Kapitel 29

In Beutelsend

Erst am Abend wachte Aiko wieder auf. Legolas und Lindell saßen an ihrem Bett; die Elbin stickte an einem kleinen Deckchen, während ihr Geliebter sie betrachtete. Er merkte sofort, daß sie aufgewacht war und setzte sich zu ihr aufs Bett.
„Wie geht es dir?“
„Scheußlich!“
Lindell murmelte etwas von spazierengehen und verschwand.
Sofort zog Legolas sie in seine Arme: „Bist du böse auf mich?“
„Warum sollte ich das sein?“
„Du wolltest mich heute Morgen nicht sehen und... ach Aiko, es tut mir so leid. Ich habe dich in Gefahr gebracht.“
Das Mädchen strich sanft durch das Haar des Elben: „Ich bin dir nicht böse. Du wolltest mir nur helfen.“
„Ich dachte, du stirbst. Auch nachdem Herr Elrond bei dir war, schien es nicht besser zu sein. Ich habe mir den ganzen Tag fürchterliche Sorgen gemacht.“
„Das liegt daran, daß du ein Elb bist. Menschen sind an Krankheit gewöhnt.“
„Vielleicht.“
Aiko kuschelte sich tiefer in Legolas Umarmung. „Du darfst es nicht persönlich nehmen, daß ich dich heute Morgen nicht bei mir haben wollte. Ich war so müde und hatte grausige Kopfschmerzen. Ich hätt’s nicht ertragen, noch mal mit jemanden zu sprechen.“
„Ist schon in Ordnung. Ich würde dir niemals einen Vorwurf daraus machen. Aber du hättest dir eigentlich denken können, daß ich dich natürlich in Ruhe gelassen hätte. Ich wußte ja von den Kopfschmerzen. Ich wollte einfach nur bei dir sein.“ Er verschwieg ihr, was für ein schreckliches flaues Gefühl er deswegen den ganzen Tag gehabt hatte.
„Es tut mir leid. Ich konnte einfach nicht richtig nachdenken“, erwiderte Aiko.
Eine Weile hielt der Elb seine Geliebte einfach stumm in den Armen, dann sagte das Mädchen plötzlich: „Ich habe fürchterlichen Durst.“
„Ich hole dir etwas“, versprach ihr Geliebter. Er küßte sie und ließ sie wieder sanft aufs Bett gleiten, dann ging er hinaus, um bald wieder mit einer großen Karaffe Wasser und einem Becher zurückzukommen. Direkt hinter ihm trat Herr Elrond ein. Dieser lächelte ihr zu, während er sie eingehend betrachtete.
„Es freut mich, daß es dir wieder etwas besser geht.“ Er wartete, bis Aiko ein Glas Wasser getrunken hatte, dann sprach er weiter: „Ich hoffe, daß du jetzt wieder stark genug bist, um deine Erlebnisse von heute Nacht noch einmal zu erzählen. Normal würde ich dir das nicht so früh zumuten, doch es ist jetzt sehr wichtig. Du hast etwas sehr seltenes und wunderbares erlebt, dennoch bin ich nicht sicher, ob unser Feind nicht vielleicht sogar darauf Einfluß haben kann. Vielleicht war ein Teil nur Täuschung. Daher mußt du möglichst ausführlich berichten.“
Aiko nickte und begann alles zu erzählen, was ihr im Gedächtnis geblieben war. Jedoch mußte sie sich oft unterbrechen, um etwas zu trinken; das Fieber war noch recht hoch und ihre Kehle wie ausgetrocknet. Elrond und Legolas hörten ihr aufmerksam zu; Letzterer goß ihr regelmäßig neues Wasser ein. Endlich war sie fertig. Erschöpft schloß sie einen Moment die Augen.
Herr Elrond schüttelte den Kopf: „Das klingt alles sehr echt. Anscheinend stimmt alles. Wir sollten danach handeln. Dennoch möchte ich dich um eins bitten: Bleibe hier in Bruchtal, Aiko. Folge nicht Gandalfs Aufforderung. Wir werden Nachricht ins Auenland senden.“ Als das Mädchen nicht antwortete, fügte er hinzu: „Es ist zu gefährlich. Nicht nur für dich, sondern auch für die Hobbits. Wer weiß, wann Gandalf kommt.“
„Aber er wird einen wichtigen Grund gehabt haben, denn er weiß schließlich auch um das Risiko und...“ Weiter konnte sie nicht sprechen, da sie einen Hustenanfall bekam, der gar nicht mehr aufhören wollte.
Herr Elrond verließ das Zimmer, während Legolas sich neben sie setzte und ihr vorsichtig Wasser einflößte. Langsam legte sich der Husten wieder.
„Soll ich heute Nacht bei dir bleiben? Es ist mir egal, was die anderen denken.“
„Mich trifft der Verdacht genauso“, meinte Aiko schmunzelnd.
Doch der Elb sah sie so lieb an, daß sie nicht ablehnen konnte. Sie öffnete sein Hemd und begann seine Brust zu liebkosen. Aber das Erzählen hatte sie erschöpft, denn ihr Körper war vom Fieber noch sehr geschwächt. Daher schlief sie binnen weniger Minuten ein.
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Es war kurz vor dem Morgengrauen, als Aiko erwachte. Sie richtete sich ganz vorsichtig auf, da Legolas einen Arm um ihre Hüfte gelegt hatte und die kleinste Bewegung würde ausreichen, um den schlafenden Elben zu wecken. Direkt neben dem Bett befand sich der kleine Tisch auf dem das Wasser stand, dort lag auch ein kleines Döschen, das sie nun ergriff. Es enthielt ein bläulich glitzerndes Pulver, von dem sie vorsichtig etwas auf das Gesicht des Elben pustete. Dann küßte sie sie ihn und stand auf und ging hinüber zur Comode. Sie schwankte dabei ein wenig, denn es ging ihr immer noch schlecht. Sie zog sich frische Kleidung an und packte dann weitere Anziehsachen in ihre weiße Tasche; anschließend öffnete sie die oberste Schublade der Comode, worin sich kleine Phiolen, Kräuterbündel, Dosen und Schachteln befanden. Ein paar Sachen packte sie in die Tasche, Andere trug sie hinüber zum Kaminsims. Sie wollte mit Hilfe des Feuerzaubers reisen, den ihr Salim beigebracht hatte. Sie hielt die Hände über die Flammen und begann mit dem Zauber. Das Feuer färbte sich in den unterschiedlichen Farben und zum Schluß blutrot. Befriedigt wollte sie in die Flammen steigen, als ihr noch etwas einfiel. Sie lief zur Comode, öffnete dort eine Lade und nahm Papier und Stift heraus, um eine kurze Nachricht zu hinterlassen. Sie begann zu schreiben:

