Kapitel 16

Ein unerwarteter Gast

Aragorn und Gandalf ritten abseits der Straße. Sie waren fest davon überzeugt, daß diese beobachtet wurde und sie dort wieder angegriffen würden. Es gab nur ein Problem: Über den Fluß Grauflut führte nur die Furt der Straße, ein gefährlicher Übergang durch Trümmer, an denen sich die Fluten schäumend brachen. An dieser Stelle mußten sie zurück auf den Grünweg. Dennoch waren sie bemüht solange wie möglich den Schutz der Wildnis zu behalten. So ritten sie, bis sie den Fluß erreichten und erst dann bogen sie zur Straße ab, obwohl sie durch den rechten Winkel, den sie schlugen, Zeit verloren.
An der Furt hatte einst eine stolze Stadt gestanden, doch im Krieg des nördlichen Königreiches Anor gegen den Hexenmeister von Angmar war sie zerstört worden. Jetzt waren nur noch Ruinen übrig, die Brücke war schon lange eingestürzt, ihre Reste lagen im Fluß und man mußte von einem Brückenstein zum nächsten springen, was sich als äußerst schlüpfrige Angelegenheit erwies. Erleichtert atmeten die Beiden auf, als sie das sichere andere Ufer erreichten, auch hatten sie nichts Verdächtiges während des Übergangs bemerkt und so schwenkten sie hoffnungsvoll wieder in die Wildnis neben der Straße ein. Hier wuchsen ausnahmsweise wieder mal ein paar Bäume, was ihnen etwas Deckung verschaffte, aber auch etwaigen Verfolgern Versteck bieten konnten.
Plötzlich drehte Aragorn sich im Sattel um: „Ich glaube wir werden verfolgt!“
„Von was für Wesen?“
„Kann ich nicht sagen, aber wir dürfen keine weitere Zeit verlieren.“
„Was meinst du damit?“
„Am Besten ist, wenn du voraus reitest, so schnell Schattenfell laufen kann. Ich werde mich um unsere Verfolger kümmern.“
Gandalf sah seinen Freund besorgt an: „Und wenn sie es wieder mit einem Zauber versuchen?“
„Sie sind inzwischen näher gekommen. Es hört sich an wie Orks. Mit denen werde ich schon fertig. Außerdem kannst du wohl auch nicht viel gegen diese Art von Magie ausrichten und da ist es wohl besser, wenn sich nur einer der Gefahr aussetzt. Ich habe das langsamere Pferd, also kämpfe ich. Wer soll denn den Kampf gegen diese Schwarzmagier leiten, wenn wir jetzt beide fallen oder gefangen genommen werden.“
„Ich verlasse dich nur äußerst ungern, aber du hast recht. Bitte sei vorsichtig und bringe dein Leben nicht unnütz in Gefahr. Viel Glück!“
Der Zauberer rief seinem Pferd ein Wort zu, und schon sprengte es wie der Wind davon. Aragorn wendete sein Pferd, um den Feinden entgegen zureiten.
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Es war ein schöner, sonniger Sommertag im Auenland. Dennoch sahen die Hobbits, die Pfeife rauchend vor Beutelsend saßen, ungewöhnlich betrübt aus. Es waren Pippin und sein Bruder Palan.
„Wir haben alles versucht“, sagte gerade einer der Beiden. „Inzwischen glaube ich, daß es keine Hoffnung mehr gibt.“
