Kapitel 31

Trautes Heim

„Was soll das heißen, ich liege in der Höhle und schlafe?“ fragte Aiko verwirrt.
„Ich hatte gehofft, dich nicht zu wecken.“
Das Mädchen konnte ihn nur anstarren und wollte sich gar nicht fassen. Wie konnte er nur übersehen haben, daß sie sich nicht in der Höhle befand? Unmöglich! Spätestens jetzt war sie der Überzeugung, daß hier etwas faul war. Was war mit Legolas geschehen? Sie dachte an Modos Erzählung über elbische Sklaven, die durch verzauberte Armreifen gesteuert wurden. Sie atmete tief ein und sagte fest: „Schieb deine Ärmel hoch!“
Legolas war so perplex, daß er nur wortlos die Arme frei machte. Zu Aikos Erleichterung war nichts zu sehen. Jetzt fiel ihr auch ein, daß die Armreifen direkt um den Arm gegossen werden mußten, damit der Zauber wirken konnte und hier in der Wildnis war das wohl kaum möglich, denn das Gold mußte in Schmelzöfen erwärmt werden, damit es schmolz. Bei dem Gedanken an die Qualen, die das heiße Metall den Opfern verursachen mußte, schauderte es sie wieder einmal. Modo war ein richtiges Monster, viel schlimmer als jeder Ork! Schnell verdrängte sie den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf den Elben.
„Legolas, als du die Höhle verlassen hast, war ich nicht dort! Ich hatte ein ungutes Gefühl und habe die Umgebung abgesucht. Dann sah ich dich fortgehen und bin dir gefolgt. Du warst so komisch.“
„Wann willst du denn die Höhle verlassen haben?“
„Ich weiß nicht so genau. Vielleicht zwei oder drei Stunden vor Sonnenaufgang.“
„Ich bin schon kurz vor Mitternacht gegangen“, meinte Legolas zunehmend beunruhigt. „Du mußt geträumt haben.“
„Na klar. Und ich bin auch im Traum hierher gelaufen!“
„Glaub mir doch“, bat der Elb fast verzweifelt. Er wollte die Geliebte in den Arm nehmen, doch sie stieß ihn weg.
„Du warst so komisch“, wiederholte sie, „erst bist du nicht aufgewacht, als ich aufstand und dann hast du mich nicht bemerkt, als ich dir folgte. Du warst wie hypnotisiert!“
„Hynpo... was?“
„Ach, vergiß es!“ schimpfte Aiko und eilte den Weg zurück, den sie gekommen war.
Legolas sah ihr nach und fragte sich ernsthaft, ob seine Geliebte verrückt geworden war. Was war passiert, während er gestern und heut den Pferden nachgejagt war? Er stieg ab und führte das Pferd weiter, da er Zeit zum nachdenken brauchte. Irgendwie schien Aiko die Wirklichkeit anders wahrzunehmen, als sie eigentlich war. Wodurch konnte so etwas hervorgerufen sein? Warum hatte sie ihn eben zurückgewiesen? Mißtraute sie ihm? Ihm kam der Gedanke, wie wenig er Aiko eigentlich kannte. Vielleicht hatte sie öfter solche Anfälle, oder sie machte sich einfach über ihn lustig. Aber ihn beschäftigten noch andere Fragen. Zum Beispiel, warum in zwei Nächten hintereinander eins der Pferde ausgerissen war, letzte Nacht noch dazu direkt am Feuer vorbei. Wenn er es recht bedachte, hatte er von einem leisen Pfeifen geträumt. Vielleicht war es gar kein Traum gewesen, sondern von der Realität her in sein Bewußtsein gedrungen. Endlich gab er auf, stieg wieder aufs Pferd und beeilte sich, seine Geliebte einzuholen. Erstaunt stellte er fest, daß sie schon viel weiter war, als er erwartet hatte. Sie mußte, sobald sie außer Sicht gewesen war, wie verrückt gerannt sein. Legolas ließ sein Pferd aus dem Schritt in Trab fallen, um sie so schnell wie möglich einzuholen, aber plötzlich sprang er mit einem Aufschrei vom Pferd. Hinter einer Kurve verborgen, lag Aiko mitten auf dem Weg und rührte sich nicht. Er fühlte ihren Puls und hörte nach ihrer Atmung. Sie war ohnmächtig geworden. Er zog die Augen auf, konnte aber nichts ungewöhnliches feststellen. Was war nur los? Er redete kurz auf elbisch mit dem Pferd, dann hob er Aiko auf und trug sie zur Höhle zurück, das Tier folgte ihm. In der Höhle kam das Mädchen wieder zu sich, doch beruhigen konnte sich Legolas trotzdem nicht, denn ihre Augen starrten leer in die Gegend ohne irgendetwas zu sehen und auf nichts reagierte sie. Was er auch tat, der Elb konnte ihre Aufmerksamkeit nicht wecken. Verzweifelt schloß er sie in die Arme und blieb so sitzen, bis er plötzlich einen Schatten am Höhleneingang sah, der ihn aufmerken ließ. Schnell tauchte auch der dazugehörige Mensch auf. Es war eine alte Bekannte.