„Lieber Legolas,
ich muß fort, werde aber hoffentlich in Kürze zurückkommen. Ich will herausfinden, ob Gandalf nicht vielleicht Nachrichten für mich nach Beutelsend gesendet hat. Mach dir bitte keine Sorgen.

Kuß und Gruß,
Aiko“

Zu mehr war keine Zeit, da der Zauber gleich verlöschen würde. Sie ging zurück zum Feuer und wollte ins Feuer steigen, als sie plötzlich eine Berührung am Arm spürte. Erschrocken fuhr sie herum.
Legolas grinste sie an: „Ist aber nett, daß du wenigstens eine Nachricht hinterläßt.“
Aiko wußte nicht, was sie erwidern sollte. Schließlich fragte sie: „Wieso bist du wach?“
„Ich habe vorhin nicht geschlafen, weißt du. Ich wollte die ganze Nacht aufpassen, weil es dir doch noch schlecht geht. Als du mir das Pulver ins Gesicht geblasen hast, habe ich nicht eingeatmet und als du dich umgedreht hast, habe ich es fort gewischt. Dann bin ich erstmal liegen liegengeblieben, um zu sehen, was du vorhast.“
„Ich muß fort, der Zauber erlischt gleich und Herr Elrond läßt mich nicht gehen.“
Doch es war schon zu spät. Die Flammen nahmen wieder ihre gewöhnliche Farbe an.
„Na toll.“
„Leg dich doch bitte wieder hin, Gîlnya. Du bist noch so schwach und ganz bleich. Es wird dir nicht gut tun.“
Aiko setzte sich seufzend aufs Bett. „Ich muß dringend nach Beutelsend und feststellen, was dort vor sich geht. Vielleicht ist Gandalf schon dort.“
Legolas legte einen Arm um sie. „Das ist sehr unwahrscheinlich. Er kann noch nicht dort sein. Selbst Schattenfell, so schnell er auch ist, kann nicht fliegen, falls Gandalf ihn überhaupt wieder getroffen hat und nicht noch zu Fuß unterwegs ist. Aiko, ich kenne dich gut genug, um zu wissen, daß ich dich nicht umstimmen kann und möchte dich daher begleiten, doch laß uns noch ein paar Tage warten, bis es dir wieder besser geht.“
„Wir müssen gleich fort, denn Herr Elrond wird sicher ein Auge auf uns haben, wenn ich wieder gesund bin. Doch ich befürchte, ich schaffe den Zauber heute Nacht nicht noch mal.“
Der Elb legte die Hand auf ihre Stirn und stellte fest, daß sie kaum noch Fieber hatte. Er zögerte kurz, dann meinte er: „Wenn es dir so wichtig ist, dann versuch es noch mal. Aber warte kurz, ich werde schnell meine Waffen holen.“
Er kam bald wieder und hatte auch einen Brief an Herrn Elrond adressierten Brief dabei, den er nun an Stelle des Zettels für ihn auf den Tisch legte. Aiko holte tief Luft und stand mühsam auf. Legolas stützte sie, während sie zum Kamin taumelte. Dann stellte er sich hinter sie und legte seine Arme um ihren Körper, so daß sie fest vor dem Feuer stand. Zum zweiten Mal versuchte sie den Feuerzauber und obwohl es ihr sehr schwerfiel, schaffte sie es. Gemeinsam schritten sie in die Flammen, Aiko mußte von Legolas halb getragen werden. Heraus kamen sie im Eßzimmer von Beutelsend. Die Sonne ging strahlend vor den Fenstern der Höhle auf und Sam war gerade dabei, den Eßtisch zu decken. Er ließ vor Schreck einen Teller fallen, als plötzlich zwei Leute vor ihm standen. Frodo kam aus der Küche gerannt, um zu sehen, was los war. Er staunte nicht schlecht über den unerwarteten Besuch.
Legolas dagegen hatte ganz andere Sorgen. Er setzte Aiko auf einen Stuhl am Tisch und bat Frodo um ein Glas Wasser. „Willst du dich vielleicht hinlegen, Gîlnya?“
„Nicht nötig. Es geht schon.“
