Kapitel 3

Der Juwelendieb

Legolas befand sich in einem Raum mit Polstermöbeln, vor denen ein kleiner Glastisch stand, einem großen Eßtisch und vielen Dingen, die er nicht kannte. Es war das Wohnzimmer. Aiko führte ihn nun in ihr eigenes Zimmer, einem gelb tapezierten, fröhlichen Raum mit vielen Postern an den Wänden. Ihr Lieblingsposter war das Kinoposter des HdR- Films. Legolas sah es sofort. Erstaunt nahm er zur Kenntnis, welche Ähnlichkeit die meisten Abgebildeten mit Personen hatten, die er kannte. Eine Weile sann er darüber nach, bis er merkte, daß das Mädchen ihn erwartungsvoll ansah. Er setzte sich auf einen der beiden Korbstühle des Zimmers und begann seine Erzählung.
Aiko war der festen Überzeugung, daß alles, was dieser ‚Legolas‘ ihr erzählen würde, gelogen sei. Warum hatte sie ihn nur in die Wohnung gelassen? Als er ihr jedoch das Armband beschrieb, wurde sie nachdenklich. Genauso ein Armband befand sich unter dem Schmuck ihrer Mutter! War das etwa ein Juwelendieb, der den Schmuck ihrer Mutter stehlen wollte und sich ihre leidenschaftliche Schwärmerei für Tolkiens Werke zu nutze machte? Sie mußte das herausfinden, aber zuerst einmal , das war erst mal am Wichtigsten, wie er wirklich aussah.
Daher wartete sie, bis Legolas Geschichte zu Ende war, entschuldigte sich dann und eilte kurz ins Bad, um ein Make up- Entfernungstuch zu holen. Sie steckte es in die Hosentasche und ging dann zu Legolas, der sie forschend ansah.
„Deine Erzählung war wirklich sehr ungewöhnlich. Wie soll ich das eigentlich glauben so ganz ohne Beweise?“
„Beweise habe ich leider nicht, es sei denn, die Anwesenheit eines Elben in dieser Welt ist dir genug.“
„Darf ich mich überzeugen?“
„Wie willst du das denn machen?“
Er klang recht erstaunt. Anstatt zu antworten, zog Aiko das Tuch heraus und fuhr ihm über die Wange. Aber zu ihrem Erstaunen blieb nichts daran hängen, nicht der kleinste Krümel Make up. Aiko runzelte die Stirn: Das war doch nicht möglich! Sie tastete mit den Fingerspitzen über sein Gesicht, fühlte aber keine Schminke, sondern nur eine sehr seidige, weiche Haut. Nein, das konnte nicht sein! Nun mußte sie es erst recht wissen. Und da gab es nur eine Möglichkeit! Entschlossen griff sie nach der Spitze des Elbenohres. Wenn es ein Mensch war, mußte diese abgehen.
Aber sie gab nicht nach. Die einzige Reaktion war ein Schmerzenslaut von Legolas: einer ihrer Fingernägel hatte die Haut an der empfindlichen Ohrspitze aufgeschabt, als sie zog und nun begann Blut am Ohr herunter zulaufen. Nun war wirklich kein Irrtum mehr möglich! Wenn die Spitze blutete, mußte sie echt sein.
Einen Moment mußte Aiko sich setzen, dann jedoch als sie sah, wie Legolas vergeblich versuchte die Blutung zu stillen, sprang sie auf und rief: „Warten Sie, ich hole Ihnen ein Pflaster.“ Ganz automatisch wechselte das Mädchen in die höfliche Anrede. Schnell kam sie zurück.
„Tut mir Leid, Herr Grünblatt“, stammelte sie etwas verlegen.
„Na, wenn es dich endlich überzeugt hat, daß ich ein Elb bin, dann ist’s in Ordnung. Aber du brauchst mich nicht ‚Herr Grünblatt‘ zu nennen. Grünblatt ist nicht mein Nachnahme sondern nur die Übersetzung von ‚Legolas‘. Außerdem kannst du ruhig beim ‚Du‘ bleiben.“
Hoppla, da hatte sie wohl was falsch verstanden! Aber war schon nett, daß er ihr das Du anbot. Er war in Wirklichkeit noch viel besser als im Buch. Das Buch! Wie konnte eine Figur aus einem Buch in die Realität gelangen? Aber das war jetzt unwichtig. Sie mußte ihm Helfen in seine Welt zurückzukehren. Ein Elb passte einfach nicht hierher. Auf keinen Fall! Sie dachte an das Armband ihrer Mutter; vielleicht konnte es Legolas zurückbringen und zum Glück wußte sie die Kombination des Safes, da ihre Mutter ihr immer vertraut hatte. Dieser Gedanke bereitete ihr etwas Unbehagen, aber schließlich wollte sie ja nichts stehlen. Laut sagte sie: „Ich werde versuchen dir zu helfen.“
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Aiko stürmte ins Schlafzimmer ihrer Mutter. Sie hob die Vase von der Comode und ein an der Wand hängendes Bild schwang auf. Dahinter erschien ein Safe. Schnell öffnete Aiko diesen und hob eine Schatulle heraus. Aus dieser entnahm sie das Armband und ging schnell zu Legolas zurück. Dieser hielt die Luft an vor Erstaunen: „Genauso hat es ausgesehen. Wie kommst du dazu?“
