Kapitel 14

Feuerzauber

Endlich war es Dunkel. Leandhra war darüber sehr erleichtert, die Warterei hatte sie gequält und ihre Begleiter waren äußerst unruhig geworden. Nun konnte es losgehen. Sie mußte nur ein geeignetes Haus finden, das abseits lag, damit niemand etwas von den Vorgängen mitbekam.
Das Haus war bald gefunden. Leandhra musterte die Einrichtung durch das Fenster und entdeckte zu ihrer Befriedigung einen großen Kamin. Die Bewohner des Hauses waren Bauern, aber offenbar gehörten sie zu den Wohlhabenderen, denn häufig fanden sich in solchen Häusern keine Kamine sondern Öfen auf denen auch gekocht wurde. Doch hier hatte sie auf Anhieb Glück gehabt und brauchte nicht weiter zu suchen.
„Besorgt genügend Feuerholz. Wenn ihr zurückkommt, werden wir das Haus in unsere Gewalt bringen.“
Die Orks waren schnell zurück. Einer warf sich Aiko über die Schulter, dann drangen sie in das Haus ein. Der Besitzer des Hauses saß dort mit seiner Familie: „Wer seid ihr?“
„Wir wollen uns nur kurz eure Stube ausborgen“, sagte Leandhra mit einer spöttischen Verbeugung und wandte sich dann an ihre Leute: „Sperrt sie nebenan ein.“ Die Orks schafften die verängstigten Menschen murrend ins einzige Schlafzimmer. Lieber hätten sie die Leute getötet. Sobald die Tür zu war, blies Leandhra ein Pulver durch das Schlüsselloch. „So, nun werden sie sich morgen nicht mehr an heute Abend erinnern. Es darf auf keinen Fall jemand erfahren, daß Orks hier waren. Es könnte die Pläne unseres Meisters stören und wenn ihr die Leute umbringt, spricht morgen ganz Gondor davon. Macht jetzt ein Feuer. Wir müssen so schnell wie möglich zurück nach Isengart.“
Bald prasselte es fröhlich im Kamin und Leandhra trat zu den Flammen. Zuerst mußte sie sich vollständig konzentrieren. Der Zauber, den sie vorhatte, war außerordentlich schwer, wahrscheinlich der Schwerste, den sie kannte und es war lange her, daß sie ihn ausgeübt hatte. Sie spürte, wie ihre Magie langsam in ihre Hände floss. Diese hielt sie nun über das Feuer und sprach einen Zauberspruch. Die Flammen färbten sich grün. Nun warf die Frau eine Pflanze ins Feuer und sofort wurde es blau. Dann folgte wieder eine magische Formel, bei der sie eine pechschwarze Flüssigkeit aus einer kleinen Phiole in den Kamin tropfen ließ. Diesmal war die Farbe violett. Nun mußte es sich entscheiden. Leandhra schnitt sich eine kleine Haarsträhne ab und legte soviel Macht wie möglich hinein. Nun verbrannte sie diese und das Feuer färbte sich blutrot. Es war gelungen! Die Frau konnte sich vor Freude kaum fassen. Bis zuletzt hatte sie am Erfolg gezweifelt. Viel Zeit hatten sie jedoch nicht und daher schickte sie sofort den ersten Ork ins Feuer, es war der, der Aiko trug. Der Ork trat in die Flammen und verschwand. So schritt einer nach dem anderen in den Kamin, zum Schluß kam Leandhra, die zuvor noch die verschlossene Tür des Nebenraums geöffnet hatte. Schnell sah sie sich noch einmal um und entdeckte zu ihrer Erleichterung nichts, das sie verraten könnte. So verschwand auch sie.
