Kapitel 9

Zurück nach Mittelerde

Gegen 3 Uhr morgens weckte Gandalf den Zwerg. Leise schlichen sie hinüber in Gandalfs Zimmer. Dort hatte der Zauberer einige merkwürdige Vorbereitungen getroffen: An der kurzen Wand gegenüber der Tür war das Bett fort gerückt und dafür waren dort 4 Kristalle, einer an der Decke, einer auf dem Boden und die Beiden anderen waren direkt in den Ecken an den seitlichen Wänden befestigt, wodurch diese genau in zwei Hälften geteilt wurden. Dünne silbrige Linien verbanden die Kristalle, so daß das Ganze, wie ein auf die Spitze gestelltes Quadrat aussah.
Gimli blickte Gandalf fragend an, worauf dieser erklärte: „Dies ist ein Weltenportal, Gimli. Was das genau ist und wie es funktioniert, darf ich dir leider nicht sagen. Es ist ein Geheimnis der Istari.“
Für solches Geschwätz hatte der Zwerg, der noch recht verschlafen wirkte, um diese Uhrzeit keinen Sinn, daher kam er gleich auf den Punkt: „Aber du wolltest mir doch erklären, was mit Legolas passiert ist! Was hat das alles hier damit zu tun?“ Bei diesen Worten zeigte er auf das Gebilde vor ihm.
„Sehr viel, mein Freund. Die junge Frau hat ihn in eine andere Welt versetzt. Das konnte sie durch das Armband tun. Es ist nur sehr wenigen bekannt, aber es existiert neben unserer eine zweite Welt. Diese kann man nur auf zwei Wegen erreichen: Durch so ein Portal oder durch den Gang, der die beiden Welten verbindet. Dieser Gang kann nur von speziellen Armbändern geöffnet werden, die als ‚Sterne‘ bezeichnet werden, weil sie einen großen sternförmigen Rubin tragen. Einst waren es fünf, doch drei wurden vernichtet. Wer die letzten Zwei hütet, ist ein Geheimnis. Klar ist jedenfalls, daß nicht jeder die ‚Sterne‘ benutzen kann. Es gehören gewisse Eigenschaften und Fähigkeiten dazu.“
„Aber Gandalf, woher willst du wissen, daß es so ein Armband war? Ich konnte es doch kaum beschreiben.“
„Deine Geschichte ist nicht das einzige Indiz dafür, ich habe noch andere Nachrichten erhalten, die bis jetzt keinen Sinn ergaben, aber mit deiner Geschichte paßt plötzlich alles. Dir das jetzt zu erklären würde zu lange dauern. Je länger wir hier stehen, desto mehr beschleicht mich eine Ahnung, daß Legolas in Gefahr ist.“
„Dann müssen wir uns beeilen... Ähm, aber wie funktioniert das eigentlich?“ Dem Zwerg war die Geschichte nicht so ganz geheuer.
„Es ist ganz einfach. Ich muß mich nur auf einen Ort oder eine Person aus der anderen Welt konzentrieren. Wir werden direkt vor Legolas erscheinen.“
„Falls er nicht allein ist, werden die sich aber wundern, wo wir herkommen.“
„Das müssen wir riskieren.“
„Und wie kommen wir zurück?“
„Ich kann das Portal auch von der anderen Seite öffnen.“
„Und du bist sicher, daß wir bei Legolas landen und nicht mitten im Meer oder in einem Ehebett?“
„Völlig! Es sei denn unser Freund befindet sich in einem solchen.“
„Sehr witzig. Eben sagtest du noch er sei in Gefahr. Also mach schon, aber wehe, wenn du dich irrst, dann kannst du was erleben.“
Über diese Drohung konnte Gandalf nur lächeln. Er nahm die Hand des Zwerges und schritt mit ihm ins Portal.
