Kapitel 27

Ein kleines Fest

Aiko war jetzt seit vier Tagen in Bruchtal. Jeden Tag erwartete sie, daß Gandalf auftauchte. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter und den vertrauten Dingen ihrer Welt. Doch die Elben hier hatten sie tief beeindruckt, besonders Herr Elrond, den das Mädchen sehr verehrte. Auch hatte sie hier die Naturverbundenheit der Elben gesehen, die sie sonst nur aus Legolas Erzählungen kannte. Wie mußte es erst bei den Waldelben sein! Dennoch wollte Aiko unbedingt nach Hause. Zumindest zunächst. Das Mädchen hatte sich in letzter Zeit darüber viele Gedanken gemacht und hoffte auf Gandalfs Hilfe. Sie wollte den Zauberer bitten, nach Salim zu suchen und diese zu ihr zu schicken oder ein festes Portal einzurichten, durch das sie hierher zurückkommen konnte. „Wenn ich das Armband wieder hätte, dann würde ich hierbleiben, da ich ja immer, wenn ich Heimweh bekäme, meine Heimat besuchen könnte“, dachte Aiko. Sie fragte sich, ob Legolas in diesem Fall mit ihr zusammen bleiben oder sie gar heiraten würde. Sein Volk würde es sicher mißbilligen, besonders da er kein einfacher Elb sondern ein Prinz war. Hier in Bruchtal hatte er sich jedenfalls bis jetzt eigentlich noch gar nicht um sie gekümmert.
Aikos Gedanken wurden gestört, als sich derjenige, an den sie gerade gedacht hatte, neben sie setzte. Er lächelte sie an, doch das Mädchen erwiderte es nicht.
Stattdessen sagte sie: „Ist wirklich nett, dich auch mal wieder zu Gesicht zu bekommen.“
Legolas Lächeln verblasste. „Entschuldige, aber als Prinz habe ich gewisse Verpflichtungen.“
„Wirklich nett“, wiederholte Aiko ärgerlich. „Aber das heißt doch wohl nicht, daß ich dich gar nicht mehr sehen darf.“
Darauf erwiderte der Elb nichts, sondern schaute schuldbewußt fort. Sie saßen oben am Rande des Tals und konnten auf das ‚letzte heimelige Haus‘, wie es oft genannt wurde, herunter blicken. Alles war momentan in rötliches Licht getaucht, da die Sonne gerade unterging. Man hörte Singen und Lachen, das von unten herauf klang, die Elben feierten ein Herbstfest. Es war inzwischen Ende November.
Dieser Gedanke löste bei Aiko mildere Gefühle aus: „Bald beginnt in unserer Welt die Adventszeit.“
„Was bedeutet das, Adventszeit?“
„Das ist die Zeit vor einem Fest, das Weihnachten heißt. Bei uns ist es das wichtigste Fest im Jahr. Die vier Sonntage davor, werden als Adventssonntage bezeichnet. Ab dem 1. Advent beginnt schon die vorweihnachtliche Stimmung. Es ist immer sehr schön. Ich hoffe, daß ich Weihnachten wieder zu Hause bin.“
Legolas ließ den Kopf sinken. „Ich hatte gehofft, daß du vielleicht hier bleiben würdest. Bei mir. Du weißt, ich möchte in Ithilien eine kleine Elbenkolonie gründen. Du könntest meine Königin sein.“ Jetzt war es heraus.
Aiko sah ihn erstaunt an. Sie hatte zwar von dieser Kolonie gehört, aber noch nicht gewußt, daß er den Titel ‚König‘ annehmen wollte.
