Kapitel 28


Das Neujahrsphänomen

Nach Weihnachten begann Aiko sich ernstliche Sorgen um Gandalf zu machen. Sie konnte nicht sagen warum, hatte aber ein unerschütterliches Gefühl, daß dem Zauberer etwas zugestoßen sei. Sie redete mit Legolas darüber, doch dieser lächelte dann immer nachsichtig und tat alles, um sie beruhigen; trotz aller Mühe gelang es ihm jedoch nicht. Das machte wiederum den Elben besorgt und er versuchte möglichst viel Zeit mit seiner Geliebten zu verbringen, obwohl das so langsam allen Bewohnern Bruchtals auffallen mußte und vor allem auch den Soldaten Düsterwalds, die Lindell hierher begleitet hatten. Inzwischen war ihm das jedoch egal.
Drei Tage nach Weihnachten ging Legolas frühmorgens in einem Wäldchen in der Nähe Bruchtals spazieren. Als er auf eine Lichtung trat, sah er zu seinem Erstaunen Aiko dort an einem Bach sitzen und mißmutig ins Wasser starren. Er setzte sich zu ihr und legte seinen Arm um sie: „Machst du dir wieder Sorgen um Gandalf?“
„Ich mache mir die ganze Zeit Sorgen um Gandalf.“
„Das solltest du nicht tun. Gandalf ist ein Istari und selbst wenn er wirklich in Schwierigkeiten steckt, dann kann er sich selbst helfen.“
„Hmm“, brummelte das Mädchen. Legolas hatte das ungute Gefühl, daß ihrer schlechten Laune heute nicht beizukommen sein würde.
„Wir sollten zurück zum Haus gehen Gîlnya. Du erkältest dich noch, wenn du hier auf dem kalten Boden sitzt.“
Da sprang Aiko plötzlich wütend auf: „Mußt du eigentlich immer alles besser wissen? Das geht mir verdammt auf die Nerven!“
Der Elb sah sie fassungslos an: „Aber Gîlnya, ich meinte es doch nur gut.“
„Prima. Du kannst von mir aus andere herum kommandieren, Herr Prinz, aber ich lasse mir das nicht gefallen. Ich bin keine von deinen Untertanen und auch wenn ich nicht adlig bin, muß ich mir das nicht gefallen lassen!“
Sie stürmte davon, einen völlig entsetzten Legolas zurücklassend. Doch nur wenige Minuten später kam sie eilig zurück und sah den Elben immer noch mit traurigem Blick am Boden sitzen. Sie kniete sich neben ihn und schlang ihre Arme um seinen Hals: „Oh Legolas, es tut mir Leid. Ich hab’s nicht so gemeint.“
Ihr Geliebter wendete den Kopf ab: „Du hast mich verletzt.“
„Ich weiß. Es tut mir unendlich leid“, wiederholte sie und küßte ihn. „Ich hätte meine Wut nicht an dir auslassen dürfen.“
Dieser Satz ließ Legolas aufhorchen. Aikos schlechte Laune war also nicht allein auf Gandalfs Ausbleiben zurückzuführen.
„Stört es dich eigentlich, daß ich keine Adlige bin?“ fragte das Mädchen plötzlich.
Auf einmal war sein Ärger wie fort geblasen: „Mich stören? Aber warum denn, Gîlnya? Das ist mir doch völlig egal, meine Geliebte. Wie kommst du nur auf so etwas?“
„Weißt du, ich habe vorhin einen der Elben aus Düsterwald getroffen und der hat zu mir gesagt, er verstehe nicht, warum du dich überhaupt mit mir abgeben würdest. Ich sei ja nicht mal adlig.“
Diese Worte machten Legolas sehr betroffen. Er hatte ihre Liebe ja bewußt nicht mehr geheimgehalten, dabei auch den Unmut der Soldaten seines Vaters in Kauf genommen und sich nicht um etwaige Bemerkungen von ihnen geschert. Bei dieser Lage der Dinge hätte er sich eigentlich denken müssen, daß sie Aiko, wenn sie sie einmal alleine trafen, ihren Ärger spüren lassen würden. Auf einmal hatte er das Gefühl, Aikos Wut verdient zu haben, denn indirekt war er ja an dem Geschehen schuld. Schnell zog er sie auf seinen Schoß und legte ihren Kopf an seine Brust.
