Kapitel 18

Die Hexenprüfung

Aiko wachte sehr früh auf. Sie war sofort hellwach und stand daher gleich auf. Heute war also ihr großer Tag! Aus dem Schrank sucht sie sich praktische und bequeme Kleidung heraus, da sie ja nicht wußte worin ihre Aufgabe bestehen würde, und frühstückte herzhaft. Leider war der Diener, der ihr das Essen brachte, nicht sehr gesprächig und versprach keine gute Ablenkung, deshalb schickte sie ihn gleich wieder fort. Ihre Gedanken schweiften zurück zu der Herausforderung, die sie heute erwartete. Niemand hatte ihr einen Tip gegeben, es war verboten, von der eigenen Prüfung zu erzählen, damit junge Hexen und Hexer wirklich ahnungslos blieben. Viele Leute gab es hier freilich auch nicht zu fragen. Der Magier Modo hatte außer ihr nur die 2 bereits bekannten Hexen, dazu kamen 3 Diener mit sehr geringen magischen Fähigkeiten, die sich aber dennoch als Hexer bezeichnen durften, da sie alle die Grundprüfung bestanden hatten, wenn auch wohl nur mit viel Glück. Ansonsten gab es noch 20 weitere Diener ganz ohne magische Kräfte, der Rest der Bewohner Isengarts bestand aus Orks, deren Anzahl täglich wuchs. Einer der nicht- magischen Diener hatte dem Mädchen erzählt, daß es früher anders gewesen war: 25 Hexen und 30 Hexer standen in den Diensten des Magiers, dazu kamen noch viele magische wie nicht- magische Diener. (Damals hatte Modo es noch nicht nötig, die Leute mit geringerer Begabung auszubilden, sie durften ein wenig von den richtigen Hexen und Hexern lernen, konnten aber keine Prüfung machen. Jetzt nahmen die Drei, die überlebt hatten, eine Sonderstellung ein, da sie zwar noch den Stand von Dienern hatten, jedoch gleichzeitig als Hexer zu den höheren Mitgliedern dieser Gesellschaft gerechnet wurden!) Es war eine große und mächtige Gemeinschaft gewesen, aber sie wurde von Sauron vernichtet, denn dieser duldete keinen Nebenbuhler. Mit Müh und Not hatte Modo sich mit diesem kläglichen Rest seiner einstigen Stärke gerettet. Fea und Leandhra schien das jedoch nicht sonderlich zu stören, da sie nun die wichtigsten, unverzichtbaren Mitarbeiter waren.
Es war bereits früher Nachmittag. Die Zeit schien für Aiko nur zu schleichen und mit jeder Stunde wurde sie nervöser. Sie wußte leider nicht, um wieviel Uhr die Prüfung stattfinden sollte. Endlich klopfte es an der Tür, Leandhra war gekommen, um sie abzuholen. Die Hexe hatte Aiko in der letzten Zeit herzlich lieb gewonnen und das Mädchen hatte inzwischen herausgefunden, daß Leandhra bei weitem nicht so böse und kaltblütig war, wie diese immer vorgab und daher hatte Aiko nichts gegen die Freundschaft einzuwenden. Leandhra war bei Modo geboren worden, weil ihre Eltern schon für ihn arbeiteten. Als ihre Eltern starben, war sie gerade erst vier Jahre alt und wurde deshalb von Modo persönlich großgezogen. (Wenn er bei jemanden eine starke Begabung für die Magie feststellte, war er bereit einiges an Zeit zu investieren.) Ihre Loyalität zu ihm war absolut grenzenlos, doch eigentlich war sie kein wirklich schlechter Mensch.
Den ganzen Weg redete die Hexe auf ihren Schützling ein, um Aiko zu beruhigen, unter anderem erzählte sie, wie nervös sie selbst vor ihrer Prüfung gewesen war, was dem Mädchen aber nicht unbedingt half.
Der Raum, in dem die Prüfung stattfinden sollte, befand sich in einem der Gänge, die unterhalb der Erde in Isengart gegraben waren. Sie gingen tief hinunter zu einem ebenen, breiten Korridor, der zwar viele schmale Abzweigungen hatte, selbst aber lange Zeit schnurgerade verlief, bis er plötzlich abbog und eine Treppe hinunter führte. Der obere Treppenabsatz war sehr breit und knapp über dem Boden war ein mannshohes Fenster angesetzt, von dem aus man in einen sehr tiefen Raum sah. Am unteren Ende der Treppe konnte man eine Tür erkennen, die wohl in den Raum hinein führte. Modo stand mit allen magischen Untertanen vor der Glasscheibe und erwartete sie: „Schön, daß ihr endlich kommt. Ich werde dir nun deine Prüfung erklären, Aiko. Du wirst gleich durch die Tür dort unten in diesen Raum hier hinter mir gehen. Dann wird ein Mann dorthin geführt. Er wird mit einem Schwert und einem Bogen bewaffnet sein. In seinem Köcher befinden sich genau zehn Pfeile. Deine Aufgabe ist, ihn zu besiegen, ohne ihn zu verletzen.“
Aiko atmete heimlich auf.