„Königin? Ich? Also ich weiß nicht, ob ich darauf Lust habe. Außerdem schämst du dich doch schon hier, dich mit mir sehen zu lassen. Wir haben in den letzten Tagen keine zehn Worte gewechselt.“
„Ich schäme mich doch nicht für dich“, rief Legolas schockiert. „Es tut mir Leid, wie wenig Zeit ich für dich hatte. Es wird jetzt bestimmt besser werden. Die erste Zeit, wenn ich irgendwo ankomme, muß ich mich den förmlichen Gepflogenheiten beugen. Das bringt ein Leben als Prinz mit sich.“
Aiko machte ein nachdenkliches Gesicht und neigte den Kopf als Zeichen dafür, daß sie das verstehen konnte. Dann meinte sie: „Aber würden die Elben eine sterbliche Frau als Königin akzeptieren?“
„Oh, es gehen nur Elben mit, die mir sehr verbunden sind. Es werden daher auch nur wenige sein, so etwa 200. Aber sie werden dich sicher verehren, denn ich liebe dich über alles.“ Er zog sie an sich, und legte eine seiner Hände bittend auf ihren Arm. Dabei sah sie mit einem fast unglaublich süßen Lächeln an. „Aiko ich liebe dich. Willst du nicht hierbleiben und mich heiraten?“
In diesem Moment hätte sie ihm am liebsten versprochen, zu bleiben. Aber neben der Sehnsucht nach ihrer Heimat gab es noch einen sehr wichtigen Grund, nach Hause zu gehen. Sie mußte mit ihrer Mutter reden, um Gewißheit über ihren Vater zu bekommen.
„Ich muß unbedingt zurück, Legolas. Ich muß meine Mutter wiedersehen. Vielleicht ist sie auch in Gefahr.“
Sie konnte Legolas Enttäuschung geradezu fühlen. Seine Finger krampften sich um ihren Arm, so daß es weh tat und sein Körper wurde steif.
Schnell fügte sie hinzu: „Aber ich habe mir vorgenommen Gandalf darum zu bitten, mir eine Möglichkeit zu schaffen, zurückzukehren. Vielleicht bleibe ich dann.“
„Vielleicht“, wiederholte Legolas bitter, obwohl er sich wieder entspannte. Selbst wenn sie zurückkam, wieviel Zeit verloren sie! Für einen Elben war ein Menschenleben sehr kurz.
„Störe ich?“ fragte plötzlich eine melodische Frauenstimme hinter ihnen. Legolas ließ Aiko los und sprang auf. Er war anscheinend völlig überrascht.
„Lindell, was machst du hier?“
„Das klingt aber nicht sehr erfreut.“
„Natürlich freue ich mich... Aiko, darf ich dir meine Schwester vorstellen?“
Aiko atmete heimlich auf, denn einen kleinen Moment hatte sie befürchtet, diese Frau könnte ebenfalls eine Geliebte von Legolas sein. Sie stand auf und verneigte sich, wie es hier Sitte war. Das war also Legolas Schwester! Der Elb hatte über sie immer nur in den höchsten Tönen gesprochen, er mochte seine Schwester sehr.
Die Elbin lachte und sagte: „Du brauchst nicht so förmlich zu tun, da du ja anscheinend schon halb zur Familie gehörst.“
„Das wohl eher nicht“, antwortete das Mädchen verwirrt. Legolas hatte sie immer als sehr weise beschrieben und daher hatte sie eine besonders unnahbare und ernste Elbin erwartet. Aber die Prinzessin schien ganz anders zu sein, als alle Elben, die ihr bisher begegnet waren. Sie umarmte Aiko herzlich und küßte sie lachend auf die Wange, ein für eine Elbin völlig untypisches Verhalten, doch das störte Lindell nicht im Geringsten. Jedenfalls hatte sie eine sehr fröhliche Natur und gefiel Aiko sehr.
Während das Mädchen diese Betrachtungen anstellte, tat Legolas sein Erstaunen über das Auftauchen seiner Schwester in Bruchtal kund.
„Darüber wunderst du dich? Ist dir denn nicht klar, daß wir uns schlimmste Sorgen nach deinem Verschwinden gemacht haben?“
„Doch, natürlich. Aber ich dachte, die Nachricht von unserer Suche nach Aiko verbreitet sich schnell und ihr erfahrt dann, daß es mir gut geht.“
„Das haben wir auch. Aber ich wollte dich sehen und als wir hörten, daß ihr euch nach Bruchtal aufgemacht habt, habe ich Vater gebeten, mir die Reise zu erlauben. Er hat es nicht gerne getan, glaube ich. Jedenfalls mußte ich eine Eskorte von 20 Mann mitnehmen. Ich freue mich wirklich sehr, dich zu sehen.“ Bei den letzten Worten fiel sie diesmal ihrem Bruder um den Hals. Aiko betrachtete sie fasziniert.
