Kapitel 30

Auf der Fährte

Legolas hatte die Umgebung des Schlachtfeldes untersucht. Bei den Ruinen von Anuminas war der Boden von unzähligen Füßen so zerwühlt, daß nichts mehr zu erkennen war, daher mußte er rundherum schauen. Nur an einer Stelle fand er Hufabdrücke im gefrorenen Matsch, die eindeutig von Schattenfell stammten; Legolas kannte sie genau. Sie führten ins Gebirge. Mißmutig betrachtete er die Berge. Sie waren bei weitem nicht so hoch wie das Nebelgebirge, dennoch würden sie ihnen erhebliche Probleme bereiten. Es gab kaum Erde, sondern nur Gestein, wo keine Fußabdrücke zu finden sein würden. Außerdem war es hier so weit im Norden bitterkalt; die Luft roch nach Schnee. Legolas fürchtete, daß Aiko diese Verhältnisse nicht lang aushalten würde, so kalt war es auf ihrer ganzen Reise noch nicht gewesen. Kopfschüttelnd ging er zu seiner Geliebten zurück, die bei den Pferden auf ihn wartete.
„Ich habe Hufabdrücke gefunden, die Schattenfell gehören und zu einem Pfad in die Berge führen.“
„Na, dann los“, rief Aiko und stieg auf.
„Es wird schwer werden, die Spur zu verfolgen. Vielleicht ist es sogar unmöglich. Wir müssen uns an losgetretenen Steinen und so was orientieren. Hoffentlich ist hier schon länger niemand mehr gewesen, sonst kann es passieren, daß wir der falschen Spur folgen. Ich fürchte nur, daß Waldläufer hier gewesen sind, als wir nach dir gesucht haben.“
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Aiko wachte auf, da sie zu frieren begann; es war in den letzten Tagen noch kälter geworden. Verschlafen setzte sich das Mädchen auf und mußte feststellen, daß der Geliebte fort war. Daher war ihr also kalt. Nervös stand sie auf und sah sich um, konnte jedoch nirgends eine Spur von ihm entdecken. Sie rief, doch durch den Wind, der hier heulte, war sie kaum zu verstehen. Dann sah sie daß auch das Pferd des Elben fehlte. Das Herz sank Aiko: War Legolas nur fort, um irgendetwas zu erkunden oder hatte er sie einfach allein gelassen? Sie wußte natürlich, daß dieser Gedanke völlig absurd war, doch hier in der nachtschwarzen unheimlichen Wildnis hatte sie auf einmal Angst. Sie war in den letzten Tagen (in ihren Augen) wirklich ein wenig nervig gewesen. Die Berge hier waren nicht hoch, doch steil. Ständig wehte ein kräftiger Wind, der Aiko fast taub machte, was sich ungünstig auf ihren Gleichgewichtssinn auswirkte und der Weg war so steil, daß sie nicht reiten konnten. Hier wären Ponies wieder von Vorteil gewesen. Einmal wäre Aiko beinah in einen Abgrund gestürzt, nur Legolas schnelle Reaktionen retteten sie. An manchen Stellen konnte sie nicht laufen, so daß der Elb sie tragen mußte. Aiko staunte, wie die Pferde ohne Reiter immer sichere Tritte fanden. Inzwischen war der Pfad Gott sei Dank nicht mehr ganz so steil und sie konnten wieder reiten.
Aiko versuchte die unangenehmen Gedanken zu verdrängen und weiter zu schlafen, doch noch immer machte ihr die Kälte zu schaffen, jetzt wo Legolas sie nicht mehr wärmte.
„Wo bleibt der bloß?“ murmelte das Mädchen und setzte sich wieder auf. Die ganze Nacht wartete sie nervös auf Legolas. Inzwischen war ihr ein anderer schrecklicher Gedanke gekommen: War das vielleicht Modos Werk? Aikos Angst stieg. Sie konnte den Gedanken, daß ihr Geliebter gefangen war und vielleicht sogar gefoltert wurde, kaum ertragen.
„Nein, an so was darf ich nicht denken. Er wird zurück kommen.“ sagte sie laut.
Vor dem Morgen konnte sie sowieso nichts tun. Es war vollkommen dunkel, außerdem hatte sich der Wind inzwischen zu einem Sturm entwickelt. Sie war froh, daß sie unter einem Felsvorsprung in einer kleinen Einbuchtung der Felswand lag, so daß sie ein wenig geschützt war. Als der Morgen graute, hörte der Sturm plötzlich auf, so daß auf einmal Totenstille herrschte. Aiko lauschte in den heller werdenden Tag hinein, als sie leises Hufgeräusch und Steine rollen hörte. Das Geräusch verstärkte sich und vor ihr tauchte Legolas mit seinem Pferd auf. Das Mädchen sprang auf und lief zu ihm hin, um ihn zu umarmen und sein Gesicht mit tausend Küssen zu bedecken. Der Elb blickte sie überrascht an.
„Was hast du?“
„Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht!“
„Hast du geglaubt, ich lasse dich allein?“ fragte er gekränkt.
„Hätte ja sein können, daß Modos Leute dich gefangen haben.“
Ihre Antwort besänftigte Legolas. „Ich habe nur das Pferd zurück geholt. Es ist irgendwie losgekommen und hat sich dann auf Entdeckungsreise begeben und ist dabei auf einen Felsen geklettert, von dem es gar nicht so einfach wieder herunter zu bringen war.“
„Ich hatte solche Sorge“, wiederholte Aiko.