Das Mädchen erklärte ihm die Sache und fügte hinzu: „Wir werden es jetzt mal ausprobieren. Also, die Frau hatte das Armband am linken Arm und hielt dir den Stern entgegen, ja?“
Legolas nickte.
„Na dann los“, sagte Aiko, atmete tief ein, richtete den Stern auf Legolas und – nichts geschah. Enttäuscht ließ sie den Arm wieder sinken. „Vielleicht muß ich noch etwas anderes machen von dem du nichts mitgekriegt hast. Wir sollten meine Mutter fragen, der gehört der Schmuck schließlich. Sie weiß bestimmt Bescheid“, versicherte das Mädchen, um dem ebenfalls enttäuschten Legolas Mut zu machen. Im Stillen aber dachte sie , daß das Armband vielleicht nur eine wertlose Imitation war.
„Leider kommt sie erst heut Abend nach Hause. Soll ich dir inzwischen etwas von unserer Welt zeigen?“
„Ich glaube es wäre mir lieber, wenn du mir etwas von deiner Welt erzählst. Gesehen habe ich bereits genug. Vor allem würde ich gerne darüber etwas hören“. Bei diesen Worten zeigte Legolas auf das besagte Poster. „Die meisten Leute darauf haben zum Teil große Ähnlichkeiten mit mir bekannten Personen. Aber die Schrift kann ich nicht lesen. Die Sprache ist dem Westron sehr ähnlich, aber die Buchstaben sind ganz anders.“
Aiko begann nun von Tolkiens Werken und dem Film zu erzählen. Je länger der Bericht wurde, desto erstaunter wurde Legolas. Das stimmte ja fast alles genau! Aber er wunderte sich nicht sonderlich darüber, denn als Elb wußte er, daß es Elben und Menschen gab, die Geschichten schrieben, die ohne ihr Wissen tatsächlich irgendwo geschehen waren oder in der Zukunft noch geschehen würden. Besonders berühmt dafür war die alte Maya gewesen, eine Frau der Menschen, die früher mal in Thal gewohnt hatte. Ihr Ruhm beruhte natürlich auf ihren Geschichten über die Zukunft. Anders als die meisten dieser Leute hatte sie nicht nur eine, sondern viele dieser Geschichten zu erzählen gewusst.
Nach einer Weile kamen sie auf andere Dinge. Legolas hatte viele Fragen über das, was er gesehen hatte. So redeten und redeten sie, bis Aiko auf ihre Uhr sah: „Eigentlich müßte meine Mutter bald kommen. Selbst wenn sie Überstunden macht, kommt sie selten später als halb neun und wenn, dann ruft sie an.“ Aber es wurde halb Neun und schließlich Neun Uhr und ihre Mutter kam nicht. Langsam wurde Aiko nervös. Um halb zehn klingelte das Telefon. Das Mädchen stürzte an den Apparat. Es war Frau Gruber, eine Arbeitskollegin ihrer Mutter: „Aiko, deine Mutter hatte einen Unfall. Es ist wohl nichts lebensbedrohliches, aber sie haben sie ins Krankenhaus gebracht. In die Uniklinik.“ Aiko beendete schnell das Gespräch und drehte sich dann zu Legolas um, der ihr ins Wohnzimmer gefolgt war.
„Ich muß ins Krankenhaus, du bleibst besser hier. Deine Kleidung ist zu auffällig.“
„Wie willst du dorthin kommen?“
„Ich rufe meine Tante an. Sie wohnt um die Ecke und wird schnell hier sein.“
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Kurz darauf saß Aiko zusammen mit ihrer Tante Lena im Auto auf dem Weg zum Krankenhaus. Gemäß ihrer Art redete Lena die ganze Zeit vor sich hin. Trotz ihrer Sorge um ihre Mutter hatte Aiko überlegt, ob sie ihre Tante nach dem Armband fragen sollte, aber sie verwarf diesen Gedanken wieder. Wenn ihre geschwätzige Tante irgendetwas davon gewußt hätte, würde sie es längst ausgeplaudert haben, da war sich das Mädchen ganz sicher. Überhaupt mochte sie ihre Tante nicht besonders, was anscheinend auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber immerhin war Lena immer zuverlässig, wenn man einmal Hilfe brauchte und das war schon viel Wert.
In der Uniklinik angekommen, gingen sie schnell zur Unfallstation und fragten nach Corinna Schmidt. Sie wurden an den behandelnden Arzt verwiesen, der zufällig gerade vorbeikam. Er erklärte: „Man hat Frau Schmidt in ihrem Büro gefunden. was passiert ist kann ich nicht sagen. Sie scheint an Amnesie zu leiden.“
Aiko war entsetzt. Hatte man ihre Mutter etwa außer Gefecht gesetzt, damit Legolas nicht zurückkehren konnte??

 

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