Kapitel 33

Der Stern

Wenige Minuten nachdem Aiko ohnmächtig geworden war, betrat Lena wieder die Wohnung.
„Ich habe meinen Lippenstift liegenlassen“, rief sie fröhlich, dann entdeckte sie das bewußtlose Mädchen. Schnell lief sie hin und fühlte den Puls, anschließend ging sie eilig in die Küche, doch anstatt ein Glas Wasser zu holen, machte die Frau etwas sehr merkwürdiges: Sie steckte das letzte Stück Kuchen, das ihre Schwester hatte erhalten sollen, in eine mitgebrachte Tupperdose und dann in ihre Handtasche. Jetzt verließ sie die Küche wieder und ging zurück zu Aiko. Mit ein wenig Mühe hob sie ihre Nichte hoch und trug sie zur Coach, wo sie sich direkt neben die Ohnmächtige setzte und in ihrer Tasche zu kramen begann. Was sie heraus zog, hätte Aiko die Sprache verschlagen, wenn sie es hätte sehen können – Es war der Stern! Schnell legte Lena das Armband um und verschwand mit Aiko. Sieben Stunden später erreichte sie ihr Ziel, sie hatte fast doppelt solange gebraucht wie gewöhnlich, da sie das Mädchen tragen mußte. Jetzt stand sie in einem prachtvoll eingerichteten Zimmer, wo sie die immer noch bewußtlose Aiko auf einen Diwan bettete und dann verschwand. Etliche weitere Stunden vergingen, bis das Mädchen wieder zu sich kam. Sie schlug die Augen auf und mußte feststellen, daß sie sich nicht mehr zu Hause befand. Ängstlich sah sie sich um. Der Teppich hatte das Aussehen von Eisbärenfell (es war wahrscheinlich wirklich Eisbärenfell), vor ihr stand ein zierlicher Tisch, der aus Gold gegossen war, der Diwan, auf dem sie lag, war mit Seide bezogen, die Wände waren schneeweiß mit goldenen Borten und in einem marmornen Kamin prasselte ein würzig duftendes Feuer. Es war die einzige Lichtquelle in dem Zimmer, daher war es recht dämmrig. Der Raum hatte nur eine Tür und diese öffnete sich nun. Eine Dame in einem prächtigen Kleid aus rotem Samt trat ein.
„Ah, du bist wach.“
Erst als sie die Stimme hörte, begriff Aiko, wen sie vor sich hatte: „Lena!“
„Ja, meine Liebe.“
„Wo bin ich hier?“
„In meinem bescheidenen Heim.“
„Bescheiden?“, fragte Aiko ironisch, dann fügte sie hinzu: „Ich hatte deine Wohnung anders in Erinnerung.“
„Ach, meine Wohnung“, meinte Lena mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Du verstehst sicher, daß ich lieber hier wohne, als in meiner kleinen Wohnung in Lübeck. Leider habe ich nicht so oft Zeit hierher zu kommen.“
„Aber wo ist denn nun hier?“
„Darüber reden wir Morgen, Aiko. Du hattest einen Ohnmachtsanfall und solltest dich ausruhen.“
„Warum habe ich nur das ungute Gefühl, daß diese Ohnmacht etwas mit einem gewissen Schokoladenkuchen zu tun hat?“
„Beleidige mich nicht, Aiko. Wir werden morgen über alles reden. Es ist schon sehr spät.“
Damit verschwand sie. Gegen Mittag des nächsten Tages trat ein Diener in das Zimmer und bat das Mädchen, ihm zu folgen. Dieses ging freiwillig mit, denn es war gut, ihren Aufenthaltsort kennenzulernen und gelangte so in ein Eßzimmer, das noch edler ausgestattet war, als das Zimmer, in dem sie geschlafen hatte.
