Kapitel 4

Ein unheimlicher Angriff

Es war schon ziemlich spät am Abend, als Aiko nach Hause kam. Legolas saß auf der Coach und sah ihr besorgt entgegen. Der Bericht des Mädchens schien ihn noch besorgter zu machen. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, bis Aiko sich aufraffte: „Hier rumsitzen bringt nichts, wir sollten schlafen gehen. Am Besten ist wohl, wenn du in meinem Zimmer schläfst und ich in dem von meiner Mutter. Ich gehe gleich und beziehe das Bett in meinem Zimmer neu“. Sie stand auf, um ihr Vorhaben auszuführen, aber in diesem Moment erschienen vor ihr aus dem Nichts drei Monster. Bevor Aiko irgendetwas tun konnte, lagen die Drei bereits tot am Boden: Legolas hatte seine Waffen neben sich liegen gehabt und blitzschnell nach dem Bogen gegriffen.
„Das sind Orks. Wie kommen die hierher?“
„Mein Gott, was wollen die nur von dir?“ rief das fast zu Tode erschrockene Mädchen aus.
„Ich habe leider keine Ahnung. Aber es wäre wohl besser, es herauszufinden!“
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir hier etwas herausfinden können. Du müßtest nach Mittelerde zurück“.
„Aber gerade das kann ich ja nicht. Wir sollten die Leichen entsorgen und dann schlafen gehen.“
„Und wenn noch mehr solche kommen?“
„Kann ich mir nicht vorstellen. Wenn mehr herüber könnten, wären wir von mehr als Dreien angegriffen worden. Dennoch sollten wir vorsichtig sein. Ich werde mich nun um die Orks kümmern.“
„Morgen müssen wir dir neue Kleidung besorgen, aber deine Waffen kannst du dabei nicht mitnehmen!“
„Darüber werden wir Morgen reden.“ Mit diesen Worten warf er den ersten Ork über die Schulter und verlangte eine Schaufel. Glücklicherweise fand sich eine im Keller. Aiko nahm an, das Legolas die Leichen im Park vergrub. Wenn dort eines Tages mal jemand Ausgrabungen machte, würde er sich wundern!
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Legolas lag im Bett, konnte aber nicht einschlafen. „Eigentlich kein Wunder nach den heutigen Ereignissen“, sagte er sich. Besonders an Aiko mußte er denken. Warum vertraute er ihr eigentlich? Woher sollte er wissen, daß sie die Wahrheit sagte? Sie konnte ihn auch hierher gebracht haben und ihm nun an der Nase herumführen. Aber sie mußte ganz schön mächtig sein, was Magie anging, wenn sie einen Elben täuschen wollte. Elben sahen es gewöhnlich sofort, wenn Menschen logen.
Dieses Grübeln nutzte absolut nichts und Legolas wußte das. Aber er konnte den Gedanken an Aiko nicht einfach zur Seite schieben. Irgendetwas an ihr faszinierte ihn. Sie war so fremdartig und gleichzeitig irgendwie vertraut. Und sie hatte wunderschöne Augen, die etwas geheimnisvolles hatten. Sie waren Grau mit ein wenig grün und gelben Sprenkeln. Viele hätten diesen Farbmischmasch als seltsam empfunden, aber in Mittelerde, wo fast alle Leute eine einfarbige Iris hatten, war es etwas besonders. Am auffallendsten hatte er aber gefunden, daß Aiko kein Mieder trug. Ihre Brüste zeichneten sich unter dem Stoff ihres Hemdes ab. Plötzlich errötete Legolas unwillig: Das er an so etwas in seiner Situation überhaupt denken konnte! Er brauchte einen klaren Kopf und seinen ganzen Verstand, um hier herauszukommen. Und schließlich war er ein über 2900 Jahre alter, erfahrener Elbenprinz, während Aiko eine sehr junge Frau war. Wie alt mochte sie wohl sein? Zwischen siebzehn und zwanzig schätzte er. Er sollte sie morgen mal fragen. Damit schlief der Elb ein.
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Aiko seufzte, als der Wecker klingelte. Sie war bereits hellwach, verspürte aber keine Lust aufzustehen. Mühsam rappelte sie sich auf und ging murrend ins Badezimmer. Dort besserte sich ihre Laune schlagartig, weil sie daran denken mußte, wie sie Legolas die vorhandenen Einrichtungsstücke erklärt hatte; Legolas war von der Dusche besonders fasziniert gewesen und hatte sie beide ziemlich durchnäßt. Als sie aus dem Bad kam, streckte Legolas den Kopf aus der Küchentür. „Was frühstückt man bei euch eigentlich? Es ist gar kein Brot da“. Richtig, sie hätte gestern Schwarzbrot und Toast kaufen müssen, aber das hatte sie bei der Aufregung vergessen. „Es müssen noch Corn Flakes und Milch da sein“, antwortete Aiko und als der Elb sie verständnislos ansah, ging sie an ihm vorbei in die Küche, um alles dafür herauszusuchen. Am Eßtisch begann Aiko nun die eigentliche Unterhaltung: „Ich muß in die Schule. Der Unterricht geht bis um halb eins Uhr“.
„Mußt du dort jeden Tag hin?“
„Montags bis Freitags, am Wochenende ist frei. Aber in zwei Wochen beginnen die Schulferien, dann habe ich sechs Wochen keine Schule. Am letzten Tag gibt es Zeugnisse. Das sind Zettel mit Zahlen, sogenannten Noten, drauf; Noten sind Bewertungen der Leistungen, die man in einem halben Schuljahr vollbracht hat und werden am Schuljahrsende vergeben. Es ist gut, daß es nur noch so kurze Zeit bis dahin ist, da wir deshalb nur wenige Hausaufgaben aufbekommen haben. Die muß ich nämlich noch gleich vor der ersten Stunde schnell machen“.