Die Rückkehr der Tucks mit den Schlafenden hatte großes Aufsehen erregt. Das ganze Land war voll Anteilnahme und viele wollten helfen. Sie brachten alle Heilkräuter nach Beutelsend, die den Hobbits bekannt waren. Zwei erfahrene Kräuterfrauen zogen in Frodos Höhle ein und mischten aus den Pflanzen jeden erdenklichen Trank - Ohne Erfolg! Sie hatten wirklich alles versucht, was in ihrer Macht stand, doch das war augenscheinlich nicht genug gewesen. Nun hatte ihre Hoffnung den Tiefpunkt erreicht, auch bei Palan, der Merry sehr gern gehabt hatte und für die anderen Freunde seines Bruders ein erstaunliches Mitgefühl zeigte, in Anbetracht dessen, daß es sich hier um einen Zwerg und einen Elben handelte.
„Vielleicht können ihnen die Elben in Bruchtal helfen?“ murmelte Pippin ohne rechte Überzeugung.
„Dann hätte Gandalf uns dorthin geschickt. Nein, wenn uns der Zauberer keine Hilfe schickt, sieht es schlecht aus“, antwortete Palan und ließ mutlos den Kopf hängen.
„Entschuldigung“, sagte da auf einmal eine fremde Stimme. Erschrocken sprangen die Hobbits auf, sie hatten niemanden kommen gehört und sich allein gewähnt. Vor ihnen stand eine Frau mit braunem Haar und grauen Augen. Pippin holte tief Luft. Genauso hatte Gimli die Frau in seiner Geschichte beschrieben, nur daß sie anders gekleidet war: Diesmal trug sie ein blaues Kleid und leichtes Schuhwerk. Der Hobbit betrachtete die Fremde aufmerksam: War das nun Aiko, die ja genauso aussehen sollte, wie die Entführerin? Aber nein, Aiko war ja gefangen, also mußte es die Andere sein!
Endlich sprach Pippin sie an: „Würdet ihr uns freundlichst sagen, wer ihr seid und was ihr wünscht?!“
„Ich möchte zu Frodo Beutlin. Bin ich hier richtig?“
„Das seid ihr. Aber ihr habt euch immer noch nicht vorgestellt.“
„Mein Name ist Salim.“
„Komischer Name!“
„Findet ihr?“ Die Frau mußte lachen. Es klang hell und warm. Palan fand das Lachen sehr sympathisch.
In diesem Moment trat Frodo aus seiner Haustür. Salim erklärte zum zweiten Mal, daß sie ihn sprechen wolle. Der Hobbit zögerte einen Moment, ließ sie dann jedoch in die Höhle und führte sie ins Wohnzimmer. Sam gesellte sich zu ihnen.
Frodo zeigte auf einen Stuhl, auf den die Fremde sich setzte, dann sah er sie auffordernd an. Als sie sich nicht gleich erklärte, begann er das Gespräch: „Nun?“
„Ich will es kurz machen! Ich bin hier um zu sehen, ob ich euren Freunden helfen kann.“
Die Bewohner von Beutelsend sahen sich erstaunt an und musterten die Frau mißtrauisch.
Sam raffte sich als erster auf: „Und wer sagt uns, daß ihr sie nicht stattdessen vergiftet?“
„Warum sollte ich mir die Mühe machen sie zu Ermorden, wenn sie bereits außer Gefecht gesetzt sind?“
„Weil sie vielleicht noch gerettet werden können!“ rief Sam ärgerlich.
„Dazu bin ich hier.“
„Woher wißt ihr eigentlich davon?“ mischte sich diesmal Palan ein.
„Die Nachricht verbreitet sich durch die Adler in ganz Mittelerde, alle Tiere in der Wildnis reden davon. Und da soll ich nichts mitkriegen?“
„Hm... vielleicht“, murmelte Frodo unsicher.
„Laßt sie mich wenigstens anschauen. Es ist auch möglich, daß ich nichts für sie tun kann, dann ziehe ich gleich wieder ab.“
Frodo runzelte die Stirn: „Darüber muß ich nachdenken. Kommt in einer Stunde wieder.“
„Also gut. Bis dann.“ Salim stand auf und verließ die Höhle.