„Leandhra!“
Sie lächelte ihn spöttisch an und sagte: „Richtig. Um deine Freundin mußt du dir keine Sorgen machen. Die ist bald wieder in Ordnung.“
Legolas stellte sich schützend vor seine Geliebte, obwohl er wußte, daß dies nicht viel nützen würde. Da sah er auf einmal einen weiteren Kopf am Höhleneingang auftauchen. Er mußte sich ganz schön zusammen nehmen, um sich nichts anmerken zu lassen: Diese Frau sah aus wie Aiko! Das mußte – wie hieß sie noch? – Salim sein. Jetzt formte sie mit den Lippen lautlos die Worte: „Lenk sie ab!“
Legolas verstand sie sofort: „Was habt ihr mit ihr gemacht?“ Dabei zeigte er auf das am Boden liegende Mädchen.
Leandhra antwortete mit Genugtuung: „Gestern, als du hinter dem Gaul her warst, habe ich sie mit einem Zauber belegt, damit sie die nächsten Tage ihre Zauberkräfte nicht gebrauchen kann. Leider hat die Sache einen Haken: Bis der Zauber wirkt, hat er ein paar Nebenwirkungen. Die Leute bekommen Halluzinationen, bei Aiko waren die Bewußtseinsveränderungen relativ harmlos. Es ist schon vorgekommen, daß die betreffenden Magier aggressiv wurden und auf Leute in ihrer Umwelt losgingen. Dann kommt immer diese Besinnungslosigkeit, die noch einige Stunden anhalten wird. Ich kann sie also ganz gemütlich einpacken.“
„Zuerst mußt du an mir vorbei!“
„Wo ist das Problem?“ spottete Leandhra. Sie hielt den Revolver in der Hand, den sie damals im Waffengeschäft gestohlen hatte, diesmal wollte sie den Elben jedoch nicht verletzen. In den letzten Wochen hatte sie viel Nahkampfzaubern geübt und traute sich zu, Legolas lebend zu fangen, aber der Elb hatte die Wirkung der Waffe kennengelernt und daher gehörig Respekt vor ihr und das wollte sie nutzen. Jeder Vorteil, den sie erzielen konnte, war ihr sehr willkommen.
„Ergib dich lieber freiwillig. Du hast sowieso keine Chance! Ich kann dir versichern, daß dir nichts passieren wird. Das kannst du dir ja selber denken, wo Aiko so vernarrt in dich ist.“
„Niemals!“
„Darüber solltest du noch mal gut nachdenken.“
„Ihr wollt sie also immer noch als Verbündete?“
„Natürlich! Sie ist schließlich...“
Weiter konnte Leandhra nicht sprechen, da sie bewußtlos zusammensank. Salim hatte sie niedergeschlagen.
