Kapitel 32

Aikos Geburtstag

Aiko träumte. Doch es war kein schöner Traum, denn sie träumte von der Nacht, in der sie entführt und Legolas angeschossen worden war. Die Orks hatten plötzlich an ihrem Bett gestanden und sie mit einem Schlag an die Schläfe betäubt; als sie dann wieder erwachte, hatte sie gefesselt im Wohnzimmer gelegen und Leandhra stand mit der Pistole vor Legolas, der gefesselt und blutend am Boden lag. Der Traum übersprang die Orks und die Ohnmacht, sie schwebte auf unsichtbaren Händen aus ihrem Zimmer und konnte dann Leandhras an den Elben gerichtete Worte hören, die sie damals vernommen hatte.
„Mit dem Armband kann man einen Korridor zwischen den Welten herstellen. Über diesen kann man so viele Leute schicken, wie man möchte, während unser Portal nur wenige durchläßt. Unser Meister kann das Armband benutzen und den Korridor öffnen, aber er hat nicht die Fähigkeit uns zu führen. Du hast es vielleicht nicht gemerkt, aber wenn du dort ohne Führer unterwegs bist, verhält sich die Zeit anders. Du hast 8 Wochen gebraucht, um hierher zu kommen, mit Führer dauert es nur ein paar Stunden. Du siehst also, daß wir deiner Freundin nichts tun werden.“
Bei diesen Worten sah sie Legolas spöttisch an.
„Aber nun sollten wir noch einen unerwünschten Zeugen beseitigen.“
Sie richtete die Mündung der Waffe auf Legolas und Aiko fuhr schweißgebadet hoch.
Warum hatte sie diesen Traum? Es war nun bestimmt das vierte Mal gewesen, seit sie wieder daheim war und jedesmal war der Inhalt vollkommen identisch. Langsam beruhigte sie sich endlich und legte sich wieder hin. Doch der Traum ließ sie nicht los. Er hatte etwas zu bedeuten, da war sie sich ganz sicher, denn den Schrecken von damals hatte sie eigentlich schon längst überwunden gehabt! Oder lag es einfach nur daran, daß sie wieder in der Wohnung war? Nachdenklich ließ Aiko noch mal das Ereignis Revue passieren. Dabei wurde ihr bewußt, daß der Traum eigentlich nur aus Leandhras Worten bestand, der Rest des Geschehens war völlig ausgeblendet. Was hatte es mit dieser Rede auf sich? Aiko hatte Mühe, sich der Worte im Wachen zu erinnern, nur eine vage Vorstellung des Inhalts war ihr geblieben. Dann entglitten ihr die Gedanken und das Mädchen schlief wieder ein. Nach einer Weile wurde ihr Schlaf unruhig, bis sie erneut hoch fuhr. Zwei mal den gleichen Traum in einer Nacht, das war einfach zuviel! Sie mußte sich unbedingt an die Worte Leandhras erinnern, ansonsten würde sie noch verrückt. Aiko legte sich auf den Rücken, damit sie diesmal nicht einschlief, dann schloß sie die Augen und versuchte, ihre Gedanken kreisen zu lassen. Suna hatte ihr das einmal gezeigt. Wenn man eine bestimmte Erinnerung suchte, mußte man nur Bilder aus der Vergangenheit herbeirufen. Diese wechselten sich in buntem Reigen ab, Aiko sah viele Dinge aus ihrer Kindheit, dann die Nacht, in der Legolas und sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten (das Mädchen wäre beinahe der Versuchung erlegen, diese Erinnerung festzuhalten und damit die Bilderreihe zu beenden), dann kamen die Höhle, in der sie den Schneesturm überstanden hatten, wieder einiges aus ihrer Kindheit, das Zeltlager bei Edoras, ihre Hexenprüfung, und endlich, als sie kaum noch daran glaubte, erschien die Erinnerung, die sie hatte sehen wollten. Aiko beachtete jedes Wort, daß die Frau sprach und diesmal behielt sie sie. Als sie danach die Augen öffnete, merkte sie, daß es bereits hell wurde. Sie stand auf, öffnete die Gardinen und setzte sich aufs Fensterbrett, um hinaus zu schauen, während sie über die Sache nachsann. Was war so wichtig daran, daß es sie immer wieder quälte? Dann fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen: Natürlich! Leandhra hatte davon gesprochen, daß Modo den Stern benutzen und mit ihm den Weg in diese Welt öffnen könne! Zwar dauerte es 8 Wochen bis man hier war, doch inzwischen waren viele Monate vergangen, seit sie aus Isengart geflohen war. Genug Zeit jedenfalls, um hierher zu gelangen, die Waffen zu besorgen und zurückzukehren. Angst ergriff Aiko, wenn Modo dies wirklich getan hatte, dann sah es schlecht aus für ihre Freunde. Vielleicht waren sie schon längst besiegt. Aber sofort tauchte die Frage in ihr auf, warum man sie dann nicht angegriffen hatte. Sie war bereits seit 2 ½ Monaten wieder hier, genug Zeit also, um jemanden hierher zu schicken. Welchen Grund konnte Modo haben, noch so lange zu warten? Auf jeden Fall war jetzt klar, daß der Magier andere Gründe als den ‚Stern‘ gehabt haben mußte, um sie zu entführen, denn die 16 Wochen Zeitverlust, hätte die höhere Sicherheit aufgewogen. Wäre Leandhra einfach, während sie und Legolas nicht da waren, ins Schlafzimmer spaziert und hätte das Armband heimlich aus dem Safe entwendet, dann würde ihre Mutter den Verlust erst etliche Wochen später entdeckt haben und niemand hätte in Isengart nachgeforscht. Ein früher Spaziergänger mit einem niedlichen Pudel tauchte am Ende der Straße auf. Aiko beobachtete entzückt, wie der Hund herum tollte, bis er mit seinem Herrchen unter den Bäumen des Parks verschwand, dann kehrten ihre Gedanken wieder zu ihrem Problem zurück. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, daß Modo nicht ihr Vater sei, doch so langsam konnte sie das kaum noch glauben! Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde. Sie schloß die Vorhänge wieder und trottete zum Bett.
Erst am späten Vormittag erwachte sie wieder. Sie stand auf und verließ das Zimmer, um ins Badezimmer zu gehen, doch im Türrahmen blieb sie überrascht stehen, denn sie erblickte einen kleinen Stapel Pakete auf dem Eßtisch. Da sie noch nicht ganz munter war, brauchte sie einen Moment, bis sie darauf kam, was das zu bedeuten hatte. Heute war der 1. April und das hieß, daß sie Geburtstag hatte. Sie hatte es völlig vergessen! Sie verschwand zuerst ins Bad, wo sie sich so schnell, wie sie konnte, fertig machte; ihre Müdigkeit war auf einmal wie fort geblasen. Noch mit dem Handtuch um die nassen Haare ging sie dann in die Küche, wo sie einen Zettel von ihrer Mutter fand:

´Meine liebe Aiko,
ich gratuliere dir herzlich zum Geburtstag. Im Kühlschrank sind Eier und Schinken und auf dem Küchentisch liegt eine Tüte Croissants, so daß du dir ein schönes Geburtsagsfrühstück machen kannst. Ich werde heute pünktlich Schluß machen, das verspreche ich dir. Du kannst dir schon mal überlegen, was du dann machen willst.
Kuß, Mama‘

Aiko mußte Lächeln. Sie fragte sich, wie ihre Mutter es schaffen wollte, pünktlich zu sein, bisher war ihr das jedenfalls noch nie gelungen, wenn sie es versprochen hatte. Die Male, wo sie in all den Jahren vor neun Uhr noch heim gekommen war, ließen sich überhaupt an zwei Händen abzählen. Aber im Moment hatte das Mädchen so gute Laune, daß es ihr egal war, wann ihre Mutter heute nach Hause kommen würde. Hauptsache sie konnten danach noch etwas unternehmen. Sie holte Eier und Schinken heraus und machte sich Rührei in der Pfanne. In einem Küchenschrank fand sie noch einen Rest Kakao, für den sie schnell noch etwas Milch auf dem Herd aufkochte, dann ging sie mit allem ins Wohnzimmer an den Tisch, wo ihre Geschenke warteten. Da sie Hunger hatte, aß sie jedoch zuerst und wollte danach die Päckchen aufmachen. Gerade war sie fertig, da klingelte das Telefon. Es war Anabell, ihre beste Freundin.
„Hallo Aiko, herzlichen Glückwunsch.“
„Danke.“
„Eigentlich könnte ich dir das ja auch gleich sagen, doch ich wollte die erste Gratulantin sein. Oder hat deine Mutter schon gratuliert?“
„Nur schriftlich“, erwiderte das Mädchen, das heimlich Anabells Idee pries, sie anzurufen. Bei all der Aufregung über ihre Entdeckung heute Morgen hatte sie ganz vergessen, daß sie diesmal schon Mittags mit ihren Freunden feiern wollte, weil einer von ihnen heute Abend für zwei Wochen verreisen würde und solange hatte sie die Feier nicht hinauszögern wollen, da sie immer noch hoffte, daß Gandalf sie bald holte. Sie redete noch kurz mit Anabell und legte dann auf, um noch mal ins Bad zu gehen und sich ganz fertig zu machen. Wie gut, daß alle ihre Freunde noch zur Schule gingen und daher gerade Osterferien hatten, mit Ausnahme von Markus, der bereits lernte, doch wegen besagter Reise Urlaub genommen hatte.
„Aber dumm, daß ich jetzt so spät gefrühstückt habe. Bei dem Essen gleich, werde ich bestimmt kaum etwas runter bekommen“, dachte Aiko ärgerlich. Na ja, dann bestellte sie eben nur einen Salat. Schließlich war es wichtiger, daß sie gleich ihre Freunde treffen würde, denn wenn sie erst mal in Mittelerde lebte, würde sie sie sicher nur noch selten sehen.
Schnell verschwand sie wieder im Bad, um sich vollends fertig zu machen und danach hatte immerhin sie noch genug Zeit, die Geschenke auszupacken. Das erste Päckchen enthielt eine Armbanduhr, die Aiko sich gewünscht hatte, ihre alte war damals bei ihrer Entführung kaputt gegangen, weil die Orks den Nachttisch umgekippt hatten, auf dem sie lag. Dazu kamen noch das ‚offizielle Begleitbuch‘ zu ‚Die zwei Türme‘ und ein neues Tagebuch, das sie dringend benötigte, denn ihre Erlebnisse in Mittelerde hatten bereits zwei Tagebücher gefüllt und waren noch längst nicht alle aufgeschrieben. Das letzte Geschenk war in ein anderes Papier gewickelt als die Vorherigen und stammte also nicht von ihrer Mutter. Als sie es in die Hand nahm, wurde auf einmal klar, daß die Verpackung gar nicht aus Papier bestand sondern aus