„Da muß ich mich wohl entschuldigen“, schmunzelte Legolas und begann sie zärtlich zu küssen. Kurz darauf machten die beiden sich wieder auf den Weg. Während der Elb sich vollständig auf den Boden konzentrierte, um Spuren von Gandalf zu finden, musterte Aiko die Umgebung, da sie den Felsvorsprung entdecken wollte, auf dem das Pferd festgesessen hatte. Der Weg war recht breit, aber auf einer langen Strecke waren links und rechts nur steil aufragende Abhänge, die unmöglich zu erklettern waren. Erst gegen Abend kamen sie in ein anderes Gelände, doch so weit konnte das Tier nicht gelaufen sein, sonst wäre der Elb noch viel länger ausgeblieben. Wie merkwürdig!
Dann wurde Aiko abgelenkt, da der Elb eine kleine unbewohnte Höhle gefunden hatte, gerade groß genug für sie und ihre Pferde. Legolas zündete ein Feuer im Höhleneingang an und zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch aus Beutelsend war Aiko warm. Durch die Wanderung war sie sehr schlank geworden, fast dürr; besonders in den letzten Tagen, wo ihr so kalt war, hatte sie einiges abgenommen. Legolas sah das mit Traurigkeit und Mitleid, doch er konnte ihr nicht helfen. Sie mußten endlich wieder raus aus der Wildnis und zurück in bewohnte Gegenden.
Plötzlich hob Legolas den Kopf und sagte: „Loss.“
„Wie bitte?“
„Schnee. Es hat angefangen zu schneien.“
Aiko sah hinaus. Tatsächlich rieselten kleine feine Flocken vom Himmel.
„Es wird noch stärker werden“, behauptete der Elb.
Das Mädchen gähnte: „Laß uns schlafen.“
Bald lagen die beiden nebeneinander und schliefen ein.
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Mitten in der Nacht wachte Aiko wieder auf. Zuerst wußte sie nicht, was sie geweckt hatte, doch dann wurde ihr klar, daß sich ein unangenehmer Gedanke in ihrem Kopf festgesetzt hatte, der sich nun bemerkbar machte. Aber der Gedanke war genauso absurd wie logisch. Sie war fest davon überzeugt, daß Legolas sie belogen hatte, nur, konnten Elben überhaupt lügen? Die Geschichte mit dem Felsvorsprung konnte jedenfalls unmöglich stimmen.
„Sie können es wohl schon“, dachte Aiko, „aber sie tun es gewöhnlich nicht. Schon gar nicht bei Personen, die ihnen am Herzen liegen.“
Was war nur geschehen? Vielleicht hatte er Schwierigkeiten gehabt und wollte sie nicht beunruhigen. Damit wollte sie das Thema abtun und weiter schlafen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Die Lösung, die sie sich zurechtgelegt hatte, stimmte sie nicht zufrieden. Legolas wußte doch, daß sie nicht aus Zucker war und er ihr ruhig mitteilen konnte, wenn er in Gefahr gewesen war. Ja, es war eigentlich sogar notwendig, damit sie von dem Zeitpunkt an aufmerksamer war. Außerdem, wenn er sie wirklich schonen wollte, dann brauchte er nicht das Märchen mit dem Felsvorsprung erzählen, sondern er hätte einfach sagen können, er sei dem Pferd die ganze Zeit hinterher gerannt. Irgendetwas war passiert und sie mußte herausfinden was! Sie stand leise auf und huschte aus der Höhle; jeden Moment erwartete sie, daß Legolas aufwachte, doch er regte sich nicht. Was sie draußen wollte, wußte sie selber nicht genau, aber sie hatte das Gefühl, daß sie die Antwort auf ihre Frage nur hier finden konnte. Sie untersuchte erfolglos die Umgebung, dann legte sie sich in der Näher der Höhle auf die Lauer, versteckt hinter einem Felsblock, über den sie hinüber lugen konnte. Fast eine Stunde saß sie dort und fror fürchterlich. Gerade wollte sie der Versuchung nachgeben und sich zurück in die Höhle begeben, als sie wieder ein Pferd davon traben sah. Das war nun wirklich merkwürdig! Das Feuer am Eingang brannte noch und ein Pferd würde nie freiwillig so nah daran vorbei spazieren. Kurz darauf erschien Legolas am Eingang der Höhle. Wieso hatte er das Tier gehört und sie vorhin nicht? Vorsichtig folgte sie dem Elben, erwartete jedoch jeden Moment entdeckt zu werden, aber Legolas drehte sich nicht um und gab auch sonst kein Zeichen, daß er sie entdeckt hatte. Jetzt begann er zu rennen und zwar sehr schnell. Aiko kam kaum hinterher, sie beschloß das Versteckspiel aufzugeben und rief ihn, damit er sie endlich hörte und auf sie wartete. Doch ihr Geliebter reagierte nicht und rannte einfach weiter. Schließlich mußte Aiko keuchend stehen bleiben und ihn aus den Augen lassen. Den Weg konnte sie zwar nicht verfehlen, doch sie bezweifelte, daß sie den Elben wieder einholen würde. Ärgerlich rannte sie weiter, so schnell sie es noch vermochte. Irgendwann gab sie auf. Ihr schien, als renne sie schon stundenlang und ihr Puls schlug so hart, daß sie kaum noch Luft bekam; sie war einfach so erschöpft, daß ihr Körper nichts mehr hergab. Als kurz darauf die Sonne aufging, wurde ihr klar, daß sie tatsächlich über eine Stunde lang gerannt sein mußte. Die Angst hatte anscheinend ihre Kräfte verdoppelt. Sie ließ sich auf den Boden sinken und wartete darauf, daß Legolas zurückkam. Bald hörte sie Hufschlag und als sie aufsah, erschien der Elb auf ihrem Pferd. Auch er bemerkte sie jetzt.
Fassungslos starrte er sie an und rief schließlich: „Aiko, was machst du hier? Ich dachte, du liegst in der Höhle und schläfst?!“

 

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