„Und du willst eine Hexe sein?“
„Das wirkt auf jeden Fall! Einen Fluch hätte sie vielleicht abgewehrt. Schnapp dir deine Freundin, wir müssen so schnell wie möglich fort. Und sorg dafür, daß die Pferde uns folgen. Wir werden gleich vom Hauptpfad abbiegen und müssen zu Fuß gehen.“
Legolas tat, was sie von ihm verlangte. Schnell hatte er ihre Sachen zusammengepackt und sich auf den Rücken geworfen, dann hob er Aiko hoch und trat vor die Höhle. Dort lagen zwei Diener, die Leandhra zum Abtransport der Gefangenen mitgenommen hatte. Salim hatte sie überwältigt und mit den Seilen gefesselt, die eigentlich für Legolas und Aiko bestimmt gewesen waren. Die Hexe ging nur etwa eine Viertelstunde auf dem Weg weiter, dann trafen sie auf einen kleinen Pfad, den sie nun einschlugen. Bald jedoch verließ sie auch diesen und kletterte quer einen Hang entlang, bis ein kleiner Tierpfad auftauchte. Er war an vielen Stellen sehr schmal und zum Teil äußerst steil. Die Kletterei war sehr mühsam, auch für den Elben, da er nur eine Hand frei und eine recht schwere Last zu tragen hatte. Für einen Menschen wäre das wohl kaum zu schaffen gewesen, doch Legolas geriet kaum außer Atem. Salim drehte sich öfter nach ihm um, da sie ihn für diese Leistung einfach bewundern mußte. Elben waren schon tolle Leute! Der besagte Elb staunte ebenfalls über Salims Ausdauer. Er war von Menschen anderes gewöhnt, besonders von Frauen.
„Du bist ziemlich ausdauernd.“
„Bin es gewohnt, im Gebirge herum zu klettern.“
„Du heißt Salim nicht wahr?“
„Ist das so wichtig?“
„Jedenfalls habe ich ein paar berechtigte Fragen an dich“, sagte der Elb unfreundlich.
„Reicht es im Moment nicht, daß ich euch vor der Gefangenschaft bewahrt habe? Und ich habe dich und deine Freunde aus dem Schlaf befreit. Das zeigt dir doch, daß ich es nicht böse mit dir meine. Erklären kann ich dir im Moment leider nichts, denn wer weiß, wer noch zuhört! Ich verspreche dir, daß ich dir irgendwann später mal alle deine Fragen beantworten werde, sofern ich überlebe. Einverstanden?“
„Nur, wenn du mir wenigstens sagst, wie du uns gefunden hast. Bist du eine so gute Fährtenleserin?“
„Ich brauchte euch gar nicht zu finden, Leandhra hat das übernommen. Ich bin ihr gefolgt, da ich ahnte, daß sie mal wieder etwas im Schilde führt. In letzter Zeit hatte sie viel zu tun mit der Anwerbung neuer Rekruten. Es sind hauptsächlich Orks, aber auch ein paar Menschen allerdings ohne magische Fähigkeiten. Es scheint, als seien alle schwarzen Hexen und Hexer bereits unter Modo vereinigt oder zumindest kann es nur noch ein oder zwei andere geben, die sich irgendwo verstecken. Sauron hat alle Schwarzmagier töten lassen, die er in die Finger bekommen hat. Modos Leute sind damals stark reduziert worden, und es gab noch viel mehr andere schwarze Magier, die eigene Ziele verfolgten. Die meisten hatten zwar eher geringe Fähigkeiten, doch Sauron wollte nicht das geringste Risiko eingehen. Er duldete nur Hexer, die das Handwerk von ihm selbst gelernt hatten. Jetzt sollten wir etwas schneller gehen, damit wir einen sicheren Rastplatz erreichen.“
Damit beschleunigte sie ihre Schritte noch mehr. Sie kletterten weiter bis tief in die Nacht hinein. So langsam zeigte Salim doch Ermüdungserscheinungen. Dennoch marschierte sie sicher ohne einen Fehltritt zu tun. In einem kleinen Talkessel blieb sie stehen.
„Endlich sind wir da.“
„Wieso glaubst du, daß wir hier sicher sind?“
„Erstens glaube ich, daß Leandhra die Kletterei nicht packt, zweitens ist hier jemand, an den sie sich ganz bestimmt nicht trauen wird.“
In der steilsten Felswand des Talkessels war eine kleine Höhle, aus der nun jemand heraus trat. Es war Gandalf.
„Das wird aber auch Zeit. Seit die Adler mir gesagt haben, daß ihr unterwegs seid, haben Salim und ich getrennt nach euch gesucht. Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht, hierher zu kommen? Ihr solltet im Auenland auf mich warten!“
„Du hast uns doch durch Boran eine Nachricht zukommen lassen.“
„Ich? Nein, ganz bestimmt nicht!“
Wir sollten uns später darüber unterhalten. Ich glaube, Aiko wacht gerade auf“, warf Salim dazwischen.