Lena saß am Tisch: „Gut, daß du kommst. Die Diener sind jetzt bereit, das Mahl aufzutragen.“
Sie aßen schweigend und gingen dann hinüber ins Nebenzimmer, wo sie auf zwei Sesseln Platz nahmen, während Kaffee serviert wurde. Lena ergriff endlich das Wort: „Nun darfst du fragen, Aiko.“
„Wirst du ehrlich antworten, Lena?“
Diese überlegte kurz und nickte dann: „Es hat gar keinen Sinn, dich zu belügen. Dumm bist du nicht.“
„Wir sind irgendwo in Mittelerde, stimmt’s?“
„Ja, sicher.“
„Also, daß wir in Mittelerde sind, habe ich mir gleich gedacht. Mich würde nur mal interessieren, wie wir hierher gekommen sind.“
„Darauf kommst du nicht? Bin ich nicht die Schwester deiner Mutter? Nur, weil ich die jüngere bin, heißt das nicht, daß ich keine Zauberkräfte geerbt habe.“ Ihr Gesicht verzog sich geringschätzig: „Ich war immer die bessere Hexe, doch das spielte keine Rolle.“
„Du kannst den Stern benutzen? Und du hast einen? Oh, ich ahne es!“
Die Frau lächelte: „Dir kann man wirklich nichts vormachen. Irgendwie bist du ganz anders als deine Mutter.“
„Laß Mama aus dem Spiel!“
„Schon gut. Also, was ahnst du?“
„Den Stern kannst du nur von ihm haben. Du bist Modos Frau!“
Lena nickte ernst: „Du hast recht, Aiko. Jetzt verstehst du auch, warum du seine Nachfolgerin werden sollst, nicht wahr? Du bist meine engste jüngere Verwandte und ich kann keine Kinder bekommen.“
„Und du hast zugestimmt? Du konntest mich doch noch nie leiden.“
„Ich mag dich bis heute nicht sonderlich, doch ich konnte nicht anders, als ihm seinen Willen lassen. Mein lieber Mann trägt mich wirklich auf Händen. Sieh nur, was für eine prächtige Zuflucht er mir eingerichtet hat, damit ich dem Altagstrott entgehen kann. Nachdem Modo den Stern erobert hat, brachte er ihn natürlich sofort zu mir.“
„Wie hast du ihn überhaupt kennengelernt? Das Portal kann er doch erst seit kurzer Zeit genutzt haben.“
Lenas Gesicht wurde sehr traurig: „Das ist wahr. Wir haben uns lange Jahre nicht gesehen. Als Corinna und ich jung waren und noch zu Hause wohnten, da gab uns unsere Mutter öfter den Stern, damit wir nach Mittelerde reisen und das Land kennenlernen konnten. Zuerst unternahmen wir alles zusammen, doch bald reisten wir abwechselnd allein, da unsere Interessen auseinander gingen. Corinna war am liebsten in Bruchtal bei den Elben, während ich die Menschen bevorzugte. So lernte ich Modo kennen und lieben und wir heirateten heimlich. Aber mit Corinnas 25. Geburtstag ging der Stern an sie über und ich konnte meinen geliebten Mann nicht mehr besuchen. Ich bin nur ein Jahr jünger als sie, doch ich hatte nicht mehr das Recht, den Stern zu benutzen. Das ist jetzt 20 Jahre her. Vor etwas über einem Jahr, gleich nachdem Isengart verlassen wurde, zog Modo dort ein und fand zu seiner Freude dieses Portal vor. Wie glücklich war ich, als er plötzlich vor mir stand. Beinahe 19 Jahre haben wir verschwendet.“
Aiko betrachtete Lena mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier. Diese Frau war nicht mehr ihre Tante, wie sie sie kannte. Das Freundliche und Geschwätzige, die Hilfsbereitschaft und das ewige Lächeln, das alles, was anscheinend ihr Wesen ausgemacht hatte, war nur gespielt gewesen und dahinter verbarg sich eine kluge, doch harte und berechnende Frau.
„Wie konntest du dich nur in Modo verlieben und ihn noch immer lieben?“ fragte sie nach einem kurzen Zögern.
Lena wurde, wie sie erwartet hatte, wütend, aber sie sagte mit mühsam beherrschter Stimme: „Immerhin habe ich mit meiner Heirat einen Mann von Macht und Reichtum in unsere Familie gebracht. Fändest du es besser, wenn es wie bei deiner Mutter gewesen wäre?“
Aiko hielt den Atem an. Ihre Tante wußte etwas über ihren Vater! Dennoch fragte sie in einem trotzigen Ton: „Wie war es denn bei meiner Mutter?“
„Hat sie dir das nie erzählt? Eines Tages kam sie nach Hause und stellte ein paar Tage später fest, daß sie schwanger war. Corinna konnte uns nicht mal sagen, wer der Vater sei! Sie war dem erst besten Wanderer um den Hals gefallen und hatte sich von ihm schwängern lassen. Mutter hatte die Theorie, daß sie den Namen wohl wisse, ihn aber zurück hielte, weil er ein Landstreicher oder gar ein Räuber gewesen sei.“
„Das glaube ich nicht!“
„Es ist aber so. Das ist auch der Grund, warum ich mich nie wirklich mit dir anfreunden konnte. Es ist eine Schande, daß so geringes Blut in die Familie gekommen ist.“
Aiko nahm die Beleidigung äußerlich ruhig hin, obwohl sie in Wahrheit vor Wut kochte. Lena meinte diese Worte völlig ernst, sie sprach sie nicht etwa nur um sie zu kränken.