Kaum war sie fort, da flog die Tür zum dritten Raum des Hauses auf und ein junges Mädchen kam heraus. Es war Mara, die mit ihren 16 Jahren die älteste Tochter des Hauses war. Als die Angreifer kamen, war sie gerade in der Küche gewesen und hatte aufgeräumt. Durch die angelehnte Tür verfolge sie alles ohne entdeckt zu werden. Sie eilte ins Schlafzimmer zu ihrer Familie; ihre Mutter, der Vater, die Schwester und die drei Brüder lagen ruhig in den Betten und schliefen als sei nichts passiert. Richtig, das hatte die Frau ja auch gesagt! Mara ging zurück in die Küche und beendete ihre unterbrochene Arbeit, da sie dabei am besten Nachdenken konnte. Sie mußte etwas tun, das wußte sie, die Situation schien bedenklich zu sein. Diese Schwarzmagierin hatte davon gesprochen, daß die Pläne ihres Meisters zu früh entdeckt werden könnten. Wer wohl dieser Meister war? Wahrscheinlich Saruman! Aber nein, der war ja tot oder zumindest wurde das erzählt. Sterben sehen hatte ihn jedenfalls kein Mensch von Gondor, da er in einem fernen Land getötet worden sein sollte. Außerdem war Isengart erwähnt worden.
Nach langem hin und her entschloß sich Mara am nächsten Tag zum Fürsten zu reiten und um eine Audienz zu bitten, aber lieber bei seiner Frau der Fürstin Eowin. Diese würde sie eher empfangen als ihr Mann Faramir, wenn überhaupt. Würden diese hohen Herren einem Bauernmädchen glauben?
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Leandhra trat aus einem der vielen Kamine Orthancs. Die Orks warteten schon ungeduldig auf sie, sie wollten so schnell wie möglich zu ihrem Meister, um sich eine Belohnung zu holen. Auf dem Weg dorthin trafen sie eine andere Frau. Sie war hochgewachsen und schlank, hatte herrliches schwarzes Haar und braune Augen, die das gefesselte Mädchen eingehend betrachteten.
„Sie sieht nicht besonders mächtig aus! Und der habt ihr eine solche Verspätung zu verdanken? Wo seid ihr denn eigentlich gelandet?“
„In Mordor!“
„Im Ernst?“ grinste die Frau.
„Ja, aber nun mußte ich weiter, Fea“, sagte Leandhra ärgerlich. Natürlich wußten sie hier bereits über die Ereignisse in Aikos Wohnung Bescheid. Das hieß aber auch, daß sie wußten, daß dieser Elb noch am Leben war. Bei diesem Gedanken wurde ihr leicht mulmig.
Nun erreichten sie die Gemächer ihres Herrn, wo sie Aiko vor dem Thron ablegten und erwartungsvoll auf das baldige Erscheinen ihres Gebieters warteten. Dieser kam auch kurze Zeit später. Niemand hätte beim Anblick dieses Mannes gedacht einen mächtigen Schwarzmagier vor sich zu haben: Er war mittelgroß, hatte dunkel blondes Haar und sah alles in allem aus wie ein absoluter Durchschnittsmensch. Nur die kalten Augen passten nicht dazu. Er begann mit einer wohlklingenden, leisen Stimme zu sprechen, die ein wenig an Sarumans Stimme erinnerte, aber nicht so mächtig war.
„Seid ihr also endlich zurück! Ihr Männer (so nannte er seine Orks) habt gute Arbeit geleistet. Geht hinunter zu meinem Schatzmeister und dann in die Küche um euch belohnen zu lassen.“ Die Orks verschwanden. „Nun zu dir, Leandhra! Du hast anscheinend ziemliches Pech gehabt, diesmal. Doch jeder hat mal Pech, und da du sonst immer tadellos arbeitest, will ich über diesen Fehler hinweg sehen. Aber sieh zu, daß dir so was nicht noch mal passiert.“
„So etwas passiert mir bestimmt nicht noch mal, Meister!“
„Das will ich hoffen. Denke daran, daß deine Mission noch nicht erfüllt ist. Doch zuerst erzähle mir, was geschah, nachdem ihr nach Mittelerde zurückgekommen wart.“
Leandhra gab ihm einen umfassenden, präzisen Bericht.
