Kapitel 17

Ein schlimmer Verdacht

Aiko lernte schnell das Zaubern. Schon nach einer Woche konnte sie bereits Dinge durch die Luft fliegen lassen. Das schien ihre persönliche Fähigkeit zu sein. Modo hatte ihr erklärt, daß jeder Magier eine ganz besondere Kraft hatte, Leandhra z.B. konnte herrliche Feuerwerke erstehen lassen. Was die andere Frau Fea für eine Macht hatte, wußte sie noch nicht, da diese ihr gegenüber äußerst feindlich eingestellt war. Fea war äußerst mißtrauisch und konnte einfach nicht begreifen, warum ihr Meister gar nicht in Betracht gezogen hatte, daß Aiko nur zugesagt haben könnte, um mit Hilfe der Magie zu fliehen. Sie fand diesen Zweifel sehr berechtigt und versuchte den Magier dazu zu bewegen das Mädchen zu prüfen. Jedoch ohne Erfolg!
Jetzt setzte er sich zu Aiko und begann mit ihr zu reden: „Du weißt, daß in drei Tagen eigentlich unser Unternehmen ‚andere Welt‘ anlaufen sollte. Aber ich habe jetzt beschlossen dich zuerst komplett auszubilden. Es könnte etwas Unerwartetes passieren, wo Leandhra alleine nicht stark genug ist. Ich habe ihr daher befohlen den Termin um drei Wochen zu verschieben. Du bist dann schon eine gut ausgebildete Hexe, so schnell wie du lernst.“
„Ich habe nichts dagegen.“
„Das ist gut. Ich werde dir 2 Tage vorher die Hexenprüfung abnehmen. Danach wirst du noch so manches lernen können, aber die Grundausbildung hast du dann abgeschlossen. Sie dauert bei keiner Hexe sonderlich lange. Das Folgende mag jedoch Jahre dauern, je nachdem für welche Magierichtung du dich eignest. Ich würde bei dir auf Eiszauber tippen, genau kann man das vorher nie sagen. Aber selbst wenn du dich nicht weiterbildest, wirst du eine vollwertige Hexe sein und schon manches bewerkstelligen können.“
„Worin besteht die Prüfung?“
„Das darfst du erst dann erfahren. Es geht dabei darum schnell und mit Geistesgegenwart eine Situation zu bemeistern, auf die man sich nicht speziell vorbereitet hat. Daher muß der Prüfungsinhalt geheimgehalten werden. Du brauchst aber keine Angst haben. Ich werde dich so gut ausbilden, daß du die Prüfung mit Links machen wirst.“
„Dann laß uns gleich weitermachen.“
Die nächsten Wochen waren für Aiko sehr anstrengend. Fea brachte nach ein paar Tagen die Nachricht, daß sich in Edoras bei König Eomer von Rohan Feinde sammelten, darunter Gandalf. Modo konnte darüber nur lachen: „Bis sie eine genügend große Armee haben, um uns anzugreifen, werden wir mit so guten Waffen ausgerüstet sein, daß sie keine Chance haben.“ Er machte Aiko gegenüber inzwischen kein Geheimnis mehr, was seine Pläne betraf. Er wollte Mittelerde unterwerfen und beherrschen. Die Menschen wollte er als „freie Untertanen“ ihr bisheriges Leben weiter führen lassen mit Ausnahme des Adels, den er töten wollte, die Elben sollten seine Sklaven sein. Er versuchte Aiko diesen Gedanken besonders schmackhaft zu machen: „Elben sind viel bessere Sklaven als Menschen. Sie sind sehr viel stärker zu belasten, halten mehr aus und sind unsterblich. Menschen dagegen bringen nur richtig gute Leistungen, wenn sie glauben frei zu sein. Ich werde die Bevölkerung gegen ihre Fürsten und Könige aufhetzen, so daß sie sie selbst stürzen werden und dann die Herrschaft übernehmen.“
„Aber was wird das Volk sagen, wenn sie sehen, daß ihr die Elben versklavt?“
