Kapitel 15

Ein Geheimnis

Es war wieder Abend geworden. Gandalf und Aragorn saßen schweigend neben ihren Freunden und betrachteten den Sonnenuntergang. Zum ersten Mal in seinem langen Leben war Gandalf wirklich ratlos. Er wußte nicht, wie sie ihren Freunden helfen sollten, womit sich noch ein anderes Problem ergab: Sie konnten ihre Gefährten nicht allein lassen, da sie ihnen Nahrung einflößen und sie beschützen mußten, und so konnten sie auch nicht weiter reiten, um Aiko zu helfen. Es war auch sehr gut möglich, daß es bereits zu spät war, sie wußten schließlich nicht, wie weit die Feinde entfernt von Isengart waren.
Aragorn brach das Schweigen erst, als die Sonne ganz untergegangen und die Welt finster geworden war: „So kann’s nicht weitergehen. Wir brauchen Hilfe.“
“Wir hätten ein paar von deinen Leuten mitnehmen sollen. Die hätten wir mit unseren Freunden nach Bree zurück schicken können.“
„Wir müssen sie auf die Pferde binden und dorthin bringen. Der Weg wird mit drei Handponies zwar mühsam und langsam, aber hier sitzen bleiben können wir nicht.“
„Wer sollte sich in Bree um sie kümmern? Etwa Butterblume?“
„Hast recht.“
„Die einzige Möglichkeit wäre sie ins Auenland zu Frodo zu bringen. Aber das wird ziemlich lange dauern.“
Wieder schwiegen die Beiden eine Weile und wieder war es Aragorn, der das Schweigen brach: „Mir wäre es lieber, wenn wir unsere Freunde nicht abschieben würden, sondern ihnen helfen könnten.“
„Glaubst du, daß es mir anders geht? Aber ich kann einen derartigen Zauber nicht bekämpfen. Wir haben keine andere Wahl.“
„Aber was soll im Auenland... Glaubst du, daß es jemals eine Rettung geben wird?“ fragte Aragorn in einem Ton, als ob er die Antwort nicht wirklich wissen wolle.
„Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Ich kenne jemanden, der vielleicht helfen könnte, habe aber leider keine Ahnung, wo dieser sich jetzt befindet. Die Suche könnte länger dauern.“
„Dann könnten wir die Suche nach dem Mädchen wohl beenden und hoffen, daß einer unserer Leute sie stattdessen findet.“
„Mein Herz sagt mir, daß es bereits zu spät ist“, meinte der Zauberer düster.
Am nächsten Morgen machten sie sich auf den Rückweg. Es war sehr mühselig: Gandalf mit einem und Aragorn mit zwei Handpferden. Der ehemalige Waldläufer hatte es besonders schwer, denn die Ponies kamen immer wieder auf die Idee gleichzeitig zur Seite zu streben, um am Straßenrand Gras zu naschen, so daß Aragorn zwischen ihnen hing. Glücklicherweise war er ziemlich stark und konnte die Tiere mit einem kräftigen Ruck zurück an seine Seite ziehen. Sie brauchten fast 6 Tage bis Bree, da sie zusätzlich noch die Blumen umreiten mußten. Betreten wollten sie das Dorf nicht, da ihr Anblick wohl erhebliches Aufsehen erregt hätte. Daher gingen sie bei der Kreuzung gleich weiter auf die Oststraße um dort noch ein Stück weiter zu reiten und dann zu rasten. Endlich fanden sie einen geeigneten Rastplatz. Gandalf band die Freunde los und legte sie vorsichtig auf den Boden, während Aragorn sorgsam die Umgebung untersuchte. Dann losten sie die Wachen aus und Aragorn legte sich als Erster schlafen, obwohl es noch früh am Abend war. Gandalf betrachtete die wenigen Reisenden, die an ihnen vorüber ritten. Es waren alles Hobbits, die neugierige Blicke auf sie warfen. Schon seit sie auf die Oststraße eingebogen waren, hatten sie drei Hobbits überholt, auf die er aber nicht geachtet hatte, da er sich die Blicke, die auf diese merkwürdige Gruppe geworfen wurden, vorstellen konnte. Immerhin waren die Blicke jetzt nicht mehr kühl oder gar ängstlich, der Anblick der auf die Pferde gefesselten Leute war sicher beunruhigend. Überhaupt, wenn Gandalf es sich recht überlegte, waren heute ziemlich viele Reisende unterwegs! Man konnte häufig die ganze Oststraße entlang reiten, ohne einen einzigen anderen Wanderer zu treffen, wenn man überhaupt jemanden traf, dann manchmal zwischen Bree und dem Auenland, doch auch das nur recht selten. Und jetzt waren insgesamt schon 6 Hobbits an ihnen vorbei geritten! Was hatte das zu bedeuten? Doch dann fiel Gandalf ein, daß Merry davon gesprochen hatte, die alten Beziehungen zwischen dem Auenland und Bree wieder aufleben zu lassen. Auch wollte er den alten, mit Ausnahme von Pfeifenkrautlieferungen fast gestorbenen Handel zwischen dem Dorf und Bockland wieder gut in Schwung bringen. Anscheinend hatte er damit einigen Erfolg gehabt!
