Kapitel 8

Eine seltsame Geschichte

Gandalf saß gemütlich auf einer Bank im Mund eine langstielige Pfeife und genoß den frühen Morgen. Die Bank stand vor Beutelsend, der Hobbithöhle in der Frodo und neuerdings auch Sam mit seiner Frau lebten. Seit dem letzten Kampf mit Saruman sah das Auenland schon wieder prächtig aus, nur noch wenig erinnerte an die schrecklichen Verwüstungen, die seine Leute angerichtet hatten. „Die Hobbits sind wirklich fleißig gewesen“, murmelte Gandalf und ließ seinen Blick wohlgefällig über die Umgebung streifen.
Dank Galadriels Erde waren die Bäume wieder hoch und schön, viele Blumen reckten die Köpfe in den Himmel, die Wässer glänzte in der gerade aufgehenden Morgensonne, wieder fast so sauber und klar wie früher. Der Blick des Zauberers schweifte weiter zum Rand des Waldes auf der anderen Seite des Wasserauer Sees, wo noch der frühe Dunst aus den Wiesen aufstieg. Eine Weile saß Gandalf ganz in den herrlichen Anblick versunken da, dann schweifte sein Blick zur Westseite des Bühls hin. Dadurch wurde er auf eine kleine Gestalt aufmerksam, die die Straße zum Bühl heraufkam. Der scharfäugige Zauberer erkannte sofort, daß es trotz der Größe kein Hobbit war, er konnte einen langen roten Bart, einen Helm, ein Kettenhemd und im Gürtel eine Axt erkennen. Eindeutig ein Zwerg! Als dieser noch ein wenig näher kam, sprang Gandalf überrascht auf. Das war ja Gimli! Eigentlich hätte er das schon viel früher erkennen sollen, aber er hätte geschworen, daß Gimli in einer ganz anderen Gegend zu finden sei. Wie kam er hierher?
Inzwischen hatte auch Gimli den Zauberer entdeckt und seinen Schritt erheblich beschleunigt. Er rannte fast.
„Endlich finde ich dich“, rief er schon von Weitem.
„Du hast mich gesucht?“
„Ja ich brauche dringend deinen Rat. Aber Entschuldige, ich habe dich noch gar nicht begrüßt.“ Gimli war vor der Höhle angekommen und verbeugte sich nach Zwergenart vor seinem Freund.
„Macht nichts. Aber sag mal, wo kommst du eigentlich her? Ich dachte du wärst in Thal?“
„War ich auch. Von dort komme ich ja. Ich bin vor etwa acht Wochen hierher aufgebrochen.“
„Wie bitte? Du hast die Strecke von Thal nach Hobbingen zu Fuß in acht Wochen zurückgelegt???“
„Eigentlich bin ich geritten, aber mein Pony ist vorgestern gestolpert und lahmt seitdem. Daher habe ich es im Gasthaus ‚Zum tänzelnden Pony‘ gelassen.“
„Wenn es so wichtig ist, daß du durch halb Mittelerde reist, dann solltest du lieber gleich mit der Geschichte anfangen.“
Gandalf setzte sich wieder auf die Bank und Gimli tat es ihm gleich. Der Zwerg stopfte sich nicht mal eine Pfeife, sondern begann sofort mit der Erzählung: „Es ist jetzt etwa zehn Wochen her, da wollte ich mich mit Legolas treffen. Du weißt ja, daß wir jeder mit einer Gruppe unseres Volkes nach Gondor gehen wollten, die Elben, um eine Kolonie in Ithilien zu gründen und wir, um in Minas Tirith zu helfen und dann in die Höhlen von Aglarond zu ziehen, falls König Eomer es erlaubt. Den Weg nach Gondor wollten wir gemeinsam zurücklegen, zumal die Elben ja auch Bäume und Vögel als Geschenke nach Minas Tirith bringen wollten. Daher verabredeten Legolas und ich uns in Thal, um alles zu besprechen. Aber er kam nicht!“