„Du hast bestanden, wenn dein Gegner kampfunfähig ist. Das heißt, es reicht nicht, wenn du ihm nur die Waffen abnimmst. Wir müssen ihm ohne Schwierigkeiten Fesseln umlegen können.“
„Darf ich erfahren, wer dieser Mann ist?“
„Es ist König Elessar von Gondor. Du kannst dir vorstellen, daß wir einen derart hohen Gefangenen noch brauchen. Sei also vorsichtig!“
Leandhra fügte schnell noch ein paar Erklärungen hinzu: „Er wird dich mit aller Kraft angreifen, da er statt deiner wahren Gestalt ein fürchterliches Monster sehen wird.“ Dann führte sie das Mädchen die Treppe hinunter zur Tür. Aiko betrat den Raum und ging auf die andere Seite. Direkt ihr gegenüber war jetzt das Fenster, Modo nickte ihr gerade aufmunternd zu. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür wieder und ihr Gegner trat ein. Das war also Aragorn!
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Nachdem Aragorn sich von Gandalf getrennt hatte, ritt er den Orks entgegen. Es waren nur Zehn und da Aragorn den Vorteil des Reittiers hatte, war die Geschichte schnell erledigt. Doch kaum ritt er weiter, da griffen die Feinde erneut an. Diesmal war es Fea. Fea hatte eine ganz besondere Art zu kämpfen. Bei ihr befanden sich fünf Helfer, die mehrere Seile trugen. Diese beschwor die Hexe nun. Aragorn erkannte sofort, daß sein Heil nur in der Flucht liegen konnte. Er trieb sein Pferd an, aber im gleichen Moment legte sich eine Schlinge um das Tier, so daß es stürzte. Aragorn sprang schnell auf und zog das Schwert. Verzweifelt versuchte er die Seile zu zerschneiden, doch es waren zu viele, außerdem attackierten ihn die Teile der zerschnittenen Seile weiter, so daß er mit seiner Gegenwehr noch mehr angreifende Stränge schuf. Die Seile wanden sich um seinen Körper, sein Arm wurde gegen seinen Körper gepreßt, so daß er das Schwert loslassen mußte und nach kurzer Zeit war er schließlich völlig eingeschnürt. Nur der Kopf und der Hals waren noch zu sehen. Die Orks schulterten ihn und marschierten davon. Fea befreite das Pferd, führte es ein Stück vom Kampfplatz weg und stieg auf. Dann löschte sie alle Fußspuren und die Tapfen des Pferdes aus.
Ohne Probleme erreichten sie den Isen und folgten dem Flußlauf das Zauberertal Nan Curunir hinauf. Seit Saruman fort war, hatte sich das Tal sehr vorteilhaft verändert. War es früher kahl und voller abgeholzter Baumstümpfe, wuchsen nun überall junge Bäume, Büsche, Gras und sogar Blumen. Modo hatte bei dem Pflanzenwuchs sogar nachgeholfen, nicht aus Naturliebe sondern weil die Vegetation wunderbar zur Tarnung diente. Die Mauern, die Isengart schützten, waren von den Ents niedergerissen worden, die neuen Bewohner von Isengart hatten eine magische Wand zu ihrem Schutz erschaffen, die aber unsichtbar und Tarnung daher notwendig war. Das geheime Tor im magischen Schutzwall konnte nur vom Torwächter und von Modo geöffnet werden.
Durch dieses Tor schritten sie jetzt hindurch, ohne daß Aragorn etwas von der Wand bemerkte. Sie brachten den König ins tiefste Verlies des Turms, es existierte unter Orthanc ein weitläufiger Keller, der sich bis weit unter die Erde erstreckte. Dort lösten sie ihm die Fesseln und ketteten ihn sofort an die Wand.
In diesem Moment trat ihr Meister ein: „Seid vorsichtig mit ihm. Er ist ein äußerst wichtiger Gefangener. Und ich habe noch etwas anderes mit ihm vor, das ihn sicher freuen wird!“
Aragorns Antwort war ein finsterer, vollkommen furchtloser Blick. Er hatte natürlich Angst, aber er war zu Stolz, um seinen Häschern das Vergnügen zu bereiten, sich daran weiden zu können.