„Du wunderst dich, nicht war?“ fragte Lindell plötzlich und blinzelte ihr schelmisch zu. „Mich haben schon viele gefragt, ob mein Vater wirklich ein Elb war. Nein, im Ernst, meine Mutter war mit Sicherheit meinem Vater immer treu. Ich habe eben eine besonders fröhliche Art.“
„Du bist schon anders als andere Elben und nicht nur besonders fröhlich“, dachte Aiko mit einem Lächeln. Die Frau war ihr sehr sympathisch.
Währenddessen wandte Lindell sich wieder an ihren Bruder: „Ihr müßt mir alles erzählen, was passiert ist!“
Und so saßen sie bis spät in die Nacht am Rande des Tales und redeten. Erst als Aiko zu niesen begann, machten sie sich auf den Rückweg. Lindell versprach dem Mädchen, für sie, sobald sie im Haus angekommen waren, eine Tasse eines speziellen Kräutertees zu bringen, der eine Erkältung verhindern würde.
Legolas meinte stolz: „Meine Schwester kennt sich sehr gut mit Heilpflanzen aus. Es gibt kaum eine, die sie nicht kennt oder nicht zubereiten kann.“
Der Kräutertee rief bei Aiko Schwindelgefühle hervor, daher ging sie gleich zu Bett, während die Geschwister hinaus zur Feier der Elben gingen, die noch bis zum Morgengrauen andauerte.
---
Es wurde Dezember und der Winter rückte immer näher und mit ihm auch das Weihnachtsfest, doch Gandalf kam nicht. So langsam wurde Aiko ungeduldig. Sie wollte ihre Mutter wiedersehen. Die Elben bemerkten ihre schlechte Stimmung und versuchten alles erdenkliche, um sie aufzuheitern, doch ohne Erfolg, bis Legolas es endlich schaffte, indem er für sie eine kleine Weihnachtsfeier am heiligen Abend organisierte. Er hatte das Mädchen vorher vorsichtig ausgefragt, so daß sie nichts merkte. Aiko freute sich riesig über diese Überraschung, da es klar war, daß Legolas sich wirklich viel Mühe gegeben hatte. In einer Ecke ihres Zimmers stand ein kleiner Weihnachtsbaum (er war ausgegraben und eingetopft, da Legolas es nicht übers Herz gebracht hatte, ihn zu fällen). Er und seine Schwester hatten den Baum dann mit vergoldeten Nüssen und vielen Lichtern geschmückt. Darunter lagen Geschenke. Im ganzen Zimmer standen Kerzen und an den Wänden hingen Sterne aus Gold. Da außer Aiko und Legolas nur Lindell dabei war, fiel sie dem Elben um den Hals und küßte ihn. „Es ist wirklich wundervoll. Du bist großartig.“
Legolas wurde verlegen und erklärte: „Lindell hat mir geholfen.“
Diese schmunzelte: „Du glaubst gar nicht, was das für eine Arbeit war, die Nüsse zu vergolden. Aber wir konnten nichts anderes finden, was sich als Weihnachtsbaumschmuck geeignet hätte.“
„Ihr habt doch nicht etwa auch die Halter für die Kerzen selbst geschnitzt?“
„Natürlich. Was sonst? Hier ist bisher noch niemand auf die Idee gekommen, Bäume mit Lichtern zu schmücken. Der Brauch gefällt mir übrigens. Nur würde ich den Baum draußen lassen.“
„In meiner Heimat geht das schlecht, denn um diese Jahreszeit regnet es viel. Manchmal schneit es auch.“
„Legolas erzählte mir, daß das Fest erst nach Sonnenuntergang beginnt? Warum ist das so?“
Aiko begann zu erklären. Sie erzählte auch von den Weihnachtsbräuchen und von ihrer Religion, zum Schluß sagte sie die Weihnachtsgeschichte auf, die sie als Kind so oft gehört hatte, daß sie sie auswendig konnte. Die Elben fanden diese Geschichte ziemlich merkwürdig, sagten aber nichts. Wahrscheinlich erschien Aiko ihre Religion genauso merkwürdig.
Zum Schluß meinte das Mädchen noch: „Heute ist Weihnachten nicht nur ein religiöses Fest. Man feiert es auch als das Fest der Familie und des Friedens.“
„Sehr schön. Wir sind deine Familie, also können wir mitfeiern, obwohl wir eine andere Religion haben“, meinte Lindell schmunzelnd. Für sie stand fest, daß Aiko und Legolas zusammengehörten und früher oder später heiraten würden und nutzte jede Gelegenheit, den beiden das zu sagen, damit sie es auch ja begriffen.