„Höre nicht darauf. Dieser Elb versucht uns auseinander zu bringen, aber das werden wir uns nicht gefallen lassen! Ich hoffe, daß er dir nicht noch mehr gesagt hat?!“
„Einiges, aber ich mag es nicht wiederholen.“
„So eine Unverschämtheit! Du mußt es mir unbedingt sagen, Liebste. Ich muß es wissen, hörst du?“
„Ach nein, das ist nicht nötig. Reg dich doch bitte nicht so darüber auf.“
„Ich will mich aber aufregen! So ein Verhalten gegen dich dulde ich nicht. Wenn wir wieder in Bruchtal sind, werde ich den Soldaten was erzählen! Keiner von ihnen wird dir jemals wieder etwas unfreundliches sagen!“
Legolas kochte geradezu vor Wut und bot in seinem Zorn einen erschreckenden Anblick. Er hielt Wort und sagte den Elben aus Düsterwald gehörig seine Meinung. Die Elben schien es zu beeindrucken. Sie begegneten dem Mädchen ab diesem Zeitpunkt nur noch freundlich.
„Sie haben eingesehen, daß sie deine Gefühle für Aiko nicht ändern können“, behauptete Lindell lächelnd. „Aber du solltest dennoch aufpassen, damit zumindest niemand herausfindet, daß sie bereits deine Geliebte ist. Denn dann würde sie im Ansehen aller stark sinken.“
„Ich weiß, Lindell. Das mußt du mir nicht erst sagen“, erwiderte ihr Bruder.
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Mit dem Jahreswechsel kamen die Jultage. Die Jultage bezeichneten im Auenlandkalender den letzten und den ersten Tag eines Jahres. Sie waren im Auenland wichtige Feiertage und daher feierten die Elben Bilbo zu liebe ein Fest in der Nacht zwischen den beiden Tagen. Für sie selbst war der Beginn eines neuen Sonnenjahres nicht so wichtig, es interessierte sie nur insoweit es die Jahreszeiten betraf, weshalb es bei ihnen auch in 6 Jahreszeiten von unterschiedlicher Länge eingeteilt war. Es wurde daher auch als ‚loa‘ bezeichnet, was >Wuchs< bedeutet. Ansonsten rechneten sie in größeren Zeitspannen: Ein ‚jén‘ betrug 144 Sonnenjahre.
Dieses Fest zu Neujahr nun sollte ähnlich ablaufen, wie das, welches zu Frodos Genesung gegeben worden war: Zuerst sollte ein Festmahl stattfinden und anschließend würden alle in die Halle des Feuers gehen, wo es Gesang geben sollte.
Aiko stand vor dem Spiegel und staunte darüber, wie anders sie in diesem Kleid aussah. Wie eine Fürstin! Fast hätte sie die Zeit vergessen, doch Lindell schaute bei ihr vorbei und erinnerte sie daran, daß sie sich nun eiligst zum Festsaal begeben müsse, wenn sie pünktlich sein wollte. Schnell unterwarf sie ihr Spiegelbild noch einmal einer letzten Prüfung: Jetzt sah sie zumindest aus wie die Frauen von Mittelerde.
Als sie zur Tafel schritt, dachte sie daran, wie fehl sich Frodo zuerst bei dem Fest gefühlt hatte. Jetzt konnte sie verstehen, warum, denn es erging ihr nicht viel besser. Zum Glück war ihr Platz neben dem des alten Hobbits und Bilbo begrüßte sie vergnügt, um sie gleich darauf in ein Gespräch zu verwickeln. Aiko war darüber sehr froh, da sie in dieser Welt Schwierigkeiten hatte, sich korrekt zu verhalten. Immer passierten ihr Fehler, die die Elben Bruchtals aber gewöhnlich großzügig übersahen, da sie sich denken konnten, daß in ihrer Welt manches anders war. Sie redete daher angeregt mit Bilbo und machte dabei gleich den nächsten Fehler, indem sie ihren Tischnachbarn zur Rechten völlig ignorierte, der ihr das jedoch nicht übelnahm. Nur einer störte sich daran. Der Elb, Aiko wußte seinen Namen nicht, aber er war einer der Ratgeber Elronds, mochte sie anscheinend nicht, jedenfalls hatte er, schon seit sie hier eingetroffen war, öfter spöttische Bemerkungen über das Äußere des Mädchens gemacht, wenn sie mal wieder Hosen angezogen hatte, was nicht selten vorkam, denn die Kälte des Dezembers konnte sie in einem Kleid kaum ertragen. Jetzt saß er unglücklicher Weise direkt gegenüber und ignorierte sie zunächst völlig, bis er ihren Fehler bemerkte und daraufhin eifrig geschickt verpackte Bemerkungen abschoß über dumme Menschen, die die Anstandsregeln nicht kannten. Aiko fühlte denn auch den Stich deutlich, obwohl sie sich nicht recht im Klaren war, was sie falsch gemacht hatte. Warum hatte dieser Elb nur etwas gegen sie? Doch auch ihr Tischnachbar hatte das Gift bemerkt, das dieser andere Elb ausstreute und half Aiko mit ein paar freundlichen Worten aus der Situation, wofür diese ihm sehr dankbar war. Fortan traute sie sich auch von Zeit zu Zeit ein Gespräch mit ihm zu führen, auch wenn sie dabei sehr anstrengen mußte, beim Reden nicht in Umgangssprache zu fallen, denn alle Elben legten immer großen Wert auf eine saubere und höfliche Sprache.