Nun setzten sich die vier Hobbits zusammen um zu beraten.
„Meinst du wir können es riskieren, Herr Frodo?“ fragte Sam.
„Schwer zu sagen. Wir kommen gegen eine Zauberin wohl nicht an, wenn uns die Heilung vielleicht doch als Mordanschlag erscheint. Aber das gilt auch für den Fall, daß wir ihr den Zutritt verweigern.“
„Du meinst, daß sie so oder so zu unseren Freunden vordringt, Herr Frodo? Wahrscheinlich hast du recht.“
Palan war sehr beeindruckt gewesen von der Besucherin: „Daß sie kommt und vorher fragt, finde ich eher positiv. Ich meine, eine schwarze Hexe wäre doch hier herein spaziert und hätte mit uns nicht viel federlesens gemacht. Oder?“
Zu diesen Worten nickten alle.
„Gut das Rosie nicht da ist. Sie würde sich sicher furchtbar aufregen und das könnte dem Kind schaden.“
Pippin grinste und meinte: „Na na, ganz so zart besaitet ist deine Frau bestimmt nicht!“
Frodo beendete diese Diskussion, indem er seinen Beschluß verkündete: „Wir werden dieser Salim vertrauen und sie zu unseren Freunden führen. Viel haben sie sowieso nicht mehr zu verlieren.“
Salim kehrte pünktlich zum Ablauf der Frist zurück und war sehr erfreut über die Entscheidung sie helfen zu lassen. Sie verschwendete keine weitere Zeit mit langen Reden, sondern ließ sich gleich zu ihren Patienten führen und begann sie eingehend zu untersuchen. Die Drei lagen in nebeneinander stehenden Betten, zwischen denen nur schmale Gänge freigelassen worden waren. Erst nach einer halben Stunde richtete die Hexe sich wieder auf.
„Ich kenne diesen Zauber. Zunächst kann ich euch zu eurer Beruhigung sagen, daß es euren freunden nicht schlecht geht. Der Bann bewirkt sehr schöne, angenehme Träume. Häufig ist es sogar schwierig die vom Zauber Betroffenen zurückzuholen, weil diese sich gar nicht von ihren Träumen lösen mögen und Widerstand leisten.“
„Aber es ist möglich?“
„Ja.“
Die Hobbits atmeten erleichtert auf. „Dann fangt bitte so schnell wie möglich an.“
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Legolas war in einem Traum gefangen. Im Gegensatz zu den beiden Anderen wußte er, daß es ein Traum war, als Elb spürte er das. Aber selbst wenn er es vermocht hätte diesen Traum aus eigener Kraft zu verlassen, es wäre ihm schwer geworden. Alles wirkte äußerst real und er mußte sich immer sagen, daß es nur ein Traum sei, damit er das nicht vergaß. Gerade stand er mit seiner Aiko auf einer Wiese Düsterwalds. Sie schlangen ihre Finger ineinander und er zog sie an sich zu einem sanften Kuß. Dann schlang er die Arme um sie und begann sie leidenschaftlich zu küssen, als – der Traum zerbrach. Legolas war allein in einer völligen Schwärze. Nein! Er wollte zurück in seine Träume, wo Aiko die Prinzessin von Düsterwald sein konnte. Aber dann hörte er die Stimme, die ihn rief und ihm sagte, daß Aiko, die wirkliche Aiko ihn brauchte. Und plötzlich merkte er, daß diese Stimme aus ihm selbst kam, daß ihn sein eigenes Gewissen ermahnte, sich um die Geliebte zu kümmern, anstatt hier zu träumen. Wie egoistisch von ihm! Außerdem war diese Aiko hier nur ein idealisiertes Traumbild und keine wirkliche Frau genauso wie die Welt idealisiert war. Vielleicht gab es im wirklichen Leben keine Zukunft für sie, aber es war doch besser als ein Trugbild. Er folgte ohne weiteres Zögern der Stimme. Bald sah er Licht vor sich. Ein helles, rötliches Licht.
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Erschöpft stand Salim von Gimlis Bett auf. Er war der letzte gewesen, den sie behandelt hatte. Bei Legolas hatte es besonders lange gedauert.
Worin der Gegenzauber bestand konnten die Hobbits nicht genau erkennen. Die Magierin hatte jedem die Finger eine zeit lang an die Schläfen gelegt und hoch konzentriert ausgesehen. Da die Drei noch immer schliefen, nahm Frodo an, daß das Zaubern jetzt erst losgehen würde. Salim nahm Stellung vor den Bettenden und sagte einfach: „Wacht auf!“ Und das taten sie. Voll Freude umarmten die Hobbits die Freunde, obwohl die noch so verschlafen waren, daß sie kaum etwas mitbekamen.
Frodo fiel als erster ein sich bei Salim zu bedanken. Er drehte sich zu ihr herum und sah, daß sie verschwunden war. Auch Sam bemerkte es: „Vielleicht ist sie ins Wohnzimmer gegangen. Sie wirkte sehr erschöpft und muß sich sicher ausruhen.“ Sie suchten die ganze Höhle ab, konnten jedoch keine Spur von ihr finden. „Sie ist einfach gegangen ohne Lebewohl zu sagen.“ Die Hobbits gingen zu ihren Freunden zurück, die ziemlich erstaunt waren: Zuerst erdrückten die Leute sie fast und dann ließen sie sie einfach ohne eine Erklärung allein um wie verrückt in der Höhle herum zu rennen.

 

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