Frodo kam mit dem Glas Wasser zurück. Jetzt entschuldigte sich Legolas für ihr plötzliches Eindringen und stellte ihnen Aiko vor.
Frodo lächelte sie freundlich an: „Willkommen, Aiko. Es freut mich, dich kennen zu lernen. Macht uns doch die Freude ihr zwei und leistet uns beim Frühstück Gesellschaft.“
„Das nehmen wir gerne an.“
Kurz darauf traten Pippin und Rosie mit ihrem Baby auf dem Arm ein. Sie freuten sich über den Besuch, auch weil Palan und Merry noch in Gondor waren. Bisher hatten die Hobbits nur einen recht kurzen Bericht von einem Waldläufer bekommen, der mit seiner Gruppe das Auenland durchkämmte. So erzählten Legolas und Aiko eine ganze Zeit von ihren Abenteuern, während die Hobbits staunend zuhörten. Nach dem Frühstück bat Pippin den Elben, seine Schießkünste zu beurteilen. Sie gingen mit Sam hinaus und Rosie verschwand ebenfalls irgendwo hin. Frodo setzte sich an den Kamin und bat Aiko, sich zu ihm zu setzen. Das Mädchen folgte ihm mit unsicheren Schritt, doch sie taumelte nicht mehr. Mit ihrer Gesundheit schien es stetig bergauf zu gehen.
„Ihr seid doch sicher nicht hier, damit Legolas Pippins Schießkünste verbessert?“ fragte Frodo sie mit einem Augenzwinkern.
„Natürlich nicht.“
„Du kannst mich ruhig einweihen. Ich werde bestimmt nichts weiter erzählen.“
„Oh, es ist nichts geheimes. Gandalf hat mich gebeten, hier auf ihn zu warten.“
„Dann hast du mit ihm gesprochen?“
Jetzt erzählte Aiko mit ihm von dem merkwürdigen Traum und was Herr Elrond dazu gesagt hatte. „Eigentlich wollte er nicht, daß ich ins Auenland gehe. Daher haben Legolas und ich uns heute Nacht heimlich aus dem Staub gemacht.“
Frodo schüttelte mißbilligend den Kopf: „Herr Elrond wird sich dabei was gedacht haben.“
„Ich weiß, ich weiß. Aber Gandalf ebenso. Hat er vielleicht irgendeine Nachricht gesandt oder so?“
„Nein, leider nicht.“
„Schade, ich hatte fast erwartet, daß er einen Adler schickt, da wir uns nicht zu ende unterhalten konnten. Aber dann wird er sicher so schnell wie möglich kommen.“
Etwas weiteres konnte sie nicht sagen, da Pippin herein gestürmt kam; die Anderen folgten etwas langsamer. Der junge Hobbit strahlte, anscheinend war er von Legolas gelobt worden.
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Zwei Tage später klingelte es an der Tür. Sam lief schnell hin, um zu öffnen, da er glaubte, es sei Gandalf. Doch vor der Tür stand ein Waldläufer. „Ich würde gerne mit Prinz Legolas und der Dame Aiko sprechen.“
Legolas war dem Läuten ebenfalls gefolgt und trat jetzt an die Tür. Er erkannte den Waldläufer sofort: „Boran, es freut mich, euch zu sehen.“
Boran wurde hereingebeten. Er kam jedoch nur in den Flur: „Ich habe es sehr eilig, denn mein eigentlicher Auftrag ist es, nach Gondor zu gehen. Da mein Weg nah am Auenland vorbei führt, bat Gandalf mich, euch kurz eine Nachricht zu übermitteln. Er lässt euch ausrichten, daß ihr ihm entgegen reiten sollt.“
„Ist er denn wieder zu Pferd unterwegs?“
„Er traf Schattenfell nahe der alten Stadt.“
„Aber wie sollen wir uns in der Wildnis treffen?“
„Ihr geht einfach möglichst gerade auf Anuminas zu, dann werdet ihr ihn schon finden, oder er findet euch. Er ist schließlich ein Zauberer. Jetzt muß ich euch verlassen.“
Mit diesen Worten trat er wieder zur Tür. Nach ein paar Abschiedsworten lief Boran zu seinem Pferd und ritt davon.