Dann war das Festmahl zu Ende und sie gingen zur Halle des Feuers, wo bald der Gesang beginnen sollte. Aiko hielt nach Legolas Ausschau, beim Festmahl hatte sie fast am Ende des Tisches gesessen, während der Elb ganz vorn neben Herrn Elrond seinen Platz gehabt hatte. Auch jetzt ging er neben Herrn Elrond und im Saal wurde ihm der Sessel angeboten, in dem früher immer Arwen gesessen hatte. Dafür gab es einen besonderen Grund: Bevor der Gesang begann, sollte er für alle Bewohner von Bruchtal seine Geschichte erzählen, die bisher nur Herr Elrond gehört hatte. Aiko war ein wenig verstimmt darüber, daß Legolas ganz allein über ihre Abenteuer berichtete, denn schließlich hatte sie genauso daran teilgehabt, aber schließlich war er ein Prinz und sie nicht adlig.
Das Erzählen der Ereignisse nahm eine geraume Zeit in Anspruch, denn Legolas berichtete besonders ausführlich über die andere Welt, doch endlich begann die Musik und kurz darauf stimmten die Sänger mit ein. Das Mädchen bewunderte, wie Gesang und Melodie miteinander verschmolzen, als wären sie eins, nach einer Weile jedoch begann ihr Kopf schwer zu werden und Müdigkeit breitete sich in ihrem Körper aus. Wieder kam ihr Frodo in den Sinn, der bei seinem Fest eingeschlafen war. Das wollte sie nicht auch erleben, daher stand sie mühsam auf und ging hinaus. Als sie an der Tür zurückblickte, merkte sie, daß Herr Elrond ihr nachsah. An der frischen Luft draußen wurde die Müdigkeit ein wenig besser, verschwand jedoch nicht ganz. Der Gedanke zurückzugehen, war ihr auf einmal unerträglich und so wanderte sie ziellos durch die stillen Gänge und Räume Bruchtals, bis sie leise Schritte hinter sich hörte. Vielleicht war Legolas ihr gefolgt, um doch noch ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie drehte sich schnell um, aber es war nicht ihr Geliebter. Aiko staunte nicht schlecht, als sie sah, wer vor ihr stand.
„Herr Elrond.“
„Ich bitte um Entschuldigung, falls ich dich erschreckt habe. Ich würde gerne mit dir reden. Dort drüben stehen zwei Stühle, am besten setzen wir uns.“ Sie nahmen Platz, dann sprach er weiter: „Aiko, wie alt bist du jetzt?“
Diese Frage hatte das Mädchen nicht erwartet. „18, warum?“
„Ist es wirklich schon so lange her?“ meinte der Elb leise, als spräche er zu sich selbst. „Mir kommt es vor wie gestern, als deine Mutter schwanger hierher kam.“
„Ihr kennt meine Mutter?“
„Ja, ich kenne Corinna. Ich habe doch recht, daß sie deine Mutter ist?“ Aiko nickte. „Ich dachte es mir sofort, als ich dich das erste Mal sah. In deinem Alter war sie dir im Aussehen sehr ähnlich.“
„Ich wußte bisher nicht mal, ob meine Mutter jemals in Mittelerde gewesen ist“, erwiderte das Mädchen matt.
„Als junge Frau kam sie öfter nach Bruchtal. Kurz vor deiner Geburt habe ich sie das letzte Mal gesehen.“
„Wenn ihr meine Mutter von früher kennt, dann wißt ihr vielleicht, wer mein Vater ist?“
Auf diese Frage sah sie Herr Elrond mitleidig an und sagte: „Das ist ein Geheimnis, das nur dein Vater lösen kann.“
„Aber ihr wißt es?“
„Alle, die damals Kenntnis davon hatten, mußten einen Eid schwören, es niemals zu verraten.“
„Aber warum?“ Es klang ziemlich verzweifelt.