Den Rest des Tages und des Abends verbrachten sie damit, Weihnachtslieder zu singen. Die Elben lernten die einfachen Melodien schnell, Lindell konnte sie manchmal sogar auf ihrer kleinen Harfe mitspielen. Es war schon sehr spät, als Lindell plötzlich sagte: „Aiko, du mußt noch deine Geschenke auspacken.“
Das war dem Mädchen ein wenig unangenehm: „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Diese Feier ist schon das schönste Geschenk, das ihr mit mir machen konntet. Außerdem habe ich für euch ja keine Geschenke.“
„Die Geschenke sind nur von Legolas. Ich habe damit nichts zu tun. Außerdem ist es nicht ungewöhnlich, daß ein Verehrer seiner Angebeteten Geschenke gemacht, oder?“
Aiko ging zu dem Baum hinüber und nahm eines der 3 Geschenke, um es auszupacken. Es enthielt ein wunderschönes Ballkleid aus roter Seide, verziert mit Silberstickereien.
„Das ist wirklich wunderschön. Ähm... aber wann soll ich das tragen?“
„Ihn ein paar Tagen zum Beispiel. Zum neuen Jahr gibt es nämlich ein großes Fest. Da brauchst du doch etwas zum Anziehen. Pack auch die anderen aus.“
In dem zweiten Paket waren passende Schuhe zu dem Kleid. Gut, daß Legolas daran gedacht hatte, denn Aiko trug zwar Hosen und Hemden nach Mittelerde- Art, manchmal auch Kleider, dazu hatte sie jedoch Turnschuhe an, die ihr Modo geschenkt hatte. Nicht gerade passend für ein Ballkleid! Das dritte Geschenk enthielt eine feine Silberkette mit einem kleinen Smaragd als Anhänger. Das Mädchen bedankte sich bei Legolas mit einem langen, leidenschaftlichen Kuß. Als die beiden wieder aufblickten, war Lindell verschwunden.
„Wie wär’s, wenn du noch etwas bleibst?“ fragte Aiko mit einem schelmischen Lächeln.
---
Am nächsten Morgen wachte Aiko sehr früh auf und war dennoch sofort munter. Sie sprang aus dem Bett, zog sich schnell an und lief dann in die Küche, um die Elben dort zu bitten, ihr den Backofen zu überlassen, damit sie Plätzchen backen konnte. Damit brachte sie die gesamte Planung in der Küche durcheinander und außerdem stand sie irgendwie ständig im Weg, doch die Elben ärgerten sich nicht darüber, denn sie sahen, mit welcher Freude das Mädchen dabei war. Backen war eine Leidenschaft von ihr.
Während sie noch in der Küche beschäftigt war, begann es draußen zu schneien.
„Wie merkwürdig!“ meinte einer der Elben. „Gewöhnlich schneit es hier in Bruchtal nie im Dezember. Nur im Januar und Februar haben wir ein wenig Schnee.“
Aiko strahlte: „Als ob es extra für mich schneien würde. Weiße Weihnachten, toll.“
Am Nachmittag hatte es so viel geschneit, daß Lindell und sie sich eine Schneeballschlacht liefern konnten. Legolas sah schmunzelnd zu.
„Was grinst du da so vor dich hin?“ fragte seine Schwester ihn.
„Anscheinend habe ich es hier mit zwei Kindern zu tun. Von Erwachsenen und besonders von einer Elbin hätte ich ein solches Verhalten nie erwartet! Schämt ihr euch nicht wenigstens ein bißchen?“
„Warum sollten wir uns schämen?“ erwiderte Lindell und warf einen Schneeball so geschickt, daß er genau auf Legolas Kopf aufkam. Der Schnee setzte sich in seine Haare und fiel unangenehmer Weise auch in seinen Kragen, worauf Legolas ein recht bedröppeltes Gesicht machte und sich schleunigst außer Schußweite begab.
Am Abend saßen die drei wieder beim Tannenbaum und sangen Weihnachtslieder.

„Fröhliche Weihnacht überall...“

 

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.