Der Morgen graute und Gandalf erwachte. Vor ihm stand unbeweglich der ehemalige Waldläufer und starrte in den Himmel. Der Zauberer bemerkte auch gleich, warum. Ein Adler flog auf sie zu. Bald hatte er sie erreicht und landete vor ihnen.
„Sei gegrüßt Meneldor. Welcher Wind treibt dich hierher?“ rief ihm Gandalf entgegen, sobald der Vogel in Hörweite gekommen war.
„Vorgestern kam ein Adler mit der Botschaft, daß die Waldläufer für euch ein Mädchen suchen würden und daß Nachricht zum Grünweg gebracht werden solle. Wir beschlossen sofort zu Helfen. Ich bekam die Aufgabe die Pforte von Rohan zu überwachen. Als ich dorthin kam, sah ich, daß Isengart wieder bewohnt ist. Stellt euch vor: Hunderte von Orks und ein paar Menschen, die dort ganz ungestört am Werken sind.“
„Das haben wir bereits vermutet, aber es ist gut Gewissheit zu haben. Hast du sonst noch etwas erkundet?“
„Nach Sonnenuntergang kam eine Gruppe von etwa hundert Orks an, die bei ihrem Eintreffen in Isengart alle die dortige Orkkleidung bekamen. Es sieht so aus, als würden sie weitere Orks anheuern, um eine große Armee aufzustellen. Doch ich habe noch etwas gesehen, daß für euch sehr wichtig ist: Ich wartete nämlich die Nacht ab, um näher an den Turm heran zukommen. Das gelang mir auch und da sah ich in einem Fenster hoch oben ein Mädchen stehen. Ich glaube, daß es das Gesuchte war. Leider konnte ich ihr nicht helfen, denn das Fenster war sehr klein. Ich habe auch nicht mit ihr gesprochen, da ich dabei wahrscheinlich entdeckt worden wäre. So haben eure Feinde keine Ahnung davon, daß ihr Bescheid wißt.“
„Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet, Meneldor.“
„Ich habe es gern getan und werde euch auch weiter helfen. Ihr scheint in Schwierigkeiten zu sein“, meinte der Adler mit einem Blick auf die tief und fest Schlafenden.
„Das Einzige, was du noch für uns tun kannst, ist die Waldläufer und Ritter von Gondor zu benachrichtigen, daß sie nach Rohan gehen und sich bei König Eomer sammeln sollen.“
„Das ist kein leichter Auftrag, da sie durch die Suche leicht verstreut sind, ich werde jedoch tun, was ich kann. Aber was ist mit euren Freunden, die dort wie tot liegen?“
„Sie sind mit einem Schlafzauber belegt worden. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du auch noch herumfragen, ob jemand einen solchen Fluch aufheben kann, doch ich fürchte, daß es hoffnungslos sein wird.“
„Euch scheint kein günstiger Wind zu wehen. Soll ich vielleicht voraus fliegen, um euch Hilfe zu senden?“ fragte der Vogel teilnahmsvoll.
„Nein, es ist wichtiger, daß du jetzt los fliegst um die Leute zu warnen. Es wird ein wenig dauern, bis sich alle in Edoras eingefunden haben, da sie über ganz Eriador und Wilderland verteilt sind. Es macht also nichts, wenn wir ein paar Tage verlieren.“
„Wie ihr meint“, sagte Meneldor und verabschiedete sich dann mit dem traditionellen Gruß der Adler: „ Fahrt wohl! Wohin eure Fahrt euch führt, bis ihr heil wieder in euren Horsten landet!“
Gandalf antwortete: „Möge der Wind unter deinen Schwingen dich dorthin tragen, wo die Sonne segelt und der Mond wandert.“ *
Dann flog der Adler davon. Aragorn hatte während des Gesprächs kein Wort gesagt, jetzt aber fragte er leicht verwirrt: „Warum hast du ihn nicht auf die Suche nach deinem Bekannten geschickt?“
„Meneldor hätte ihn nicht gefunden. Das ist schwer zu erklären und ich habe momentan keine Lust dazu. Wir sollten lieber aufbrechen.“
Sie erreichten in der Dunkelheit die Grenzen zum Auenland. Der Brückenwächter staunte nicht schlecht über ihr seltsames Gepäck, aber nicht weniger erstaunt waren die Beiden, als kurz darauf Pippin mit einigen anderen Hobbits erschien.
Er grinste. „Überrascht?“
„Das kann man wohl sagen! Woher wußtest du, daß wir kommen?“ Gandalfs Stimme klang ziemlich perplex.