Tatsächlich regte sich das Mädchen leicht. Legolas trug sie zur Höhle und Gandalf entzündete ein Feuer, neben das Aiko gelegt wurde. Sie lächelte kurz den Elben an und schlief dann ein. Legolas erzählte leise von ihren Erlebnissen. Schließlich stand Salim auf: „Ich habe mich jetzt genug ausgeruht. Werde zurückgehen und sehen, daß ich Leandhra wiederfinde.“
„Paß auf dich auf!“ konnte Gandalf gerade noch sagen, dann war sie weg.
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Der nächste Morgen dämmerte. Aiko wachte als erstes auf, doch kaum rührte sie sich, da erwachte auch der Elb.
„Wie geht es dir, Geliebte?“
„Was ist denn eigentlich passiert?“
Legolas erzählte und das Mädchen hörte staunend zu. Währenddessen erhob sich auch Gandalf.
Er wartete bis der Elb fertig war, dann sagte er: „Aiko wird drei oder vier Tage nicht zaubern können. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich werde am Ende der Höhle das Portal aufbauen, damit sie endlich in ihre Welt zurückkehren kann. Am Anfang werden dort wohl noch keine Angriffe erfolgen.“
Der Elb atmete tief ein: „Gandalf, ich habe lange nachgedacht und mich entschlossen, Aiko zu begleiten.“
Das Mädchen sah ihn erstaunt an: „Aber Legolas, du paßt nicht in unsere Welt! Du wärst dort nur unglücklich.“
„Glücklicher als hier ohne dich“, sagte der Elb verzagt und ergriff ihre Hand.
Über Aikos Gesicht huschte ein süßes Lächeln. „Oh, mein Lieber“, hauchte sie leise. „Ich würde so gerne bei dir bleiben, aber ich muß dringend nach Hause. Es ist im Moment auch sicherer.“
„Ich habe doch gesagt, daß ich dich begleiten möchte, und nicht, daß du hierbleiben sollst.“
Gandalf schüttelte den Kopf: „Es tut mir leid, Legolas, aber das geht nicht. Du wärst nur eine Gefahr für Aiko. Sie und ihre Mutter sind Hexen und können sich verteidigen, wenn sie angegriffen werden, daher würde Modo dich entführen, um sie zu erpressen. Deshalb möchte ich, daß du nicht mehr von meiner Seite weichst. Jetzt muß ich das Portal aufbauen. Geht bitte raus. Ihr habt etwa drei Stunden Zeit, euch zu verabschieden.“
„Aber...“
„Nichts aber! Vielleicht kann Aiko bald zurückkommen, doch fürs Erste ist es besser so, glaube mir.“
Drei Stunden später schritt das Mädchen durchs Portal.
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Aiko saß zu Hause im Wohnzimmer. Sie war gerade angekommen, und dachte nun über das eben erlebte nach. Alles war so überstürzt gewesen, sie hatte sich gar keine Gedanken darüber gemacht, auch weil der Abschied von Legolas so unheimlich traurig gewesen war, denn der Elb schaffte es nur mühsam die Tränen zurückzuhalten und wollte sie gar nicht mehr loslassen und ihr erging es kaum besser. Jetzt erschien ihr alles äußerst seltsam. Zuerst war da Gandalfs Eile. Wenn Legolas bei ihm sicher war, warum dann sie nicht? Und warum sollte der Elb hier überhaupt in Gefahr sein? Auch davon, daß sie und ihre Mutter von Modo angegriffen werden könnten, hatte der Zauberer geredet, doch um den ‚Stern‘ zu verwenden, brauchte er schließlich sie und das Portal hatte er mit Isengart verloren. Hatte Modo etwa doch noch eine Möglichkeit, hierher zu kommen? Er war schließlich ein sehr mächtiger Magier und daher hielt sie es auch nicht für unmöglich, daß er noch einen anderen Weg gefunden hatte, als den 'Stern‘ und das Portal. Nur, wenn Gandalf davon wußte, warum hatte er ihr nichts erzählt? Es schauderte sie.
Von ihrer Mutter hatte sie noch nichts erfahren können, denn die war natürlich zur Arbeit gewesen, als sie kam. Das Mädchen wartete ungeduldig auf den Abend. Erstaunlicher weise machte ihre Mutter heute keine Überstunden, als hätte sie geahnt, daß ihre Tochter endlich zurück war. Gegen halb sieben schloß sie die Tür auf. Aiko sprang von der Coach und fiel ihr um den Hals. Lange standen sie da und umarmten sich.