„Daran bin wohl ich schuld“.
„Wer sonst?“
„Soll ich dich begleiten?“
„Auf gar keinen Fall! Du hast schon genug Aufsehen erregt. Ich komme nach der Schule her und hole dich ab. Verhalte dich möglichst leise, die Nachbarin unter uns weiß, daß Vormittags bei uns niemand zu Hause ist und hält dich nachher noch für einen Einbrecher. Aber jetzt muß ich los“.
Aiko lief in ihr Zimmer, schnappte sich die Schultasche und rannte aus der Wohnung. „Auf Wiedersehen“, rief Legolas ihr noch nach. Das Mädchen hielt einen kleinen Moment inne und erwiderte: „Tschüs, bis später!“ Dann war sie fort. Legolas runzelte die Stirn: Was hieß das nun wieder? Hoffentlich mußte er nicht zu lange hierbleiben, diese komischen Sachen und Wörter machten ihn sonst noch verrückt.
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Endlich kam Aiko wieder. Sie fand Legolas vor dem Fernseher. Da sie gestern Abend noch kurz Nachrichten gesehen hatte, wußte er, wie der Fernseher zu bedienen war. Aber das Programm sagte ihm überhaupt nichts. Ständig schaltete er hin und her und fragte sich nach dem Sinn dessen, was dort gezeigt wurde. Wieso sahen sich die Menschen hier andere Menschen an, die stundenlang miteinander redeten oder dämliche Fragen beantworteten?
„Wenn du so weiter machst, geht der Fernseher noch kaputt!“
Schnell schaltete Legolas das Gerät aus und versuchte abzulenken: „Gehen wir gleich los?“
„Klar. Hier, ich habe einen Pullover von einem Nachbarn geliehen, der dir eigentlich passen müßte. Ist zwar ein bisschen warm, wenn du ihn anziehst, aber du fällst dann nicht mehr so auf“.
„Wovon soll ich eigentlich die Kleidung bezahlen? Ich habe einige Goldmünzen, aber mit denen kann ich hier wohl nichts anfangen“.
„Das stimmt allerdings. Daher werde ich für dich bezahlen. Ich habe was gespart, eigentlich für den Führerschein. Du kannst mir ja als Entschädigung eine deiner Münzen geben. Man könnte sie wohl zumindest zum Goldpreis verkaufen“.
„Vielleicht könnten wir das gleich machen, ich hätte lieber eigenes Geld“.
„Na ja, mal sehen. Ich muß dann aber mal nachschauen, wo es hier in Lübeck einen Münzhändler gibt. Ich hoffe nur er ist ehrlich, denn ich kenne mich mit derlei Dingen nicht aus“.
Aiko griff zum Telefonbuch, während Legolas sich umzog. Bald hatte sie das Gesuchte gefunden und sie gingen los. Der Elb nahm trotz der Proteste des Mädchens eins seiner Messer mit. Sicher war sicher! Aber er mußte aufpassen, daß der Pullover nicht hoch rutschte und das Messer sichtbar wurde.
Der Münzhändler staunte über die zwei Münzen, die er vorgelegt bekam. Solche hatte er noch nie gesehen! Und auch in seinen Nachschlagewerken fand er keine auch nur ähnlichen Münzen. Sicher jedoch war, daß die Münzen bestimmt zweihundert Jahre alt waren, das sah das geübte Auge des Händlers sofort, aber was war, wenn es nun 200 Jahre alte Fälschungen waren? Aufgrund dieses Risikos, war der Mann nur bereit 150 Euro pro Münze zu geben, den beiden reichte das jedoch fürs Erste. Aiko empfand 300 € als viel Geld. So langsam mußten sie mit dem Einkauf beginnen, da dieser wohl eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen würde. Trotzdem sagte das Mädchen: „Zuerst will ich ins Krankenhaus. Ich muß meine Mutter sehen, gestern durfte ich nicht zu ihr“.
Der behandelnde Arzt ließ sie nur eine halbe Stunde ins Zimmer ihrer Mutter. Es war ziemlich traurig, denn ihre Mutter hatte zwar noch ihr Wissen über Alltagsdinge, sie erkannte jedoch ihre Tochter nicht und ein Teil ihrer Vergangenheit war aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Der Arzt beruhigte sie: „Gestern wußte sie nicht einmal ihren Namen. Daher ist es gut möglich, daß auch der Rest ihres Erinnerungsvermögen zurückkehrt“.
„Wodurch kann die Amnesie ausgelöst worden sein?“
„Das können wir nicht genau feststellen. Ihre Mutter war anscheinend etwas überarbeitet. Jedenfalls war sie gestern anscheinend sehr erschöpft. Zusammen mit einem heftigen Schock könnte es zu dieser Amnesie geführt haben.“
„Was für ein Schock?“
„Das kann ich nicht sagen, aber ich bin mir ziemlich sicher, das es so gewesen sein muß“.
Aiko sah nicht sehr überzeugt aus, dennoch verabschiedete sie sich ohne weitere Diskussion von dem Arzt. Vor der Klinik jedoch ließ sie ihrem Ärger freien Lauf: „Das war doch alles völliger Blödsinn. Die Ärzte haben in Wirklichkeit keine Ahnung und denken sich nun so etwas aus, daß einigermaßen plausibel klingt, damit sie ihre Ahnungslosigkeit nicht eingestehen müssen!“

 

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