„Der hatte es aber wirklich eilig“, brummte Sam. „Als ob es bei der langen Strecke auf ein oder zwei Tage ankommt.“
„Aber es ist Winter und das momentan recht milde Wetter kann sich bald ändern. Daher ist Borans Eile sehr vernünftig“, erklärte Legolas ihm. Die beiden gingen zu den Anderen zurück, die im Wohnzimmer am Kamin saßen und auf sie warteten. Sie waren recht erstaunt über Gandalfs Nachricht.
„Ist das nicht riskant?“ meinte Frodo sehr besorgt.
„Gandalf wird schon seine Gründe haben. Ich kenne den Waldläufer schon seit er ein junger Mann war, noch kaum erwachsen. Wir können ihm vertrauen.“
„Sicher?“ fragte Aiko.
„Ich denke schon. Die Frage ist nur, wie es dir geht.“
„Ich fühle mich wieder gut.“
„Dann werden wir morgen aufbrechen.“
„Wenn du meinst.“ Aiko war bei der Sache nicht wohl. Sie dachte an Elronds Warnung, außerdem hatte sie ein ungutes Gefühl bei der Sache. Aber vielleicht war es wirklich besser zu gehen, da Modo sonst vielleicht Beutelsend angreifen würde. Ob ihre Zauberkräfte ausreichen würden? Sie fragte sich außerdem, warum Legolas dem Waldläufer so einfach glaubte. Schließlich hatte Aragorn von einem Verwandten von ihm erzählt, der diesen durch falsche Nachrichten in den Norden gelockt hatten. Sie brachte das zur Sprache.
Legolas antwortete mit einem nachsichtigem Lächeln: „Wir Elben sehen es, wenn ein Mensch lügt. Machmal schafft ein Mensch es, seine Gedanken und Gefühle vor uns zu verbergen, aber niemals kann er uns belügen.“
Aiko fragte sich, ob Legolas vorher schon mal mit Hexen zu tun gehabt hatte. Wahrscheinlich nicht, denn es gab nur wenige. Vielleicht hatte der Waldläufer einfach nicht gelogen, weil man sein Gedächtnis verändert hatte, so daß er wirklich glaubte, Gandalf hätte ihm den Auftrag gegeben, obwohl er eigentlich von Modo stammte. Jedenfalls hielt Aiko es sehr wohl für möglich, einen Elben mit Hilfe eines Zaubers zu belügen, auch wenn sie es noch nicht versucht hatte.
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Sie waren am früheren Abend aufgebrochen, da sie lieber im Schutz der Dunkelheit reiten wollten. Das hieß aber auch, daß ihre Reise langsamer verlaufen würde. Die Pferde stolperten über Steine und Baumwurzeln und selbst Legolas mit seinen Elbenaugen hatte Schwierigkeiten einen Pfad zu finden; die Straßen wollten sie auf keinen Fall benutzen. Hinter der Grenze begann die pfadlose Wildnis. Ab hier mußten sie sich entscheiden: Entweder tagsüber reiten oder nachts zu Fuß gehen. Nach einigem Überlegen entschieden sie sich fürs reiten, denn zu Fuß würden sie so lange brauchen, daß ihr Aufbruch kaum Sinn machte. Daher hatten sie nun Zeit ein wenig Auszuruhen. Legolas erklärte, daß er heute allein wachen wollte und so legte Aiko sich hin und schlief. Am nächsten Morgen machten sie sich auf in Richtung der Ruinen von Anuminas. Nachdem sie die Moore verlassen hatten, die einen Teil des Auenlandes ausmachten und dann noch weiter nach Norden reichten, kamen sie zügig voran, so daß sie nach zwei Tagen die ersten Hügel des kleinen Gebirges erreichten, das am Ufer des Lenulal- See lag. Bald würden sie in Anuminas sein, doch von Gandalf war bis jetzt nichts zu sehen.

 

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