Dann sagte ihre Mutter: „Aiko, ich freue mich so. Komm, wir wollen gleich ausgehen und deine Rückkehr feiern. Ich ziehe mich nur schnell um.“
So gingen sie essen und danach in eine Kneipe. Unterwegs konnte sie die Themen, die ihr am Herzen lagen, nicht ansprechen, die Leute am Nachbartisch würden sich schön wundern. Daher erkundigte sie sich ausschließlich nach den Erlebnissen ihrer Mutter, die ihr aber hauptsächlich von den Verwandten und von Aikos Freunden berichtete. „Ich habe allen erzählt, daß du krank und auf Kur warst. Morgen Nachmittag mußt du erstmal alle anrufen. Übrigens habe ich das mit der Schule geregelt. Wenn du willst, kannst du im nächsten Sommer weitermachen mit der 13. Klasse, so als wäre dieses Jahr gar nicht gewesen.“
„Ich weiß nicht, ob ich weiter machen will. Meinen Realschulabschluß habe ich doch schon. Das reicht eigentlich, findest du nicht?“
„Gandalf hat mich auf dem laufenden gehalten. Daher habe ich mir schon gedacht, daß du zurück willst. Weißt du, ich kann dich gut verstehen. Hoffentlich finden wir eine Möglichkeit, uns öfter zu sehen. Ansonsten wird’s mir schwerfallen.“
„Mir auch.“
„Wir sollten jetzt nicht daran denken, wo du gerade erst angekommen bist“, sagte Corinna schnell, um die wehmütige Stimmung, die sie erfaßt hatte, zu verdrängen und bestellte noch zwei Alsterwasser.
Ansonsten mußte sich das Mädchen Lobeshymnen auf ihre Tante Lena anhören, die sich rührend um ihre Schwester gekümmert hatte, als sie damals an dem Gedächtnisverlust gelitten hatte. Das Mädchen freute sich sehr darüber, daß ihre Mutter anscheinend wieder völlig genesen war, doch von Lena wollte sie nicht wirklich etwas hören. Sie konnte ihre Tante noch immer nicht sonderlich leiden, auch wenn sie ihr dankbar war.
Endlich wieder zu Hause ging Aiko gleich zu Bett, sie spürte noch die Strapazen der letzten Wochen in den Gliedern und morgen war ja schließlich auch noch ein Tag.
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Am nächsten Tag hatte Aiko den ganzen Nachmittag mit ihren Freunden telefoniert. Zuvor hatte sie sich eine Geschichte ausgedacht, ja, um nichts zu verwechseln, hatte sie alles ganz fein säuberlich aufgeschrieben. Außerdem deutete sie an, daß sie sich diesen total süßen Typen geangelt hatte, mit dem sie vor den Ferien herum gelaufen war und vielleicht bald zu ihm ziehen würde. Er wohne nur leider nicht in Lübeck und nicht einmal in Deutschland.
Gegen acht Uhr kam ihre Mutter.
„Hallo. Ich habe es geschafft, noch etwas einzukaufen. Wollen wir nicht zusammen kochen?“
Sie gingen in die Küche und machten sich an die Arbeit. Beim Abendessen erzählte Aiko nun endlich. Ihre Mutter wußte zwar von Gandalf bereits viele Ereignisse, dennoch hörte sie aufmerksam zu. Sie liebte ihre Tochter sehr und interessierte sich dafür, wie die Dinge sich aus der Sicht des Mädchens darstellten. So erfuhr sie auch von den Zweifeln und Fragen ihrer Tochter.
Sie seufzte: „Es tut mir leid, Aiko, aber ich kann dir nicht sagen, wer dein Vater ist.“
„Das ist nicht dein ernst!“ Das Mädchen war total geschockt.
„Doch. Tut mir wirklich leid. Ich kann dir nur eins sagen: Du hast gehört, daß Modo verheiratet ist. Aber ich und dein Vater sind es nicht! Damit mußt du dich zufrieden geben.“
Aiko war immer noch fassungslos und starrte Corinna nur an. Warum machte ihre Mutter das? „Das kann ja wohl alles nicht wahr sein! Ich werde noch verrückt!“
„Bitte nicht“, sagte Corinna betrübt.
Am nächsten Morgen hatte das Mädchen sich wieder beruhigt, auch wenn sie ihrer Mutter noch nicht ganz verziehen hatte. Inzwischen kamen ihr andere Sorgen. Sie mußte einen Job finden, zu Hause sitzen lag ihr nicht, sie brauchte dringend etwas zu tun.