„Die Menschen hier mißtrauen den Elben, viele haben sogar Angst vor ihnen. Sie werden sich für das Schicksal dieser Wesen nicht interessieren. Du wirst doch sicher auch gerne einen hübschen Elben als Diener haben wollen?! Vielleicht diesen Prinzen aus Düsterwald, der eine Zeit bei dir gelebt hat?“
„Wozu braucht ihr eigentlich so viele Sklaven?“
„Für viele Dinge. Wie schon gesagt, Elben sind sehr viel belastbarer als Menschen und ihre Hände sind außerdem sehr viel geschickter. Ich werde sie daher vor allem im Bergbau und als Schmiede einsetzen.“
Bei diesem Gedanken schauderte es selbst Leandhra, die gerade hereinkam. Elben im Bergbau, das war die Höhe! Etwas, das mehr gegen den Charakter dieser naturverbundenen Geschöpfe war, konnte man wahrscheinlich nicht finden. Aber weder Aiko noch Leandhra widersprachen. Stattdessen fragte die Erstere: „Wie wollt ihr sie zwingen für euch zu arbeiten?“
„Das ist einfach. Siehst du diese Armreifen dort in der Vitrine?“ Das Mädchen schaute auf und erblickte die Armreifen. Sie waren aus Gold und ziemlich breit, doch das Metall selber war sehr dünn gearbeitet. Aiko nickte und schaute wieder zu Modo. „Das sind natürlich nur Modelle. Die Armreifen, die die Elben bannen sollen, werden direkt um den Arm gefertigt.“ Aiko erschauerte, denn ihr wurde bewußt, daß dabei das heiße Metall direkt auf die Haut gegossen werden mußte. Der Magier bemerkte es nicht und redete begeistert weiter: „Das Gold wird mit einem nur mir bekannten Zauber versetzt. Allerdings gibt dieser nur Kontrolle über den Körper, nicht aber über den Geist. Es ist manchmal wirklich komisch, wenn man sieht, wie diese Leute sich gegen den eigenen Körper wehren jedoch nichts tun können.“ Aiko sah ziemlich entsetzt aus. „Ich muß sie unbedingt von dieser Sache überzeugen“, dachte Modo. „Am Besten wird es wohl sein, wenn ich über diesen Legolas und seine Freunde den Bann lege und sie Aiko zum Geschenk mache. Das wird ihre Meinung sicher ändern. Sie müssen sowieso aus dem Weg, da meine Leute berichtet haben, daß sie wieder aufgewacht sind, wie immer das zugegangen sein mag.“
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Aiko lernte fleißig und bald beherrschte sie alle Grundlagen der Hexerei. Inzwischen war sie zu der Ansicht gekommen, daß doch irgendwas an dem Geheimnis, von dem Modo ihr gegenüber gesprochen hatte, dran sein mußte, denn Modo widmete ihr ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Die anderen Hexen und Hexer wurden schon Eifersüchtig, da sie keine derart intensive Ausbildung bekommen hatten. Zuerst ängstigte es Aiko , weil sie befürchtete, daß er sie vielleicht als Geliebte wollte, doch inzwischen wußte sie, daß dem nicht so war, sonst hätte er sie anders behandelt. Außerdem erzählte ihr ein alter Diener, daß der Meister niemals etwas mit einer Untergebenen anfing. Angeblich existierte sogar eine Ehefrau, die er liebte und verehrte. Aiko begann sich zu fragen, ob diese Frau ihre Mutter war. Sie wußte schließlich nichts über ihren Vater. War der Grund warum ihre Mutter den Vater nie erwähnte etwa der, daß es dieser schlechte Mensch war? Es würde jedenfalls erklären, warum ihre Mutter im Grunde doch recht schonend behandelt worden und mit einem Gedächtnisverlust davongekommen war.