Gandalf, der sich bis dahin gefragt hatte, worauf Gimli hinauswollte, machte vor erstaunen große Augen. „Er kam nicht? Legolas ist doch die Zuverlässigkeit in Person.“
„Ich traute Legolas auch kaum eine Verspätung von ein paar Stunden zu, aber als er nach zwei Tagen noch nicht kam, wurde ich echt besorgt. Aber schließlich ist er ja ein Prinz und da kann schon mal was dazwischen kommen. Dieser Gedanke beruhigte ich mich wieder und so entschloß ich mich, Legolas entgegen zu reiten und ihm gehörig die Meinung zu sagen, wenn ich ihn traf.
Aber anstatt Legolas begegnete mir nur ein aufgeregtes junges Mädchen. Es war eines dieser Kräutermädchen, weißt du, die Heilpflanzen sammeln und diese auf dem Markt in Thal verkaufen.
Das Mädchen kannte mich anscheinend, denn es rief mich an: ‚Ihr seid doch der Zwerg, der mit dem Elbenprinzen befreundet ist?‘
‚Ja‘, antwortete ich; ‚Hast du ihn vielleicht gesehen?‘
Es erwiderte:‚Eurem Freund ist etwas schreckliches passiert. Es ist drei Tage her, da war ich gerade beim Kräuter sammeln und hockte dort hinter den Büschen, als ich plötzlich ein Pferd hörte. Neugierig späte ich durch die Zweige und entdeckte Prinz Legolas von Düsterwald. Ich wollte gerade mit meiner unterbrochenen Arbeit fortfahren, als der Prinz anhielt und sich mißtrauisch umsah. Ich kroch tiefer in die Büsche, denn ich dachte es seien vielleicht Orks in der Nähe. Plötzlich erschien eine Frau aus dem nichts. Sie hob den Arm und der Prinz fiel vom Pferd und verschwand einfach, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.‘ Die Geschichte sprudelte nur so aus ihr heraus. Zuerst glaubte ich dem Mädchen natürlich nicht, fragte aber trotzdem: ‚Und was machte die Frau danach?‘
‚Sie ging zu dem Pferd, stieg auf und ritt davon‘, war die Antwort des Mädchens.
‚Es duldete sie auf seinem Rücken?‘ fragte ich weiter.
‚Das hat mich auch gewundert‘, beteuerte sie darauf.
Auf die Frage: ‚Wie sah die Frau aus?‘ antwortete sie: ‚Sie hatte braune Haare, trug ein rotes Kleid und war barfuß. Ach ja, sie trug noch ein Armband aber ich konnte es nicht genau erkennen. Ich glaube jedoch es war ein Rubin drin.‘
‚Und warum bist du hier geblieben, anstatt Hilfe zu holen?‘ bemerkte ich immer noch skeptisch.
Ihre Erklärung lautete: ‚Wir wohnen dort drüben im Wald und mein Vater wollte mir nicht glauben. Er hat mir verboten nach Thal zu reiten. Daher bin ich jeden morgen hierher gegangen und habe auf jemanden gewartet, der vorbei kommt. Bitte sagt jemandem Bescheid.‘
Ich diskutierte mit dem Mädchen noch kurz weiter, dann setzte ich meinen Weg fort, ich wußte wirklich nicht, was ich denken sollte. Endlich gelangte ich in Düsterwald an, wo ich erfuhr, daß Legolas dort rechtzeitig aufgebrochen war. Die Elben begannen sofort damit die Gegend abzusuchen, der Geschichte des Mädchens wollten sie keinen Glauben schenken, sie hielten es nicht mal für nötig, noch mal mit ihr zu sprechen. Aber mit jedem Tag, der ohne Ergebnis verging, wurde ich unsicherer und da ich den Elben bei ihrer Suche kaum helfen konnte, machte ich mich nach Bruchtal auf, um Herrn Elrond um Rat zu fragen. Ich kam gleichzeitig mit einem Adler an, der berichtete, daß die Elben trotz 300 Suchern nicht die geringste Spur gefunden hätten. Ist doch merkwürdig, oder? Herr Elrond meinte übrigens, du könntest mir besser helfen und schickte mich zu Tom Bombadil, der mich jedoch nach Bree verwies. Dort warst du auch schon seit Tagen fort, aber Butterblume machte mir Hoffnung und sagte mir, daß du Frodo besuchen wolltest, so bin ich hierher gelangt.“