Ihre Mutter wußte Rat: „Wir haben bisher immer von meinem Gehalt gelebt, das können wir auch weiter tun. Such dir doch erstmal eine ehrenamtliche Tätigkeit. Du kümmerst dich doch so gerne um Tiere, warum versuchst du es nicht mal beim Tierheim?“
„Das wäre eine Idee. Trotzdem würde ich gern etwas eigenes Geld verdienen.“
„Aber laß dir Zeit und such dir etwas, das dir gefällt. Falls es heutzutage so was überhaupt noch gibt, bei der Arbeitsmarktlage.“
„Bei einfachen Jobs gibt es nicht viel Auswahl. Nun ja, man wird sehen“, meinte Aiko verstimmt.
„Hast du für heute eigentlich was vor?“
„Klar, doch! Ich bin schon zwei Tage hier und habe "Die zwei Türme‘ noch nicht gesehen. Werde daher in die Nachmittagsvorstellung gehen. Ich habe ja sonst nichts zu tun.“
„Hätte ich mir denken können. Ich muß jetzt los. Bis heute Abend.“
„Tschüss.“
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Aiko stand vor einem kleinen Häuschen. Hier hatte sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbracht. Der Grund für ihr hiersein war einfach: Seit einem Monat war sie jetzt wieder zu Hause und merkte immer mehr, wie fremd ihr diese Welt geworden war – sie sehnte sich nach Mittelerde. Jetzt merkte sie, daß sie sich dort viel wohler gefühlt hatte. Als Hexe brauchte sie sich auch nur teilweise an die dort geltenden gesellschaftlichen Vorstellungen von Frauen halten und daher standen ihr viele Möglichkeiten offen. Wenn sie zurückkehrte, wollte sie unbedingt lernen, mit dem Schwert und dem Bogen umzugehen. Doch diese Gedanken verdrängte sie nun. Um bei Legolas glücklich zu leben, mußte sie mit ihrem bisherigen Leben abschließen. Sie dachte an die ersten Jahre zurück. Damals hatten sie noch mehr Geld, denn ihre Mutter Corinna, deren Bruder Karl und Lena hatten eine kleine Firma von ihrem Vater geerbt. Er war gestorben, als die drei noch sehr jung waren und die Mutter, Aikos Großmutter, hatte keine Ahnung von solchen Dingen. Das Wirtschaftsstudium kaum beendet und ohne Erfahrung schafften sie es dennoch das Unternehmen auszubauen. Nach Corinnas Schwangerschaft führten Karl und Lena es allein weiter, was 10 Jahre lang gut klappte, aber dann ging die Firma innerhalb weniger Monate Pleite. Karl hatte zuviel Geld in wertlose Investitionen gesteckt. Zugegeben hatte er das allerdings nicht, stattdessen behauptete er, daß Lena sie ruiniert hatte, indem sie Firmengeheimnisse an die Konkurrenz verkauft hätte. Aber das war natürlich völliger Blödsinn! Lena war für ihre Geschwätzigkeit bekannt, daher hatte man ihr nie Geheimnisse anvertraut und wenn Karl das doch getan hatte, dann war er selbst schuld. Dennoch hatte niemand in der Familie Karl große Vorwürfe gemacht, denn er war jemand, den man einfach gern haben mußte.
Das Haus stand in einem Vorort von Lübeck namens Eichholz. Direkt gegenüber lag ein Spielplatz, auf dem sie früher oft getobt hatte. Sie beobachtete eine Weile ein paar Kinder, die dort spielten, dann stieg sie wieder auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Rückweg.
Wann würde Gandalf sie zurückholen? Würde sie vielleicht gar Jahre warten müssen? Ob Legolas sie auch so vermißte? „Ganz sicher“, beantwortete sie sich die letzte Frage in Gedanken sofort selbst, denn schließlich hatte er sie sogar hierher begleiten wollen. Wenn Modo tatsächlich hierher kommen konnte, dann konnte sie ihm vielleicht den ´Stern‘ wieder abnehmen. Doch das war gefährlich, da sie keine Möglichkeit besaß, herauszufinden, was der Schwarzmagier tat. Einfache Abwehr war jedenfalls wesentlich einfacher!

 

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