Kapitel 6

Bernd

Aikos Mutter war schon einen Tag nach dem unheimlichen Ereignis auf dem Kirchturm aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ihre Erinnerung kehrte tatsächlich zurück, jedoch nur sehr langsam. Wahrscheinlich würde es Monate dauern, bis sie wieder ganz in Ordnung war. Tante Lena hatte sofort bestimmt, daß sie sich um ihre Schwester kümmern werde und nahm sie zu sich. Außerdem erklärte sie Aiko, daß sie strikte Anweisung der Ärzte habe, jede Aufregung von Corinna fern zu halten. Sie müsse also ihre Nichte bitten, möglichst wenig zu Besuch zu kommen. Aiko ärgerte sich darüber. Warum sollte sie ihre Mutter aufregen? Das war doch nur eine von Lenas Bosheiten gegen sie, die beiden hatten sich noch nie gemocht. Nach einigem Überlegen kam das Mädchen jedoch zu dem Schluß, daß es wohl besser sei, schließlich durfte sie ihre Mutter nicht in Gefahr bringen. Und Gefahr konnte jederzeit auftauchen, ein Angriff konnte auch gegen sie gerichtet sein, da sie Legolas half, dessen war sich das Mädchen voll bewußt.
Ein paar Tage später saßen die Beiden gerade beim Mittagessen, als es stürmisch an der Tür klingelte. Aiko ging hin und öffnete. Sofort drängte sich ein junger Mann herein. Als er Legolas bemerkte, erstarrte er einen Moment, dann schrie er plötzlich los: „Das ist also der Grund warum du nicht zurückrufst, obwohl ich dir stundenlang auf den Anrufbeantworter quatsche!“
„Red keinen Unsinn, Bernd. Außerdem habe ich dich ja wohl letzte Woche mit Nadine knutschend in einem Café erwischt.“
„Das war was ganz anderes.“
„ Ach nee!“
„Wir sind noch nicht mal getrennt, da hast du schon einen neuen.“
„Erstens: Er ist nicht mein Freund. Zweitens: Ich habe dir bereits letzte Woche gesagt, daß Schluß ist.“
„Nun hör endlich auf so einen Blödsinn zu reden. Wegen so etwas kannst du dich doch nicht trennen.“
„Verschwinde endlich du Mistkerl.“
Das war für Bernd zuviel. Er platzte förmlich vor Wut und hob die Hand. Zum Zuschlagen kam er jedoch nicht mehr: Legolas war blitzschnell aufgesprungen, packte den jungen Mann, beförderte ihn blitzschnell die Treppe hinunter und bevor Bernd es fassen konnte, fand er sich auf der Straße wieder.
Oben wieder angekommen, fragte er: „Was hatte das eigentlich zu bedeuten?“
„Bernd war mein Freund, das heißt er war mein Liebhaber.“
„Der?“
„Besonders viel im Kopf hatte er wohl nicht. War ziemlich dumm sich mit ihm einzulassen.“
Während Aiko ihre Hausaufgaben herausholte und zu lösen begann, dachte der Elb an das eben erlebte. Er beneidete Aiko beinah, da es hier ganz normal war, wenn man Beziehungen hatte. Das war in Mittelerde natürlich auch nicht unüblich, nur mußte man alles geheim halten. Er selbst mußte als Elbenprinz besonders aufpassen. Unwillkürlich dachte er an seine erste Liebschaft. Damals war er noch sehr jung gewesen, kaum erwachsen und viel zu unvorsichtig. Beinahe wäre es zu einer Katastrophe gekommen, nur seine Schwester hatte ihn damals gerettet. Seitdem war er immer fast übervorsichtig gewesen. Allerdings hatten ihn auch nur wenige Frauen interessiert und für keine hatte er bisher wirkliche Gefühle gehegt.
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Bald war Aikos letzter Schultag herangekommen. Legolas begleitete sie zur Schule, da er in der Wohnung inzwischen das Gefühl hatte zu ersticken. Er war die hohen Räume des Höhlenpalastes in Düsterwald gewohnt. Heute standen nur noch 3 Schulstunden auf dem Plan, während deren Legolas in der Gegend herumstreifte, zum klingeln stand er jedoch wieder vor der schule, was sich aber als keine gute Idee herausstellte. In seiner neuen Kleidung fiel er zwar nicht mehr ganz so auf, aber seine elbische Schönheit und seine Ausstrahlung erregten doch besonders unter den Mädchen aufsehen. Viele starrten ihn an und eine kam sogar heran und fragte ganz frech: „Hast du nicht Zeit einen Kaffee mit mir zu trinken?“ Bevor Legolas antworten konnte, war Aiko da. Sie grinste lässig, reckte sich etwas und küsste den Elben. Dann drehte sie sich um und sagte mit Nachdruck: „Verschwinde Nadine, der gehört mir!“
Nadine verzog das Gesicht und verschwand.
„Was sollte das denn?“
„Das war die einzige Möglichkeit Nadine loszuwerden. Hoffentlich triffst du sie nicht allein, dann versuchst sie es bestimmt noch mal.“
Legolas mußte lachen: „Hoffentlich treffen wir sie gemeinsam. Deine Abwehrmethode gefällt mir nämlich.“ Damit legte er ihr den Arm um die Schultern und gemeinsam schlenderten sie davon.
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Seit der Geschichte auf dem Kirchturm war bisher nichts mehr passiert. Legolas fragte sich warum. Er mißtraute diesem Frieden und je mehr, desto länger dieser dauerte. Wahrscheinlich war es nur so ruhig, weil sich sein Feind bzw. seine Feindin etwas besonders schlechtes ausdachte. Damit sollte er Recht behalten.

 

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