Gimli hatte fast ununterbrochen geredet. Nun lehnte er sich zurück und sah den Zauberer erwartungsvoll an. Dieser kam jedoch nicht zu einer Antwort, denn in diesem Moment trat Frodo vor seine Haustür. Er erblickte den Zwerg sofort und begrüßte ihn freudig.
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Kurze Zeit später saßen sie mit Sam und Rosie im Eßzimmer und frühstückten. Durch das geöffnete Fenster wehte ein lauer Sommerwind herein. Gimli mußte seine Erlebnisse erneut erzählen. Die Hobbits waren sehr betroffen und eher geneigt, die Geschichte von dem geheimnisvollen Verschwinden zu glauben; ja sie erfanden hundert Möglichkeiten, was passiert sein könnte und Frodo zog sogar ein Nachschlagewerk über alte Legenden zu Rate, allerdings ohne Erfolg. Gimli war vollends damit beschäftigt die Schwachstellen der verschiedenen Versionen der Hobbits aufzuzeigen. Trotzdem entging es ihm nicht, daß Gandalf merkwürdig schweigsam war. Der Zauberer sagte kaum ein Wort. Dennoch fragte der Zwerg lieber nicht, Antworten würde er sowieso nicht bekommen und wenn die zeit gekommen war, würde Gandalf schon reden. Wahrscheinlich wollte dieser nur die Hobbits heraus halten, womit Gimli voll übereinstimmte, denn Frodo und Sam hatten wirklich schon genug durchgemacht. Außerdem durfte Sam neuerdings nicht nur an sich denken.
Gandalf blieb bis zum Abend schweigsam und allmählich breitete sich diese Stimmung in Beutelsend aus. Beim Abendessen wurde wenig gesprochen und die Hobbits gingen früh zu Bett. Jetzt schien die richtige Zeit, wie Gimli es bei sich genannt hatte, gekommen zu sein, denn Gandalf trat zu diesem und bat ihn noch am Feuer sitzen zu bleiben. Dann erklärte ihm der Zauberer, er müsse etwas vorbereiten, wenn er damit fertig sei, würde er dem Zwerg alles erklären.
„Ich werde ein paar Stunden brauchen, fürchte ich. Vielleicht 4 Stunden oder noch länger. Am Besten ist wohl du legst dich schlafen, ich werde dich dann wecken.“ Damit ging er in sein Zimmer, den Zwerg murrend zurück lassend. Warum mußte dieser Zauberer nur immer so geheimnisvoll tun? Typisch Istari! Gimli verspürte eigentlich keine Lust zu schlafen, aber damit den Hobbits nichts auffiel, verlöschte er das Feuer und ging zu Bett.


Für alle, die das Buch nicht gelesen haben: Tom Bombadil ist ein uralter, geheimnisvoller Mann, der in der Nähe des Auenlandes lebt. Er hilft Frodo und den anderen Hobbits, als sie von einem Baum angegriffen werden. Während die Hobbits bei ihm zu Gast sind, erzählt er ihnen, daß er älter ist, als alle anderen Wesen in Mittelerde und schon umherwanderte, als es noch nicht einmal Elben gab. Er lebt mit der mysteriösen, wunderschönen Goldbeere zusammen, die er selbst als 'holdes Kind der Wasserfrau‘ bezeichnet [Zitat aus der von Margaret Carroux übersetzten Ausgabe, ich weiß leider nicht, ob das mit der neuen Übersetzung übereinstimmt, sorry].

 

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