„Um dich zu schützen, Aiko. Ich weiß, daß diese Antwort dich im Moment kaum trösten kann, doch irgendwann wirst du es verstehen. Eines Tages wirst du das Geheimnis deiner Herkunft lüften. Wie und wann ist mir verborgen, aber ich sehe voraus, daß du es erfahren wirst. Leider habe ich keinen Einfluß darauf. Wenn ich es dürfte, würde ich dir alles sagen, was ich weiß.“
„Könnt ihr mir denn wenigstens etwas über Salim erzählen? Ich meine, wißt ihr, ob sie meine Schwester ist?“
„Ich habe niemals etwas darüber erfahren. Ich wußte nicht einmal, ob Corinna einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt gebracht hat.“
„Ich finde das alles verdammt unfair!“
„Das kann ich gut verstehen, Aiko.“ Einen Moment saß der Elb in Gedanken versunken da, dann erhob er sich und sagte: „Nun muß ich wieder zum Feuer zurück.“
Kaum war er fort, wurde Aiko wieder von einer Welle Müdigkeit ergriffen, ihre Glieder waren so schwer, als wären sie aus Blei und die Augen wollten kaum offen bleiben. Einen Moment kämpfte das Mädchen dagegen an, dann gab sie auf und stemmte sich mühsam hoch, um sich auf den Weg zu ihrem Zimmer zu machen. Er erschien ihr ewig lang und zweimal torkelte sie gegen eine Säule und stieß sich unangenehm den Kopf. Die Augen hatte sie nur einen Spalt breit geöffnet. In ihrem Zimmer schaffte sie es gerade noch ihre Schuhe fort zu schleudern, dann sank sie auf ihr Bett und schlief ein. Sofort begann sie zu träumen.

Es war ein merkwürdiger Traum!
Ihr Körper und ihre Seele schienen sich zu trennen. Wie ein durchsichtiger Schleier schwebte sie aus ihrem Körper und konnte ihn vor sich liegen sehen, Herzschlag und Atmung hatten sich verlangsamt, so daß sie kaum noch zu bemerken waren. Aiko stellte fest, daß sie alles unter ihren durchsichtigen Händen spüren konnte, aber das Anfassen war unmöglich, ihre Finger glitten durch alles hindurch. Jedoch konnte sie noch immer Sachen durch ihre Zauberkraft schweben lassen. Was sollte sie tun? Ein Gefühl sagte ihr, daß sie das Haus verlassen mußte. Also schritt sie einfach durch die Tür, deren Holz ihr keinen Widerstand bot. Im Gang begegnete sie einem Elben, der durch sie hindurchging, ehe sie reagieren konnte. Offensichtlich sah er sie nicht. Draußen wehte ein sanfter Wind. Ein Schreck durchfuhr das Mädchen, als sie plötzlich vom Wind erfaßt wurde. Der Boden entschwebte und sie konnte die Vorberge des Gebirges unter sich sehen, zwischen denen Bruchtal verborgen lag. Schnell hatte sie das Tal aus den Augen verloren und langsam begann sie von ihrem bisherigen Standort in Richtung Furt davon zu gleiten, dann wurde sie immer schneller, bis sie glaubte auf einer Sturmböe zu reiten. Es ging an der Oststraße entlang, weiter und weiter. Endlich kam das Auenland in Sicht und das schien ihr Ziel zu sein, denn der Wind schwächte ab. Schließlich verebbte er ganz und sie kam vor dem Eingang einer Höhle zu stehen. Nach Bilbos Beschreibung konnte das nur Beutelsend sein. Aiko trat durch die Tür und hörte Stimmen, denen sie in ein Wohnzimmer folgte. Dort sah sie ihre Vermutung bestätigt, denn einer der dort sitzenden Hobbits fragte gerade: „Was meinst du dazu, Herr Frodo?“
Das mußte Sam sein und die Frau neben ihm seine Gattin Rosie.
Ihnen gegenüber saß Frodo, der sich gerade anschickte zu antworten: „Ich weiß auch nicht. 4 Wochen Verspätung sind sehr viel, zumal Gandalf normal immer pünktlich ist. Eigentlich wollte er schon längst in Bruchtal sein. Es muß etwas Gewichtiges passiert sein, das ihn aufgehalten hat.“
„Ob ihm etwas zugestoßen ist?“
„Eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen, aber man kann nie wissen. Saruman hat ihn damals auch gefangengenommen.“
„Doch seitdem ist Gandalf stärker geworden. Schließlich ist er jetzt Gandalf der Weiße“, erwiderte Sam.
„Stimmt. Außerdem können wir sowieso nichts tun, da wir nicht wissen, wo er hingegangen ist. Wir sollten jetzt schlafen gehen.“
Die Anderen stimmten zu und so zog auch Aiko sich zurück. An der Tür begegnete sie Pippin, der leicht angetrunken wirkte. Er kam wohl aus einem Wirtshaus.