---
Durch die Verletzung behindert und durch den Blutverlust geschwächt, hatte Legolas sich nicht befreien können. Was aber natürlich nicht hieß, daß er es nicht versucht hatte. Noch immer wälzte er sich am Boden, wodurch er jedoch ständig die Schulter belastete, so daß diese nicht zur Ruhe kam. Immer wieder brach sie auf und der Elb verlor immer mehr Blut. Endlich gab er auf. Doch was sollte er ansonsten tun? Jetzt erst kam ihm der Gedanke, daß er vielleicht um Hilfe rufen sollte, die anderen Hausbewohner würden ihn sicher hören. Die Fragen der Leute mußte er in Kauf nehmen, und sie schienen ihm weniger schlimm, als der Gedanke hier zu verbluten. Aber er hatte bereits zu lange gewartet: Seine Kehle war wie zugeschnürt und er schaffte es nicht seine Stimme über Zimmerlautstärke zu erheben. Schließlich gab er auch das Rufen auf. Wie lange lag er hier eigentlich schon? Es mußten ein oder zwei Stunden sein, ganz genau konnte er es nicht mehr sagen, er war zu geschwächt. Mühsam begann der Elb sich wieder zu bewegen, diesmal aber in der Absicht eine möglichst bequeme Position für seine Schulter zu finden. Das einzige was ihm übrigblieb, war, sich etwas auszuruhen und dann noch mal zu versuchen nach Hilfe zu rufen. Aber Legolas ergab sich nur sehr ungern in sein Schicksal. Er konnte sich nicht erklären, warum diese Wunde ihm solche Probleme machte, sie sah eigentlich nicht sehr schlimm aus, abgesehen von dem Blut, das um sie herum einen kleinen See gebildet hatte und dann geronnen war. Was mochte sie verursacht haben? Steckte es noch in der Wunde? Von außen war nichts zu sehen, das Geschoß mußte sehr klein sein.
Auf einmal hörte Legolas ein leises Sirren direkt neben sich. Überrascht sah er auf, konnte jedoch nichts entdecken. Kamen seine Feinde vielleicht zurück, um ihn diesmal endgültig zu erledigen? Und er war völlig wehrlos! Selbst wenn diese Frau und ihre Helfer sich nicht mehr um ihn kümmerten, konnte er Aiko doch nicht helfen, denn sie war in Mittelerde und er war hier gefangen. Dieser Gedanke nahm ihm seinen letzten verbliebenen Mut.
In diesem Zustand fanden ihn Gimli und Gandalf. Die feinen Silberlinien zeichneten sich immer deutlicher in der anderen Welt ab, bis die Beiden plötzlich von einem Sog erfaßt und hinüber gezogen wurden. Gimli wurde davon völlig überrascht. Als er aus dem Portal kam, stolperte er ziemlich desorientiert weiter. Legolas, der gerade die Augen geschlossen hielt, um seiner Hoffnungslosigkeit Herr zu werden, bekam nicht mit, was vor sich ging und wurde so ziemlich schmerzhaft von der Anwesenheit anderer Wesen unterrichtet: Gimli war über ihn gefallen und hatte Gandalf, der immer noch seine Hand hielt, mitgerissen, so daß sie nun auf Legolas Bauch beziehungsweise Brust lagen. Dieser schloß die Augen noch fester und war froh, daß niemand auf seiner Schulter gelandet war. Viel nützen würde ihm das wohl trotzdem nichts.
„Kannst du einen nicht warnen, daß du hier herumliegst, Elb?“
Irgendwie kannte er diese Stimme. Als es ihm klar wurde riß er die Augen auf. „Gimli! Gandalf! Gott sei dank! Aber wie kommt ihr hierher?“
Der Zwerg sah ihn ungnädig an und grummelte: „Kaum läßt man dich allein, machst du nur Unsinn.“ Seine Stimme klang jedoch sehr besorgt, daher zog Legolas es vor, nicht zu antworten.
Gandalf zog nun ein Messer und durchschnitt die Fesseln, danach setzten sie den Elben vorsichtig auf den Sessel und der Zauberer untersuchte die Wunde, während Legolas mit leiser Stimme das Vorgefallene erzählte. Gimli erklärte ihm danach ihr Hiersein. Endlich sagte Gandalf: „Die Verletzung ist nicht so schlimm, wie sie zuerst aussah. Du hast lediglich einen großen Blutverlust erlitten, es fehlt nicht mehr viel, dann wäre dieser Zustand lebensbedrohlich, aber Blut bildet sich bei Elben ja bekanntlich schnell nach. Außerdem kann ich dir sagen, daß das Geschoß eine kleine Metallkugel ist. Glücklicherweise ist der Knochen unbeschädigt, aber die Kugel sitzt direkt daneben und drückt darauf, deshalb tut es auch so weh. Damit kein weiterer größerer Blutverlust entsteht, muß ich die Kugel sofort entfernen, denn sonst bricht die Wunde wieder auf, wenn wir dich tragen. Die Blutung, die beim Entfernen entsteht, dürfte kleiner sein.“
Er nahm sein Messer und setzte es an die Wunde. Legolas biß die Zähne zusammen, daß es knirschte. Er wollte auf keinen Fall einen Laut von sich geben und stöhnte nicht mal, obwohl es ihm nach schreien zumute war. Ein Arzt hätte sicher betäubt, aber Gandalf hatte für örtliche Betäubungen natürlich keine Mittel. „Schon vorbei“, murmelte der Zauberer mit einem Blick in das Gesicht des Elben, der sich jetzt wenigstens ein leises Aufatmen erlaubte. Er war kalkweiß und Schweißtropfen perlten von seiner Stirn.