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Der Tag ihrer Hexenprüfung war für morgen angesetzt. So langsam wurde Aiko echt nervös. Sie saß in dem prächtigen Gemach, daß sie im Turm angewiesen bekommen hatte. Die Einrichtung bestand aus einem großen Schrank, 2 Comoden, einem Tisch mit mehreren Stühlen, einer gemütlichen Sitzecke und einem riesigen Himmelbett, alles aus edlen Hölzern und teuren Stoffen. An der Wand gegenüber dem Fenster gab es einen Kamin mit aufwendiger Steinmetzarbeit, der Schrank und die Comoden waren vollgestopft mit Kleidung nach der Art wie man sie in ihrer Welt trug. Das ganze war kein Vergleich zu der kleinen Kammer, in der sie ihre erste Woche in Isengart verbracht hatte und auch die Zimmer der anderen Hexen waren weniger prachtvoll. Nur Modos eigenes Gemach konnte es mit diesem aufnehmen. Ein weiterer, sehr quälender Gedanke für Aiko.
Jetzt saß das Mädchen auf dem Bett und ging in Gedanken alle Zauber durch, die es in den letzten Wochen gelernt hatte. Sie mußte diese Prüfung bestehen. Eigentlich war sie sich sicher, daß sie es von der Hexerei her schaffen würde, ihre Angst lag woanders: Was war, wenn sie etwas tun mußte, das sie moralisch nicht verantworten konnte?
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Eine Woche zuvor hatte sich im Auenland eine kleine Versammlung zusammengefunden. Sie bestand aus Frodo, Sam, Rosie, Merry, Pippin, Palan, Gimli, Legolas und einem jungen Waldläufer, der Galan hieß. Er war von Gandalf hierher geschickt worden, um den Hobbits zu helfen und sie zu beschützen. Gestern Abend war er angekommen und hatte die drei vermeintlich Schlafenden zu seiner großen Freude zwar noch etwas verschlafen aber wach gefunden. Jetzt wo sie wieder ganz munter waren, wollten sie beraten, was weiter zu tun sei und die Anderen erklärten sich damit einverstanden. Zunächst erzählte Galan, was nach dem Einschlafen der Drei passiert war. Er berichtete von Truppenzusammenziehungen in Edoras und Gandalfs Plänen, soweit er sie kannte. Dann hielt er mit seiner Erzählung inne, als wisse er nicht recht, wie er fortfahren sollte.
Frodo bemerkte das: „Es scheint noch etwas wichtiges zu geben, daß euch nicht recht von der Zunge will!“
„Ja. Es betrifft Aragorn. Er... wir wissen nicht, wo er ist.“
Alle starrten den Sprecher erstaunt an.
„Es ist so: Aragorn und Gandalf sind von hier zusammen fort geritten, um auf dem schnellsten Wege nach Rohan zu gelangen. Nachdem sie die Furt bei Tharbat durchquert hatten, wurden sie von Orks verfolgt. Aragorn sagte dem Zauberer, er solle voraus reiten, da sein Pferd schneller sei. Er wolle sich um die Orks kümmern. Nun, den Spuren nach, die ich gefunden habe, hat er die Orks auch besiegt. Ich folgte seiner Spur vom Kampfplatz in Richtung Rohan. Aber plötzlich hörten die Spuren auf. Es war nichts mehr zu finden“, die letzten Worte sprach Galan so leise, daß die Anderen ihn kaum verstehen konnten.
„Er wird doch wohl nicht auch durch ein Portal geschickt worden sein?“ rief Merry erschrocken.
„Das glaube ich nicht. Aber ich traue diesen Magiern inzwischen zu, daß sie mit ihrer Kraft Spuren einfach verschwinden lassen können.“ Legolas hatte sehr nachdenklich gesprochen. Jetzt fuhr er lebhafter fort: „Ich denke, wir können den Kampf mit der Armee getrost Gandalf überlassen. Aragorn und Aiko brauchen uns jetzt eher.“
Sam schüttelte den Kopf: „Aber wie willst du unbemerkt über die Grauflut kommen?“
„Ganz einfach! Wir müssen die Oststraße hinauf und dann am Gebirge entlang“, warf Galan ein.
