schliefen nun ebenfalls ein.
Der Nebel verzog sich ebenso schnell, wie er gekommen war. Nun konnte man sehen, daß die Blumen nicht mehr gelb sondern schwarz waren. Nur langsam verfärbten sie sich wieder. Nach einiger Zeit sah die Gegend wieder genauso unschuldig aus, wie vor den Geschehnissen. Aber zwischen den Blumen lagen die Freunde in einem tiefen Schlaf, aus dem sie anscheinend nichts wecken konnte.
---
Erst am späten Abend erreichten Gandalf und Aragorn den Platz, wo ihre Freunde die letzte Nacht verbracht hatten. Sie waren kläglich aufgehalten worden durch eine Gruppe Orks, die im Hinterhalt gelauert und mit Pfeilen auf sie geschossen hatten. Die Beiden waren schnell in Deckung gegangen und Aragorn hatte einen unvorsichtigen Ork erschossen, der über einen der Felsen lugte, die das Versteck der Angreifer bildeten. So hatten sie stundenlang gelegen und sich belauert, bis es Aragorn gelang sich in den Rücken der Angreifer zu schleichen und sie von dort anzugreifen.
Schnell untersuchte der ehemalige Waldläufer die Stelle: „Sie haben hier letzte Nacht gerastet, sind uns also einen Tag voraus. Eigentlich müßten wir gleich weiter, aber ich bin sehr müde, die Belagerung vorhin hat mich erschöpft. Ich muß ein paar Stunden ruhen.“
„Wir brauchen beide Schlaf. Wir sollten daher die Nacht hier verbringen, auch wenn es stark nach Regen aussieht. Ich werde die erste Wache übernehmen.“
„Einverstanden“, murmelte Aragorn, wickelte sich in seine Decke und schlief sofort ein. Gegen Zwei Uhr morgens löste er Gandalf ab. Pünktlich zum Morgengrauen begann es zu regnen.
„Gut, daß es erst bei unserem Aufbruch zu regnen anfängt. Ich wäre nur ungern vom Regen geweckt worden.“
Bald wurde der Regen stärker, es goß förmlich wie aus Eimern, so das es trotz Sonnenaufgang nicht allzuviel heller wurde. Die Welt war grau in grau. Mit gesenkten Köpfen ritten die Wanderer dahin, die Pferde trotteten lautlos durch den Schlamm, in den die Straße sich verwandelt hatte.
„Gut, daß die Straße recht bewachsen ist, sonst würden unsere Tiere bis zu den Fesseln im Matsch waten“, brummte Gandalf.
„Ja, aber manche Pflanzen bieten auch gute Stolperfallen und sind im Schlamm schlecht zu sehen. Wir müssen vorsichtig sein.“
Da hörten sie auf einmal ein klägliches Wiehern, als sei ein Pferd in Not.
---
Das Pony Sam hatte es überhaupt nicht bemerkt, daß sein Reiter herunter rutschte, es torkelte einfach weiter und fiel so in einen Bach. Das Wasser machte ihn sofort wieder munter und bewahrte ihn vor dem Schlaf, aber das Problem war, daß Sam nicht mehr die steile Böschung herauf kam. Sie bröckelte ab, sobald er einen Huf darauf setzte. Ängstlich begann er zu wiehern, doch sein Herr erschien nicht. So kam es, daß das Pony sich immer weiter von seinem Besitzer entfernte und Gandalf und Aragorn es fanden, als sie kaum eine Stunde geritten waren.
Der Zauberer erkannte das Tier sofort: „Das ist ja Legolas Pony!“
„Wie bitte, Legolas reitet ein Pony???“
„Wie kann es nur hierher gekommen sein? Von unseren Freunden ist nirgendwo etwas zu sehen.“
„Er wird wohl auf der Suche nach einem Ausweg hierher gelangt sein. Dahinten ist das Ufer flacher. Wenn wir etwa 10 Minuten zurückgehen, müßten wir das arme Tier herausholen können.“
Aber ich versteh’s trotzdem nicht. Irgend etwas muß passiert sein, sonst hätten sie Sam geholfen.“
„Sam?“
„So heißt das Pony, weil Sam es Legolas geschenkt hat, obwohl dieser anscheinend nicht wirklich glücklich war.“
„Warum wohl?“ fragte Aragorn mit einem belustigten Schmunzeln.
„Sag ihm lieber nichts, er hat sich schon genug anhören müssen und reagiert inzwischen leicht gereizt auf das Thema...“
Aragorn angelte sich die Zügel des Ponies, sorgsam darauf bedacht, daß er nicht auch noch in den Bach fiel. Schnell stellte sich heraus, daß er recht gehabt hatte und so bekam das Tier bald wieder mehr oder weniger festen Boden unter die Hufe. Bis es so weit war, hatten sich seine Retter jedoch bis zur Hüfte mit Schlamm beschmiert.