Aiko dachte an das eben gehörte zurück. Gandalf war also verschwunden!
Vor der Höhle ergriff sie wieder ein Wind. Diesmal trieb er sie nach Norden, bis dort wieder Berge in Sicht kamen. Aiko rief sich die Karte von Mittelerde aus ihrem „Herr der Ringe“- Buch ins Gedächtnis und ging sie im Geist genau durch. Das mußten die Evendim- Berge sein, wo die erste Hauptstadt des nördlichen Königreiches Anuminas am Lenulal- See lag. Später wurde es Fornost, wo Aragorns Sippe noch immer wohnte und Anuminas verfiel. Von der ursprünglich so prächtigen Stadt waren nur Ruinen übrig, die das Mädchen nun direkt unter sich sehen konnte. Der Wind hörte so plötzlich auf, daß sie 10 Meter tief hinabfiel, aber sie fühlte keinen Schmerz und konnte ohne Probleme aufstehen. Die Ruinen ragten grau und drohend aus der Dunkelheit um sie herum auf und wirkten richtig unheimlich. Manche Häuser waren schon völlig verfallen, manche standen noch, sahen jedoch so aus, als ob man sie nur unter Lebensgefahr betreten könne. An einem Gebäude direkt neben ihr brach geräuschvoll ein großes Stück Mauer ab und erschreckte Aiko fürchterlich, obwohl sie ja nicht getroffen werden konnte. Sie hatte sich immer noch nicht ganz beruhigt, als sie sich auf den Weg durch die Geisterstadt machte.
Aus einiger Entfernung drang Lärm zu ihr, dem sie folgte. Bald war sie sich sicher, daß es Kampflärm war, der zu ihr drang. Sie hörte klirrende Waffen, Schmerzensschreie und ein fürchterliches Geschrei aus unzähligen Kehlen.
Der Weg dorthin war lang, viel länger wie erwartet, denn die Stadt war wesentlich größer, als sie von oben im Dunkeln hatte sehen können. Wie schade, daß alles verfallen war! Man konnte den Ruinen noch ansehen, daß die meisten früher stattliche Bauten gewesen sein mußten. Endlich erreichte sie das Schachtfeld. Was sie sah, nahm ihr schlicht den Atem: Vor der Ruine eines zweistöckigen Hauses tummelten sich hunderte von Orks, während aus dem Haus Blitze auf die angreifenden Scharen abgeschossen wurden. Gandalf mußte dort sein. Auch die anderen Seiten des Hauses schienen von Orks belagert zu werden. Unbehelligt schritt Aiko durch die Orks auf die Ruine zu. Die Tür war mit Steinen verrammelt, durch die sie ebenso einfach hindurch schritt, wie durch das Holz. Die Blitze waren aus dem zweiten Stock gekommen, daher schritt sie die morsche Treppe hinauf, wobei sie sich wunderte, daß jemand hier mit einem Körper aus Fleisch und Blut überhaupt hatte hinauf gehen können, ohne die Stufen zum Einstürzen zu bringen. Dann stand sie in einem großen Raum, der den ganzen zweiten Stock ausfüllte. An jeder der vier Wände war ein großes Fenster, an dem jeweils eine Person stand. Aiko erschreckte ein wenig, als sie merkte, daß eine junge Frau dabei war, die ihr bis aufs Haar glich. Das war also Salim! Endlich sah sie diejenige, die vielleicht ihre Schwester war und konnte doch nicht mit ihr sprechen. Ihre Enttäuschung darüber war nicht gering, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden.
Gandalf verteidigte die Vorderseite des Hauses und Salim die Rückseite, an den Seiten stand je ein Waldläufer mit Bogen. Auf dem Boden lagen grob geschnitzte Holzpfeile ohne Metallspitze, die anscheinend aus dem überall herumliegenden Holz gefertigt waren. Dennoch fand jeder Pfeil tödlich sein Ziel, denn die Orks unten trugen nur sehr unzulängliche Rüstungen und die Waldläufer, die bessere Augen als andere Menschen hatten, trafen die kleinsten Lücken in der schützenden Kleidung. Salim legte die Hände aufeinander und zog die obere Hand hoch, wobei sich ein spitzer Eiszapfen zwischen den beiden Händen bildete. Diesen schleuderte sie hinunter, er mußte ein tödliches Geschoß sein. Der Vorgang dauerte kaum zwei Sekunden, dann schuf sie schon den nächsten Zapfen. Gandalf hatte kleine Holzsplitter auf der Fensterbank aufgeschichtet. Er nahm immer zwei oder drei gleichzeitig in die Hand, zündete sie an und warf sie als kleine bunte Blitze hinunter. In der Mitte des Raumes lagen mehrere Decken und ein trübseliger Rest Lebensmittel, die Belagerung mußte also schon länger andauern. Mit dem ersten Sonnenstrahl war der Angriff plötzlich vorbei. Die Orks stellten die Kampfhandlungen ein und hörten auch mit dem Nerven zerfetzenden Geschrei auf, wofür Aiko sehr dankbar war. Sie hatte es kaum noch ertragen können.
