Kapitel 20

Aikos Zauber

Legolas und seine Freunde ritten durch Eriador. Der Elb saß immer noch auf Sam, aber inzwischen mochte er das Pony sehr gern, da Galan die Ereignisse in den Blumenwiesen von Gandalf erfahren hatte.
Bald mußten sie die Grauflut erreichen. Legolas spähte aufmerksam umher, er rechnete jeden Moment mit einem Angriff, seine Gedanken kreisten unablässig um dieses Problem. Je weiter sie kamen, desto unsinniger kam ihm ihr Aufbruch vor. Was konnten sie schon gegen diese Schwarzmagier ausrichten? Und in Isengart konnten erst recht nicht eindringen! Was sollten sie also hier? Endlich erreichten sie die Stelle, an der die Boote versteckt waren. Zu ihrer aller Erleichterung fanden sie sie unversehrt.
Palan, Gimli und Galan wollten gerade das erste Boot ins Wasser schieben, als Legolas das Wort ergriff: „Wartet! Wir müssen erst noch beraten.“
„Worüber willst du beraten?“
„Ich denke, daß wir unser Ziel vielleicht ändern und nach Edoras gehen sollten. Gandalf kann bestimmt Hilfe gebrauchen und niemanden nützt es, wenn wir auch gefangen werden. Oder glaubt einer von euch, daß wir Erfolg haben könnten?“
Die Anderen sahen sich betroffen an. Auch sie hatten bereits ähnliche Gedanken gehabt, aber keiner von ihnen wollte so einfach aufgeben. Sie setzten sich zusammen und diskutierten längere Zeit über dieses Thema, obwohl sich eigentlich alle einig waren, bis ihnen schließlich die Argumente ausgingen. Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Merry: „Wir sollten eine Nacht darüber schlafen und Morgen entscheiden.“
Dieser Vorschlag wurde angenommen. Nach einem eiligen Mahl legten sich bereits die Ersten nieder, obwohl es erst nachmittags war. Legolas und Gimli hatten die erste Wache. Aufgrund ihrer gefährlichen Lage und da sie eine recht lange Zeit zum Ausruhen hatten, war beschlossen worden, daß immer 2 Wache halten sollten. Als nächstes würde Galan mit Merry und danach Legolas noch einmal mit Palan die Wache übernehmen. Darauf hatten sie sich geeinigt, weil der Elb wesentlich weniger Schlaf benötigte und Palan so unerfahren war, daß man ihn lieber mit dem Elben zusammen wachen ließ, da dieser unbestritten die besten Sinne von allen hatte. Wenn man die Fähigkeiten des jungen Hobbits diesbezüglich betrachtete, hätte er im Grunde die Wache auch allein übernehmen können, doch niemand wollte Palan kränken.
Gimli sah dem strömenden Wasser zu: „Gefällt mir gar nicht so nah am Fluß. Hätte dir wirklich etwas früher einfallen können.“
„Ja.“
„Hörst du mir eigentlich zu?“
„Natürlich. Aber was soll ich darauf antworten?“
„Zum Beispiel du hast recht.“
„Okay, du hast recht.“
Gimli starrte seinen Freund an, er konnte die Antwort kaum fassen. Dann brummte er: „Wir sollten doch bei unserem ursprünglichen Plan bleiben, damit wir die junge Dame bald finden und du wieder normal wirst.“
„Rede keinen Unsinn. Ich begreife nicht, wie wir je auf diese Idee kommen konnten.“
„Das war die Euphorie nach unserem Erwachen.“
Den Rest der Wache schwiegen sie.
Langsam ging die Nacht vorüber. Eine Stunde vor der Morgendämmerung weckten Legolas und Palan die Gefährten: „Wir sollten den Fluß jetzt überqueren, falls er bewacht wird.“ Schnell waren sie reisefertig. Die Hobbits murrten leise, weil das Frühstück auf später verschoben wurde. In jedem Boot fand ein Pony Platz. Sie ruderten die ersten 2 über den Fluß, dann folgten Palans und Merrys und zum Schluß ruderte Legolas allein zurück um Sam zu holen.
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Aragorn sah Aiko herausfordernd an. Er war gespannt auf ihre Antwort. Das Mädchen lächelte ihn freundlich an und meinte: „Wenn ihr mit Essen fertig seid, dann können wir ja gehen.“
Der Mann schien sie mit seinen Blicken durchbohren zu wollen: „Was meinst du mit gehen?“
„Wir werden Isengart verlassen und zwar sofort.“
„Wie willst du das bewerkstelligen?“
„Nun es gibt verschiedene Zauber, um von einem Ort zum Anderen zu kommen. Ich selbst bin per Feuerzauber hierher gekommen. Leider ist dieser zu schwer und ich habe ihn noch nicht gelernt. Er gehört nicht zur Grundausbildung. Aber ich weiß einen Anderen.“ Sie zog aus ihrer Tasche 4 lange blonde Haare. Leicht verlegen erklärte sie: „Das sind Haare von Legolas. Ich habe sie irgendwo in meiner Wohnung aufgelesen. Mit ihrer Hilfe können wir uns direkt zu Legolas versetzen.“
Aragorn konnte ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken, doch dann schaute er zweifelnd zu, wie Aiko die Haare zu flechten begann. Er konnte kaum fassen, was hier geschah. Ob das Ganze nur ein wirrer Traum war, aus dem er jeden Moment aufwachen konnte? Oder sollte er wirklich seiner Gefangenschaft entfliehen?