Der umsichtige Zauberer hatte blutstillende Kräuter und Verbandszeug dabei. Zu Legolas Erleichterung hatten die Kräuter auch eine schmerzlindernde Wirkung, aber je mehr der Schmerz schwand, kamen die Fragen zurück. Schließlich wandte er sich an Gandalf: „Ich verstehe die Sache nicht so ganz. Diese Kerle waren die ganze Zeit hinter Aiko her und der Angriff auf dem Turm gegen mich erfolgte nur, weil ich am Abend zuvor die Entführung Aikos verhindert hatte. Aber warum wurde ich von ihnen dann hierher gebracht?“
„Wenn diese Leute dich hierher gebracht hätten, dann bräuchten sie Aiko und ihren ‚Stern‘ nicht, denn sie hätten schon einen und auch jemanden der ihn benutzen kann. Nein, ich denke, du wurdest von jemand anderen hierher geschickt. Außerdem – du kannst dir das ‚Warum‘ nicht denken? Du hast es doch eben selbst beschrieben!“
„Du meinst, ich bin hier, weil ich sie beschützen sollte?“ Legolas ließ den Kopf sinken und meinte: „Dann habe ich wohl schwer versagt.“
„Das war nicht deine Schuld. Und verpflichtet warst du dazu sowieso nicht. Wenn jemand dich als Wachhund mißbrauchen will, muß er damit rechnen, daß du nicht mitspielst.“
Dieses jedoch konnte Legolas kaum trösten. Auch wenn er nicht freiwillig hier war, den letzten Kampf hatte er trotzdem klar verloren. Nach einer kurzen Weile aber wurde sein Gesichtsausdruck sehr entschlossen: „Wir müssen sie retten!“
„Dabei gibt es nur ein Problem. Das Armband kann gleichermaßen durch Gedanken und durch Gefühle gesteuert werden. Die gedankliche Steuerung funktioniert ähnlich, wie bei unserem Portal, aber man muß den Stern dabei am Arm tragen. Reagiert das Armband aber auf ein Gefühl, kann auch eine gewisse Entfernung zwischen ihm und seinem Hüter sein. Dafür kann man nicht kontrollieren, wo man in Mittelerde landet. Und Mittelerde ist nicht gerade klein.“
„Was ist mit dem Reflex des Armbandes, der mich hierher geführt hat?“
„Dieser Reflex wurde durch den Träger des anderen Armbandes ausgelöst. Berührt der Hüter eine bestimmte Stelle des Sterns, reagiert der andere eben damit. Aber man kann ihn nur sehen, wenn man in der Nähe ist. Außerdem wissen wir nicht, wo sich der andere Hüter befindet. Daher kann deine Beobachtung uns nichts nützen.“
„Aber Gandalf, woher weißt du das alles?“
„Ich kannte mal einen Hüter.“
„Aber warum sah dieser andere Wächter genauso aus wie Aiko?“
„Das kann ich jetzt nicht sagen. Im übrigen sollten wir zurückkehren, Frodo wird sich schon Sorgen machen.“
Gimli zog finster die Augenbrauen zusammen: „Ich wette, du weist noch viel mehr, Gandalf! Was meinst du, Le... Legolas, was hast du?“ Gimli hatte den Kopf zu seinem Freund gedreht und merkte nun erst, wie schlecht der Elb aussah. Er war noch bleicher als vorhin und starrte abwesend in die Gegend. Er reagierte erst, als Gimli ihn kräftig schüttelte: „Es ist nur... weißt du, ich mache mir Sorgen um Aiko“, brachte Legolas nur mühsam hervor. In den Augen des Zwerges blitzte es auf, aber angesichts Gandalfs drohendem Gesichtsausdruck sagte er nichts. Der Zauberer packte Legolas energisch am gesunden Arm und zog ihn auf die Beine. Dann öffnete er das Portal und die drei schritten hindurch, zurück nach Mittelerde.

 

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.