Gandalf reckte sich mühsam und Salim rieb sich mit leidender Miene die Hände: „Ich fühle meine Finger schon gar nicht mehr. Und Eiszapfen kann ich nicht mehr sehen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich halte das nicht mehr lange aus.“
Gandalf wandte keinen Blick von der Menge unten und erwiderte: „Keiner von uns wird das noch lange durchhalten. Seit drei Wochen sind wir belagert und jeden Tag werden es mehr Orks. Bisher haben sie nur versucht uns auszuhungern, aber jetzt, wo sie so viele sind, werden sie jede Nacht angreifen. Wie viele Pfeile habt ihr noch?“
„Etwa hundert, aber wir können noch ein paar Pfeile aus dem Balken da schnitzen, wenn wir noch die Kraft dazu aufbringen. Ich brauche dringend Schlaf und viel Zeit haben wir nicht, denn wir haben Winter und es wird früh dunkel. Die Atempause wird zu kurz sein.“
„Die Pfeile aus dem Balken werden uns auch nicht mehr viel helfen. Schlaft jetzt. Ich werde die erste Wache übernehmen.“
Die Anderen sanken erschöpft zu Boden und schliefen sofort ein, gerade dort, wo sie vorher gestanden hatten auf dem nackten Boden. Sie waren selbst zu müde, um sich ihre Decken zu holen und Essen war sowieso kaum noch vorhanden. Es wurde unheimlich still. Nervös sah Aiko zum Fenster hin. Was ging draußen vor? Sie trat neben den Zauberer, um hinaus zu schauen. Da wandte dieser zum ersten mal den Blick von den Feinden ab, drehte den Kopf zu ihr und fragte erstaunt: „Aiko?“ Er sah sie tatsächlich!
Das Mädchen nickte.
Gandalf lächelte. „Wie kommst du hierher?“
„Kann ich nicht genau sagen. Irgendwie habe ich mich von meinem Körper getrennt und bin hierher geschwebt.“
„Das ist ein Phänomen, das nur sehr selten vorkommt. Du bist Punkt Mitternacht müde geworden, nicht wahr?“
„So genau kann ich das nicht sagen, denn ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Aber es könnte stimmen. Gandalf, was ist hier passiert?“
„Das ist kurz gesagt. Ich habe schließlich nach einigem Suchen Modos Versteck gefunden. Er hat sogar Zwei, eines haben die Adler schon vor längerer Zeit in den Bergen bei Bruchtal entdeckt, das Andere liegt im äußersten Norden dieser Berge. Salim war schon vor mir da, denn sie war den Spähern von Modo dorthin gefolgt. Dann sind wir entdeckt worden. War ein ganz dummer Zufall – Ein Späher von Modo kam von einem Auftrag wieder und lief unglücklicherweise direkt in uns hinein. Wir konnten gerade noch fliehen, wurden aber verfolgt. Zu Fuß hatten wir von Anfang an nicht viel Chancen, denn Pferde hatten wir nicht, da Salim von vornherein ohne Pferd unterwegs war, und ich Schattenfell zurückgelassen hatte, denn in den Bergen wurde das Gelände, um so weiter ich nach Norden kam, immer unwegsamer und ich kam nach einiger Zeit zu Pferd nicht mehr weiter. Auf der Flucht trafen wir die zwei Waldläufer, die sich uns anschlossen. Bis hierher kamen wir, doch dann gab es kein Entrinnen mehr. Sag Herrn Elrond, daß sich Modos Versteck im nördlichsten dieser Berge befindet. Es scheint ein richtiges Höhlensystem zu geben. Ich glaube, es ist eine vergessene Zwergenmiene, die vielleicht schon in der altvorderen Zeit verlassen worden ist. Wirst du das für mich tun?“
„Das werde ich“, versprach Aiko.
„Und hast du dir auch alles gemerkt?“
„Letzter Berg des Evendim- Gebirges, ein Höhlensystem, vielleicht eine alte Zwergenmiene“, zählte Aiko auf.
