Kapitel 6

Der Zauberer trat auf die Aussichtsplattform des Turms. Sein Atem stockte, als er das Mädchen auf der Mauer sitzen sah. Sie hatte doch nicht vor zu springen? Behutsam näherte er sich ihr. Shannah drehte sich zum ihm um, sie hatte ihn längst gehört. In ihrem Gesicht sah er Wut, Verzweiflung und Trotz.
"Ich habe mich entschieden!"
Er mußte nicht fragen, wofür, er fühlte es. Durch ihren Entschluß war ihre Macht gewachsen und im Augenblick war sie sehr wütend. Wenn sie wollte konnte sie den Turm zum Einsturz bringen.
"Glaubst du, daß du frei bist, wenn du ihn überlebst?"
"Ja, und ich kann dafür sorgen, daß er mich nie anfaßt."
"Denk dran, was deiner Mutter passiert ist, nachdem sie deinen Vater verzaubert hat. Solche Spielereien bringen dich nur in Schwierigkeiten."
Shannah ließ den Kopf hängen. Gandalf hatte ja recht. Ihre Mutter, eine Maia, verzauberte Arthad, wurde schwanger und nachdem die Valar den Zauber aufgehoben hatten, wandte er sich von ihr ab. Er nahm sein Kind und zog es mit Gandalfs Hilfe groß. Shannahs Mutter mußte nach Valinor zurück, um sich für ihre Taten zu rechtfertigen. Niemand wußte, was aus ihr geworden war. Wie die Halbelben wurde auch sie vor die Wahl gestellt. Nachdem ihr Vater beschlossen hatte sie mit Aranarth zu verheiraten, entschied sie sich für die Unsterblichkeit. Hier oben auf dem Turm konnte sie weit in den Westen blicken und besiegelte ihren Beschluß. Nun war sie eine Maia, ihre Menschlichkeit bestand nur noch in ihren Genen.
"Shannah, Aranarth ist in Ordnung. Er weiß selbst, daß diese Verbindung nicht leicht für dich ist."
Das Mädchen seufzte.
"Kann ich ihn denn nicht erst mal kennenlernen? Vielleicht verliebe ich mich in ihn, dann können wir immer noch heiraten. Aber nein, Vater will mich sofort loswerden! Ich weiß nicht einmal wie Aranarth aussieht! Was ist, wenn er so häßlich ist, daß ich mich übergebe, wenn ich ihn das erste Mal sehe?"
Gandalf grinste.
"Ich kann nicht beurteilen, ob er in den Augen einer Frau gut aussieht, aber es gibt schlimmeres. Er könnte stinken oder sabbern."
Damit entlockte er Shannah ein kurzes Lächeln, dann wurde sie wieder ernst.
"Sag mir die Wahrheit, Gandalf. Warum ich? Ich bin ein Bastard, nicht gerade das Beste, das man einem Dunedain-Fürsten zur Frau gibt."
Die Härte in ihren Worten ließ ihn zusammenzucken. Er zögerte, weil die Antwort sie noch mehr demütigen würde.
"Sie hoffen, daß durch dein Blut ihre Lebenserwartung wieder steigt."
Langsam stand Shannah auf, sie stützte ihre Hände auf die Mauer. Tränen tropften auf den Stein. Der Zauberer wollte tröstend einen Arm um sie legen, doch sie wich ihm aus und schaute ihn an. Gandalf hatte Mitleid mit diesem zierlichen Wesen.
"Ich bin also ein Zuchtprogramm."
Ihre Tränen versiegten und ein kalter Schleier legte sich über ihre Augen. Dann verließ sie den Turm. Gandalf blieb zurück und machte sich schwere Vorwürfe. Er hätte diese Verbindung verhindern müssen, oder den beiden wenigstens die Chance geben müssen, selbst zu entscheiden.

Aranarth verfiel Shannah in dem Augenblick, als er sie zum ersten Mal sah. Bei ihr dauerte es länger. Sie beobachtete ihn und stellte ihm Bedingungen, die er alle erfüllte. Er unterrichtete sie in der Waffenkunde. Zuerst hatte er Zweifel, weil es unüblich für die Frau eines Fürsten war, sich mit Männern im Dreck zu wälzen. Allerdings mußte er zugeben, daß sie Talent hatte. Und spätestens, als die Burg während seiner Abwesendheit von Orks angegriffen wurde und Shannah mit den verbleibenden Soldaten den Feind vernichtend schlug, wußte er, daß er richtig gehandelt hatte. Mit der Zeit wuchs ihre Zuneigung zu ihm. Sie ließ ihn endlich in ihr Bett und bei einem gemeinsamen Ausritt flüsterte sie im etwas in sein Ohr. Die Nachricht erfreute ihn so sehr, daß er beinahe vom Pferd kippte.
"Du reitest sofort nach Hause, du mußt dich schonen."
Shannah verdrehte die Augen.
"Ich bin schwanger und nicht krank!" rief sie, als sie davongaloppierte. Er hatte Mühe sie einzuholen. Schließlich fand er sie auf einer kleinen Lichtung im Wald. Sie lag im Gras und genoß die warme Sonne. Aranarth setzte sich zu ihr.
"Versteh mich nicht falsch, ich will nicht, daß dir…euch was passiert."
Er beugte sich über sie und sie küßten sich.

Shannah stand an Aranarth Totenbett. Ein schwarzer Schleier verbarg ihr Gesicht. Ihr Sohn hielt eine Fackel und wartete auf ihr Zeichen. Sie hob den Schleier und betrachtete ihren Mann ein letztes Mal. In seinem Gesicht zeigten sich die ersten Zeichen des Alters. Die Falten um seine Augen waren zahlreicher und tiefer geworden. Sein Haar ergraute langsam. Trotzdem hätte er noch gut hundert Jahre leben können. Der letzte Feldzug gegen die Orks war ihm zum Verhängnis geworden. Shannah küßte ihn auf die Stirn. Bevor sie ihren Schleier wieder senkte nickte sie ihrem Sohn zu. Er sah sie an. Seine Mutter hatte sich in all den Jahren nicht verändert. Natürlich wußte er weshalb und, daß auch er sich entscheiden mußte. Zu ihrem Leidwesen hatte er die Sterblichkeit gewählt. Er senkte die Fackel und entzündete das Totenbett seines Vaters. Shannah wandte sich ab und verließ ihre Heimat.

 

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.