Als das Mädchen den Zopf fertig hatte, stand sie auf und legte die Haare in eine Schüssel mit einer Flüssigkeit. Auf Aragorns erstaunten Blick sagte sie: „Ihr seht, es war bereits alles vorbereitet. Ich hatte schon länger geplant an diesem Tag zu fliehen. Ich wußte ja nichts von eurer Gefangenschaft.“ Sie lachte: „Eigentlich haben wir es Modo selbst zu verdanken, daß nicht alle Vorbereitungen umsonst waren. Ich hätte nie geglaubt, daß er so etwas gleich am ersten Tag zuläßt. Er muß ganz schön betrunken gewesen sein, auch wenn man es ihm nicht angemerkt hat.“
„Warum bist du nicht schon vorher geflohen?“
„Aus 2 Gründen: Erstens brauchte ich Zeit, um die Zaubermittel für den Trank unbemerkt zu stehlen und zweitens wurde ich bisher immer im Auge behalten besonders von Fea. Aber jetzt feiern alle und glauben, daß ich nach meinem Schwur zu ihnen gehöre. Ha!“
„Immerhin hast du geschworen.“
„Ich weiß. Ich glaube aber nicht, daß es verwerflich ist einem solchen Menschen das Wort zu brechen.“
Sie beugte sich wieder über die Schale. Die Haare waren inzwischen weiß geworden. Aiko fischte sie heraus und warf sie fort.
Aragorn warf ihr noch einmal einen forschenden Blick zu und sagte dann: „Aiko, ich habe dir Unrecht getan. Ich habe wirklich geglaubt, daß du, um dich zu retten, die Seite gewechselt hast. Ich möchte mich bei dir entschuldigen und dich darum bitten, daß wir Freunde werden.“
Aiko fühlte sich offensichtlich geschmeichelt: „Ich hätte andersherum wahrscheinlich das selbe gedacht. Ich nehme euer Angebot sehr gerne an. Kannst – du – dir denken, wo Legolas sich aufhält? Der Zauber wird uns nämlich direkt neben ihm landen lassen.“ Das Mädchen nahm an, daß Legolas Aragorn um Hilfe gebeten hatte, denn wie sonst sollte der König in die Gefangenschaft geraten sein. Damit lag sie natürlich nicht all zu weit von der Realität entfernt.
Nun erzählte Aragorn von den Ereignissen seit ihrer Entführung und vom Schicksal seiner Freunde. Aiko hörte betroffen zu: „Ich habe von diesem Zauber gehört. Es ist einer der Schwersten, die es überhaupt gibt. Ich fürchte, ich kann ihn nicht brechen und ich weiß nicht, ob ich jemals so stark werde, daß ich derartige Zauber bekämpfen kann. Doch wir sollten die Diskussion verschieben und hier verschwinden. Wer weiß wann jemand herkommt um dich zurück in die Verließe zu bringen.“
Sie hob die Schale an ihre Lippen und trank daraus, dann reichte sie sie weiter an Aragorn: „Trink den Rest und gib mir dann deine Hand!“
Der Mann gehorchte und Aiko sprach ein Zauberwort, das aus einer ihm unbekannten Sprache stammte. Sorgen um ihre Landung machten sie sich nicht, da sie ja ihre Freunde noch in Beutelsend wähnten. Ein fataler Irrtum! Die Beiden landeten nämlich zu ihrer völligen Überraschung mitten in einem Fluß. Gut nur, daß beide schwimmen konnten, denn die Freunde waren viel zu fassungslos um irgendetwas zu tun. Selbst Legolas starrte sie völlig entgeistert an und vergaß das Rudern. Das gab den Schwimmenden die Gelegenheit sich über Bord zu ziehen. Endlich faßte sich der Elb wieder. Am Ufer angekommen, wurden sie sofort umringt und mit Fragen überschüttet. Aber Aiko und Aragorn wiegelten ab, sie waren erschrocken wegen der Nähe zu Isengart und drängten zum Aufbruch. Da sie keine Pferde hatten, verlangsamte sich nun die Reise jedoch bedeutend und das, wo sie sich doch beeilen mußten, da Modo sicher bald die Pforte von Rohen sperren würde. Daher marschierten sie den Tag und die Nacht durch. Die Hobbits saßen auf ihren Ponies, sie konnten mit den langen Beinen der größeren Mitglieder dieser Gruppe nicht mithalten und Legolas hatte dem Mädchen Sam angeboten, weil es solche Wanderungen nicht gewöhnt war, und Galan führte sein Pony neben seinem Verwandten her, da er sich nicht über den König erheben wollte. Aiko spann einen Verwirrzauber um sie, um etwaige Verfolger abzuschütteln, doch keiner glaubte wirklich daran, daß er Modos viel mächtigere Gefolgsleute täuschen würde. Alle waren der festen Überzeugung, daß ein Entkommen kaum möglich sei. Und doch schafften sie es! Am Abend des zweiten Tages sahen sie die ersten Behausungen des Volkes von Rohan vor sich. Sie rasteten nahe des Dorfes, am Morgen ergänzten sie dort ihre Lebensmittelvorräte und kauften ein Pferd und ein Pony, mehr konnten die Bewohner nicht entbehren. Außerdem bekamen sie dort Nachrichten aus Edoras, die allerdings nicht die Neuesten sein konnten, da die Ortschaft recht abgelegen war. Dennoch beschlossen sie hier einen Tag nach dem Gewaltmarsch zu rasten, damit sie sich wieder erholen konnten.