„Sehr gut. Berichte ihm auch von dem Versteck nahe Bruchtals. Das ist besonders wichtig, denn vielleicht plant Modo irgend etwas gegen die Elben dort.“
„Von dem Versteck bei Bruchtal wissen wir schon länger. Modo hat Legolas und mich auf dem Weg nach Bruchtal angegriffen. Fea ist dabei ums Leben gekommen. Es ritten uns Elben aus Bruchtal entgegen, die sie erschossen haben“, erzählte Aiko eifrig. Sie wollte noch etwas sagen, wurde jedoch abgelenkt. Draußen färbte sich der Himmel dunkel, aber nicht von Wolken, sondern von Vögeln. Es waren Adler, ein ganzes Heer.
Gandalf strahlte: „Sieh nur, da kommt unsere Rettung. Ich habe bis zuletzt darauf gehofft.“
Sie beobachteten wie die Vögel auf die Orks herab stießen. Die Orks schrien laut und wütend, doch gegen den hellen Himmel konnten sie die Adler kaum erkennen geschweige denn mit Pfeilen treffen, da diese schon aufgrund ihrer Schnelligkeit sowieso schon schwer zu treffen waren. So lagen immer mehr tote Orks auf dem Schlachtfeld, während das Adlerheer so gut wie keine Verluste hatte. Schließlich begannen immer mehr Orks das Weite zu suchen. Doch es war nicht leicht für sie zu entkommen. Viele wurden in den Lenulal- See getrieben und ertranken. Das Mädchen mußte schaudern, denn es war die erste Schlacht, die sie so nah miterlebte und sie gefiel ihr gar nicht, obwohl sie die widerlichen Orks natürlich nicht wirklich bemitleiden konnte. Endlich war von dem Haus aus kein Ork mehr zu sehen, doch noch immer konnte man die Adler weiter weg zwischen den Ruinen der Stadt hinab stoßen sehen.
„Sie werden die Orks noch eine ganze Zeit verfolgen!“ erklärte Gandalf ihr, dann wechselte er das Thema. „Komm ins Auenland Aiko. Wir treffen uns in Beutelsend.“
„Aber warum?“
„Es ist wichtig, daß du kommst und zwar so schnell wie möglich.“
„Dann werde ich kommen. Soll ich Legolas mitbringen?“
Gandalf wollte antworten, doch ob er es wirklich tat, hörte sie nicht mehr, denn in diesem Moment durchzuckte Aiko ein furchtbarer Schmerz. Bevor sie noch irgendetwas tun konnte, wurde sie fortgezogen und raste in atemberaubender Geschwindigkeit, gegen die ihre bisherige Reisegeschwindigkeit geradezu gemächlich gewesen war, auf das Nebelgebirge zu. Direkt über Bruchtal stoppte sie, stürzt hinab und fand sich in ihrem Körper wieder.
Im ersten Moment war es ein sehr unangenehmes Gefühl. Sie hatte sich an die Freiheit ihrer Seele gewöhnt und fühlte sich schrecklich eingesperrt. Aber es war noch etwas anderes: Irgendetwas hatte sie gewaltsam zurückgeholt, anstatt sie auf dem natürlichen Wege zurückkommen zu lassen. Dadurch war sie tief an ihrer Seele verwundet und Schmerz flutete durch ihren Körper. Plötzlich fühlte sie einen weiteren Schmerz, bei dem sie sich zuerst nicht besinnen konnte, was es sein könnte. Erst als sie es zum zweiten Mal spürte, merkt sie, daß ihr jemand ins Gesicht schlug. Mühsam versuchte sie die Augen zu öffnen, doch es gelang ihr erst, als sie kräftig geschüttelt wurde. Über ihr befand sich Legolas Gesicht, das unheimlich erschrocken und besorgt wirkte. Jetzt merkte er, daß ihre Augen offen waren und legte sie wieder aufs Bett. Aikos Verstand war noch nicht wieder ganz da, daher konnte sie nicht begreifen, warum der Elb sich so aufregte und fragen konnte sie nicht, da ihre Lippen ihr nicht gehorchten. Nur allmählich bekam sie wieder Kontrolle über ihren Körper und das fürchterliche Gefühl des Eingesperrt seins verschwand langsam.
Dann konnte sie auch wieder sprechen. „Was ist denn los?“ brachte sie verständlich hervor, auch wenn die Worte nur stoßweise kamen und recht tonlos und genuschelt waren.
Legolas blieb vor Staunen der Mund offen stehen: „Was los ist? Lindell kam in mein Zimmer gerannt und rief, du würdest sterben.“
„Unsinn“, brummte Aiko immer noch benommen. Ihr Kopf tat fürchterlich weh und ihr war schwindlig, außerdem wurde ihr übel und der Schmerz, der vorher ihren ganzen Körper durchlaufen hatte, wandelte sich in ein unangenehmes heißes Gefühl.