Der Magier nickte zufrieden: „Du hast die Situation gut gelöst. Ja, dein Vorgehen zeigt schon wieder deine alte Kompetenz. Ich bin zufrieden mit dir. Ruhe dich nun aus, der Feuerzauber muß dich erschöpft haben. Bereite dann alles für unser Unternehmen vor. Ich werde mich indessen um das Mädchen kümmern. In zwei bis drei Wochen muß alles bereit sein.“
Er wandte sich zu der am Boden liegenden Aiko: „Ich sollte mich erst mal vorstellen! Ich bin der Magier Modo.“
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Aiko lag im Bett in einem kleinen Raum ohne Fenster. Ein Kristall verbreitete ein sanftes Licht in dem noch ein Tisch und zwei Stühle zu sehen waren, sonst nichts. Das Mädchen war zwar endlich nicht mehr gefesselt, aber der ganze Körper schmerzte von blauen Flecken und an Hand- und Fußgelenken waren schlimme Striemen von den Seilen. Immerhin war sie jetzt gewaschen und hatte neue Kleidung bekommen, bisher hatte sie ja einen Schlafanzug getragen, der dazu noch in den letzten Tagen schmutzig und zerrissen geworden war.
Scheinbar besorgt aber mit einem spöttischen Glitzern in den Augen hatte sie Modo, in diese Kammer gebracht, nachdem sie sich frisch gemacht hatte, und gesagt, sie solle sich erst mal ein paar Tage ausruhen. Sie müsse wieder zu Kräften kommen und ihre Wunden ausheilen. Er hatte sogar einen Arzt holen lassen, der sie untersuchte und sagte, daß keine Narben bleiben würden. In einer Woche sei sie wieder in Ordnung. Aber was dann? Was hatte der Kerl mit ihr vor? Das sollte sie schon am nächsten Tag erfahren. Der Magier kam, um mit ihr zu reden.
„Ich nehme an, daß du bereits weißt, warum du hier bist.“
„Ich soll euch in meine Welt führen.“
„Stimmt genau!“
„Ich werde es aber bestimmt nicht tun!“
„Warte doch erst mal ab. Ich bin nämlich hergekommen, um dir ein Angebot zu machen. Eigentlich habe ich sogar zwei Vorschläge für dich und es wäre klug von dir einen davon anzunehmen.“ Bei diesen Worten blitzte es bedrohlich in seinen Augen. „Also hier ist mein Angebot. Du führst uns zu einem bestimmten Ort in deiner Welt, welcher es ist, wirst du noch erfahren. Wir erwarten dort bestimmte Waren. Diese bringen wir mit deiner Hilfe wieder hierher. Danach kannst du wählen, ob ich dich zurückschicken soll, oder ob du nicht bei mir bleiben willst. Ich könnte deine magischen Kräfte ausbilden. Du würdest bestimmt eine gute Hexe abgeben und ich könnte gut eine weitere Mitarbeiterin gebrauchen. Du würdest es hier nicht schlecht haben.“
Aiko starrte ihn feindselig an.
„Ich sehe, daß du noch etwas Zeit brauchst, um es dir zu überlegen. Ich gebe dir acht Tage, um dich zu entscheiden. Währenddessen sollst du keinen Mangel leiden. Vor der Tür steht ein Diener. Wenn du etwas begehrst, dann klopfe einfach und er wird dir deinen Wunsch erfüllen.“
„Und wenn ich ablehne?“
„Dann werde ich dich zwingen, mir zu gehorchen. Egal wie du dich entscheiden wirst, es kommt aufs selbe raus, nur daß es dir schlecht ergehen kann. Es wäre also besser, mir freiwillig zu helfen. Wünsche noch einen schönen Tag.“
Er verschwand. Aiko ballte die Fäuste. Sie mußte unbedingt hier raus! Und irgendwie würde sie es schaffen, dessen war sie sich sicher.

 

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