Gimli erhob sofort Eiwände: „Das ist viel zu lang. Selbst auf den Ponies, und auch wenn wir in Bruchtal Pferde bekommen, werden wir bestimmt zwei Monate dafür brauchen.“
„Das ist auf jeden Fall viel zu lang. Ich kann nicht sagen warum, aber ich weiß, daß nicht mehr viel Zeit bleibt!“ Diese Worte sprach Frodo.
Pippin rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Schließlich raffte er sich auf und sagte leicht unsicher: „Man könnte den Fluß doch abseits der Furt auf Booten überqueren.“
„Und wo willst du die Boote hernehmen?“
Nun ergriff Palan das Wort: „Nach eurer Abreise ist Pippin nach Hause gekommen und hat uns erzählt, was passiert ist. Eine kleine Gruppe unternehmungslustiger Tucks ist darauf ausgezogen, um sich ein bißchen umzusehen. Sie sind abseits der Straße gegangen und da sie Ponies dabei hatten, haben sie sich zwei Boote gebaut. Zuerst hatten sie eigentlich an ein Floß gedacht, doch es schien durch die schnelle Strömung zu gefährlich und bei 12 Personen ging auch der Bootsbau recht schnell von statten. Gestern sind unsere Verwandten zurückgekommen. Viele neue Nachrichten haben sie nicht mitgebracht, aber ich kann euch sagen, daß die Boote gut versteckt am Ufer liegen. Ich könnte euch nach der Wegbeschreibung sicher dort hinführen.“
„Wie haben sie das denn mitten in der Wildnis bewerkstelligt?“ fragte Gimli erstaunt.
„Sie hatten Werkzeug mitgenommen, da wir uns natürlich schon vorher Gedanken über die Flußüberquerung gemacht hatten.“
„Das hätten wir auch tun sollen“, brummte der Zwerg.
Legolas widersprach sofort: „Wir hatten es äußerst eilig und so ein Boot zu bauen, nimmt bei so wenigen Leuten, die daran arbeiten können, mehrere Tage in Anspruch, wenn es auch die Pferde tragen soll. Außerdem haben wir nur mit ein paar Orks gerechnet, wir konnten nicht ahnen, daß unser Feind so mächtig ist.“
„Du sagst, wir hätten ein paar Tage verloren? Ich darf dich daran erinnern, daß wir so überhaupt nicht angekommen sind?!“
Frodo schlichtete schnell den Streit und Merry erklärte: „Der Plan ist gut, falls die Boote nicht entdeckt worden sind. Palan begleitet uns also. Was ist mit euch Galan? Reitet ihr ebenfalls mit uns?“
„Klar. Als Waldläufer kann ich euch sicher helfen, auch wenn ich noch sehr jung und relativ unerfahren bin.“
„Wir sollten heute Abend aufbrechen und auch schon im Auenland abseits der Wege gehen. Ich befürchte nämlich inzwischen, daß auch das Auenland beobachtet wird“, meinte Legolas.
„Wenn ihr heute Abend aufbrechen wollt, dann werden Pippin und ich uns um den Proviant kümmern. Der Rest ist ja noch von eurem letzten Aufbruch gepackt. Ihr solltet euch jetzt schlafen legen“, sagte Sam und stand auf, um sein Vorhaben sofort auszuführen.
„Schon wieder schlafen“, stöhnte Gimli.
„Beschwere dich lieber nicht“, erwiderte Merry, „Ich kann mir denken, daß wir uns bald wünschen werden etwas mehr davon zu bekommen.“
Diejenigen, die Aufbrechen wollten, legten sich nun schlafen; nur Legolas nicht. Er machte sich große Sorgen und das nicht nur um Aiko und Aragorn. Er fragte sich, wie lange die Bewohner von Beutelsend ihre Abwesenheit verbergen konnten. Wenn sie Glück hatten vielleicht ein paar Tage! Möglicherweise war sogar schon bekannt, daß sie wieder aufgewacht waren. Gimli war leider so unvorsichtig gewesen und hatte sich heute Morgen draußen gezeigt. Inzwischen traute er ihren Feinden alles zu.

 

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