Stoff. Wie merkwürdig! Sie öffnete es vorsichtig, da es ja auch von Modo stammen konnte. In der buchgroßen Schachtel lag ein Bild mit einem goldenen Rahmen. Es zeigte Legolas und zwar nicht den Legolas aus dem Film sondern ihren Geliebten, da war sie sich ganz sicher, obwohl die beiden sich sehr ähnlich sahen. Erst bei ganz genauem hinsehen wurde ihr klar, daß es keine Fotografie war, so perfekt gemalt hatte es der Künstler. Jetzt fiel ihr auf, daß noch ein kleiner Zettel in der Schachtel lag. Er enthielt einen Geburtstagsgruß und Gandalfs Unterschrift.
Ein wenig enttäuscht legte Aiko den Zettel weg. Legolas hätte ruhig etwas auf elbisch dazu schreiben können, auch wenn sie es nicht lesen konnte! Traurig drückte sie einen Kuß auf das Bild, dann stellte sie es zu den anderen Sachen und warf einen Blick auf die Uhr. Ja, es war höchste Zeit zum gehen.
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Gegen drei Uhr nachmittags kam Aiko zurück in die Wohnung. Sie war froh, wieder alleine zu sein, denn seit sie das Bild ausgepackt hatte, schaffte sie es einfach nicht mehr, wirklich fröhlich zu sein, so sehr sie sich auch bemühte. Doch zu ihrer Verwunderung und zu ihrem Ärger war die Wohnung nicht leer: Tante Lena streckte den Kopf aus der Küche und sagte: „Hallo, da bist du ja. Alles Gute zum Geburtstag.“
„Hallo Lena“, antwortete das Mädchen matt.
„Das klingt ja nicht nach besonders guter Geburtagslaune.“
„Wieso bist du eigentlich hier?“
„Deine Mutter hatte diesmal keine Zeit, Kuchen zu backen. Daher hat sie mir den Schlüssel für die Wohnung gegeben, damit ich dich überraschen kann.“
„Wirklich nett von dir“, meinte Aiko und versuchte möglichst versöhnlich zu klingen.
„Bin gleich fertig, Aiko, das Teewasser kocht schon.“
„Soll ich helfen?“
„Nicht nötig.“
Ein paar Minuten später erschien ihre Tante mit einem Tablett, auf dem die Teekanne nebst Tassen und Teller standen, außerdem ein Schokoladenkuchen, Lenas Geheimrezept. Er war besonders lecker und dieser Genuß tröstete Aiko über die Tatsache hinweg, daß sie mit ihrer schwatzenden Tante Tee trinken mußte. Später würde sie sie wahrscheinlich kaum loswerden!
Doch zu dem großen Erstaunen des Mädchen ging Lena nach dem Abwasch des Teegeschirrs freiwillig und ganz ohne die Anwendung sanfter Gewalt. So war ihre Tante eigentlich gar nicht so übel, wenn man von dem vielen Gerede absah, dachte sich Aiko, während sie noch ein Stück Kuchen aß. Sie würde sich ganz schön anstrengen müssen, nicht auch noch das für ihre Mutter bestimmte Stück zu verspeisen.
Endlich stand sie auf, um in ihr Zimmer zu gehen. Doch kaum hatte sie einen Schritt getan, da wurde ihr plötzlich fürchterlich schwindlig. Aiko sank auf den Stuhl zurück. Was war das? Kreislaufprobleme? So was hatte sie noch nie gehabt. Das Zimmer begann sich um sie zu drehen.
„Ich muß mich hinlegen“, dachte Aiko und stand wieder auf, um zur Coach zu gehen. Doch in diesem Moment wurde es schwarz vor ihren Augen, die Beine versagten den Dienst; schon fast ohnmächtig, streckte sie den Arm aus, um sich am Eßtisch festzuhalten, dann fiel sie ganz zu Boden. Mit ihr fiel noch etwas anderes: Es war Legolas Bild, das sie beim Fallen mit dem Arm vom Tisch gestoßen hatte und dessen Glas nun mit einem häßlichen Knacken zerbarst.

 

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