„Eins würde ich noch gern wissen gern wissen. Was soll ich hier?“
„Modo und ich werden in den nächsten Tagen die Waffen aus unserer Welt holen und dann Mittelerde unterwerfen. Wir haben so lange gewartet, um Gandalf in Sicherheit zu wiegen und das hat auch geklappt. Er glaubt, daß wir diesen Plan aufgegeben haben, was unbedingt notwendig war, denn er kennt ein paar weiße Magier und wenn er diese versammelt hätte, wäre das Gelingen des Plans gefährdet gewesen. Du sollst ruhig hier bleiben, bis wir gesiegt haben. Wenn alles entschieden ist, wirst du dich sicher leichter entscheiden können. Modo braucht dringend einen Nachfolger. Er ist schon fast 50 und in diesem Alter werden einem solche Gedanken langsam wichtig.“
„Und wenn ich trotz allem ablehne?“
„Das ist das Dümmste, was du tun könntest! Wenn du ablehnst, hilfst du damit niemandem. Modo wird sich jemand anders suchen und der wird dann garantiert seine Gesinnung haben. Stimmst du aber zu, so kannst du das Reich nach Modos Tod nach Belieben umgestalten, falls Modo dich dann noch nicht von seinen Ansichten überzeugen konnte. Den Elben, an dem du so hängst, wirst du natürlich auch bekommen und zwar bald. Modo hat schon einen Plan, wie er ihn entführen kann. Immerhin muß man sagen, daß du bei Männern einen wesentlich besseren Geschmack hast als deine Mutter. Das edle Blut des Prinzen wird ihren Fehltritt wieder wettmachen.“
Lena sprach, als rede sie von einem Zuchthengst! Aiko erwiderte nichts mehr. Sie ließ sich ohne Gegenwehr in ihr Zimmer zurück führen, in das inzwischen ein richtiges Bett gestellt worden war.
Der Diener sagte leicht verlegen zu ihr: „Es tut mir leid, daß ihr erst jetzt ein Bett bekommt, unser Tischler mußte erst eins anfertigen. Es gibt hier keine Gästezimmer, nur die Dienerschaftsräume und die Gemächer der Herrin. Und ihr könnt euch doch nicht in ein Bett legen, in dem einfaches Gesinde geschlafen hat.“
„Bett ist Bett“, dachte Aiko, erwiderte aber nichts. Woher kam bei ihrer Tante nur der Glaube, daß sie etwas besseres sei?
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Es war Mitternacht. Aiko beglückwünschte sich zu der Tatsache, daß sie ihre neue stoßfeste Uhr trug, so daß sie die Zeit bestimmen konnte. Jetzt würde wohl wenig los sein in diesem merkwürdigen Palast, so daß sie sich umschauen konnte; sie zog eine Haarnadel aus der Tasche und begann damit im Türschloß herum zu stochern. Nach mehreren Minuten gab es ein leises „Klick“ und die Tür war offen. Der Gang draußen war pechschwarz, der ganze Bau schien keine Fenster zu besitzen, tagsüber wurde alles durch Fackeln, Kerzen und Kaminfeuer erhellt, manche Zimmer hatten Kronleuchter, wie das Eßzimmer, wo sie vorhin gesessen hatte. Vorsichtig begann Aiko sich den Weg zu tasten, wobei sie nur langsam voran kam. Dann erreichte sie die Teile des Palastes, die durch Fackeln erleuchtet waren. Hier mußte sie noch vorsichtiger sein, denn das vorhandene Licht bedeutete, daß hier auch des nachts Diener unterwegs sein konnten. Doch sie begegnete glücklicherweise niemanden. Schnell hatte sie heraus, daß der Gang, in dem sie sich befand, durch das ganze Gebäude führte. Der dunkle Teil hinter ihr, enthielt, wie sie heute Mittag gesehen hatte, anscheinend nur ungenutzte Räume, mit Ausnahme des Ihrigen, dann kamen links die Gemächer, die Lena bewohnte, während rechts die Küche und die Zimmer der Dienerschaft lagen. Ihre Tante mußte mindestens acht große Räume