Modo und seine Leute verließen nun den Raum. Kaum hatte die Tür sich hinter ihnen geschlossen, da nahm der Magier Fea zur Seite: „Was hältst du von diesem Gedanken: Wir verwenden ihn für Aikos Prüfung?!“
„Es könnte ihm dabei etwas zustoßen. Ein derartiger Gefangener gibt uns Macht, die sollten wir nicht aufs Spiel setzen.“
„Wenn mein Plan aufgeht, werden wir ihn nicht brauchen. Es ist natürlich immer gut, eine Rückversicherung zu haben, aber ich denke, darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Aiko wird sicher keine Schwierigkeiten haben.“
„Ihr müsst tun, was ihr für richtig haltet, Meister.“
„Wir werden ihn verwenden. Es ist eine Ehre für das Mädchen, gegen einen solchen Gegner ihre Prüfung zu machen. Bereite alles vor.“
„Welche Waffen?“
„Schwert, Bogen und Pfeile.“
„Ich werde sofort mit der Planung beginnen. Ich nehme an, daß ich auch das anschließende Fest organisieren soll?“
„Natürlich! Sorge dafür, daß er genug zu essen bekommt und es ihm auch ansonsten nicht zu schlecht geht. Er muß fit sein am Prüfungstag.“
„Soll ich auch dafür sorgen, daß er trainieren kann?“
„Nein, er wird schon nicht zu viel von seiner Form verlieren, bis es so weit ist.“
Fea ging, um die Befehle auszuführen.
Aragorn verbrachte eine äußerst mißliche Zeit im Kerker. Es war vollkommen finster, außer wenn der Diener mit dem Essen kam; das geschah dreimal am Tag. Nahrung bekam er reichlich, fast hatte er das Gefühl gemästet zu werden. Der Diener blieb mit seiner Laterne während des Essens bei ihm, die Ketten, die man um seine Handgelenke gelegt hatte, waren nicht sehr lang, er konnte gerade so seinen Mund erreichen, daher reichte der Diener ihm die Speisen und führte dabei ein belangloses Gespräch mit ihm, das Aragorn aber eine willkommene Abwechslung war.
Schließlich ergriff der König das Wort: „Was hat euer schwarzer Meister eigentlich mit mir vor? Inzwischen habe ich das Gefühl, er will mich herausfüttern und opfern.“
„Nein, so etwas müßt ihr nicht befürchten. Schon allein nicht, weil ihr ein zu wichtiger Gefangener seid. Aber der Meister hat befohlen, daß ihr bei Kräften bleiben sollt. Ihr müßt bald einen schweren Kampf bestehen.“
„Also doch opfern!“
„Ihr habt jedenfalls eine gute Chance zu überleben. Mehr darf ich euch nicht sagen.“
„Wann wird dieser Kampf stattfinden?“
„In drei Tagen. Ich hoffe ihr habt durch die Gefangenschaft nicht zuviel Kraft verloren.“
Doch an diesem Tag ereignete sich noch etwas anderes: Modo hatte doch Sorge bekommen, daß der Gefangene zuviel Kraft verloren haben könnte und angeordnet das zu prüfen. Daher führte man ihn in einen Trainingsraum, wo sich Hanteln und andere Sportgeräte befanden. Unter strenger Aufsicht sollte er ein wenig trainieren. Zehn nicht- magische Diener waren da, aber scheinbar keine Hexe. Daher ging Aragorn darauf ein. Er hob eine relativ schwere Hantel auf, die nah am Eingang lag, doch plötzlich warf er diese auf den Diener, der direkt vor der Tür stand. Bewusstlos brach der Mann zusammen und ehe jemand reagieren konnte, riß Aragorn schon den Schlüssel aus dem Gürtel des Bewußtlosen und schloß die Tür auf. Jetzt erst stürzten sich die Anderen auf ihn und versuchten ihn durch ihre Überzahl zu Boden zu bringen. Doch da kamen sie an den Falschen, Aragorn hatte es vorausgesehen und wich geschickt aus, verteilte ein paar Kinnhacken und bekam so genug Luft um die Tür zu öffnen und hindurch zu schlüpfen. Aber sehr weit kam er nicht, denn im Gang hatten sich zur Sicherheit zusätzlich Leandhra und Fea plaziert. Sie standen aus gutem Grund im Korridor und nicht mit im Raum, hier hatten sie genug Platz und mußten nicht fürchten einen Diener mit ihrem Zauber zu treffen.
Fea benutzte wieder ihre Seilnummer, um den König zu fangen. „So ein Theater nur wegen einem einzigen Gefangenen“, stöhnte sie.
Leandhra mußte lachen: „Na ja, wenn ich mir die Diener anschaue, so braucht Modo sich jedenfalls keine Sorgen über die Stärke dieses Herren zu machen.“
Die letzten drei Tage vergingen schnell und Aragorn wurde geholt. Sie führten ihn zu einem Raum. An der Tür wurden ihm Waffen umgehängt, dann wurde er durch die Tür gestoßen und erst danach die Fesseln zerschnitten. Sofort ging die Tür hinter ihm zu. Anscheinend fürchtete man ihn, aber Aragorn hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn er stand dem widerlichsten Ork gegenüber, den er je gesehen hatte.

 

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