Gandalf murmelte: „Vielleicht sollten wir uns einen Platz suchen, wo wir den Regen abwarten können.“
„Ich fürchte, es wird noch den ganzen Tag regnen. Aber sieh nur, ich glaube Sam will uns etwas zeigen.“
Tatsächlich war das Pony zur Straße getrabt, die hier sehr viel näher am Bach verlief, und schaute zurück, ob die Zweibeiner folgten. Diese saßen wieder auf und ritten hinterher. So erreichten sie bald die Blumenfelder. Hier wurde Sam unruhig: Die Landschaft sah immer gleich aus. Wo war sein Herr? Schließlich lief er einfach auf die Wiese, um seinen Weg fortzusetzen, was die Folgenden mächtig erstaunte.
„Anscheinend sind sie hier irgendwo in der Graslandschaft. Wir müssen gut Ausschau halten.“
„Bei dem Regen sieht man kaum die Hand vor Augen, Gandalf. Wenn Feinde hier sind werden sie uns hören, lange bevor wir sie sehen.“
„Der Regen dämpft auch die Geräusche, trotzdem hast du wohl recht.“
Auf der Wiese entstand bei jedem Schritt der Pferde ein hässlicher Schmatzlaut.
Vor ihnen tauchten zwei Felsbrocken auf. Erst als Sam bei diesen stehen blieb, konnten sie erkennen, daß es Ponies waren. Sie standen dicht gedrängt im Regen.
„Merry und Gimlis Tiere! Aber wo sind diese?“ fragte der Zauberer und sah Aragorn an, als könne dieser die Frage beantworten, doch der schüttelte natürlich völlig ratlos den Kopf. Sorgfältig suchten sie die Gegend ab und so fanden sie ihre Freunde, die immer noch fest schliefen.
Gandalf schüttelte den Kopf: „Also, wenn sie bei diesem Regen nicht aufwachen, dann kriegen wir sie wohl auch nicht wach.“
„Wir müssen es trotzdem versuchen“, schrie Aragorn und begann Legolas zu schütteln und sogar zu ohrfeigen.
Der Zauberer legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in beruhigendem Ton: „Laß es, das hat keinen Sinn.“ Er sah sich kurz um und deutete dann auf die Blumen: „Sieh diese Blumen. Sie färben sich schwarz. Wahrscheinlich tragen sie einen Schlafzauber in sich. Auf die Ponies hat er auf Grund ihrer Körpermasse wohl nur wie ein gewöhnliches Schlafmittel gewirkt, so daß der Regen sie geweckt hat. Aber unsere Freunde werden wahrscheinlich nur durch den Gegenzauber wieder aufwachen.“
Aragorn pflückte eine Blume und roch vorsichtig daran. Schnell warf er sie fort,, als er eine leicht Beduselung spürte. „Die Blumen strömen einen übelriechenden Dunst aus. Wir haben großes Glück gehabt, daß es regnet, sonst wären wir ebenso verzaubert worden.“
„Darüber mag ich gar nicht nachdenken.“
„Aber der Zauber scheint schnell zu wirken. Wie konnten sie da noch so eine weite Strecke durch die Wiesen reiten?“
„Wahrscheinlich beginnen die Blumen ihren Geruch auszuströmen, wenn jemand die Mitte der Blumenfelder überschreitet. Dann ist es egal, ob er zurück geht oder die Flucht nach vorn antritt - er ist hier gefangen. Aber jetzt sind andere Dinge wichtiger, als über die Künste unseres Feindes zu staunen. Wir müssen unsere Freunde von den Blumen fort bringen, bevor der Regen aufhört.“
„Da haben wir noch jede Menge Zeit.“
„Merry scheint Fieber zu haben.“
Sie luden Merry und Gimli auf ihre Ponies und führten diese weiter, bis sie die Blumenwiesen hinter sich ließen, Sam blieb als Wache bei dem Elben zurück, obwohl es unwahrscheinlich war, daß nach der Zeit, die sie hier schon lagen, noch Feinde auftauchten. Es war schwierig Gimli und Merry auf ihren Tieren zu halten, aber endlich hatten sie es geschafft. Sie gingen noch ein kleines Stück weiter, bis sie zu ein paar Bäumen kamen. Aragorn kehrte nun zurück um Legolas zu holen, während Gandalf eine Decke als Dach zwischen den Bäumen aufspannte und die zwei Schlafenden darunter bettete. Danach wartete er besorgt auf seinen Freund. Er lenkte seinen Geist auf den König, um ihm notfalls sofort zu Hilfe zu kommen, doch seine Bemühungen waren unnötig - bald kam Aragorn zurück. Sofort kramte dieser aus seinem Rucksack Heilkräuter und bereitete daraus einen Heiltrank über einem kleinen Feuer, das Gandalf unter der Decke angezündete, um Merry zu wärmen. Der Zauberer durchsuchte währenddessen die Rucksäcke nach den Decken der Schlafenden, während er Aragorns Decke noch zusätzlich zur Ersten an den Bäumen befestigte, damit es nicht so schnell durchregnete. Der Regen war glücklicherweise weniger geworden, auch wenn es erst gegen Abend ganz aufhörte. Gegen Mittag des nächsten Tages war Merrys Fieber gesunken, aber einer Lösung ihres Problems waren sie noch nicht näher gekommen.

 

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.