bewohnen. Zuerst betrat sie wieder das Eßzimmer, wo sie annehmen konnte, daß es um diese Zeit leer sei. Aus dem Nachbarzimmer, in dem vorhin das Gespräch stattgefunden hatte, drang ein sanfter Lichtschein und leise Musik. Ihre Tante war also noch wach und ließ sich unterhalten. Das Zimmer hatte noch eine dritte Tür, die sie zuerst einen Spalt öffnete, in der Befürchtung, daß sich dort Diener aufhalten könnten, doch dann stieß sie die Tür weit auf. Es war anscheinend Lenas Arbeitszimmer oder so ähnlich – viele Zauberbücher standen dort in einem Regal, etliche Schränke und Vitrinen faßten Unmengen an Zauberzutaten. Aiko blieb einen Moment staunend stehen, dann gab sie sich einen Ruck und öffnete die nächst beste Vitrine. Dort fand sie unter anderem ein Puderdöschen mit der Aufschrift „Barbiturat Venus“, ein äußerst wirksames Schlafpulver, das einen Menschen, den man es ins Gesicht pustete, binnen Sekunden einschlafen ließ. Aiko nahm es als Waffe mit, sie hatte keine Zeit, etwas anderes zu suchen. Sie ging zur anderen Tür des Raumes und öffnete sie ohne die bisherige Vorsicht. Plötzlich erstarrte sie: Sie stand in einem Raum, wo auf einem Sockel in der Mitte ein kleines Kästchen stand und drum herum wohl 15 Diener, die anscheinend ebenso überrascht waren wie sie, denn sie starrten sie nur an, unfähig sich zu rühren. Dann stürzten die Vordersten auf sie zu und das Mädchen faßte sich. Sie tat das einzige, was in der Schnelle möglich war: Sie schleuderte das Döschen mit aller Kraft in den Raum, so daß es zerbrach und schlug die Tür zu. Sie wußte, daß das Pulver sich schnell zersetzte und sie dann gefahrlos eintreten konnte. Nach zwei Minuten öffnete sie die Tür wieder und sah, daß die Diener tief und fest schliefen. Jetzt richtete sie ihren Blick auf das Kästchen. Ob es den Stern enthielt? Es war zumindest möglich. Doch das Kästchen hatte ein Sicherheitsschloß und sie kannte leider keinen Zauber zum Aufbrechen von Schlössern, die Alltagszauber hatte ihre Lehrerin übersprungen mit der Bemerkung, sie könne sie später nachholen, da sie sie erstmal nicht brauchen würde. Von wegen!
Die Diener waren bewaffnet und Aiko nahm einem von ihnen ein stabil aussehendes Messer ab, um damit das Schloß aufzubrechen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen schaffte sie es. Ein leiser Freudenschrei entfuhr ihr, denn ihre Hoffnung hatte sie nicht getrogen. Achtlos warf sie das Messer weg, nahm das Armband und verschwand. Doch im selben Moment legte sich eine Hand um ihren Arm.
Der Gang erschien, aber Aiko wußte, daß sie nicht allein war. Sie drehte sich um und erkannte Lena. Diese sprühte vor Zorn.
„So dankst du mir also?“ rief sie und riß dem Mädchen den Stern vom Arm. Dieses wich schnell so weit zurück, daß sie außerhalb des Wirkungskreises des Sterns kam.
„Wie hast du mich entdeckt?“ fragte sie verdutzt.
„Am Schloß des Kästchens war ein Zauber angebracht, der mich sofort alarmiert hat, als du das Schloß berührtest. Komm jetzt mit mir zurück!“
„Komm du doch und hol mich!“
„Willst du gegen mich kämpfen? Bitte, wie du meinst. Wenn du so jung sterben willst, kann ich kaum etwas dafür.“
Einen Moment standen sie sich gegenüber, einander mit abschätzenden Blicken bedenkend. Keiner wußte vom anderen, was er zu erwarten hatte. Und in dem regenbogenfarbenen Licht des Ganges waren die Bewegungen des Gegenübers nicht gut zu erkennen.

 

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