„Erinnert ihr euch vielleicht noch daran, daß euch gestern kurz vor dem Abend ein Hobbit auf einem Pony überholt hat?“ rief ein anderer Hobbit dazwischen.
„Nun, dieser Hobbit war mein Bruder Palan“, Pippin deutete auf den Hobbit direkt neben ihm. „Er hielt das Gesehene für wichtig, ritt daher die ganze Nacht und fand mich hier in Bockenburg. Ich holte gleich noch 3 Freunde von mir und seitdem warten wir hier auf euch.“
„Das war wirklich klug von dir!“ meinte der Zauberer.
Pippin strahlte, ein solches Kompliment hatte er nicht erwartet, von Gandalf schon gar nicht, da dieser immer über seine Dummheit geschimpft hatte. Aber schnell wich das Lächeln in seinem Gesicht einem besorgten und leicht ängstlichem Ausdruck: „Was ist mit ihnen?“
Diesmal erzählte Aragorn. Die Hobbits hörten teilnahmsvoll zu, nach Pippin schien Palan am meisten betroffen. Dieser war klüger als sein Bruder und begriff die Situation besser, während Pippin anscheinend noch immer eine wundersame Heilung durch den Zauberer erwartete. Er war einfach zu sehr daran gewöhnt, daß Gandalf immer einen Ausweg fand.
Schließlich ergriff Palan das Wort: „Wir werden uns um eure Freunde kümmern. Ihr solltet gleich nach Rohan aufbrechen, da Eile not tut. Macht euch keine Sorgen um die 3, wir werden sie nach Beutelsend bringen und dort bestens pflegen.“
Gandalf ließ ein kleines Lächeln sehen und nickte: „Wir vertrauen euch und werden sofort umkehren. Seid bitte vorsichtig! Man kann nicht wissen, was passiert.“
Sie trennten sich. Pippin sah den Beiden lange nach. Wieder war er zurückgeblieben.
Sein Bruder gesellte sich zu ihm. Er war nur 2½ Jahre jünger wie Pippin und verspürte als junger Tuck ebenfalls die Abenteuerlust in sich.
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Aiko stand in Modos Gemach.
„Die Woche ist morgen um. Hast du dich schon entschieden?“ fragte der Magier gerade.
„Nein!“
„Das ist nicht gut. Vielleicht sollte ich es dir leichter machen und dir zeigen, was passiert, wenn du nicht zusagst.“
„Es reicht, wenn ihr es mir erzählt.“
„Nun gut für dieses mal werde ich es tun. Wir haben unten in den Verliesen Orthancs sehr gut eingerichtete Folterkammern. Meine Leute sind darauf spezialisiert, Menschen wirksam zu foltern ohne das Opfer wirklich zu verletzen. Jedes Lebewesen hat eine Schmerzgrenze, die höher oder tiefer liegt. Wird diese dauerhaft überschritten, wirst du bald alles tun, was ich von dir verlange als gebrochene Sklavin.“
„Und warum gebt ihr euch solche Mühe mich zu überreden? Ich meine, ihr werdet doch kaum Mitleid für mich empfinden. Warum wählt ihr diesen viel umständlicheren Weg?“
„weil ich die Hoffnung habe, euch als Hexe zu gewinnen. Als Sklavin wärst du in dieser Beziehung völlig nutzlos, da nur jemand, der sein eigener Herr ist, diese Art von Magie beherrscht.“
Aiko sah nachdenklich aus dem Fenster, an dem sie stand. „Wer seid ihr eigentlich?“
„Ein Magier, nichts weiter.“
Aiko drehte sich zu ihm um: „Warum seid ihr so sicher, daß ich annehmen werde?“ Nun war das heraus, was Aiko am meisten auf der Seele lag.
„Dafür gibt es einen guten Grund, den du später vielleicht erfahren wirst, wenn du gute Arbeit leistest. Jetzt ist er mein Geheimnis.“
Diese Antwort verwirrte Aiko sehr. Aber sie dachte dann, daß er nur so sicher tat, um sie zu beeinflussen. Dieses Geheimnis mußte er sich wahrscheinlich noch ausdenken.
„Du weißt, daß du noch bis Morgen Zeit hast, dann will ich deine Antwort endgültig wissen.“
„Das ist nicht nötig. Ich sage zu, mache aber zur Bedingung, daß ihr mich so schnell wie möglich die Magie lehrt.“
Das Gesicht des Magiers verzog sich zu einem Grinsen: Ich habe es gewußt! Du sollst deinen Willen haben; ich werde noch heute Nacht mit deiner Ausbildung anfangen. Doch zuerst lasse ich dir ein anderes Zimmer anweisen. Folge mir.“


*Der Gruß der Adler ist aus „Der Hobbit“, d.h. es ist ein Zitat aus der Übersetzung von Krege, nicht daß mich jemand beschuldigt, geistigen Diebstahl begangen zu haben.
Wundert euch nicht, daß ich den „Herrn der Ringe“ von Carroux und den „Hobbit“ von Krege habe, denn das sind die Übersetzungen, die jeweils näher am Original sind.

 

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