Kapitel 5

Über den Dächern Lübecks

Das Einkaufen mit Legolas gestaltete sich ziemlich anstrengend. Die meisten, der hier üblichen Stoffe kannte er nicht und er wollte erst mal alle ausprobieren, bevor er sich entschied. Aber schließlich beugte er sich Aikos praktischem Sinn, die ihm zu zwei Jeans und ein paar T- Shirts riet. Dazu kamen noch zwei Pullover und Unterwäsche. Das mußte genügen, da damit schon der größte Teil des Geldes verbraucht war und der Rest vielleicht noch gebraucht wurde. Aiko hatte nach dieser Anstrengung jedenfalls einen Bärenhunger und steuerte einen Stand an, wo man Pizzastücke bekam. Sie brauchte eine ganze Zeit, um Legolas zu überreden, etwas davon zu essen, schließlich aber schmeckte es ihm anscheinend doch ganz gut. Er ging nämlich gleich daran, die anderen Pizzasorten zu probieren. Danach bummelten sie gesättigt durch die Fußgängerzone.
„Was für eine Bedeutung haben eigentlich diese riesigen Häuser mit den Türmen, die man hier überall sieht?“
„Das sind Kirchen. Es werden dort religiöse Veranstaltungen und manchmal auch Konzerte abgehalten. Sie sind so hoch, weil sie möglichst weit in den Himmel ragen sollen. Hier in Lübeck haben wir besonders viele, weil die Bürger praktisch mit den Kirchenleuten um die Wette gebaut haben. Auf einer Darstellung von Lübeck dürfen die fünf großen Kirchen mit ihren sieben Türmen nie fehlen. In der St. Petrikirche da hinten kann man den Turm besteigen und hat dann einen herrlichen Blick über die Stadt. Hättest du Lust dazu?“
„Warum nicht.“
Kurze Zeit später standen sie auf dem Turm. Legolas staunte als er sah, wie weit sich die Stadt erstreckte: „Lübeck ist sehr groß!“
„Nicht für uns. Hier ist es nur eine Kleinstadt.“
„Wie gut, daß ich nicht in einer Großstadt gelandet bin, da wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Selbst hier habe ich schon das Gefühl unter den Massen von Wänden erdrückt zu werden.“
Nachdenklich ließ der Elb seinen Blick in die Ferne schweifen, wurde aber auf einmal abgelenkt. Ein Windzug hatte ihn von hinten getroffen, obwohl der Wind aus der anderen Richtung kam. Mißtrauisch spähte er unauffällig umher auf der Suche nach etwas, das den Windhauch ausgelöst hatte. Plötzlich kam ein sehr heftiger Windstoß von hinten, schon eher eine Sturmböe. Legolas fühlte, wie sich die heran stürmende Luft wie unsichtbare, unheimlich starke Finger um seinen Körper legten. Der Sturm war wie ein lebendiges Wesen, das ihn packte und über das Geländer werfen wollte. Verzweifelt kämpfte der Elb gegen den Wind, aber dieser war viel stärker und außerdem nicht zu fassen, da er ja keinen Körper besaß, jedenfalls keinen materiellen, sondern nur aus dahin peitschender Luft bestand. Die Menschen um ihn herum, schauten wie erstarrt auf den Kampf, sie konnten nicht begreifen, was geschah. Nur Aiko versuchte ihm zu helfen, sie hatte die Tüten fortgeworfen und riss an seinem Arm, aber vergeblich: Legolas kippte über das Geländer und hielt sich verzweifelt daran fest, aber lange konnte er das nicht aushalten. Nun sprangen mehrere Männer hinzu, endlich aus ihrer Erstarrung erwacht und versuchten zu Helfen, jedoch erfolglos. Der Sturm pustete sie einfach von den Beinen. In dem Moment mußte der Elb loslassen.
Aber genau im selben Augenblick hörte auch der geheimnisvolle Wind auf. Daher gelang es Aiko im letzten Moment seine Hand zu erwischen. Zwar hätte sie ihn nicht lange halten können, aber das war auch nicht nötig: Die am Boden liegenden Männer waren aufgesprungen und zogen Legolas herauf. „Danke“, war das einzige, was er hervorbringen konnte. Im Hintergrund huschte unbeachtet eine Frau davon.
Einer der Helfer fragte aufgeregt: „Was kann denn das nur gewesen sein?“ Alle sahen sich ratlos an. Nun drängelte sich ein Mann durch und rief: „Machen sie Platz, ich bin Arzt. Wie geht es ihnen junger Mann? Sind sie verletzt? Sie haben doch sicher einen Schock?“
„Es geht mir gut, wirklich. Vielen Dank.“
Aber der Arzt bekam trotzdem Arbeit: Eine Frau war in Ohnmacht gefallen und einer der Helfer hatte sich beim Fallen den Fuß verstaucht. Inzwischen wurde das Ereignis heftig diskutiert.
„Wir müssen die Polizei rufen.“
„Und was wollen sie sagen? Das hier glaubt doch keiner.“
„Sturm gibt es hier zwar öfter, aber von einem solchen habe ich noch nie gehört.“
Schließlich waren wohl die meisten Leute zu der Ansicht gekommen, das es besser sei, alles stillschweigend zu vergessen, zumal viele neue Besucher die seltsame Gruppe neugierig anstarrten.
Aiko und Legolas waren froh, als sie endlich verschwinden konnten. Das Mädchen hatte ganz weiche Knie und sie gingen deshalb langsam. Keiner der Beiden mochte über das gerade Erlebte reden.

 

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