Trotz ihrer Müdigkeit erzählten Aragorn und das Mädchen nun von ihren Erlebnissen. Aber sie hatten ihrerseits auch viele Fragen über die Heilung der Freunde. So hörte Aiko von Salim.
Palan erklärte im Brusttone der Überzeugung: „Diese Frau muß deine Zwillingsschwester sein, sonst kann eine derartige Ähnlichkeit nicht angehen!“
Aiko schwieg einen Moment und meinte dann in einem nüchternen Ton: „Ich weiß nicht viel über die Vergangenheit meiner Mutter und über meinen Vater weiß ich gar nichts. Wäre also möglich, daß du recht hast.“
„Wieso weißt du nichts über deinen Vater? Hat deine Mutter niemals über ihn gesprochen?“ fragte Legolas erstaunt. Davon hatte sie ihm bisher nichts erzählt.
„Nein.“
Alle schauten betroffen. Nur Gimli maß sie mit abschätzenden Blicken. Der Elb bemerkte es und fühlte heißen Zorn in sich aufwallen. Er konnten dieser Wut aber keinen freien Lauf lassen, da Aragorn in diesem Moment bemerkte: „Es ist schon sehr spät und wir wollen Morgen früh weiter. Wir sollten schlafen.“
Alle befolgten diesen Rat.
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Gegen Mittag betrat Leandhra nach vergeblichem Klopfen das Zimmer ihrer Freundin. Sie fand es leer und entdeckte zu ihrem Erschrecken die Schale. Der Geruch des Tranks lag noch in der Luft und so wußte die Hexe sofort was passiert war. Eigentlich hätte sie es früher ahnen müssen! Sie als Aikos beste Freundin hier hätte wissen sollen, daß ihr so etwas nicht lag und daß ihre Verspätung heute nichts mit einer durchwachten Nacht zu tun hatte. Ohne weiter zu überlegen lief Leandhra zu ihrem Herrn. Sie fand Modo an einem Fenster seines Gemachs stehen.
„Meister, Aiko ist fort.“
„Ich weiß“, war die überraschende Antwort. Nach einer Weile fügte er hinzu: „Ich habe es heute Nacht gespürt.“
Er schwieg wieder eine Zeitlang, bis er fortfuhr: „Du warst ihre engste Vertraute hier, nicht war?“ Dabei drehte er sich zu ihr um.
Vorsichtig nickte Leandhra. Was hatte das zu bedeuten? Hielt er sie etwa für die Gehilfin?
Doch Modo hatte ganz anderes im Sinn: „Nimm dir 3 meiner Diener und suche sie. Bring sie unversehrt zurück! Denke daran, daß wir sie noch für unser Vorhaben brauchen.“
Leandhra verneigte sich und ging.
Modo fuhr fort aus dem Fenster zu starren. Warum hatte er das Mädchen nicht halten können? Er hatte ihr doch alles geboten! Nein, nicht alles! Der Schwarzmagier nahm an, daß Aiko in diesen Elben verliebt war. Das hatte er ihr bisher nicht bieten können! Er ließ Leandhra wieder zurückholen: „Ich erweitere meinen Auftrag. Nehm dir 5 Diener und 30 Orks mit und bring mir zusätzlich noch den Elbenprinzen!“
Modo nahm an, daß Aiko den König nur befreit hatte, da er ein Freund von Legolas war. Da er ausschließlich zu rationalem Denken fähig war, konnte er sich keinen anderen Grund vorstellen. Mitleid war ihm, wie schon einmal erwähnt, völlig fremd. Daher glaubte er leichtes Spiel zu haben: Sobald der Elb sein war, hatte er gewonnen!

 

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