„Warum hast du mir gestern Abend nicht Bescheid gesagt, daß es dir nicht gut geht? Ich habe mich schon gewundert, warum du so früh gegangen bist. Ich wollte mich eigentlich etwas später noch zu dir setzen. Verdammt, ich hätte mich doch um dich kümmern können!“ Legolas wirkte beleidigt, doch Aiko war zu schwach, um sich darüber Gedanken zu machen.
„Gestern Abend ging es mir noch gut. War bloß müde. (Hatte sie nur so das Gefühl oder glaubte der Blödmann ihr nicht?) Was hast du eigentlich mit mir angestellt? Mein Kopf fühlt sich an, als würde er explodieren.“
„Ich habe dich geohrfeigt, damit du aus deiner Ohnmacht erwachst, aber nicht so stark.“
„Sicher?“ brummelte das Mädchen. Bei ihrem Zustand wollte sie das kaum glauben.
Anstatt einer Antwort faßte er an ihre Stirn. „Du hast Fieber. Lindell steht dort am Fenster und bleibt bei dir. Ich gehe kurz fort. Es ist besser, ich hole Herrn Elrond.“
„Trifft sich gut. Ich muß dringend mit ihm reden. Habe eine Nachricht für ihn.“
Sehr besorgt verschwand Legolas schnell und kam kurz darauf mit Herrn Elrond wieder. Dieser untersuchte Aiko und schüttelte dann den Kopf, da er aus der Krankheit nicht schlau wurde. Diese Gelegenheit nutzte das Mädchen, um ihre Erlebnisse zu erzählen, aufgrund ihrer Kopfschmerzen beschränkte sie sich jedoch auf das Nötigste.
Legolas sah sie bestürzt an, denn er glaubte, sie phantasiere im Fieber, doch Herr Elrond hörte ruhig zu, dann wandte er sich an Lindell und Legolas, die an der Tür warteten.
„Warum habt ihr mich nicht sofort geholt? Es war sehr gefährlich, was Legolas gemacht hat.“
Der Elb sah Elrond einen Moment fassungslos an, dann wurde sein Gesichtsausdruck sehr betroffen.
„Aiko hätte von allein zurückkehren müssen, so ist sie schwer verletzt worden. Nicht körperlich, sondern an der Seele. So etwas ist sehr viel schwieriger zu heilen.“
„Aber sie wird doch wieder gesund?“ fragte Legolas nun erschrocken und ängstlich.
„Ich hoffe meine Macht reicht aus. Verlaßt nun das Zimmer.“
Mit diesen Worten drehte Herr Elrond sich zu Aiko, setzte sich neben ihr auf das Bett und legte ihr die Finger an die Schläfen. Lange kämpfte er, doch dann hatte er es geschafft. Er richtete sich wieder auf und blickte auf das Schweiß gebadete, nach Luft schnappende Mädchen hinunter. Mitleidig fragte er: „Soll ich Legolas herein schicken?“
Die Antwort war ein Kopfschütteln. Dennoch trat der Elb kurz darauf ein. Er wirkte sehr traurig, da er erfahren hatte, daß Aiko ihn nicht bei sich haben wollte. Diese beachtete ihn gar nicht, sondern drehte sich zur Seite und schlief ein.
Der Elb setzte sich auf die Bettkante und strich vorsichtig über Aikos wirres Haar. Viele Fragen schwirrten in seinem Kopf herum. Was hatte er seiner Geliebten nur angetan? Und was hatte er eigentlich genau falsch gemacht? Aiko war doch fast tot gewesen! Glaubte Herr Elrond Aikos Geschichte oder hatte er mit „allein zurückkommen müssen“ etwas anderes gemeint? Dieses und noch manches anderes beschäftigte ihn.
Das Mädchen stöhnte leise im Schlaf, was Legolas veranlasste, noch einmal ihre Stirn zu fühlen. Sie war immer noch heiß. Hoffentlich hatte Herr Elrond recht mit seiner Behauptung, das Mädchen würde wieder gesund.
Der Rest des Tages verging für ihn in bangem Warten, denn Aiko schlief zwar unruhig, doch sie wachte nicht auf. Lindell kam bald wieder ins Zimmer, um mit ihm gemeinsam zu wachen, was ihm ein wenig Trost gab, den er gut gebrauchen konnte, denn die ganze Zeit mußte er daran denken, daß Aiko ihn heute Morgen nicht hatte bei sich haben wollen. Ob sie sehr ärgerlich auf ihn war?

 

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